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„Der Schlaganfall ist eine verhinderbare Erkrankung“

Hohe Behinderungsraten, enorme volkswirtschaftliche Kosten – und doch große Chancen zur Prävention: ÖGN-Präsident Prof. Dr. Weber erklärt, warum der Schlaganfall eine der relevantesten Erkrankungen unserer Zeit ist, wo Österreich international steht und weshalb Gesundheitsbewusstsein in jungen Jahren entscheidend ist.

Die Abläufe in Stroke Units sind so optimiert, dass in einigen Kliniken die Thrombektomie innerhalb von 30 Minuten nach Ankunft beginnt. Im europäischen Vergleich ist Österreich hier hervorragend aufgestellt.


Warum zählt der Schlaganfall zu den besonders relevanten Erkrankungen in Österreich?

Jörg Weber: Der Schlaganfall ist eine der wesentlichsten Erkrankungen, weil er die höchste Behinderungsrate bei erwachsenen Patientinnen und Patienten verursacht. Er ist damit nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein wirtschaftliches Thema. Auf der individuellen Ebene bedeutet Behinderung immer eine massive Einschränkung der Lebensqualität – und genau diese gilt es zu verhindern. In Österreich gibt es 200.000 Schlaganfälle pro Jahr, wobei etwa zwei Drittel davon ischämischer Natur sind. Alles, was dazu beiträgt, Menschen nach einem Schlaganfall möglichst mobil zu halten, ist ein großer Vorteil.

Wie steht Österreich im internationalen Vergleich da?

Weber: Schlaganfälle sind in allen westlichen Ländern ein großes Thema, und Österreich ist da keine Ausnahme. Zusammen mit Herzinfarkten gehören sie zu den relevantesten Erkrankungsgruppen. Die Verbindung zwischen zerebrovaskulären und kardialen Erkrankungen ist klar: Arteriosklerose erhöht sowohl das Schlaganfall- als auch das Herzinfarktrisiko. Wer einen Schlaganfall erleidet – selbst einen leichten –, hat anschließend ein erhöhtes Herzinfarktrisiko. Deshalb braucht es immer eine interdisziplinäre Betrachtungsweise.

Welche Risikofaktoren bereiten Ihnen medizinisch am meisten Sorge?

Weber: Die größten Sorgen bereiten mir die klassischen vaskulären Risikofaktoren: die arterielle Hypertonie, die oft unentdeckt bleibt, und keine Schmerzen bereitet, gefolgt von Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und ausgeprägtem Bewegungsmangel, ebenso erhöhte Blutfette, wobei hier LDL (Low-Density Lipoprotein) als Risikofaktor für die Atherosklerose und damit für den Schlaganfall zu nennen ist. Das zentrale Problem dabei ist, dass viele dieser Belastungen subjektiv nicht als Einschränkung wahrgenommen werden und deshalb nicht ernst genug genommen werden. Genetische Prädispositionen spielen hingegen nur bei einem sehr kleinen Teil der Patientinnen und Patienten eine Rolle und sind insgesamt von untergeordneter Bedeutung.

Haben wir ausreichend Awareness für Prävention?

Weber: Lifestyle-Veränderung ist im echten Leben notorisch schwierig. Besonders Menschen zwischen 30 und 50 Jahren, die sich subjektiv gesund fühlen, tun sich schwer, Risikofaktoren ernst zu nehmen. Genau dort liegt die Herausforderung: Bewegung, Gewichtsreduktion, gesunde Ernährung und Rauchstopp, alles beeinflussbar, aber schwer umzusetzen. Die neurologischen und kardiologischen Fachgesellschaften versuchen, hier gegenzusteuern.

Wie gut ist die Thrombektomie bei uns verfügbar – auch im ländlichen Raum?

Weber: Sehr gut. Das österreichische Schlaganfallnetz basiert auf Stroke Units und Thrombektomiezentren; in jedem Bundesland steht ein Thrombektomiezentrum zur Verfügung. Aufgrund der geografischen Gegebenheiten spielen Hubschrauber eine große Rolle – ihre hohe Verfügbarkeit ist ein Vorteil. Die Abläufe sind so optimiert, dass in einigen Kliniken die Thrombektomie innerhalb von 30 Minuten nach Ankunft beginnt. Im europäischen Vergleich ist Österreich hier hervorragend aufgestellt.

Wo sehen Sie Herausforderungen zwischen Akutversorgung und Nachsorge?

Weber: Es gibt systemische Lücken, aber auch patientenseitige. Nicht jede oder jeder kann die eigene Gesundheit im Alter gleich gut managen. Positiv ist, dass inzwischen eine dreimonatige strukturierte Nachkontrolle nach schweren Schlaganfällen vorgesehen ist. Wichtig ist zudem die enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen, egal ob Allgemeinmedizin, Neurologie oder Innere Medizin. Entscheidend ist, dass Risikofaktoren kontinuierlich behandelt werden. Die Neurorehabilitation hat hierzulande eine gute Zugänglichkeit und ist mit hoher Qualität in ganz Österreich vertreten. Zukünftig müssen auch ambulante Angebote gestärkt werden.

Wird der demografische Wandel das System überlasten?

Weber: Ich sehe das nicht so pessimistisch. Schwere Schlaganfälle stagnieren oder nehmen tendenziell ab – dank verbesserter Primär- und Sekundärprävention. Es gibt sehr viele gesunde alte Menschen, die in den Belastungsszenarien oft gar nicht vorkommen. Wichtig werden allerdings strukturelle Maßnahmen wie eine sinnvolle Patientensteuerung und lokale Versorgungsmodelle (z. B. Community Nurses), die ältere Menschen im Alltag unterstützen und Autonomie sichern.

Welches Potenzial hat Digitalisierung in der Schlaganfallversorgung?

Weber: Die Digitalisierung in der Medizin birgt große Chancen, hat derzeit aber auch einige Probleme. Systeme müssen intuitiv, einheitlich und breit akzeptiert sein – sowohl von medizinischem Personal als auch von den Patientinnen und Patienten. Beispiele aus der Diabetologie zeigen, wie gut digitale Überwachung funktionieren kann. Entscheidend ist, dass digitale Tools einfach nutzbar und nicht konkurrierend sind. ELGA und e-card bieten Ansätze, leiden aber noch unter mangelnder Akzeptanz und fehlendem Verständnis aller Beteiligten.

Gibt es einen Aspekt, der Ihnen besonders wichtig ist?

Weber: Ja. Der Schlaganfall ist eine verhinderbare Erkrankung. Je früher man Prävention ernst nimmt, desto größer die Chancen, ihn zu vermeiden. Das ist vor allem ein Appell an jüngere Menschen: Lifestylemodifikation muss nicht als „Krankheitsvermeidung“ gesehen werden, sondern kann als Chance für Lebensqualität im Alter begriffen werden, weniger Schlaganfälle, weniger Demenz, weniger Herzinfarkte, weniger Einschränkungen. Dazu gehört es auch, sich mit Gesundheitsedukation zu beschäftigen. Vielleicht ist das sogar wichtiger als manches Schulfach. Ich glaube, das Gesundheitsverständnis wesentlich für unsere Gesellschaft ist.

Titel
„Der Schlaganfall ist eine verhinderbare Erkrankung“
Publikationsdatum
30.03.2026
Bildnachweise
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