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Ärzte Woche

04.04.2023 | Morbus Parkinson

„Durchbruch in 10 Jahren möglich“

verfasst von: Mit Walter Pirker hat Patrizia Steurer gesprochen

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Prof. Dr. Walter Pirker, der Präsident der Österreichischen Parkinson Gesellschaft, über die Gründe und die Bedeutung der frühzeitigen Diagnose und neue Therapieansätze.

Ärzte Woche: Morbus Parkinson gilt als die am stärksten zunehmende neurologische Erkrankung. Im Jahr 2040 könnten mehr als 17 Millionen Menschen weltweit an Parkinson leiden – und damit fast doppelt so viele wie heute. Stehen wir tatsächlich vor einer Pandemie?

Pirker: Die Zahl der Betroffenen wird in den nächsten Jahren tatsächlich massiv ansteigen. Das hat mehrere Gründe: Das liegt zum einen am demografischen Wandel. Die Lebenserwartung steigt. Die Wahrscheinlichkeit an Parkinson zu erkranken ist altersabhängig und steigt vor allem bei Männern über 70 Jahren steil an. Parallel mit der erhöhten Lebenserwartung steigt auch die Krankheitsdauer von Parkinson-Patienten. Ein weiterer Faktor sind zunehmende Umweltbelastungen wie giftige Schwermetalle und Pestizide in der Landwirtschaft. Dies könnte zum Teil erklären, warum die Zahl der Parkinson-Patientinnen und -Patienten parallel mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Regionen, vor allem den Schwellenländern, zunimmt. Schließlich führen Fortschritte der Medizin und verbesserte Diagnostik dazu, dass die Parkinson-Krankheit früher und richtiger diagnostiziert wird.

Ärzte Woche: Welchen Einfluss hat der Lebensstil?

Pirker: Ein Aspekt des generell gesünderen Lebensstils ist der Rückgang des Zigarettenkonsums. Das im Rauch enthaltene Nikotin hat einen gewissen schützenden Effekt. Da Raucher ein im Vergleich zu Nichtrauchern niedrigeres Parkinson-Risiko haben, führt dies zu einer Zunahme der Parkinson-Krankheit in der Bevölkerung. Aber auch die Ernährung spielt eine maßgebliche Rolle. Verschiedene Studien der Parkinsonforschung lassen die Schlussfolgerung zu, dass eine mediterrane Ernährung das Risiko der Parkinson-Krankheit reduziert. Auch bei Sport und Bewegung gibt es einen immer klareren wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis, was Prävention und Therapie betrifft. Ausdauersport verbessert die funktionelle und strukturelle Plastizität der für die Planung, Ausführung und Kontrolle von Bewegungen zuständigen Hirnregionen und wirkt so dem Abbau motorischer und kognitiver Funktionen bei Morbus Parkinson entgegen. Hinzu kommt, dass regelmäßiger Sport und Bewegung eine antidepressive Wirkung haben.

Ärzte Woche: Nimmt die Zahl junger Patienten zu?  

Pirker: Die große Mehrzahl der Betroffenen ist 60 Jahre oder älter, wenn die Krankheit festgestellt wird. Der Grund für die späte Diagnose ist häufig, dass die Krankheit sporadisch, das heißt, ohne erkennbaren Auslöser, auftritt. Etwa zehn Prozent der Parkinson-Erkrankungen sind genetisch bedingt, man spricht auch von der familiären oder der erblichen Form. Hier sind Mutationen, also Veränderungen der Erbinformation, Ursache der Erkrankung. Patienten mit familiärer Parkinson-Krankheit sind im Schnitt etwas jünger bei Erkrankungsbeginn: meist tritt die erbliche Form vor dem 50. Lebensjahr auf. Für viele junge Patienten ist die Diagnostik immer noch ein Hürdenlauf. Ehe die richtige Diagnose gestellt wird, ist es oft ein beschwerlicher Weg, denn die Parkinson-Krankheit wird nicht immer sofort erkannt. Doch Wissenschaft und Forschung schreiten voran. Und auch das Wissen in der Bevölkerung nimmt zu. Das führt zur vermehrten Wahrnehmung junger Patientinnen und Patienten.

Ärzte Woche: Ist das heimische Gesundheitssystem den zukünftigen Herausforderungen gewachsen?   

