Mikronährstoffsupplementation in der Schwangerschaft
- Open Access
- 02.10.2025
- DFP-Fortbildung
Einleitung
Die Schwangerschaft stellt einen hochregulierten physiologischen Zustand dar, in dem sowohl für die werdende Mutter als auch für den sich entwickelnden Fetus ein erhöhter Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und essenziellen Fettsäuren besteht. Die mütterliche Ernährung während der Schwangerschaft und Stillzeit beeinflusst das Wachstum und die Gesundheit des Nachwuchses wesentlich. Insbesondere wird ihr eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung des kindlichen Gehirns zugeschrieben [1]. Mikronährstoffe sind nicht nur Bausteine für das Wachstum und die Entwicklung des Kindes, sondern tragen auch wesentlich zur Erhaltung und Stabilität des mütterlichen Organismus bei. Ein suboptimaler Versorgungsstatus kann Fehlentwicklungen, Anämie, geburtshilfliche Komplikationen oder Wachstumsverzögerungen begünstigen. Auch perikonzeptionell spielt die mütterliche Ernährung eine wichtige Rolle – sie beeinflusst die Entwicklung und Funktion der Plazenta sowie die genomische Prägung und Programmierung des Fetus – und wirkt sich dadurch auf die langfristige Gesundheit des Kindes aus [2, 3]. Obwohl der kalorische Mehrbedarf in der Schwangerschaft relativ gering ist, steigen die Bedürfnisse an bestimmten Mikronährstoffen erheblich. Schwangere sollten daher nährstoffdichte Lebensmittel bevorzugen und eine unzureichende Zufuhr über Supplemente ausgleichen [4, 5, 6]. Supplementation bezeichnet die gezielte Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen in Mengen, die über das hinausgehen, was durch die normale Ernährung bereitgestellt werden kann. Multivitaminpräparate mit mehreren Mikronährstoffen sollten schwangeren Frauen empfohlen werden, die keine ausreichende Ernährung zu sich nehmen [5, 7]. Auch wenn gut ernährte Frauen diese Supplemente möglicherweise nicht zur Deckung ihres täglichen Bedarfs benötigen, wird empfohlen, im Zweifel und ohne sorgfältige ernährungsmedizinische Abklärung eine vorsichtige Indikationsstellung vorzunehmen. Derzeit konzentrieren sich Supplementationsstrategien vor allem auf die Versorgung mit Eisen, Folsäure, Jod sowie Kombinationspräparaten mit mehreren Mikronährstoffen [8]. Der folgende Beitrag beleuchtet zentrale Mikronährstoffe aus leitlinienorientierter Perspektive und soll einen Überblick über aktuelle Empfehlungen zu Bedarfsdeckung, Risikoabschätzung sowie individuell angepasster Supplementation geben.
Bedeutung relevanter Mikronährstoffe und grundlegende Versorgungsmechanismen
Folsäure, Eisen, Jod und Vitamin D gelten als Schlüsselnährstoffe im Schwangerschaftsverlauf [5]. Folsäure moduliert die Zellproduktion und verhindert Neuralrohrdefekte [9, 10]. Eisen ist bei der erhöhten Blutbildung essenziell und notwendig für Sauerstofftransport, Wachstumsprozesse und das Immunsystem [10]. Jod reguliert über die Schilddrüse den fetalen Stoffwechsel und beeinflusst die neurokognitive Entwicklung [11]. Vitamin D ist unverzichtbar für die Knochengesundheit beider Individuen und wirkt immunmodulierend [12]. Weitere Mikronährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und verschiedene B‑Vitamine sind ebenfalls essenziell, wobei ihr Stellenwert hinsichtlich Routinesupplementierung bislang nicht überall gleichwertig anerkannt ist.
