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Möglichkeiten der psychotherapeutischen Versorgung im öffentlichen Raum – Psychoanalyse im Augarten als Praxisbeispiel

  • Open Access
  • 13.10.2025
  • originalarbeit
Erschienen in:

Zusammenfassung

Im Jahr 2024 wurde die Initiative Psychoanalyse im Augarten gegründet, um nicht nur die Möglichkeiten der Anwendung der Psychotherapie aufzuzeigen, sondern auch einen Beitrag zur niederschwelligen psychotherapeutischen Versorgung in Österreich zu leisten. Der vorliegende Beitrag gibt einen Überblick über die psychotherapeutische Versorgungslücke in Österreich und skizziert, wie das genannte Projekt in diesem Kontext theoretisch und praktisch einzuordnen ist. In Anbetracht des großen Anklangs, den die Initiative auf Seiten der Bevölkerung fand, und den Erfahrungen, die im Zuge der Durchführung von Psychoanalyse im Augarten gesammelt werden konnten, wird ein Ausblick hinsichtlich der Rolle der Psychotherapie in Relation zur psychotherapeutischen Versorgung, aber auch zum gesellschaftlichen Diskurs an sich, gegeben.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
In den letzten Jahren haben unter anderem mehrere Krisen zu einem Umdenken hinsichtlich möglicher Therapiesettings geführt. Psychotherapie ist mittlerweile nicht länger ausschließlich auf die vier Wände eines Behandlungszimmers beschränkt, sondern findet auch außerhalb der Praxis oder sogar in virtuellen Räumen statt. Die Initiative Psychoanalyse im Augarten knüpft hier an und ist damit zumindest in der österreichischen Bundeshauptstadt das erste Projekt dieser Art. Dabei ist die Intention, Psychoanalyse niederschwellig im öffentlichen Raum anzubieten, nur eine Reaktion auf den immer größer werdenden Versorgungsengpass hinsichtlich psychotherapeutischer Hilfeleistungen. Denn immer wieder werden wir in der Praxis damit konfrontiert, dass Menschen, die auf der Suche nach einem freien Therapieplatz sind, keinen finden. Sei es aufgrund fehlender freier Plätze, einer ausbleibenden Finanzierung von Seiten der Krankenkassen, nicht ausreichender finanzieller Mittel der Betroffenen selbst oder auch Überforderung, weil Menschen schlichtweg nicht wissen, wohin sie sich mit ihrem Leid wenden sollen. Auch wenn Psychotherapeut:innen oftmals ein gewisses Kontingent an Sozialplätzen anbieten, bleiben telefonische Absagen, und damit eine gewisse Frustration auf beiden Seiten. Der Artikel gibt demnach einen Einblick in den Status quo der österreichischen Versorgungslandschaft und stellt die Verortung sowie theoretische Einbettung der Initiative vor. Anhand eines praxisnahen Berichts über das erlebte psychoanalytische Arbeiten wird die praktische Durchführung eines solchen Projektes reflektiert und zur Diskussion gestellt.

