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18.11.2021 | Migrationsmedizin | Ausgabe 46/2021

Eine Chronik von Leid und Glück

Autor:
Annabella Khom

© Gaël Turine

Seit einem halben Jahrhundert engagieren sich Ärzte ohne Grenzen für medizinische Hilfe in Krisengebieten weltweit. Leider wird ihre Arbeit bis heute dringend gebraucht. Ihre Geschichte erzählt von Krieg, Not, Leid und dem mitunter erschöpfenden Glück, Menschen zu helfen.

Im Dezember 1971 gründeten 13 Ärzte und Journalisten in Paris „Médecins Sans Frontières“ - Ärzte ohne Grenzen. Sie haben das Leid der Menschen während des nigerianischen Bürgerkriegs in Biafra Ende der 60er-Jahre miterlebt und wollten die humanitäre Hilfe in ihren Grundfesten verändern. Besonders wichtig war ihnen, Patienten und Patientinnen nicht nur medizinisch zu unterstützen, gleichzeitig wurde versucht, für die Not von Menschen öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen und das oft eingeschlossen von Kriegen und Seuchen.

Der Arzt spielte in den damaligen Konzeptionen von Hilfe keine Rolle. Vorrang hatten ökonomische und soziale Ziele, eine schnelle Modernisierung und die Beziehungen zwischen Staaten. Krankheiten waren Zeichen politischen Scheiterns, wie ein politisches Symptom, dessen Ursachen behandelt werden mussten, aber kein Problem an sich. Medizinische Hilfe war etwas für Missionare, während sich ernsthafte Menschen dem Fortschritt widmeten. Anfangs als ein Häufchen idealistischer Hippie-Ärzte belächelt, ist Ärzte ohne Grenzen heute die größte private medizinische Nothilfeorganisation der Welt. Bei Naturkatastrophen, bewaffneten Konflikten, in Flüchtlingslagern, bei Epidemien, und überall dort, wo die medizinische Versorgung zusammenbricht, sind die freiwilligen Mitarbeiter binnen 24 Stunden vor Ort, und das weltweit. Jährlich werden für Projekte der Organisation Tausende Ärzte, Psychologen, Krankenschwestern, Hebammen, Logistiker und Administratoren rekrutiert. Mitarbeiter in 19 Sektionen sind dauerhaft damit beschäftigt, Freiwillige anzuwerben, die Finanzen zu verwalten und Beziehungen zu den Medien zu pflegen.

Finanziert werden diese Einsätze zu 90 Prozent aus privaten Spenden, staatliche Gelder und Zuwendungen aus der Wirtschaft erbringen die restlichen zehn Prozent. Denn nur die Unabhängigkeit von Regierungen und anderen Geldgebern macht unparteiische, neutrale und damit wirksame Hilfe erst möglich. Die Organisation verfügt über ein jährliches Budget von mehr als 600 Millionen Euro. Aktuell sind die vielen tausend internationalen und lokalen MitarbeiterInnen in mehr als 80 Ländern der Welt fast rund um die Uhr im Einsatz. Geholfen wird immer auf beiden Seiten eines Konfliktes, ungeachtet der ethnischen Herkunft, politischen oder religiösen Überzeugung der Menschen.

50 Jahre humanitäre Hilfe


Für einen Auslandseinsatz müssen die Mitarbeiter eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie zwei Jahre Berufspraxis und entsprechende Fremdsprachenkenntnisse mitbringen. Oft sind zusätzlich noch Kurse in Tropenmedizin oder andere Spezialausbildungen erforderlich. Für ihre Arbeit gibt es kein Gehalt, sondern nur eine kleine Entschädigung. Das Ziel von Ärzte ohne Grenzen lautet damals wie heute: Wenn die Not von der Welt ignoriert und vergessen wird und Menschen von Vernachlässigung, Gewalt oder Katastrophen bedroht sind, leisten Ärzte ohne Grenzen lebensrettende medizinische Hilfe. Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität sind immer noch die Grundlage für das humanitäre Handeln. So gelingt es, unter politisch aufgeladenen Bedingungen zu arbeiten: Sei es im vom Bürgerkrieg gezeichneten Südsudan, bei den vor Gewalt flüchtenden Süd- und MittelamerikanerInnen oder in Afghanistan.

