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Zurück zu den Phagen

Hartnäckige Infektionen bei Herz- oder Lungen-Transplantierten sind ein Anwendungsgebiet für die Phagentherapie. Wo wir mit dieser wiederentdeckten Methode wirklich stehen, haben wir den Forscher und Infektiologen Matthias Vossen gefragt.

Prof. Dr. Matthias Vossen, MedUni Wien


Multiresistente Erreger stellen ein wachsendes Problem in der Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie dar. Besonders betroffen sind immunsupprimierte Patienten oder Patienten mit infizierten Implantaten, deren Entfernung oft zu riskant ist. Da Antibiotikatherapien zunehmend versagen, fordert die WHO innovative Behandlungsstrategien. Eine vielversprechende Alternative ist die Phagentherapie, die gezielt bakterielle Erreger lysiert. Erste klinische Berichte zeigen gute Wirksamkeit und Verträglichkeit, [...] bei therapieresistenten Infektionen.

So steht es in der Zeitschrift für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie ,, Volume 39, pages 280–286, (2025). Das Interesse an der vor über 100 Jahren erfundenen Phagentherapie ist in der jüngeren Vergangenheit mehr und mehr gestiegen. Doch wie weit ist die Forschung wirklich? Für die Podcast-Reihe „Hörgang MedUni Wien“ habe ich Prof. Dr. Matthias Vossen an der Universitätsklinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin, getroffen.

Anlass: In Wien erlebt die fast vergessene Therapie eine Renaissance: Bakteriophagen – Viren, die gezielt Bakterien angreifen. Vossen beschreibt sie als Chance, die wachsende Bedrohung durch antibiotikaresistente Infektionen zu bekämpfen. 2019 starben allein in Österreich mehr als 3.000 Menschen an Keimen, gegen die klassische Antibiotika wirkungslos waren.

Beispiel Pseudomonas-Infektion

Phagen funktionieren anders als Antibiotika. Sie dringen in Bakterien ein, nutzen deren Zellapparat zur Vermehrung und zerstören sie von innen. Anders als Antibiotika, die nur einzelne Enzyme blockieren, haben Phagen mehrere Angriffspunkte – und können sich im Lauf der Co-Evolution anpassen. Das macht sie besonders interessant für chronische Infektionen, bei denen etablierte Biofilme Antibiotika widerstehen.

Ein aktuelles Beispiel zeigt das Potenzial: Ein lungentransplantierter Patient litt unter einer hartnäckigen Pseudomonas-Infektion. Die Bakterien hatten sich in der Lunge zu zähen Biofilmen organisiert. Klassische Antibiotika reichten nicht aus. Mit einem speziell ausgewählten Phagencocktail kombiniert mit inhalativen Antibiotika verbesserte sich seine Atmung erheblich – ein komplett neues Lebensgefühl.

Die Therapie ist aufwendig und hochindividualisiert. Für jeden Patienten muss der passende Phage identifiziert werden. Standardisierte „Phagen aus dem Regal“ gibt es nicht. Die Auswahl erfolgt oft über Kooperationen mit spezialisierten Phagenbanken, zum Beispiel in Brüssel. Zudem ist die Behandlung ein individueller Heilversuch – noch nicht zugelassen, stark reguliert und mit erheblichem logistischem Aufwand verbunden.

Generell bei chronischen Infektionen

Vossen betont: Phagen ersetzen keine Antibiotika, sie ergänzen sie. Sie sind kein Wundermittel, doch sie öffnen Perspektiven, wo bisher keine Therapie half. Gerade bei chronischen Infektionen, die zahlreiche Therapieversuche überstanden haben, können sie entscheidende Fortschritte bringen.

Die Renaissance der Phagen zeigt: medizinischer Fortschritt muss nicht immer neu sein. Manchmal liegt die Zukunft darin, alte Ideen wiederzuentdecken – präzise, gezielt und mit einem klaren Blick auf die Patienten, deren Leben davon abhängt.


Titel
Zurück zu den Phagen
Publikationsdatum
18.02.2026
Bildnachweise
Bild/© iLexx / Getty Images / iStock, Bild/© feelimage/Matern, 11317571, 10546622, 11029553