Status quo der psychotherapeutischen Versorgung

Laut Weltgesundheitsorganisation zählen psychische Erkrankungen mittlerweile zu jenen zehn Krankheiten, „die am häufigsten mit massiven Einschränkungen im Alltag und dem Verlust der Arbeitsfähigkeit einhergehen“ (Riffer et al. 2022, S. 11). Diese Prävalenz hat seit der Covid-19-Pandemie noch einmal deutlich zugenommen (Duarte 2021). Neben den schwerwiegenden individuellen Belastungen sind es vor allen Dingen Arbeitslosigkeit, reduzierte Erwerbsfähigkeit, erhöhte Anzahl an Krankenstandstagen als auch Frühpensionierungen, die nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch die Volkswirtschaft belasten. So beträgt der volkswirtschaftliche Schaden, den psychische Erkrankungen nach sich ziehen, rund 3–4 % des Bruttonationalprodukts der EU-Mitgliedstaaten (Gabriel und Liimatainen 2000). Für Österreich bedeutet dies rund 12 Mrd. € an jährlichen Einbußen (Reisinger et al. 2021, S. 55).
In Österreich versuchen vor allem stationäre Einrichtungen, sozialpsychiatrische Zentren, psychotherapeutische Tageskliniken, niedergelassene Psychotherapeut:innen als auch teilweise spezialisierte Ambulanzen die psychotherapeutische Versorgung zu gewährleisten (ebd., S. 55). Auch wenn Psychotherapie laut dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz der Republik Österreich bei entsprechendem Vorliegen einer ICD-Diagnose eine Pflichtleistung der österreichischen Gesundheitskasse(n) darstellt, erhalten nur ca. 27 % der Bedürftigen einen entsprechenden Kassenplatz. Rund 21 % kommen für die Psychotherapie gänzlich selbst auf und ca. 52 % finanzieren die Kosten aus eigenen Mitteln und erhalten dafür einen Zuschuss, der je nach Versicherungsträger variiert. Darüber hinaus stellte eine repräsentative Stichprobenuntersuchung zu psychischen Erkrankungen und deren Versorgung fest, dass „57,5 % der psychisch Kranken keinerlei [weder eine psychotherapeutische noch eine psychiatrische] Behandlung für ihre Krankheit erhielten“ (Wancata 2017, S. 165).
Diese Daten unterstreichen nicht nur die hohe Prävalenz psychischer Erkrankungen im Allgemeinen, sondern zeigen auch den Missstand in der psychotherapeutischen Versorgung auf. Besonders niederschwellig verfügbare Versorgungskonzepte erscheinen als unabdingbar (Springer-Kremser et al. 2002), um dem Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung gerecht zu werden und eine gesundheitliche Chancengerechtigkeit herzustellen. Ist es doch bisher so, dass sich Psychotherapie vor allem jene Bevölkerungsschichten leisten können, die über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen verfügen (Rieß und Löffler-Stastka 2022, S. 137). Auf den problematischen Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und der Möglichkeit, psychotherapeutische Hilfeleistung in Anspruch zu nehmen, hatte bereits Freud hingewiesen und hoffungsvoll auf das „Gewissen der Gesellschaft“ gesetzt, diesbezüglich Chancengleichheit herzustellen (Freud 1919a, S. 192). Darüber hinaus ist zu beachten, dass die Krankenkassen – obwohl sich die Effekte von Psychotherapie gegenüber jenen der Psychopharmakotherapie als langfristig erfolgreicher erwiesen haben – im Jahr 2009 ca. 250 Mio. € für Psychopharmaka aufwandten und lediglich ein Viertel davon (ca. 63 Mio. €) in Psychotherapie und psychotherapeutische Medizin investierten (Riffer et al. 2022, S. 13 ff.).

