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Während sich die bisherigen Beiträge im Rahmen dieser Serie mit klar voneinander abgrenzbaren Systemen beschäftigten, widmet sich Teil XIV der Wirbelsäule und deren Störungen als einem zunehmend komplexen biologischen System.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
In den vorangegangenen 13 Kapiteln hatten wir es immer mit klar voneinander abgrenzbaren Systemen zu tun. Bis jetzt konnten die Beschwerden immer klar zugewiesen werden. Dem Muskelsystem, dem Bindegewebe, dem knöchernen Skelett – sprich Bandscheibenvorfall, Wirbelgleiten, Spinalkanalstenosen etc. Dann kommen gemischte Schmerzgeschehen wie ISG(Iliosakralgelenk)-Affektion und Diskushernie LWK 5/SWK 1 in der Bildgebung – hier muss schon sauber untersucht werden und Sie können es klinisch festmachen. Die Therapie ist relativ klar, mit Aktivierung der Haltemuskulatur und Dehnung zur Verbesserung der sagittalen Balance. Trotz der konservativen Besserung kann sich eine Radikulopathie herauskristallisieren, die nicht ausreichend konservativ beherrscht werden kann und eine neurochirurgische Intervention notwendig macht.
In der Regel haben wir es mit mehreren physiologischen Systemen gleichzeitig zu tun, aber unsere Bequemlichkeit lässt die erste passende pathologische Struktur in der Bildgebung zur Hauptdiagnose und zur Ursache des Problems werden, ohne dass wir nach weiteren möglichen ursächlichen Störungen suchen.
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Zuerst frage ich genau, dann untersuche ich nicht nur den Neurostatus, sondern ich untersuche auch nichtsegmental den Schultergürtel bis zum Kopf und den Beckengürtel, inklusive der gesamten Wirbelsäule, weiters das Bindegewebe und die Haut. Erst dann schaue ich mir die Bildgebung an. Ich habe bereits vor dem Studium der Bildgebung eine Nahezu-Diagnose.
Schlüssel-Schloss-Reaktionen
In der Bildgebung verifiziere ich als erstes die Stellung des Kreuzbeines, als Schlüsselelement der menschlichen Haltung und eine der Hauptursachen für deren Beeinträchtigungen. Die Ursachen sind bei chronischen Geschehen immer mehrere zugleich. Alle sollten in Bezug zu den Beschwerden gebracht werden. Erfahrene Ärzt:innen können hier sehr viele Faktoren für die Beschwerden der Patient:innen erkennen und sie können die einzelnen Elemente dem Schmerzgeschehen zuordnen. Dann kommen noch weitere Befunde hinzu, die Sie während der Inspektion bei der Untersuchung feststellen werden. Teigiges, geschwollenes Gewebe in den Beinen heißt nicht gleich Herzinsuffizienz, und es muss nicht gleich ein Diuretikum verordnet werden. Das sind die Schlüssel-Schloss-Reaktionen, geschaffen für die junge Ärzteschaft, um sicher durch die Klippen der klinischen Medizin zu navigieren. Entwickelt man sich nicht weiter in der Differenzialdiagnose klinischer Erscheinungsbilder, kann eine Persistenz der intuitiven Schlüssel-Schloss-Reaktion dazu führen, dass sie den Blick versperrt, auch andere Ursachen in Betracht zu ziehen und auf weitere Ursachen für Gewebsveränderungen in Form von Schwellung, wie z. B. eine Lymphabflussstörung in Betracht zu ziehen.
