Skip to main content
main-content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

22.08.2022 | Neurologie

Die wichtige Rolle des Hausarztes bei Demenz

verfasst von: Irmgard Landgraf

share
TEILEN
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Ein Priorisieren bei Diagnostik und Therapie ist bei Demenzkranken notwendig. Diesbezüglich sollten etwa stationäre Behandlungen möglichst vermieden werden. Es folgen ein paar Praxistipps für den Hausarzt, denn dieser sollte auch Angehörigen und Betreuungspersonen beratend zur Seite stehen.

Wenn eine zunehmende Störung des Kurzzeitgedächtnisses mit Vergesslichkeit auffällt, ist zunächst neben einer gründlichen Anamneseerhebung hausärztliche Basisdiagnostik erforderlich. Es muss geklärt werden, ob die beklagte Vergesslichkeit noch altersgemäß oder Ausdruck einer Erkrankung ist.

Mit den folgenden sechs Schritten kommt man vom Symptom zur Diagnose:

1. Anamnese. Eigen- und Fremdanamnese sollten eventuell getrennt voneinander durchgeführt werden. Neben der Familienanamnese sind alle Vorerkrankungen, die Dauermedikation sowie die aktuelle Lebenssituation und Lebensführung (Ess- und Trinkverhalten, Drogenkonsum, soziale Kontakte, Verhaltensauffälligkeiten, Stimmung, Alltagskompetenz) zu erfassen.

2. Körperliche Untersuchung. Beurteilt werden sollte der allgemeine Status, das Seh- und Hörvermögen sowie die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit.

3. Laborchemische Untersuchungen. Basislabor: Blutbild, Elektrolyte, Nüchtern-Blutglukose, TSH, Blutsenkung oder C-reaktives Protein, GOT, Gamma-GT, Kreatinin, Harnstoff, Urinstatus, Vitamin B12.

Bei Bedarf: Erweiterung um Differenzialblutbild, Blutgasanalyse, Lues-Serologie, HIV-Serologie, Borrelien-Serologie, Phosphat, HbA 1c , Homocystein, FT3, FT4, Auto-Antikörper (MAK, TAK, TRAK, ANA, ANCA), Cortisol, Parathormon, Coeruloplasmin, Schwermetalle, Folsäure.

4. Testverfahren. Folgende Verfahren dienen der Erfassung und Verlaufskontrolle von Defiziten im Kurz- und Langzeitgedächtnis, der Orientierung zu Personen, Raum und Zeit sowie der Alltagskompetenz: Mini-Mental-Status-Test (MMST), DemTect, TFDD, MoCA, Uhrentest.

5. Technische und bildgebende Untersuchungen in der Hausarztpraxis. EKG, eventuell Langzeit-EKG, Langzeit-Blutdruckmessung, Schellong-Test, Sonografie.

6. Vorstellung beim Spezialisten. Dies ist abhängig von den differenzialdiagnostischen Fragestellungen und möglichen therapeutischen Konsequenzen: Neurologe oder Psychiater, Radiologe, Augenarzt, HNO, eventuell Geriater. Bei der Erstdiagnostik im Zusammenhang mit Gedächtnisstörungen sollten akute und behandelbare Erkrankungen zeitnah erkannt werden, damit eine erforderliche Therapie rasch beginnen kann.

Die endgültige Diagnose einer Demenz erfordert in jedem Fall die Vorstellung der Patienten beim Neurologen oder Psychiater, möglichst zu einem Zeitpunkt, zu dem der Patient noch ausreichend compliant ist.

Hausärztliche Betreuung demenziell erkrankter Patienten

Der Umfang des hausärztlichen Betreuungsbedarfs ist von Erkrankung und Erkrankungsstadium abhängig. Für Patienten und ihre Angehörigen ist die Diagnose einer Demenz meist ein Schock. Hausärzte können Patienten und ihre Bezugspersonen dabei unterstützen, die Diagnose anzunehmen und gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man mit der Demenz umgehen und ihren Verlauf günstig beeinflussen kann.

Die ersten Jahre der Erkrankung lassen sich mit verständnisvoller Unterstützung von Angehörigen, Freunden, Therapeuten und Ärzten erleichtern. Aber: Alle Demenzkranken verlieren mit fortschreitender Erkrankung nach und nach ihre kognitiven Fähigkeiten und damit ihre Orientierung, Alltagskompetenz, Kommunikationsfähigkeit, Auffassungsgabe sowie Entscheidungs- und Kooperationsfähigkeit. Das macht die Versorgung für Angehörige und für Ärzte zunehmend komplizierter.

Es wird schließlich unverzichtbar, Angehörige oder vertraute Betreuungspersonen in die ärztliche Versorgung mit einzubeziehen. Sie entscheiden mit oder für den Patienten über Diagnostik sowie Therapie und unterstützen die Durchführung. Immer wieder verweigern Patienten Blutabnahmen, das Schreiben eines EKG oder jegliche ärztliche Untersuchung, weil sie nicht mehr verstehen, warum das nötig ist.

Kommt es im Rahmen der Demenz zu Verhaltensauffälligkeiten, wird es noch schwieriger. Dann muss auch mit aggressivem abwehrendem Verhalten (Schimpfen, Kneifen, Schlagen, Treten, Spucken, Beißen) gerechnet werden.

Behandlungssicherheit gefährdet

Demenzielle Erkrankungen gefährden die Behandlungssicherheit auch dadurch, dass die Medikamenteneinnahme sowie die Beschwerden oder andere wichtige Informationen vom Patienten vergessen werden. Hier gilt es, rechtzeitig entsprechende Maßnahmen (z. B. häusliche Krankenpflege, intensive häusliche Betreuung) zu organisieren.