Was ist heute anders als vor 50 Jahren? Im Laufe der Jahrzehnte wurden zahlreiche Methoden und die hochkomplexe Logistik verbessert, damit noch schneller und effektiver gehandelt werden kann. Nicht geändert hat sich leider, dass es viel Gewalt und schreckliche Kriege gibt. Hinzugekommen sind die Auswirkungen der Klimakrise, da Menschen aus ihren Heimatländern, fliehen müssen, um ihre Existenz zu retten. Ärzte ohne Grenzen kümmert sich aufopfernd um Flüchtende in Ländern wie Libyen, Bangladesch oder auf den griechischen Inseln.

Kreative Gesundheitsaufklärung


Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind nicht nur Ärzte, sondern auch Lehrer vor Ort oder Menschen, die gut unterhalten können, die tanzen oder Zaubertricks machen und damit eine wichtige Botschaft vermitteln, die jeder versteht. Unter den Berufsgruppen ist das ganz breit gestreut, denn in einem Land wie im Südsudan gibt es kaum Schulbildung, da kann es sein, dass jemand der gut singen kann, durch die Dörfer zieht und niederschwellig lebensrettende Gesundheitsaufklärung macht. In Ländern mit guter Ausbildung wie im Jemen arbeiten hingegen hoch spezialisierte Ärzte mit den Teams zusammen. 

„Wir brauchen Fahrer, Köche und Ärzte, die wissen, was bei einem Schussbruch zu tun ist oder bei Tropenkrankheiten die richtige Behandlung kennt“, erläutert Mag. Marion Jaros-Nitsch, Gesundheitspsychologin von Ärzte ohne Grenzen, die wir bei einer Freiluft-Ausstellung „Ärzte ohne Grenzen aus nächster Nähe“ am Wiener Karlsplatz zum Interview getroffen haben. Zwischen aufblasbaren Operationssälen und Versorgungszelten erzählt sie, welche Thematiken Ärzte ohne Grenzen stark beschäftigen, beispielsweise die Situation in Libyen, wo tausende Menschen, die nach der Seenotrettung gerettet wurden, berichteten, dass sie gezwungen wurden, bei Vergewaltigungen zuzusehen, und auch selbst grausam misshandelt und gefoltert wurden.

Politik toleriert Verbrechen


In Libyen werden Kinder und Frauen ohne näheren Grund inhaftiert, diese haben nichts anderes verbrochen, als vor einem Krieg zu fliehen. Nach dem verzweifelten Versuch, über das Meer zu kommen und werden sie in das Land, aus dem sie unter Lebensgefahr geflüchtet sind, zurückgeschickt. Und das toleriert unsere Politik: Die europäische Politik akzeptiert, dass Menschen in ein Land zurückgeschickt werden, in dem Frauen und Kinder gefangen gehalten, vergewaltigt und gefoltert werden.

„Das ist ein Verbrechen, das Ärzte ohne Grenzen nicht genug anprangern kann. Es hat keinen Sinn, Menschen, die dringend humanitäre Hilfe brauchen von einem katastrophalen Camp ins nächste zu transferieren. Frauen und Mädchen, Männer und kleine Buben, Jugendliche werden hinter dreifachen Stacheldraht gefangen gehalten und leben unter unwürdigsten Bedingungen. Warum? Europa kann es sich leisten und auch Österreich kann es sich leisten, humanitäre Bedingung für diese Menschen zu fordern. 

Ärzte ohne Grenzen fordert nicht, dass jeder Flüchtige Asyl bekommen soll und alle aufgenommen werden sollen. Asylverfahren müssen ordentlich abgewickelt werden, aber Menschen muss die humanitäre Hilfe geleistet werden, die ihnen zusteht“, appelliert Jaros-Nitsch.

Vernachlässigte Krankheiten


Buruli Ulcer, Chagas, Kala Azaar – kaum jemand kennt diese Krankheiten. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn diese sind von der Weltgesundheitsorganisation als vernachlässigte Krankheiten eingestuft worden. Das sind Krankheiten, für die es keine entsprechende Diagnostik und keine Behandlung gibt, damit Mensch angemessen und vor allem rechtzeitig behandelt werden können. Auch Schlangenbisse sind auf der Liste der vernachlässigten Krankheiten. Wenn jemand von einer hochgiftigen Schlange gebissen wird, dann hat man oft nur wenige Minuten Zeit, um diese Menschenleben zu retten. Es gibt zwar breit wirksame Gegengifte, -diese sind aber nicht rentabel und so kam es dazu, dass ein Pharmakonzern 2014 die Produktion eines Antidots eingestellt hat, dass gegen zehn Giftschlangen gewirkt hat, die es in afrikanischen Ländern gibt.