Ich habe mich auf die junge Ärzteschaft herausgeredet, bei der ich mich dafür entschuldige. Es sollte eure Aufmerksamkeit erwecken, was es wohl auch tat, wenn ihr schon bis hierher gelesen habt. Denn wer kümmert sich schon um die Lymphe, die Lymphgefäße und deren Dynamik und Fließeigenschaften? Angiolog:innen und Ärzt:innen für Physikalische Medizin, denen eine zentrale Rolle in unserer Medizin zukommt, was von uns Ärzt:innen wohl so gesehen wird, vom Management des Gesundheitssystems als dem zentralen Element aller klinischen Medizin aber nicht erkannt wird. Wie wird denn die Lymphe bewegt? Fließt sie einfach so? Ist die Muskelpumpe wirklich in der Lage, den Lymphfluss zu bewerkstelligen und aufrecht zu erhalten? Laufen nicht die Arterien und Venen mit Lymphgefäßen parallel und ist die Gefäßpulsation der Arterien und die Gewebsspannung durch das venöse System der permanente Mikromotor dieses so wichtigen Systems der Gewebsreinigung, Entzündungsbeseitigung, Heilung? Gefäßpulsation, Faszientonus, Muskelbewegung, Atmung, Herzschlag, Körperbewegung und Sport, all dies bewegt die Lymphe durch unsere Körper inklusive Gehirn. Einflussnahme auf die Gefäßweite durch die Produktion von Stickstoffmonoxid (NO) durch die Einnahme der Aminosäure Arginin senkt nicht nur den Blutdruck, sondern verbessert die Sauerstoffversorgung der Muskulatur, die Wundheilung und Regeneration, das Immunsystem durch Tonisierung der Lymphgefäße und des Lymphflusses. Diese so unscheinbaren Mechanismen vermögen mehr als all die großen Aktionen der Muskelpumpe – unsere „liegenden“ Patient:innen sprechen ihre eigene Sprache hierzu.
Denken wir weiter und nehmen wir jetzt noch unsere 20 kg Bindegewebe, das alle Gewebe durchzieht oder umgibt mit Sitz der freien Nervenendigungen, essenziell für unsere energiearme aufrechte Haltung und vieles mehr. Dies alles sind keine großen komplexen Dinge, die schwer zu verstehen wären, weil sie so klar und für alle Fächer übergreifend gelten. Diese Fakten sind einfach und klar und nichtsdestotrotz wurde das Bindegewebe rein als Stützgewebe ohne nennenswerte Bedeutung abgetan.
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Jetzt komme ich wieder zum Thema Wirbelsäule. Für die meisten von uns sind die Pathologien von distal nach proximal immer komplexer und schwerer zu verstehen. Sind erosive Osteochondrose, Baastrup-Phänomen, Facettengelenksödem, Bandscheibenprotrusion usw. für viele von uns komplexe Geschehen, so ist ein Bandscheibenvorfall doch eine relativ klare Sache, die man dem Neurochirurgen vorlegt, der in gleicher Manier froh ist, dass es ihn gibt, denn das kann er behandeln, wenn der Bedarf besteht. Die Gefahr eines Querschnittsyndroms besteht in der Lendenwirbelsäule, im Bereich der Cauda equina, nicht – und alles erscheint etwas einfacher als in der oberen LWS, BWS und HWS. Unterhalb von HWK 4 finden wir auf allen Ebenen eine gleiche Verteilung und Strukturierung in eine segmentale Ebene, auch radikuläre Ebene genannt, und eine Ebene der vorbeiziehenden langen Bahnen zu den unteren Extremitäten mit der möglichen Affektion autonomer Funktionen von Blasen‑, Mastdarm-Entleerung und sexueller Funktionen wie die der Erektion. Dies durch Störung deszendierender Hemmung aus dem Hirnstamm durch stenosierende Prozesse wie Bandscheibenvorfälle, Spinalkanalstenosen durch ligamentäre Verdickungen, Hyperlordosen, Wirbelgleiten, ... .
Störungen im Bereich, in dem die Halswirbelsäule in den Kopf-Hals-Übergang übergeht, können zu chronischen Nackenschmerzen und zahlreichen weiteren Beschwerden führen (Abb. 1). Dieses sog. „zervikozephale Syndrom“ ist oft schwer zu diagnostizieren. 2025 feierten wir 100 Jahre Barré-Lieou-Syndrom, das 1925 vom Straßburger Neurologen Jean-Alexandre Barré (1880–1967) und im Jahre 1928 von dem chinesischen Arzt Dr. Yong-Cheon Lieou formuliert und beschrieben wurde – unabhängig voneinander in französischer und chinesischer Sprache. Das zervikozephale Syndrom stimmt mit dem Barré-Lieou-Syndrom überein.
