Warum Offenheit die beste Prävention ist
- 23.02.2026
- Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie
- Interview
- Zeitungsartikel
Klartext reden, aus Fehlern lernen und Planung neu denken: Die 30. ÖGMKG-Jahrestagung setzte ein klares Zeichen für Transparenz im Umgang mit Komplikationen.
Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Zemann, Präsident der Jahrestagung der ÖGMKG 2026.
privat
Bereits zum 30. Mal lud die Österreichische Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (ÖGMKG) zu ihrer Jahrestagung – und stellt ein Thema in den Mittelpunkt, das bewusst zum offenen Diskurs anregt: den Umgang mit Komplikationen und Misserfolgen. Unter einem bewusst zugespitzten Leitgedanken sollte dazu ermutigt werden, auch jene Fälle zu präsentieren, über die sonst nur selten gesprochen wird. Ziel war es, Erfahrungen zu teilen, Strategien zu reflektieren und voneinander zu lernen.
Denn selbst bei sorgfältigster Planung und großer klinischer Erfahrung lassen sich unerwartete Verläufe nicht immer vermeiden. Im Fokus standen daher nicht nur Präventionsstrategien – von präziser digitaler Planung bis hin zu innovativen Konzepten – sondern auch konkrete Handlungsoptionen im Ernstfall. Wie kann auf Komplikationen adäquat reagiert werden? Welche Alternativen gibt es, um dennoch zu einem erfolgreichen Ergebnis zu gelangen? Und welche Rolle spielen Dokumentation, Aufklärung und forensische Aspekte?
Expertinnen und Experten aus Klinik, Praxis und Wissenschaft beleuchten diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven – mit dem klaren Anspruch, Transparenz zu fördern und Komplikationsmanagement als integralen Bestandteil professioneller Behandlungsqualität zu verstehen. Der Zahn Arzt hat mit dem Tagungspräsidenten Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Zemann, Leiter der Klinischen Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, LKH Universitätsklinikum Graz, gesprochen und ihn um sein persönliches Resümee gebeten.
Zahn Arzt: Herr Prof. Zemann, der Kongress stand ganz im Zeichen des offenen Umgangs mit Komplikationen. Welche Diskussionen oder Beiträge haben Sie persönlich besonders überrascht oder zum Nachdenken angeregt?
Zemann: Überrascht, oder besser sehr gefreut hat mich, dass offenbar das Thema gut angenommen wurde und entsprechend viele Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer sich in Bad Hofgastein getroffen haben. Wir durften 325 Besucher begrüßen, was deutlich über dem letzten Jahr lag. Erfreulich war auch, dass der Kongress offenbar über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wird. Bisher waren Gäste aus Hannover und Hamburg quasi Stammgäste. Heuer hatten wir Teilnehmerinnen aus Berlin, München, Dortmund und viele mehr. Aber zurück zum Kern der Frage: Es war zu erwarten, dass jene Kollegen die Beiträge zum Generalthema eingereicht haben auch offen darüber diskutieren wollen.
Zahn Arzt: Gab es konkrete Fallbeispiele oder Sessions, aus denen Sie unmittelbare Erkenntnisse für Ihren klinischen Alltag mitnehmen konnten?
Zemann: Auf jeden Fall. Wir hatten ja unsere „Pitfalls and Troubleshooting Sessions“ bei denen namhafte Experten Ihre Planungsstrategien zeigen konnten, um eben das Risiko von Misserfolgen möglichste klein zu halten. Im Zuge dessen wurde darauf eingegangen, wie denn im Falle einer Komplikation reagiert werden kann – es gibt ja oft verschiedene Möglichkeiten. Ich finde man kann einiges mitnehmen, wenn man andere Betrachtungsweisen und Konzepte kennenlernt.
Zahn Arzt: Wie wurde das Thema Transparenz im Umgang mit Komplikationen und Misserfolgen aus Ihrer Sicht von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufgenommen? Hat sich die Diskussionskultur verändert?
Zemann: Ich bin nicht sicher ob ein derartiger Kongress gleich die Kultur verändert – das wäre wohl zu viel verlangt. Was ich aber sagen kann ist, dass sehr offen diskutiert wurde und auch Fälle präsentiert wurden – in Referaten, wie auch in Postern – über die man sonst eigentlich nicht so gerne redet.
Zahn Arzt: Inwiefern haben neue Technologien wie virtuelle Planung, AR/VR oder KI im Rahmen des Kongresses konkrete Lösungsansätze zur Risikominimierung aufgezeigt?
Zemann: Es steht außer Zweifel, dass ein großer Teil unserer Arbeit der Behandlungsplanungen gewidmet ist. Freehand-, oder Freestylekonzepte gehören in den meisten Bereichen der MKG-Chirurgie der Vergangenheit an. Je genauer und überlegter die Planung, desto geringer das Risiko unerfreulicher Überraschungen. AR/VR und KI liefern hier natürlich wichtigen Input. Neue neoadjuvante Konzepte in der Onkologie ermöglichen – etwas vereinfacht gesprochen – auch aufwendigere virtuelle Planungen der Rekonstruktion ohne, dass man durch Planung, Anfertigung patientenspezifischer Implantate, Schnittschablone und dergleichen wertvolle Zeit bis zur operativen Sanierung verliert.
Zahn Arzt: Was können insbesondere niedergelassene Zahnärztinnen und MKG-Chirurgen aus den Kongressinhalten für den Umgang mit schwierigen Patientenerwartungen oder Grenzindikationen mitnehmen?
Zemann: Wie bereits letztes Jahr war der Freitag der „Niederlassung“ gewidmet. Möglichkeiten von Augmentationen, Limitationen, Indikationen und Innovationen auf dem Gebiet der Implantologie wurden vorgestellt. Zwei erfahrene Gutachter – beide aus der Niederlassung – haben uns auch wertvollen Input für die Kolleginnen und Kollegen in den Ordinationen mitgegeben.
Zahn Arzt: Der Kongress wollte Mut zur Ehrlichkeit fördern. Glauben Sie, dass dieses Ziel erreicht wurde – und wenn ja, woran lässt sich das festmachen?
Zemann: Ich hoffe es! Es wäre naiv zu glauben, dass unser Kongress jetzt weiß Gott was verändern könnte, aber: Zu sehen, dass andere auch mit Wasser kochen, dass es keine Schande ist Misserfolge anzusprechen und vor allem sich immer wieder bewusst zu machen, dass Forensik keine Bedrohung ist, sondern nur genaue Dokumentation, Aufklärung und Sorgfalt verlangt. All das kann sicher fördernd wirken.
Zahn Arzt: Können Sie uns schon etwas zur nächsten Jahrestagung verraten?
Zemann: Ich will da dem künftigen Kongresspräsidenten nicht vorgreifen. Nur so viel: Prof. Gaggl mit seinem hervorragenden Team aus Salzburg wird den Kongress organisieren. Das Thema wird sich im Bereich „Behandlung von Fehlbildungen“ abspielen.