Folsäure – Prävention von Neuralrohrdefekten
Neuralrohrdefekte entstehen durch das unvollständige Schließen des Neuralrohrs in der Frühschwangerschaft, etwa in der 3. bis 4. Gestationswoche [13]. Die frühzeitige, adäquate Folsäuresupplementation kann erwiesenermaßen das Risiko für Neuralrohrdefekte signifikant senken [14, 15]. Der Anteil der durch eine ausreichende Folataufnahme vermeidbaren Neuralrohrdefekte ist nicht exakt festgelegt, liegt nach allgemeinem Konsens jedoch vermutlich bei etwa 50–60 % [16]. In Entwicklungs- und Schwellenländern konnte durch Einführung einer perikonzeptionellen Folsäurezufuhr die Inzidenz von Neuralrohrdefekten um nahezu die Hälfte gesenkt werden [17]. Darüber hinaus belegt eine Kohortenstudie mit über 1,5 Mio. Frauen, dass eine Folsäureeinnahme bereits drei Monate vor der Konzeption mit einem signifikant geringeren Risiko für niedriges Geburtsgewicht, Fehlgeburt, Totgeburt und neonatale Mortalität assoziiert ist – im Vergleich zu Frauen ohne Supplementation [18].
Ein adäquater Folatstatus in der Schwangerschaft – definiert über eine Erythrozyten-Folatkonzentration von über 550 μg/ml – ist durch Ernährung allein nur schwer zu erreichen [19]. Aus diesem Grund wird empfohlen, allen Frauen im reproduktiven Alter Folsäure bereits in der Präkonzeptionsphase zu verordnen, welche unter anderem eine höhere Bioverfügbarkeit hat als die von natürlichem Folat aus Lebensmitteln [9]. Die World Health Organization (WHO) empfiehlt für Frauen ohne Risikofaktoren eine tägliche Routinegabe von 400 μg Folsäure, beginnend drei Monate vor Konzeption, um Neuralrohrdefekten vorzubeugen [20]. Dies deckt sich mit den aktuellen Empfehlungen der entsprechenden D‑A-CH-Gesellschaften [9] und der International Federation of Gynecology and Obstetrics (FIGO; [5]). Frauen mit erhöhtem Risiko für Neuralrohrdefekte – darunter Frauen mit einem BMI über 30 , Schwangerschaften mit Neuralrohrdefekten in der Anamnese, Epilepsie unter Antikonvulsivatherapie sowie präexistierendem Typ-2-Diabetes – sollte eine deutlich höhere Tagesdosis von 4 bis 5 mg/Tag empfohlen werden [21]. Grundsätzlich sollte die Supplementierung bis zum Ende des ersten Trimesters fortgeführt werden, da zu diesem Zeitpunkt der Neuralrohrverschluss abgeschlossen ist [9], andere Leitlinien empfehlen eine Supplementierung über die gesamte Dauer der Schwangerschaft [19]. Unterschieden wird zwischen synthetischer Folsäure und aktivem Methylfolat. Während sich Methylfolat bei genetischen Varianten (z. B. MTHFR-Polymorphismen) vorteilhaft zeigen kann, ist die standardmäßige Empfehlung weiterhin synthetische Folsäure [9, 22].
Eisen
Die physiologischen Anpassungen des mütterlichen Organismus während der Schwangerschaft führen zu tiefgreifenden hämodynamischen Veränderungen. Eine der auffälligsten ist die Zunahme des zirkulierenden Blutvolumens um bis zu 30 %, was insbesondere ab dem zweiten Trimenon zu einer physiologischen Hämodilution führt. Diese stellt die häufigste Ursache einer Anämie im Schwangerschaftsverlauf dar, noch vor der manifesten Eisenmangelanämie [23].
Im Verlauf der Schwangerschaft steigt der Eisenbedarf erheblich an, insbesondere im zweiten und dritten Trimester. Hauptursachen sind das Wachstum der Plazenta und des Fetus, wobei der höchste Eisenbedarf im dritten Trimenon besteht. In dieser Phase erfolgt die maximale fetale Eisenakkumulation, wobei das maternale Eisen als Hauptquelle dient. Gleichzeitig nimmt die Aktivität der mütterlichen Erythropoese ab, was zu einer sukzessiven Erschöpfung der mütterlichen Eisenspeicher und zur Eisenmangelanämie führt [24, 25]. Diese wird idealerweise durch die Bestimmung verschiedener Parameter des Eisenstoffwechsels (Ferritin, Transferrin, Transferrinsättigung) diagnostiziert. Eine ausgeprägte Eisenmangelanämie steht in Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten und Frühgeburten sowie mit vermindertem Geburtsgewicht [23, 26, 27]. Allerdings konnte gezeigt werden, dass auch eine zu hohe maternale Hämoglobinkonzentration mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburtlichkeit und niedrigem Geburtsgewicht einhergeht [28].