Pirker: Leider nein. Die Entwicklung läuft in die andere Richtung. Insbesondere in den Spitälern kämpfen wir seit der Änderung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes mit kürzeren Arbeitszeiten. Wir haben weniger Manpower, was den Spitalambulanzen in allen Regionen Österreichs sehr geschadet hat. Das wurde nicht durch mehr Facharztstellen kompensiert. Hinzu kommt noch der allgemeine Ärztemangel, der dazu führt, dass offene Stellen nur sehr schwer besetzt werden können. Bereiche in der Neurologie wie die Schlaganfallversorgung müssen funktionieren, was zulasten anderer neurologischer Erkrankungen geht. Das spüren wir bei der Versorgung von Parkinson-Patienten massiv. Wir müssen daher in die Aus- und Fortbildung investieren, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten im niedergelassenen Bereich zu verbessern. Die Betreuung von Menschen mit Parkinson ist sehr komplex und zeitaufwendig. Das ist eine große Herausforderung für jeden Betreuer. Daher gilt es sich zu überlegen, wie man die Honorierung verbessern kann. Ein weiterer Schritt wäre, in den Ausbau von Spezialambulanzen zu investieren. Für die Diagnose komplexer Parkinsonerkrankungen, aber auch für die Implementierung von geräteunterstützten Therapien, brauchen wir ganz klar den Krankenhausbereich mit den nötigen Betten und ausreichend Personal. Da sind wir momentan völlig unterversorgt. Ich hoffe auf die nötige Unterstützung der Gesundheitspolitik.

Ärzte Woche: Inwieweit hilft eine frühe Diagnose den Patienten?   

Pirker: Je früher die Diagnose der Parkinson-Krankheit gestellt wird, desto erfolgreicher kann in den Krankheitsprozess eingegriffen werden. Wir können den Ausbruch der Krankheit aber nicht verhindern.

Ärzte Woche: Welche Symptome können sich bereits im Frühstadium von Parkinson bemerkbar machen?  

Pirker: Die Grundlage der Parkinson-Krankheit ist ein schleichender Verlust von Dopamin-haltigen Nervenzellen in der schwarzen Substanz des Mittelhirns. Der Dopaminmangel führt zu den charakteristischen Symptomen Bewegungsarmut, Muskelsteifheit, Sprachstörungen sowie Zittern. Allerdings ist bekannt, dass viele Jahre, in manchen Fällen 20 Jahre, vor diesen klassischen Parkinson-Symptomen eine Reihe nicht-motorischer Symptome auftreten, die auf die zukünftige Entwicklung einer Parkinson-Krankheit hinweisen können. Das aktive Ausleben von Träumen, Stuhlverstopfung, Stimmungsveränderung mit Tendenz zu Ängstlichkeit oder Depression, aber auch ein reduziertes Geruchsempfinden können bereits auf eine Parkinson-Erkrankung hinweisen. Ein Teil der Betroffenen leidet in der Frühphase der Erkrankung unter uncharakteristischen Frühsymptomen, Schulter-Arm- oder Kreuzschmerzen oder unter Muskelkrämpfen nach dem Sport.

Ärzte Woche: Welche neuen Erkenntnisse liefert die Forschung?

Pirker: Ein hochinteressanter aktueller Forschungsaspekt ist die Entwicklung von Blut- und Gewebemarkern für die Parkinson-Krankheit. Das Eiweiß Alpha-Synuklein ist Hauptbestandteil der Ablagerungen, die im Gehirn von Parkinson-Patientinnen und -Patienten gefunden werden und die wahrscheinlich von zentraler Bedeutung für die Entstehung der Krankheit sind. Bisherige Versuche, Alpha-Synuklein in Blut, Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit und Geweben wie der Nasenschleimhaut zu messen, waren nur mäßig erfolgreich. Mit neuen Analysemethoden (protein misfolding cyclic amplification, PMCA und RT-Quick) ist pathologisch verklumptes Alpha-Synuklein mit extrem hoher Empfindlichkeit nachweisbar. Gleichzeitig sind nuklearmedizinische Methoden (Positronenemissionstomografie) in Entwicklung, mit denen pathologisches – Alpha-Synuklein im Gehirn von Patienten dargestellt werden kann. Diese neuen Methoden könnten in Zukunft zu einer Erhöhung der Treffsicherheit der Diagnose im Alltag führen. Das zunehmende Wissen der genetischen Forschung wird in den nächsten zehn Jahren einen massiven Fortschritt bringen, was das Verständnis der Pathogenese betrifft und hoffentlich einen Durchbruch bei den Therapien bringen.

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Metadaten
Titel
„Durchbruch in 10 Jahren möglich“
Schlagwort
Morbus Parkinson
Publikationsdatum
04.04.2023
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 14/2023

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