Gehen Schmerzen oberhalb von HWK 4 aus, dann wird es schon deutlich schwieriger. Das komplexe System der oberen Halswirbel ist kompliziert, da es sich um die Bewegungssteuerung des Kopfes handelt. Die Bewegung des Kopfes ist viel komplexer als die Bewegung unserer Extremitäten, denn der Kopf ist der Sitz unserer Fernsinne. Unsere Extremitäten werden bewegt und halten in jeglicher gewünschten Position gegen die Schwerkraft. Die Extremitäten haben aber nur Nahsinne wie Tast‑, Temperatur- oder Vibrationssinn. Alles andere, wie die Stellung im Raum oder wohin wir uns bewegen, aufwärts, abwärts, auf einer schiefen Ebene, auf einer Buckelpiste, im Wasser, zu Lande … all das muss irgendwie wahrgenommen und in das komplexe System unserer Haltung und Bewegung umgesetzt werden.
Wie wollen Sie zum Beispiel als ein gerade stürzender Fußballer, das Tor und den Fußball so im Auge, ihren Körper so unter Kontrolle halten, um letztendlich ein Tor zu schießen? Das können Sie nur durch pausenloses Training (Üben/Lernen im Gehirn) erreichen. Die feine Abstimmung aller von den Sensoren erhaltenen Informationen werden in Tausendstel-Sekunden so umgesetzt, dass das Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird und Sie ein Tor schießen. Die hochpräzise Wahrnehmung durch unsere Fern- und Nahsinne lassen uns das Ziel erreichen, auf Kosten unserer Stabilität. Das heißt, dass unser Körper eigentlich mehr daran interessiert ist nicht zu stürzen, aber das intensive und regelmäßige Training der Sportler führte dazu, dass übergeordnete Ziele auf Kosten unserer Sicherheit und Unversehrtheit entwickelt werden können.
Die obere Halswirbelsäule hat neben der Funktion der Kopfbewegung auch noch die Funktion als das Sinnesorgan bezüglich Stellung des Kopfes zum Körper, Stellung des Körpers im Raum inne. Diese Funktionen werden mit optischer und akustischer Kontrolle integriert. Sie haben gerade die vorbeschriebene Situation als Fußballer vor Augen: Dann handelt es sich doch um eine extrem wichtige, gefährliche und entscheidende Situation für den aktuellen Moment, oder? Jetzt vertauschen wir den Ball gegen einen gefährlichen Gegner, der Ihnen ja schon das Bein gestellt hatte, um Sie in ihrem Unterfangen, ein Tor zu schießen, zu hindern. In diesem Moment ist Ihnen doch ihre Verdauung, ihre Sexualität, ihre Homöostase vollends egal. Diese Prozesse benötigen aber Energie. Dieser Energieverbrauch muss optimiert werden und alle zur Verfügung stehenden Kräfte/Energien fließen in die gefährliche, bedrohliche Situation für mich und auch für mein Team so gebündelt, dass wir unbeschadet und möglichst positiv aus der Situation kommen. Dies erfordert eine komplexe Steuerung des autonomen Nervensystem. Der Sympathikus ist maximal aktiv, und der Parasympathikus ist heruntergeregelt. Ist der Sympathikus im „Kampf- und Fluchtmodus“, dann werden alle zur Verfügung stehenden Energiequellen genützt, und es wird sogar mehr verbraucht, als man sich auf lange Sicht erlauben kann. Der Zweck heiligt die Mittel. Es geht darum zu gewinnen, zu überleben und das Maximale für sich und seine Umgebung herauszuholen.
Eine Verletzung des Kopf-Hals-Übergangs geht im schlimmsten Fall mit einem Herzstillstand einher, denn die Hirnstammzentren für die Kreislaufregulation befinden sich auf Höhe des Foramen magnum. Die Trigeminuskerne erstrecken sich bis HWK 5. Der N. vagus läuft direkt vor dem 1. Halswirbel, ist auf beiden Seiten des Foramen jugulare mit zwei Ganglien fixiert und kann durch extreme Bewegungen durch kurzzeitiges Überdehnen geschädigt werden.
Deswegen muss eine Verletzung im Bereich der Kopfgelenke irgendwie doch zu zahlreichen anderen Beschwerden führen, die sich nicht im Studium und in der Facharztausbildung wiederfinden. Die Neurologie spricht von Neuroorthopädie und verortet das gesamte Wissen über die Kopfgelenke und deren Verletzungen bei diesen Spezialist:innen. Gleiches gilt für die Orthopädie und die Neurochirurgie. Die konservative Orthopädie und die Physikalische Medizin haben hierfür auch ihre Spezialist:innen. Somit ist das Wissen über die obere Halswirbelsäule und dem Kopf-Hals-Übergang zwar vorhanden, aber tiefer als uns lieb ist vergraben im Fundus der klinischen Medizin.