Die Diagnose einer Anämie in der Schwangerschaft richtet sich nach international anerkannten Grenzwerten. Sowohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) [29] als auch das American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG; [30]) definieren die Grenzwerte für Hämoglobin (Hb) trimesterabhängig:
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1. Trimenon: Hb < 11,0 g/dl
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2. Trimenon: Hb < 10,5 g/dl
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3. Trimenon: Hb < 11,0 g/dl
Die frühzeitige Diagnostik und Differenzierung zwischen physiologischer Hämodilution und echter Eisenmangelanämie ist essenziell für die adäquate Versorgung und gezielte Supplementation während der Schwangerschaft. Internationale Leitlinien zur Eisensupplementation in der Schwangerschaft unterscheiden sich teils erheblich und spiegeln oftmals die spezifischen Anforderungen und Strukturen der jeweiligen Gesundheitssysteme wider. Die WHO spricht sich für eine routinemäßige Eisensupplementation mit 30–60 mg/Tag bei allen Schwangeren aus [29]. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich diese Empfehlung primär an Länder mit begrenzten Ressourcen richtet, wo oftmals eingeschränkte diagnostische Möglichkeiten, wie etwa das Fehlen eines systematischen Hämoglobinscreenings während der Schwangerschaft, bestehen. Zudem sind in diesen Regionen ernährungsbedingte Mängel weiter verbreitet, und vielfach fehlen nationale, an die lokalen Gegebenheiten angepasste Leitlinien [24].
Die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) empfiehlt, eine Eisensubstitution in der Schwangerschaft nur bei gesichertem Eisenmangel durchzuführen und auf eine routinemäßige Gabe ohne vorherige Diagnostik zu verzichten. Vor Beginn einer Supplementation sollte daher zumindest die Bestimmung des Hämoglobinwerts und des Ferritinspiegels erfolgen, um eine Eisenmangelanämie zuverlässig von der häufigen, physiologisch bedingten Hämodilution zu unterscheiden [24].
Da Eisen in Wechselwirkung mit Kalzium und Polyphenolen aus Tee oder Kaffee steht, sollte die Einnahme möglichst isoliert erfolgen [31] oder bestenfalls in Kombination mit Vitamin C erfolgen, da dies nachweislich die Bioverfügbarkeit erhöhen kann [32].
Typische gastrointestinale Nebenwirkungen wie Obstipation, Magenschmerzen oder Übelkeit lassen sich durch Einnahme nach der Mahlzeit, niederdosierte oder magenschonende Präparate sowie durch Aufteilen der Tagesdosis in zwei Portionen gut lindern.
Jod – Sicherung der neurokognitiven Entwicklung
Jod zählt zu den essenziellen Spurenelementen, da es vom menschlichen Körper nicht synthetisiert werden kann und daher über die Ernährung zugeführt werden muss. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Synthese der Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4), die eine Vielzahl von Stoffwechselprozessen im Körper regulieren. Die Konzentration der Schilddrüsenhormone während der Schwangerschaft beeinflusst maßgeblich die Gehirnentwicklung des Fetus [11].
Während der Schwangerschaft steigt der Bedarf an Jod deutlich an, da nicht nur die mütterliche Schilddrüsenfunktion aufrechterhalten werden muss, sondern zusätzlich der Fetus mit Jod für die eigene Hormonproduktion versorgt werden muss. Eine unzureichende Jodzufuhr kann die fetale Schilddrüsenfunktion und damit das Wachstum sowie die neurologische Entwicklung negativ beeinflussen. Vor diesem Hintergrund wird Jodmangel mit einem erhöhten Risiko für kognitive Entwicklungsverzögerungen, verminderte Intelligenzquotienten und in schweren Fällen Kretinismus in Verbindung gebracht [11, 33].
Obwohl Österreich laut aktuellen Erhebungen an Schulkindern über einen insgesamt adäquaten Jodstatus verfügt, zeigen neuere Studien, dass insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter – einschließlich Schwangerer – häufig nicht ausreichend mit Jod versorgt sind [34, 35]. Dieses Defizit ist keineswegs ein isoliertes Phänomen: Etwa 14 % der Länder weltweit gelten weiterhin als Jodmangelregionen [36]. Damit besteht auch in industrialisierten Staaten Anlass zur Aufmerksamkeit, insbesondere angesichts der zentralen Bedeutung von Jod für die fetale Entwicklung.