„Das muss man sich vorstellen: Da wird jemand von einer Schlange gebissen – und es gibt hochgiftige Schlangen, die Menschen mit ihrem Gift binnen weniger Augenblicke töten können – und diese Person rennt zur nächsten Klinik, um ihr Leben zu retten. Dort könnte ein Gegengift zur Lebensrettung lagernd sein, aber es ist nicht da, weil der Pharmakonzern keinen Profit aus der Produktion schlägt und dieses lebensrettende Gegengift nicht mehr liefert. Die Produktion von Gegengiften liefert keinen Gewinn und kostet aber tausende Menschenleben“, berichtet Jaros-Nitsch. Der überwältigende Teil der Menschen, die von Vergiftungen durch Schlangenbisse betroffen sind, lebt in Gemeinden, die von Ackerbau und Viehzucht leben. Jedes Jahr werden rund 2,7 Millionen Menschen von Giftschlangen gebissen. 100.000 sterben daran und weitere 400.000 tragen bleibende Gewebeschäden und Behinderungen davon.

Ohne Profit keine Hilfe


In die Diagnose, Prävention und Behandlung der vernachlässigten Krankheiten wird kaum investiert, weil sie fast ausschließlich Menschen in den ärmsten Ländern betreffen. Mit anderen Worten: Es gibt keinen Absatzmark, der Gewinne verspricht. Forschung und Entwicklung findet hauptsächlich zu Produkten statt, die möglichst hohe wirtschaftliche Gewinne generieren. Patente verhindern, dass günstigere Medikamente mit gleicher Wirkung hergestellt werden. Forschung orientiert sich damit nicht an den medizinischen Bedürfnissen von Menschen, sondern an Absatzmärkten und Unternehmensprofiten. Klar zeigt sich dieser herzlose Fakt auch in der Corona Pandemie.

Globale Triage ist Realität


In rund 50 der ärmsten Staaten der Welt, haben derzeit 96 Prozent der Menschen noch keine Impfung gegen COVID-19 erhalten. Tausende Menschen sterben. Zusätzlich steigt dadurch die Gefahr der weltweiten Verbreitung neuer Virus-Varianten eklatant. Ein Hauptgrund für diese mangelnde Versorgung sind Patente und andere Exklusivrechte der Pharmakonzerne. Sie verhindern den Ausbau der globalen Produktionskapazitäten. Seit mehr als einem Jahr blockiert die EU – und damit auch die österreichische Regierung – in der Welthandelsorganisation die Patentfreigabe. Der Widerstand gegen diese Blockade wächst in Österreich und in ganz Europa, denn die Pandemie ist erst vorbei, wenn alle Menschen Zugang zu Impfstoffen und zu medizinischer Versorgung bekommen. „Die Triage, die wir national mit größtem Einsatz zu verhindern versuchen, ist auf globaler Ebene traurige Realität: Eine Handvoll Pharmakonzerne entscheidet, wer Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen, Medikamenten und medizinischer Ausrüstung erhält und wer sich diese leisten kann“, kritisiert Marcus Bachmann, Projektkoordinator bei Ärzte ohne Grenzen. Dabei gibt es weltweit ungenutzte Produktionskapazitäten für COVID-Impfstoffe, Medikamente und medizinische Ausrüstung. Mindestens sieben Hersteller allein in Afrika wären bei Freigabe der Patente willens, sofort auf die Produktion von mRNA-Impfstoffen umzurüsten. Anders als von der Pharmaindustrie behauptet, ist die Ausweitung der Produktion technisch problemlos umsetzbar. In den Palästinensischen Autonomiegebieten ist die Lage besonders dramatisch: „Wir haben keine Betten mehr, keinen Platz und kein Personal, um schwer kranke Corona-Patienten zu versorgen. Die Menschen sterben“, berichtet Dr. Juan Pablo Nahuel Sanchez, Intensivmediziner für Ärzte ohne Grenzen, über die Situation im Dura-Krankenhaus in Hebron. „Wie würde sich die österreichische Regierung positionieren, wenn eine Handvoll afrikanischer Hersteller die Patente für COVID-19-Impfstoffe halten würde?“, fragt Bachmann. Ende November besteht bei der WTO-Ministerkonferenz die Chance auf eine faire Antwort.

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