Psychoanalyse im Augarten

Die Initiative Psychoanalyse im Augarten setzt an der oben skizzierten Problematik an. Sie bietet Menschen jedweder Herkunft und sozialen Schicht die Möglichkeit, anonym, kostenfrei und ohne Anmeldung Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. In Absprache mit den Österreichischen Bundesgärten wurde das Projekt im Wiener Augarten realisiert. Hier wurde an mehreren Samstagvormittagen für zwei Stunden eine psychoanalytisch-psychotherapeutische Sprechstunde, die sitzend oder gehend wahrgenommen werden konnte, angeboten. Auf das Projekt wurde im Vorfeld mittels eines Infoflyers, eines Inserats in den entsprechenden Bezirkszeitungen und einer Ankündigung in den sozialen Medien aufmerksam gemacht. Am Tag der Durchführung selbst wurde an einer Parkbank im Augarten ein Poster des zuvor verteilten Infoflyers befestigt, um den Ort für Interessent:innen ersichtlich zu machen.
Neben der bereits beschriebenen Intention, mit dem Projekt einen minimalen Beitrag zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung in Österreich zu leisten, war es uns auch ein gesellschaftliches Anliegen, einen Ort des freien Sprechens zu schaffen. Einen Ort, der nicht der in den sozialen Netzwerken oftmals vorzufindenden Polarisierung von allerhand Meinungen ausgesetzt ist, sondern an dem Sprechen versucht und ausprobiert werden kann, ohne dass es sofort einer Beurteilung unterliegt.
Die Initiative wurde somit auch ins Leben gerufen, um die gesellschaftlich-politische Relevanz der Psychotherapie und im Speziellen der Psychoanalyse aufzuzeigen. Bereits Freud hat (1930a) auf die Anwendung seiner Ideen außerhalb der Couch hingewiesen und durch seine Beiträge zu Gesellschaft, Kultur und Religion die Grundsteine hierfür gelegt. Die Psychoanalyse kann als ein „soziales und politisches Projekt“ verstanden werden, „das sowohl Emanzipation als auch Leidenslinderung anstrebt und Veränderungen sowohl der sozialen und politischen als auch der psychischen Lebenswelt anstößt“ (Baraitser 2025, S. 136). Wird Psychoanalyse sowohl auf Seiten des Individuums als auch der Gesellschaft als die Arbeit verstanden, Unbewusstes bewusst zu machen, so kommt ihr immer auch ein politisches Moment zu. Sie hat die Möglichkeit dort, wo die Sprache ausfällt und es zu destruktiven Handlungen kommt, einzuspringen, Übersetzungsarbeit zu leisten und den Dialog wieder zu öffnen (Widmer 2023, S. 4), um eine offene und freie Gesellschaft zu gewährleisten.
Eine Psychoanalyse für Bürger:innen, wie sie bereits in Form der psychoanalytischen Polikliniken den 1920er-Jahren angedacht war (Danto 2007). Eine Psychoanalyse, die sich aus dem „Griff von Praktiken der Inklusion und Exklusion […], die darüber entscheiden, wer Zugang“ zu ihr erhält und wer nicht, befreit (Baraitser 2025, S. 141).