Die WHO empfiehlt zur Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung für Erwachsene eine tägliche Jodaufnahme von 150 µg – in der Schwangerschaft wird diese Menge auf 250 µg pro Tag angehoben. Gute natürliche Jodquellen sind vor allem Meeresprodukte wie Seefisch, Algen oder Meeresfrüchte. Auch Milchprodukte und Brot tragen zur Jodzufuhr bei, insbesondere wenn jodiertes Speisesalz bei der Herstellung verwendet wird [37]. Die Jodierung von Haushalts- und Gewerbesalz stellt aus Sicht der öffentlichen Gesundheit eine effektive und kostengünstige Maßnahme zur Verbesserung der Jodversorgung dar [38].
WHO und UNICEF empfehlen eine Jodsupplementation für schwangere und stillende Frauen in Ländern, in denen weniger als 20 % der Haushalte Zugang zu jodiertem Salz haben. In Ländern, in denen zwischen 20 und 90 % der Haushalte jodiertes Salz verwenden, sollten Maßnahmen ergriffen werden, um die Jodierung von Speisesalz zu beschleunigen, oder alternativ die Möglichkeit geprüft werden, besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen – wie Schwangere – durch Supplemente oder mit Jod angereicherte Lebensmittel gezielt zu versorgen [11]. Die FIGO empfiehlt allen schwangeren Frauen sowie Frauen in der perikonzeptionellen Phase eine tägliche Jodsupplementation von 150 µg (als Kaliumjodid). Bei bestehender Schilddrüsenanamnese ist eine individuelle Beratung bezüglich Jodaufnahme besonders empfohlen [5].
Vitamin D – regulatorisch und immunologisch von Bedeutung
Vitamin D spielt unter anderem eine zentrale Rolle im Kalzium-Phosphat-Stoffwechsel und damit im Knochenstoffwechsel. Ein Mangel führt durch eine verminderte Kalziumaufnahme im Darm und kompensatorisch erhöhten Parathormonspiegel, was wiederum die Knochenabbaurate steigert, zu einem Ungleichgewicht im Knochenumbau. Dies begünstigt die Umwandlung knochenaufbauender Osteoblasten in knochenabbauende Osteoklasten und kann in der Folge zu Osteopenie oder Osteoporose führen [39]. In-vitro-Studien haben außerdem gezeigt, dass 1,25-Dihydroxyvitamin D, die aktive Form von Vitamin D, entzündungshemmende Wirkungen besitzt. Aktuelle epidemiologische Daten weisen zudem auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen einem Vitamin-D-Mangel und einer erhöhten Inzidenz bzw. Verschlimmerung von Infektionskrankheiten und autoimmunologischen Erkrankungen hin [40].
Schwangere Frauen gelten als Risikogruppe für einen Vitamin-D-Mangel, der mit ungünstigen Schwangerschaftsverläufen in Verbindung gebracht werden kann [41, 42, 43]. Die Definition eines ausreichenden Vitamin-D-Status in der Schwangerschaft, gemessen anhand der zirkulierenden Serumkonzentration von 25-Hydroxyvitamin D (25(OH)D), wird in den meisten Fällen mit einem Wert von ≥ 75 nmol/l (entsprechend 20–30 ng/ml) angegeben. Ein international einheitlicher Konsens über die exakte Grenzwertdefinition besteht jedoch bislang nicht [39].
In der Schwangerschaft unterscheidet sich der Vitamin-D-Stoffwechsel deutlich vom nichtschwangeren Zustand. Studien zeigten, dass mütterliches 25(OH)D die Plazentaschranke passiert und die Hauptquelle für die Vitamin-D-Versorgung des Fetus darstellt [44]. Angesichts dieser Auswirkungen und der hohen Prävalenz eines Vitamin-D-Mangels steht dessen Bedeutung in der Schwangerschaft zunehmend im Fokus. Zu den bekannten Folgen eines Mangels während der Schwangerschaft und im Neugeborenenalter zählen insbesondere die späte Hypokalzämie sowie die ernährungsbedingte Rachitis [12, 43]. Es konnte gezeigt werden, dass Vitamin D die angeborene Immunabwehr stärkt, und mehrere Studien belegen, dass der pränatale Vitamin-D-Status Einfluss auf die Anfälligkeit des Kindes für die Entwicklung von Asthma im späteren Leben haben kann [43, 45].