Es ist natürlich, dass es unterschiedliche Vorlieben, Strömungen und Theorien gibt, aber die Unwissenheit über die Kopfgelenke und deren Störungen darf nicht, wie es gegenwärtig gehandhabt wird, zum Spielball der Mächte – Ober sticht Unter – führen. Hier kommt wieder Prof. Ernest Rutherford mit seiner Rede zu seinem Chemie Nobelpreis 1908 zum Zuge: „Das Problem mit den Menschen ist, dass die Unwissenden so sicher und die Wissenden so unsicher sind!“
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Verletzungen in der oberen Halswirbelsäule können mit Bewegungseinschränkungen und Schmerzen einhergehen. Neben diesen für alle Behandler klaren Beschwerden können Beschwerden auftreten, die viele Fachbereiche betreffen, die selten so geballt aufeinander treffen. Wir finden Beschwerden aus dem Bereich Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (u. a. Tinnitus, Schwindel, Fremdkörpergefühl im äußeren Gehörgang), der Augenheilkunde (verschwommenes Sehen), der Neurologie (Gangunsicherheit, Kribbelparästhesien im Gesicht, Schluckstörung, Störung des Würgereflexes etc.) und der chirurgischen Fächer wie Neurochirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie mit diskoligamentären Verletzungen der Wirbelsäule, knöchernen Verletzungen, Verletzungen des Bandapparates der Kopfstabilisierung usw. Nach Ausschluß einer akut lebensbedrohlichen Verletzung müssen wir die Symptome zusammenführen und wissen, dass der grob orientierende Neurostatus nahezu unauffällig ist, etwas genauer nachuntersuchen – Würgereflex etc. Siehe kommendes Kapitel 15 in der nächsten Ausgabe. Die chronischen Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen sehr, insbesondere wenn die Erkrankung nicht richtig diagnostiziert oder als rein psychosomatisch bedingt abgetan wird. Das Syndrom kann durch Unfälle verursacht werden, aber auch durch Abnützung der Wirbel, chronische Fehlstellungen und Fehlhaltungen durch pathologische muskuläre Dysbalancen zwischen Halte- und Bewegungsmuskulatur. Da immer mehr Menschen in ihrer Arbeitszeit vor dem Bildschirm sitzen und auch ihre Freizeitgestaltung in vergleichbarer Haltung verbringen, leiden zunehmend mehr Patient:innen an diesen Nackenbeschwerden, die sich zu weit komplexeren Beschwerden entwickeln können. Viele Kolleg:innen kommen bei diesen Beschwerden an die Grenzen ihres diagnostischen und therapeutischen Repertoires. Die Diagnose ist oft schwierig, außer Sie setzen sich eingehend mit dem Kopf-Hals-Übergang auseinander, dann nämlich werden Sie viele Ungereimtheiten und Unklarheiten erkennen können: Es handelt sich um ein Neuralgiesyndrom mit Beteiligung des autonomen Nervensystems.
Neuralgiesyndrom
Die obersten Halswirbel bzw. die Kopfgelenke erstrecken sich von C0 bis C3, sie agieren zusammen wie ein Kugelgelenk und ermöglichen die Dreh- und Nickbewegungen des Kopfes. Nimmt man die Seitneigung des Kopfes hinzu, dann sollte man das Übergangsegment HWK 3/4 (sensorische Innervation aus HWK 2/3!) zur oberen Halswirbelsäule hinzuzählen, denn seine Funktion zur seitneigenden Kopfbewegung ist eine Kopfbewegung. Ordnen wir die Funktion dem Segment zu, dann haben wir noch C0/HWK 1: Kopfreklination und -inklination (Kopfbeugung); HWK 1/2: Kopfrotation.
Schmerzen aus diesen Bereichen stellen sich als Zervikozephalgien dar, unter HWK 4 haben wir die Zervikobrachialgie (Nacken‑, Schulter‑, Arm-Syndrom). Die Beschwerden, die von diesem Bereich der oberen HWS ausgehen, können nur selten einer einzelnen bestimmten anatomischen Struktur zugeordnet werden und sind nicht so einfach zu gliedern wie die segmentale Gliederung in Dermatom, Kennmuskel und zugehöriger Reflex. Diesem Umstand ist das Unverständnis von Kolleg:innen geschuldet, so wie der fehlenden Darstellung im Studium und in der Facharztausbildung, was ich hier klar bemängle.