Theoretische Überlegungen

Als Freuds Vermächtnis wird oftmals die „Anwendung seiner Ideen jenseits der Couch und außerhalb des Behandlungszimmers“ angesehen (Twemlow und Parens 2021, S. 830). Dabei bewegte sich Freud nicht nur theoretisch außerhalb seiner Wiener und später Londoner Praxis, sondern führte auch psychoanalytische Sitzungen außerhalb seiner Ordination durch. Aus den Berichten ehemaliger Patient:innen Freuds entsteht der Eindruck, dass er hinsichtlich des psychotherapeutischen Settings weitaus flexibler und offener war, als oftmals angenommen wird. Nicht nur der Fall Katharina aus den Studien über Hysterie beruht auf einer analytischen Sitzung, die Freud mit Aurelia Kronich, der Tochter der Pächterin des Ottohauses auf der Rax, abhielt, sondern auch die Analyse mit Gustav Mahler geht auf einen vierstündigen Spaziergang der beiden Herren im niederländischen Leiden zurück (Schen 2020, S. 298).
Untermauert durch zahlreiche evidenzbasierte wissenschaftliche Artikel zu den positiven Effekten körperlicher Aktivität und dem Aufenthalt in der Natur auf die psychische Gesundheit (Bowler et al. 2010) hat sich somit aus Freuds „talking cure“ (Freud 1910a [1909], S. 7) die „walking cure“ (Sasso 2020) oder „walk & talk therapy“ (Greenleaf et al. 2024) entwickelt. Speziell das Gehen soll die Fähigkeit zum kreativen und klaren Denken fördern und einen positiven Einfluss auf die Verknüpfung von Geist und Körper haben (Greenleaf et al. 2024, S. 364). Ein Blick in die Publikationsdatenbank der American Psychological Association (APA) zeigt, dass „walk & talk therapy“ mittlerweile von zahlreichen Psychotherapeut:innen und Psychoanalytiker:innen rund um die Welt angeboten und praktiziert wird. Die Kultur des Gehens ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst (Solnit 2001). In diesem Sinne verwundert es nicht, dass sich der Begriff ambulant als „nicht stationär“ bzw. „wandernd“ aus dem Lateinischen von ambulare („herumgehen“) ableiten lässt (Kluge 1989, S. 24).
Das Gehen als ein Aspekt des besonderen Settings von Psychoanalyse im Augarten bringt gegenüber der sitzenden Arbeit in der privaten Praxis durch die gemeinsame Bewegung eine andere Form der Intimität mit sich. Kann die Regulierung von Nähe und Distanz in der Praxis durch die Anordnung der Sitzplätze kontrolliert bzw. vorgegeben werden, so ist dies im Zuge der gemeinsamen Körperlichkeit im öffentlichen Raum nicht unbedingt möglich. Die Beziehung zwischen Analysant:in und Analytiker:in kann durch die geteilte Körperlichkeit eine Verstärkung erfahren, zumindest wird die gemeinsame Aktivität in gewisser Weise zu einer sozialen Ressource (Geißler 2017, S. 50). So können sich die Bewegungen beider Körper synchronisieren oder auch nicht (Michalak et al. 2025, S. 190). Aufgrund der Ablenkung der Aufmerksamkeit durch die vielen Reize der äußeren Umgebung kann sich das Übertragungsgeschehen einerseits weniger stark einstellen. Andererseits müssen persönliche Grenzen anders als in der Ordination gezogen werden. Die in der Praxis allein durch den gemeinsamen Aufenthalt in einem abgeschlossenen Raum vorhandene Zweisamkeit, sprich die Dyade bestehend aus Analytiker:in und Analysand:in, löst sich in der Öffentlichkeit größtenteils auf. Das Gehen kann hier zu einer Möglichkeit werden, autonom in Bewegung zu kommen. Das gehende Setting führt außerdem dazu, dass die Kommunikation weniger Face to Face verläuft. Denn der Augenkontakt muss nicht zwangsläufig gegeben sein und auch das Sprechen steht nicht, wie es in der privaten Praxis oftmals der Fall ist, bedrohlich im Zentrum der Szene (Künstler 2021, S. 939). Dieses scheinbar beiläufige Setting erinnert an den ursprünglich von Wilfred Bion entwickelten milieutherapeutischen Ansatz oder auch an die von Harry Stack Sullivan geforderte „psychiatry of people“ (Möller 2024, S. 73).
In Anbetracht der bis hierhin beschriebenen Besonderheiten von Psychoanalyse im Augarten stellt sich die Frage, inwiefern das veränderte Setting auch Einfluss auf das psychoanalytische Arbeiten an sich hat bzw. mit welchen psychoanalytischen Interventionsformen es sich verknüpfen lässt. Zunächst kann die zur Verfügung stehende Zeit quasi unabhängig von dem veränderten Setting klassisch psychoanalytisch genutzt werden. Demnach wird zusammen mit dem jeweiligen Menschen versucht, mittels des freien Sprechens bewusste bzw. unbewusste Wünsche, traumatische Erlebnisse oder innere Konflikte zu bearbeiten, um eine Minderung des Leidensdrucks herbeizuführen. Das kurzzeitige und einmalige Setting lädt überdies dazu ein, die Sitzungen fokaltherapeutisch zu nutzen. Das würde bedeuten, dass der Fokus auf eine konkrete Symptomatik oder einen bestimmten Konflikt gelegt wird mit dem Ziel, diesen innerhalb einer festgelegten Zeit zu lösen (Klüwer 2006, S. 1107).
Angelehnt an die strukturale Psychoanalyse wäre es auch möglich, den zeitlichen Rahmen der jeweiligen Sitzungen variabel zu gestalten. Würde doch eine zuvor vorgegebene Sitzungsdauer den Menschen nur fälschlicherweise suggerieren, ihre Wahrheit, d. h. die Enthüllung ihres Begehrens, wäre etwas zeitlich Terminierbares (Lacan 1991 [1953]: S1, S. 156 ff.). Zudem könnte aufgrund der variablen Sitzungsdauer von der Interpunktion als Interventionsmethode Gebrauch gemacht werden. Die Interpunktion des Diskurses des Subjekts mittels Beendigung der Sitzung, um es seines Begehrens gewahr werden zu lassen (Lacan 2020 [1958/59], S. 530 ff.).