Mehrere Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel in der Schwangerschaft und Komplikationen wie hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen, Gestationsdiabetes, Wachstumsrestriktionen des Fetus und Frühgeburtlichkeit [42, 44, 46, 47, 48]. Randomisierte, kontrollierte Studien mit ausreichend großer Fallzahl sind jedoch unzureichend und liefern bislang uneinheitliche Ergebnisse hinsichtlich des Nutzens einer Vitamin-D-Supplementation zur Verbesserung perinataler Outcomes [49]. Die derzeit geltenden Ernährungsempfehlungen für die Zufuhr von Vitamin D unterscheiden nicht zwischen schwangeren und nichtschwangeren Frauen und liegen je nach Quelle zwischen 5 und 15 µg pro Tag (entsprechend 200–600 IE). Als Zielwerte für den Serumspiegel von 25(OH)D werden Konzentrationen von über 25–50 nmol/l (10–20 ng/ml) angegeben [50]. In einem Statement der FIGO Working Group on Good Clinical Practice in Maternal-Fetal Medicine wird die Supplementation aufgrund der bislang unzureichenden Evidenz zur Prävention von Frühgeburt oder Präeklampsie vorsichtig bewertet. Es besteht keine allgemeine Supplementationsempfehlung. Bei Risikopatientinnen – etwa mit geringer Sonnenexposition – kann ein Screening auf Vitamin-D-Mangel sinnvoll sein. Eine tägliche Einnahme von 250 bis 600 IE im Rahmen eines Multivitaminpräparats wird anhand der derzeitigen Datenlage bei Schwangeren unterstützt. Bei diagnostiziertem Mangel wird eine therapeutische Dosierung von 1000 bis 2000 IE/Tag empfohlen. Dabei wird Cholecalciferol (D3) empfohlen [5].
Es gibt Hinweise, dass die in handelsüblichen Präparaten enthaltenen Mengen an Vitamin D nicht ausreichen, um eine adäquate Versorgung schwangerer Frauen in Österreich sicherzustellen. Auch die ernährungsbedingte Aufnahme von Vitamin D während der Schwangerschaft ist gering [51]. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer gezielten Supplementation. Vor diesem Hintergrund sollte eine individualisierte Beurteilung des Vitamin-D-Status in der Schwangerschaft erwogen werden, um eine angemessene Versorgung sicherzustellen und einen Mangel – insbesondere bei Schwangeren mit erhöhtem Risiko für einen Vitamin-D-Mangel, wie Raucherinnen, Frauen mit hohem BMI oder solchen, die durch Kleidung nur wenig Sonnenexposition haben – wirksam zu verhindern [51].
Omega-3-Fettsäuren – DHA und EPA für neuronale Entwicklung
Omega-3-Fettsäuren, insbesondere die langkettigen Vertreter EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), haben in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung im Kontext der Schwangerschaft gewonnen [52, 53]. Mehrere Studien haben den Nutzen einer Omega-3-Supplementation in der Schwangerschaft im Hinblick auf die gesunde Entwicklung von Gehirn und Retina bestätigt. Von den beiden wichtigsten langkettigen Omega-3-Fettsäuren, EPA und DHA, ist insbesondere DHA entscheidend für die Funktion der Zellmembranen und essenziell für die Entwicklung des fetalen Gehirns und der Netzhaut [52, 54, 55]. Von großer klinischer Bedeutung ist ebenfalls, dass eine Supplementation mit EPA und DHA während der Schwangerschaft mit einer verlängerten Gestationsdauer in Verbindung gebracht wird [56]. Studien, die die Aufnahme von EPA und DHA während der Schwangerschaft und deren Zusammenhang mit der Gestationsdauer untersuchten, konnten zeigen, dass eine Supplementation mit EPA und DHA das Risiko für frühe Frühgeburten verringern konnte [53, 57]. Ernährungsempfehlungen, wie jene des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums, empfehlen Schwangeren eine wöchentliche Aufnahme von 225 bis 340 g Fisch, was etwa 300–900 mg EPA + DHA pro Tag entspricht. Diese Mengen werden in vielen westlichen Ländern jedoch nicht erreicht, was eine gezielte Supplementation sinnvoll erscheinen lässt – insbesondere bei geringem Fischkonsum [53]. Schwangeren, die nicht entsprechend Meeresfisch verzehren, wird daher auch von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen, DHA zu supplementieren, um die von den D‑A-CH-Referenzwerten für Schwangere empfohlene durchschnittliche Tageszufuhr von 200 mg DHA sicherzustellen [58].