In fortgeschrittenem Krankheitsstadium können Demenzkranke nur noch in Begleitung in die Praxis kommen. Später kann die gesamte medizinische Versorgung nur noch zu Hause oder im Heim stattfinden, weil Patienten außerhalb ihres gewohnten Umfelds verunsichert, ängstlich und dadurch ablehnend sind. Blutabnahmen und auch EKG-Schreibungen sowie Sonografien sind mit mobilen Geräten außerhalb der Praxis beim Patienten durchführbar.

Der dann erforderliche 24/7-Versorgungsbedarf ist für Angehörige sehr belastend. Ergotherapie und häusliche Krankenpflege sowie bei Bedarf auch Verhinderungspflege können zur Unterstützung verordnet und Tagespflegebetreuung bis hin zur Versorgung im Pflegeheim angeregt werden.

Vorsorge-Maßnahmen

Zu Beginn einer demenziellen Erkrankung sollte vom Hausarzt Folgendes angesprochen werden:

  • Fahrtauglichkeit (Eigen- und Fremdgefährdung)
  • Patientenverfügung
  • Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung
  • Beantragung eines Pflegegrades

Mögliche Strategien

Krankenhausbehandlungen sind für viele alte Menschen mit dem Risiko vermehrter Komplikationen und der Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden.

Fremde Umgebung, Hektik und Zeitdruck, wechselnde Betreuungspersonen, ungewohnte Tagesabläufe und eventuell unangenehme Untersuchungen sowie für den Patienten nicht erklärliche Schmerzen überfordern demenziell erkrankte Menschen besonders. Durch ablehnendes oder unpassendes Verhalten können sie Schaden nehmen, aber auch durch Rückzug und Verweigerung aller Maßnahmen, unter anderem des Essens und Trinkens. Krankenhäuser sind auf Demenzkranke in der Regel personell nicht vorbereitet.

Wenn sich ein Krankenhausaufenthalt nicht vermeiden lässt, ist eine gute Kooperation der behandelnden Krankenhausärzte mit dem Hausarzt notwendig. Eventuell ist es sinnvoll, eine dem Patienten vertraute Person im Krankenhaus mit aufzunehmen oder viele Stunden anwesend sein zu lassen. Wichtig ist, die Krankenhausaufenthalte so kurz wie möglich zu halten. Diagnostik und Therapie, die die Mitarbeit des Patienten erfordert, ist bei fortgeschrittener Demenz oft nicht mehr durchführbar (Priorisierung).

Besonderheiten am Lebensende

Eine Demenz verkürzt nicht unbedingt das Leben. Aber sie führt häufig über verschiedene Probleme etwa gehäufte Stürze, Schluckstörungen, selbstgefährdendes Verhalten, Non-Compliance sowie Ablehnung sinnvoller therapeutischer Maßnahmen zu Komplikationen wie stationär behandlungsbedürftige Frakturen, Delir (z. B. postoperativ), Pneumonien, Immobilität und Kachexie. Zur Vermeidung dieser mit einer erhöhten Mortalität einhergehenden Demenzfolgen können Physio- und Ergotherapie sowie eventuell Logopädie (Schlucktraining) eingesetzt werden. Eine enge Anbindung an einen betreuenden Hausarzt ist in dieser Situation auch notwendig, damit Angehörige und Betreuungspersonen sowie Patienten selbst zu allen möglichen Präventivmaßnahmen (Sturzprävention, Vermeidung von Aspiration, ausreichende Kalorienaufnahme, Bewegung usw.) abhängig vom Erkrankungsstadium beraten und angeleitet werden.

Dr. Irmgard Landgraf ist Lehrärztin der Charité für das Fach Allgemeinmedizin, Hausarztpraxis am Agaplesion Bethanien Sophienhaus, Berlin, und stellvertretende Sprecherin der AG hausärztlicher Internisten in der DGIM.

Der Originalartikel „Demenz: Was kann der Hausarzt tun?“ inklusive Literaturangaben ist erschienen in „MMW – Fortschritte der Medizin“ 10/2022, https://doi.org/10.1007/ s15006-022-1028-3, © Springer Verlag

Metadaten
Titel
Die wichtige Rolle des Hausarztes bei Demenz
Schlagwörter
Neurologie
Demenz
Publikationsdatum
22.08.2022

Weitere Artikel der Ausgabe 34/2022

https://www.gesundheitswirtschaft.at

Mit den beiden Medien ÖKZ und QUALITAS unterstützt Gesundheitswirtschaft.at das Gesundheitssystem durch kritische Analysen und Information, schafft Interesse für notwendige Veränderungen und fördert Initiative. Die ÖKZ ist seit 1960 das bekannteste Printmedium für Führungskräfte und Entscheidungsträger im österreichischen Gesundheitssystem. Die QUALITAS verbindet seit 2002 die deutschsprachigen Experten und Praktiker im Thema Qualität in Gesundheitseinrichtungen.

zur Seite

www.pains.at

P.A.I.N.S. bietet vielfältige und aktuelle Inhalte in den Bereichen Palliativmedizin, Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin. Die Informationsplattform legt einen besonderen Schwerpunkt auf hochwertige Fortbildung und bietet Updates und ausgewählte Highlight-Beiträge aus Schmerznachrichten und Anästhesie Nachrichten.

zur Seite

App: SpringerMed Fortbildung

Jetzt per App am Handy oder Tablet DFP-Fortbildungen absolvieren.
DFP-Punkte in 8 Fachbereichen sammeln, keine neue Registrierung nötig!

zur Seite mit allen Details