Die Praxis im Freien

Die im Jahr 2024 erstmal durchgeführte Initiative Psychoanalyse im Augarten fand regen Anklang. Es waren zu allen drei Terminen durchgehend Menschen anwesend, um das Angebot wahrzunehmen. Insgesamt fanden 25 Personen in die Behandlungen, die sich über drei Termine zu je 120 min erstreckten. Dabei praktizierten ausschließlich die beiden Autor:innen dieses Beitrags, die zu den genannten Terminen anwesend waren. Die einzelnen Gespräche verliefen sehr unterschiedlich und glichen zumeist einer Synthese verschiedener therapeutischer Settings, indem unterschiedliche Interventionsmethoden angewendet wurden. Dementsprechend zeichneten sie sich neben analytisch-therapeutischen Aspekten auch durch eine beratende Funktion aus. Dabei stand oftmals die Frage im Raum, wohin sich die Betroffenen mit ihrem Leid, Konflikt oder Problem wenden können. Fast alle Menschen, die das Angebot wahrnahmen, können jener Randgruppe zugeordnet werden, die nicht in das Raster klassisch psychosozialer Versorgungsnetze passt. Einige der Interessent:innen gehören jener Gruppe an, die oftmals als „hard to reach“ bezeichnet wird und sich durch „komplexe psychosoziale und existenzielle Problemlagen“, die „institutionsübergreifende, auf die Person ausgerichtete und zentrierte Hilfen“ verlangen, auszeichnet (Gahleitner et al. 2022, S. 96). Ein anderer Teil dieser Mikrostichprobe zählt wohl eher zu jenen, die „selten gehört“ werden (Schaefer et al. 2021): Menschen, die durch das Versorgungsnetz fallen, da sie auf „Barrieren im Hilfezugang“ stoßen oder überfordert bezüglich der Frage sind, wohin sie sich in ihrer Situation wenden sollen. Doch auch Personen, die das Setting im Freien und die Ungebundenheit als besonders positiv hervorhoben. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass alle Teilnehmer:innen das Angebot bislang einmalig wahrgenommen haben.
Das spezielle Setting war nicht nur für uns Psychoanalytiker:innen ein Novum, sondern mag auch für die Menschen, die es in Anspruch nahmen, sowie für die Öffentlichkeit an sich neue Aspekte des therapeutischen Arbeitens zum Vorschein gebracht haben. Für uns bedeutete die Veränderung zunächst den Verzicht auf den Komfort der privaten Praxis. Ist doch das Praktizieren im öffentlichen Raum mit einem hohen Maß an Exponiertheit verbunden. Hinzu kommt, dass der Verzicht auf Voranmeldung ein unbekanntes, nicht kontrollierbares Moment hinsichtlich der Interessent:innen sowie deren Thematik mit sich bringt. Nach der Durchführung des ersten Termins mussten außerdem einige organisatorische Aspekte des Projekts optimiert werden. Denn die ersten Gespräche wurden immer wieder durch spontan interessierte Menschen, die im Vorbeigehen auf die Initiative aufmerksam wurden und um mehr Informationen baten, unterbrochen. Um eine geschütztere Gesprächsatmosphäre zu schaffen, unterstützte uns daraufhin in organisatorischen Dingen vor Ort ein Student, der sich diesen spontanen Interessent:innen annahm und auch den zeitlichen Ablauf der jeweiligen Sitzungen plante. Nicht nur wir, sondern auch die Menschen, die sich uns in ihrem Begehren und Leid anvertrauten, fanden sich in einer exponierteren Situation, nämlich der Öffentlichkeit, wieder. Macht es doch einen Unterschied, ob etwas Intimes in einem abgeschlossenen Innenraum oder in einem öffentlichen Raum – auf einer Parkbank oder beim Spazieren durch den Park – erzählt und mitgeteilt wird. Überdies wussten Patient:innen, die das Angebot wahrnahmen – anders als in der privaten Praxis, in der es in der Regel einen Vorkontakt gibt –, nicht, mit wem sie im Park sprechen würden. Hinzu kommt die Öffentlichkeit, das heißt die Gesellschaft selbst, die, wenn auch nur aus der Distanz, an den Sitzungen partizipierte. Ein Stück weit mag vielleicht hierdurch die Psychotherapie an sich und die Psychoanalyse im Speziellen an Transparenz gewonnen und zur Auflösung von mancherlei klischeehaften Stigmata beigetragen haben.