Magnesium und B-Vitamine – Unterstützung ergänzender Funktionen
Magnesium ist ein essenzieller Mineralstoff, der für die Regulierung der Körpertemperatur, die Synthese von Nukleinsäuren und Proteinen sowie für die Aufrechterhaltung der elektrischen Potenziale von Nerven- und Muskelzellen notwendig ist [59]. Viele Frauen – insbesondere aus sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen – nehmen wenig Magnesium mit der Nahrung auf [59]. Es gibt Hinweise, dass eine Magnesiumsupplementation während der Schwangerschaft mit einem reduzierten Risiko für fetale Wachstumsverzögerung und Präeklampsie assoziiert ist [60, 61]. Insgesamt gibt es nicht genügend hochwertige Evidenz, um einen Nutzen einer diätetischen Magnesiumsupplementation während der Schwangerschaft eindeutig zu belegen [59]. Zusammenfassend kann im Rahmen einer Standardmultivitaminsupplementation Magnesium ergänzt werden, obwohl die Evidenzlage zur routinemäßigen Einnahme derzeit begrenzt ist [5].
Vitamine der B‑Gruppe, insbesondere Vitamin B6 und Vitamin B12, sind entscheidend für den Energiestoffwechsel, die Erythropoese und die neurologische Entwicklung [62]. Da die Evidenz für die Vorteile einer Supplementierung von B‑Vitaminen in der Schwangerschaft unzureichend ist, wird keine generelle Routinesupplementierung, sondern eine bedarfsorientierte Zufuhr empfohlen [62].
Praxisrelevante Besonderheiten in der Supplementgabe
Viele Patientinnen klagen über Übelkeit, Appetitlosigkeit oder Geruchsempfindlichkeit während der Schwangerschaft. Die Auswahl magenschonender Formulierungen kann die Compliance deutlich verbessern. Tropfen und Pulver eignen sich besonders für Patientinnen mit Schluckbeschwerden. Da bestimmte Nährstoffe wie Kalzium, Koffein und phytatreicher Tee die Aufnahme anderer beeinträchtigen, ist eine zeitversetzte Einnahme hilfreich [31]. Frauen mit besonderen Ernährungsgewohnheiten (z. B. vegetarisch oder vegan), gastrointestinalen Grunderkrankungen, nach bariatrischer Chirurgie oder mit Mehrlingsschwangerschaften sollten eine ernährungsmedizinische Beratung durch qualifizierte Fachkräfte erhalten [5]. Eine individualisierte Ernährungsmikrodiagnostik basierend auf Laborwerten ermöglicht den gezielten Einsatz von Mikronährstoffen und vermeidet sowohl Mangel als auch Überdosierung.
Fazit für die Praxis
Eine adäquate und individualisierte Mikronährstoffversorgung während der Schwangerschaft stellt einen wesentlichen Bestandteil einer ganzheitlichen geburtshilflichen Versorgung dar. Die gezielte Supplementation von Mikronährstoffen in der Schwangerschaft wird durch eine Vielzahl nationaler und internationaler Organisationen empfohlen. Im Fokus stehen dabei insbesondere Folsäure, Jod, Vitamin D, Eisen und DHA, deren gezielte Anwendung das Risiko für Entwicklungsstörungen senkt und zu einer stabilen Gesundheit von Mutter und Kind beiträgt. Eine auf Anamnese und Laborbefunden beruhende, fachlich fundierte Beratung stellt sicher, dass Bedarf und Sicherheit optimal im Gleichgewicht stehen. Schließlich garantiert eine individualisierte Strategie nicht nur die bestmögliche Versorgung, sondern fördert auch die Compliance und Akzeptanz der Supplementation im Alltag.
Förderung
Mit freundlicher Unterstützung der Medis GmbH. Der Sponsor hatte auf den Inhalt des DFP-Literaturstudiums keinerlei Einfluss.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
P. Palmrich gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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