Auch wenn die Schmerzen als Folge eines Unfalls auftreten, sind oft weder Brüche noch Verschiebungen der Halswirbel feststellbar. Das ist ein komplexes System mit neurophysiologischen, neuroanatomischen und biomechanischen Verschaltungen, dessen Störung zu einem großen Spektrum von Symptomen führen kann, die zum Teil schwer nachzuvollziehen sind. Ein zervikozephales Syndrom zu diagnostizieren und den Ursprung der Schmerzen zu finden, verlangt von uns Ärzt:innen, die Wechselwirkungen von Wirbeln, Nerven, Bändern, Muskeln und Faszien zu verstehen und multidisziplinär zu untersuchen. Eine neurologische Untersuchung allein erfasst die Integrität der Gelenke, Bänder und Muskulatur nicht. Ärzt:innen müssen auch die Befunderhebung der Muskulatur und des Bandapparates soweit durchführen können, um zu wissen, zu welchen Fachkolleg:innen die Patient:innen zur weiteren Untersuchung geschickt werden müssen.
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Fehlende Ausbildung
Es folgen einige, den meisten unbekannte, Termini, die nicht wegdiskutiert werden können. Dem zervikozephalen Syndrom liegt ein und dieselbe Problematik zugrunde: eine gestörte Verarbeitung nozizeptiver (schmerzgenerierender) segmentaler Afferenzen aus der Halswirbelsäule, die die an der zervikotrigeminalen und intersegmentalen Konvergenzreaktion beteiligten Strukturen beeinflussen. Diese Konvergenzreaktionen sind Ärzt:innen aus dem Studium und häufig auch aus der Facharztausbildung nicht bekannt. Sie werden einfach nicht gelehrt, was ein nicht akzeptierbarer Zustand – und ein großer Kritikpunkt von mir an der Ausbildung – ist. Ich habe es in meinen Wahlfächern unterrichtet und die Studierenden auf diese Problematik aufmerksam gemacht und sensibilisiert.
Zurück zum Thema: Nachdem in einer interdisziplinären Untersuchung bedrohliche Differenzialdiagnosen ausgeschlossen wurden, kann eine fundierte Abklärung erfolgen, inklusive Messung der Herzrhythmusvariabilität zum Nachweis einer Störung des autonomen Nervensystems und weiterführender manualmedizinischer Untersuchung. Es geht um das Erkennen von Segmentirritationen der Halswirbelsäule als mögliche Ursache oder als Teilaspekt der Schmerzen. Die Untersuchung ist filigran und vorsichtig. Ein Ziehen und Reißen sind absolut fehl am Platz. Es kann zu vegetativen Reaktionen bei der Untersuchung kommen. Eine Palpation darf nicht mit einem steifen, harten Finger erfolgen. Unsere Tastrezeptoren reagieren auf feinste Unterschiede und nicht auf „Professor brachialis“.
Zervikozephales Syndrom mit zahlreichen Symptomen
Ein zervikozephales Syndrom äußert sich nicht bei jedem Betroffenen gleich, das Spektrum der einzeln oder in Kombination auftretenden Symptome ist groß. Allen gemeinsam sind Nacken- und Kopfschmerzen, Bewegungseinschränkungen des Kopfes und muskuläre Verspannungen, die sich nicht innerhalb von 6 bis 12 Wochen zurückbilden. Weitere Beschwerden sind vegetative Symptome wie Benommenheit, Schwindel, Kribbeln im Gesicht, Abgeschlagenheit, Reizbarkeit, Tinnitus, Sehstörungen, Konzentrationsschwäche, Ängstlichkeit, dumpfer Kopf, Gedächtnisstörung, Nebenhöhlenstauchungsschmerz, Augapfelschmerz oder Augapfeldruckschmerz (Zervikozephalgie), Gesichts‑, Schulter‑, Nacken‑, Rückenschmerzen, Gleichgewichtsstörungen (zervikozephaler Schwindel), unspezifische Augensymptome (Fokussierstörung, Schlierensehen), unspezifische Ohrsymptome (Ohrgeräusch, Tinnitus, Hall), Globusgefühl, Dysphonie, Räusperzwang, „Schluckauf“, vegetative Störungen (Schwitzen, Übelkeit, Palpitationen, Blutdruckschwankungen), Stimmungsauffälligkeiten (z. B. Angst, Trauer, Stress), Konzentrationsstörungen, motorische, koordinative Störung (z. B. gestörtes Schriftbild), Dysfunktion des Kiefergelenks.