Resümee

Psychoanalyse im Augarten startete als Pilotprojekt, um die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Psychotherapie aufzuzeigen und um Wege zur Verringerung der psychotherapeutischen Versorgungslücke in Österreich zu skizzieren. Freilich konnte der Mangel an Versorgung durch diese Initiative nur in einem überschaubaren Rahmen behoben werden, doch es zeigten sich auf unterschiedlichen Ebenen wertvolle Erfahrungen. So kam uns bereits bei Bekanntmachung und Bewerbung der Initiative eine Welle an Interessensbekundungen entgegen, und zwar sowohl seitens Kolleg:innen der Psychotherapie als auch von unbekannten Personen, die sich vorab über das Behandlungsangebot informierten. Das sind Zeichen für ein breites Interesse der Gesellschaft an realen Räumen, die den Dialog der Menschen mit sich selbst, aber auch mit dem anderen fördern und so ein Miteinander ermöglichen.
Zudem zeigte sich, dass dieses niederschwellige Angebot von den behandelten Menschen ausnahmslos dankend angenommen wurde. Das freie Setting in der Natur und im öffentlichen Raum sowie die Anonymität und die sich durch eine nicht zwingende Anmeldung ergebende Spontanität wurden von vielen behandelten Personen positiv hervorgehoben; ebenso die flexible Gestaltung des Settings, in dem Patient:innen darüber entscheiden konnten, ob die Einheit gehend oder sitzend wahrgenommen werden sollte. Dieser offene Zugang kann gewiss auch als überfordernd erlebt werden, doch wir machten die Erfahrung, dass gerade diese Freiheit nicht nur das Begehren des einzelnen Menschen erweckte, sondern auch eine körperliche Aktivierung im Sinne einer Selbstermächtigung ermöglichte. Nicht zuletzt führte uns diese Initiative vor Augen, wie wertvoll die Psychotherapie ist, wenn sie ihren Blick weniger auf die Gesellschaft in einem metapsychologischen Sinne, sondern auf die Mitte dieser und die Menschen in ihr richtet. Für diese Form der Praxis wäre es von Vorteil, sie bereits im Rahmen der therapeutischen Ausbildung zu diskutieren und gegebenenfalls zu implementieren. Denn oftmals wurden und werden starre Vorstellungen hinsichtlich des therapeutischen Arbeitens und vor allem bezüglich des Settings ohne weitere Reflexion weitergegeben. Selbstverständlich braucht es Richtlinien, um den sicheren Rahmen einer Psychotherapie gewährleisten zu können. Doch oftmals bemerken Praktiker:innen, dass eine Adaption des gewählten Settings erforderlich ist, um die therapeutische Beziehung weiterhin fruchtbar und dynamisch am Leben erhalten zu können.
Es ist anzunehmen, dass regionale und globale Krisen nicht weniger werden, wodurch eine flexible und dynamische Psychotherapie, die der Gesellschaft mit unterschiedlichen Settings zur Verfügung steht, unabdingbar ist. Das Projekt Psychoanalyse im Augarten hat diesbezüglich versucht, einen kleinen Beitrag zu leisten – sowohl für das Wohl des einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft als Ganzes. Durch einen transparenten Auftritt in der Öffentlichkeit kann einerseits die Psychotherapie im Allgemeinen und andererseits die Psychoanalyse im Besonderen ein Stück weit entmystifiziert und manche Stigmata entkräftet werden. Denn wie bereits Nedelmann (1982, S. 388) anmerkte: „Psychoanalytiker leben ja nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern sind Teil von ihr, nehmen wie jeder andere an ihren Schicksalen teil.“
Es besteht das Ziel, dieses niederschwellige Projekt innerhalb der nächsten Jahre weiter auszubauen und Kolleg:innen anderer psychotherapeutischer Methoden einzubinden, um den innerhalb der Gesellschaft gefundenen Anklang aufnehmen, den Bedarf breiter abdecken und damit die Versorgungslücke weiter schließen zu können. Psychoanalyse im Augarten ist nur eine Möglichkeit, um die Vielseitigkeit psychotherapeutischer Anwendung aufzuzeigen. Als öffentliche, offene Sprechstunde bietet sie einen Raum für Austausch, der gerade in Zeiten wie diesen nicht nur von versorgungstechnischer, sondern auch gesellschaftlich-kultureller Relevanz ist.

Interessenkonflikt

M.-T. Haas und A. Möller geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
Möglichkeiten der psychotherapeutischen Versorgung im öffentlichen Raum – Psychoanalyse im Augarten als Praxisbeispiel
Verfasst von
Marie-Theres Haas
Anatol Möller
Publikationsdatum
13.10.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Psychotherapie Forum / Ausgabe 3-4/2025
Print ISSN: 0943-1950
Elektronische ISSN: 1613-7604
DOI
https://doi.org/10.1007/s00729-025-00290-6
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