Die Beschwerden betreffen folgende Fachbereiche: Neurologie, HNO-Heilkunde, Augenheilkunde, Neurochirurgie, Neuroorthopädie. Nur fächerübergreifend ist die Symptomatologie zu verstehen! Das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch das Fehlen eines schlüssigen diagnostischen wie therapeutischen Konzeptes – früher wurde das Gebiet eine Domäne von Ärzten der Physikalischen Medizin, Neuroorthopäden und Neurochirurgen.
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Gefährdete Strukturen im Bereich der Kopfgelenke: Medulla oblongata, vertebrobasiläres System (Cave: A.-vertebralis-Insuffizienz und/oder -Dissektion), atlantoaxiale Insuffizienz, kraniomandibuläres System, Verletzungen von Band- und/oder knöchernen Strukturen (Dens axis).
Einfluss auf folgende Strukturen: Unterer Hirnstamm reguliert Blutdruck, Herzfrequenz, Atmung, Körperbalance und Körperhaltung; Spinalnerven; Nacken- und Halsmuskulatur; Beeinträchtigung der aufrechten Haltung – schnellere Degeneration und Alterung; hinterer Blutkreislauf: Beeinträchtigung des vertebrobasilären Systems.
Affektion des autonomen Nervensystems durch Verletzung des N. vagus im Foramen jugulare (Fixierung durch zwei direkt dem Foramen anliegende Ganglien: Ggl. sup. n. vagi und Ggl. inf. n. vagi – dadurch stabile Verhältnisse intrakraniell: Gefahr von Traktionstraumata außerhalb des Foramen jugulare durch die Fixierung des Nerven und seiner Faserverläufe im Foramen jugulare bei Verkehrsunfällen oder Unfällen wie z. B. Sportunfällen) und durch den direkten Verlauf vor dem Atlas, der durch seine Aufhängung und Position zwischen Schädelbasis und Wirbelsäule eine exponierte Position inklusive ausgleichende und kompensatorische Funktion im Bewegungsablauf und bei Akzelerations- und Dezelerationstraumata hat.
Wir sehen dies immer wieder bei Skiunfällen ohne knöcherne Verletzungen. Alles ist scheinbar intakt. Das Key Feature eines „Kopfabrisses“ ist die Reanimation auf der Skipiste oder am Unfallort. Diese Patient:innen haben sehr häufig einen C0- bzw. Wirbelsäulen-Kopf-Abriss. Nach Reanimation schlägt das Herz automatisiert ohne die dämpfende Wirkung des N. vagus mit einer Frequenz um 100 bpm oder schneller weiter, aber ein Leben im hohen Querschnitt auf C0 ist nicht möglich. Interessant ist, dass keine Veränderung am Atlas und seinen umgebenden Strukturen ausgemacht werden kann, was wiederum für dessen dynamische und elastische Aufhängung um den Dens axis herum spricht – und die Aussage, es sei nichts gebrochen und somit könne nichts fehlen, ad absurdum führt.
Kopfgelenk und vegetatives Nervensystem
Läsionen des N. vagus nukleär oder infranukleär (peripher); einseitige Schädigung: einseitiges ipsilaterales Herabhängen des Gaumenbogens und Abweichen des Gaumensegels zur Seite; Abschwächung des Würgereflexes durch sensorische Störung am Rachen und Kehlkopf; Fremdkörpergefühl in einem Teil des äußeren Gehörgangs durch sensorische Störung mit dem Bedürfnis, diesen Bereich mit Ohrstäbchen reinigen zu wollen/müssen; Geschmackstörung durch sensorische Störung im Zungengrund; „näselnde Sprache“ (Nasennebenhöhle kann nicht gegen Mundhöhle abgeschlossen werden); Schluckstörung wegen motorischer Steuerung von Kehlkopf, Rachen und obere Speiseröhre; in Folge fehlender vagaler Dämpfung: Tachykardien und Tachyarrhythmien, Tinnitus, Kribbeln im Gesicht.
Struktureller Aufbau des N. vagus in Bezug auf Symptomatik und Beschwerdebild: Mögliche Ursachen für die komplexen Störungen bei N.-vagus-Verletzungen sind neuronale Konvergenzen mit anderen Hirnnerven und den Segmenten der oberen Halswirbelsäule.
Kerne des N. vagus: Ncl. dorsalis N. vagi, Ncl. ambiguus, Ncl. tractus solitarius, Ncl. spinalis N. trigemini; der Ncl. dorsalis N. vagi ist ein exklusiver N.-vagus-Kern. Alle anderen haben Fasern zu anderen Hirnnerven, wodurch deren gemischtes Beschwerdebild zustande kommt. Alle geben Fasern zum N. glossopharyngeus ab. Der N. facialis erhält Axone aus dem Ncl. tractus solitarii und Axone ziehen zum Ncl. spinalis N. trigemini.
Aus dem Ggl. superius N. vagi gehen zwei Äste ab, die einmal die Hirnhaut/Dura in der hinteren Schädelgrube, als Ramus meningeus, versorgt und zum anderen als Ramus auricularis zum Ohr zieht und ein kleines Hautareal in der Ohrmuschel und die hintere untere Wand des äußeren Gehörgangs als einziger Hautast des N. vagus versorgt. Beide Areale werden in der aurikulären Vagusnervstimulation (aVNS) therapeutisch eingesetzt.
Zervikotrigeminale Konvergenz
Die motorischen Segmentnerven aus C1 innervieren die kurzen Nackenmuskeln Mm. rectus capitis posterior major und minor sowie die Mm. obliquus capitis superior und inferior. Diese führen Kopfbewegungen aus und die sensorischen Anteile der Segmentnerven C2 registrieren die Stellung des Kopfes zum Körper.
Die obere Halswirbelsäule ist ein Sinnesorgan, das ein integrales Element der Raumwahrnehmung darstellt, neben den optischen, vestibulären und akustischen Systemen.
Die zervikotrigeminale Konvergenz bezeichnet neurophysiologische Verschaltungen im Bereich des Hirnstamms vom Mittelhirn, Pons bis unter die Medulla oblongata. Konvergent am Ncl. spinalis N. trigemini sind Afferenzen aus C1 bis C3, dem Kleinhirn, der Formatio reticularis, des Thalamus, der protopathischen Sensorik (Schmerz, Temperatur, grober Druck) und propriozeptiver Afferenzen aus den im Hirnstamm gelegenen Hirnnervenkernen des N. trigeminus, N. facialis, N. glossopharyngeus, N. vagus, N. accessorius und N. hypoglossus.
Der Ncl. spinalis N. trigemini hat die gleiche Funktion wie die Hinterhornneurone des spinalen Rückenmarks. Deswegen wird er auch als das „medulläre Hinterhorn“ bezeichnet. Seine Neurone haben die Funktion eines WDR („wide dynamic range“) Neuronenpools wie auch die Substantia gelatinosa im Hinterhorn des Rückenmarks.
Die Bildgebung ist in der Diagnostik der Kopfgelenke nur in der Lage, Frakturen und diskoligamentäre Zerreißungen zu erkennen, ist für die Darstellung von Bandstrukturen, Muskulatur aber mehr als nur untauglich. Es bedarf einer vollständigen Überarbeitung und Standardisierung des Untersuchungsprozesses mit Erstellung von Normwerten inklusive Funktionsdarstellung der Kopfgelenkanteile und deren Beweglichkeit.
Multimodale Therapie
Die Therapie dieser Beschwerden erfolgt interdisziplinär und multimodal mit einer Kombination unterschiedlicher Maßnahmen. Für eine gute und dauerhafte Linderung der Schmerzen und der weiteren Beschwerden des zervikozephalen Syndroms müssen alle an der Diagnose und Therapie beteiligten medizinischen Fachgebiete (Neurochirurgie, Neurologie, Orthopädie, Unfallchirurgie, Anästhesie, HNO, Augenheilkunde, Psychiatrie und Physiotherapie) zusammenarbeiten.
Zunächst erhalten die Patient:innen Schmerzmittel gegen die akuten Schmerzen, gelegentlich auch eine Halskrause, um die Halswirbelsäule zu entlasten. Längerfristig hilft eine Haltungskorrektur, wie ich sie in den letzten Kapiteln beschrieben habe. Beginnen Sie, die Stellung des Kreuzbeines – und damit des Beckens und in Folge die gesamte Haltung zu beeinflussen. Eine Verbesserung, Wiederherstellung und Stabilisierung der sagittalen Balance z. B. mit meiner WiPiHi-Methode oder anderen Methoden führt oder sollte zu einer umgehenden Beschwerdebesserung in der oberen Halswirbelsäule führen, ohne an ihr primär irgendetwas tun zu müssen.
Die Patient:innen sind verängstigt und haben Schmerzen im Nacken und im Hinterhaupt. Eine Mobilisation des Schultergürtels ist weniger wirksam als die konzentrierte Arbeit an der Gesamthaltung mit Rückkehr in den Fersenstand. Ich weiß, wir sind sehr auf den schmerzhaften Bereich fokussiert, deswegen kann ich nur zurückhaltende, minimale HWS-Mobilisationen anmahnen. Empfehlen kann ich eine elektrische Stimulierung des N. vagus, Wärmeanwendungen, Kälteanwendungen, progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Krankengymnastik zum Aufbau und zur Kräftigung der segmental stabilisierenden Muskulatur sowie physikalische Therapie.
Wenn diese Therapien nicht wirken, sollte als weitere Maßnahme meine vom Beckengürtel ausgehende Haltungskorrektur, wie ich sie schon vorher angedacht habe, letztendlich hilfreich sein. Chirurgische Eingriffe sind nur selten notwendig. Um der Erkrankung vorzubeugen, gilt es einseitige Belastungen in Beruf und Freizeit zu vermeiden und regelmäßig Sport zu betreiben. Haltungsveränderungen über unsere Lebenszeit hinweg, mit zunehmenden Lordosierungen und Kyphosierungen, muss entgegengewirkt werden, um eine möglichst gute sagittale Balance aufrecht zu erhalten.
Menschen, die sich abstützen müssen, einen Stock oder eine Hand hinten am Becken/LWS zur Stabilisierung brauchen, sind genauso gefährdet wie Menschen, die regelmäßig Überkopfarbeiten verrichten müssen. Sie sollten unbedingt Pausen einlegen und andere Haltungen einnehmen. Das gilt auch für alle, die stundenlang vor dem Computerbildschirm sitzen.
Als Hausaufgabe gebe ich Ihnen mit, sich damit zu beschäftigen, wie Sie Menschen mit einer Störung im autonomen Nervensystem, die sich im dauernden „Kampf- und Fluchtmodus“ befinden, wieder aus dieser Problematik herausführen wollen. Eines ist sicher, eine Reparatur im Sinne einer Operation bei einer fehlenden Makroinstabilität wird nicht viel bringen.
Ist Ihnen aufgefallen, dass viele Symptome des zervikozephalen Syndroms mit den Beschwerden unserer ME/CFS-Patient:innen übereinstimmen? Handelt es sich beim zervikozephalen Syndroms um die Kopfgelenke oder handelt es sich bei beiden um Funktionsbeeinträchtigungen des Hirnstamms? Oder ist das alles psychogen? Psychogene Würgereflexbeeinträchtigungen habe ich noch nie gesehen, aber wer nicht schaut, kann auch nichts sehen! Kennen sie Proliferationstherapie?
Infobox
In seiner Kolumne arbeitet Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, Universitätsklinik für Neurochirurgie an der MedUni Innsbruck und Past Präsident der ÖSG, die unterschiedlichen Rückenschmerz-Entitäten für den klinischen Alltag auf und gibt praktische Tipps für Diagnose- und Therapieansätze. Reaktionen an: wilhelm.eisner@i-med.ac.at
W. Eisner gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Wagner FMJ. Die somatische Dysfunktion der Halswirbelsäule und ihr komplexes klinisches Bild. Grundlagen der manualmedizinischen Diagnostik von Zervikobrachialgie und zervikozephalem Syndrom. Der Orthopäde. 2022;51(4):263–73.CrossRefPubMedPubMedCentral
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Drenckhahn D, Benninghoff A. Anatomie. 16. Auflage ed. Elsevier; 2004.
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