MBT-Fortbildung in der stationären psychiatrischen Regionalversorgung
Der Einfluss auf die Mentalisierungsfähigkeit, Affektwahrnehmung und Symptombelastung
- Open Access
- 02.02.2026
- Psychiatrie
Zusammenfassung
Einleitung
Mentalisieren ist ein multidimensionales Konstrukt, welches bewusst und/oder unbewusst und konstant stattfindet. Vor allem in zwischenmenschlichen Kontakten ist die Mentalisierungsfähigkeit notwendig, um Handlungen, Ideen, Wünsche und Reaktionen des Gegenübers zu verstehen und einzuordnen. Die mentalisierungsbasierte Therapie wurde primär für Patient:innen mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline entwickelt. Betroffenen Patient:innen fehlt in den meisten Fällen die Fähigkeit, die eigenen Emotionen, Handlungsabsichten und Wünsche auf kognitive Prozesse zurückzuführen. Gleichzeitig fällt es den Patient:innen besonders schwer, die mentalen Begründungen für die Absichten und Handlungen ihrer Mitmenschen zu erkennen. Das resultiert in der bekannten Schwierigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu führen.
Die Fähigkeit zu mentalisieren, beeinflusst die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren, interagieren und in weiterer Folge wie groß das Vertrauen und das Verständnis für das Gegenüber sind. Im klinischen Alltag ist es besonders wichtig, dass zwischen der behandelnden Person und dem:der Patient:in eine gute therapeutische Beziehung entstehen kann, sodass die Adhärenz gefördert wird und bessere Behandlungsergebnisse erzielt werden können. Um den Mehrwert einer guten Mentalisierungsfähigkeit im klinischen Setting zu verstehen, muss Behandlung als holistisches Konzept zur Sprache kommen. Neben dem Sichern des Überlebens, der Linderung von Symptomen, der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit sowie der Einbeziehung des biopsychosozialen Modells ist es von Bedeutung, auf welchen Erfahrungen, Bindungsmustern und Überzeugungen die Sorgen und Ängste von Patient:innen aufbauen. Durch aktives Mentalisieren lässt sich besser verstehen, wieso Patient:innen auf die eine oder andere Weise agieren bzw. reagieren, gleichzeitig kann man durch konstante Evaluation der eigenen Handlungsmotive, basierend auf Erfahrungen und individuellen Erlebnissen den Umgang mit Patient:innen stetig verbessern und so wirksamer arbeiten. Eine gute Mentalisierungsfähigkeit kann eine Brücke bauen zwischen den Sorgen der Patient:innen und dem hektischen Arbeitsalltag im klinischen Setting, weil zu mentalisieren auch bedeutet, das Gegenüber verstehen zu wollen, zuzuhören, zu schätzen.
Anzeige
Der Grundstein für eine gute Mentalisierungsfähigkeit wird in der frühen Kindheit geschaffen und ist eng verknüpft mit Bindungserfahrungen.
Dennoch kann die Mentalisierungsfähigkeit im Erwachsenenalter durch Training ausgebaut werden
Diese These wurde in der Begleitstudie der Medizinischen Universität Wien an der Klinik Favoriten untersucht. Eine Gruppe von Mitarbeiter:innen verschiedener Professionen erhielt für den Zeitraum von einem Jahr regelmäßige Schulungen zu Mentalisierungsfähigkeit und mentalisierungsbasierter Therapie durch eine geschulte MBT-Trainerin. Parallel wurden durch das Forschungsteam zu zwei Messzeitpunkten Daten erhoben. Die Basiserhebung fand vor Beginn der Schulung statt, die Abschlusserhebung nach der letzten Einheit. Es wurden Daten qualitativ durch strukturierte Interviews und quantitativ durch Fragebögen zur Mentalisierungsfähigkeit und Affektwahrnehmung sowie zur Symptombelastung erhoben. Es konnte gezeigt werden, dass die Fähigkeit der Mentalisierung bezogen auf die eigene Person (MentS-S) sowie die eigene Affektwahrnehmung und Affektregulation durch die intensivere Auseinandersetzung mit Mentalisierungs- und Affektregulationsstrategien signifikant verbessert werden konnten: Der Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test für die Subkategorie MentS‑S zeigte mit p = 0,046 eine signifikante Veränderung im Bereich der Selbstmentalisierung zwischen den Messzeitpunkten. Die Effektgröße beträgt r = 0,48 und entspricht somit einem mittleren Effekt. Die Subkategorie „sozialisiert negativer Affekt“ ergab mit p = 0,031 eine signifikante Veränderung zwischen den Messzeitpunkten. Die Effektgröße beträgt r = −0,51. Die Subkategorie „positiver Affekt“ ergibt mit p = 0,002 eine signifikante Veränderung zwischen den Messzeitpunkten (r = 0,73), dies lässt auf einen großen Effekt schließen. Bei der Subkategorie „intensiv negativer Affekt“ lässt sich ebenfalls ein signifikanter Unterschied bestätigen (p = 0,001) und spricht mit r = −0,88 für einen großen Effekt. Die Subkategorie „realitätsfokussierte Antwort“ zeigte einen signifikanten Unterschied (p = 0,001) mit r = 0,86, entspricht wiederum einem großen Effekt. Für die Subkategorie „externalisierende Abwehr“ konnte keine signifikante Veränderung festgestellt werden (p = 0,509).
Interessant ist ebenso, dass für die Behandler:innen zum zweiten Messzeitpunkt die Korrelation einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen Mentalisierungsfähigkeit und Symptombelastung (p = 0,022, ⍴ = −0,536) ergab.
Anzeige
Fallbeispiel
Im Rahmen der Erhebung wurden auch Gespräche zwischen Klinikpersonal und Patient:innen auf Tonband aufgenommen, um die Mentalisierungsfähigkeit der teilnehmenden Mitarbeiter:innen zu beobachten. In einer der Aufzeichnungen reflektiert ein Proband (männlich, Arzt) gemeinsam mit einer Patientin ihre Alkoholsucht. Der Proband ist nicht der behandelnde Arzt der Patientin und kennt sie lediglich vom Flur der Station, weshalb das circa 20-minütige Gespräch primär dafür genutzt wird, die Patientin besser kennenzulernen.
Im Gespräch tätigt der Proband Fragen und Aussagen wie:
„Was hat Sie letztendlich dazu bewogen, dass Sie es jetzt doch probieren, hier stationär?“„Ich stelle mir das auch schwierig vor, für Sie als Mutter, wenn die Kinder, …“„Haben Sie das Gefühl gehabt, in diesen Phasen, in denen Sie Alkohol getrunken haben, dass Ihnen das auch irgendwie geholfen hat?“„Das klingt nach einer schwierigen Lebensgeschichte, das klingt nach vielen Baustellen, wo man gleichzeitig sein muss, das ist wie Brandlöschen.“
Das Gespräch ist geprägt von einer vorurteilsfreien Grundhaltung vonseiten des Arztes. Durch die reflexiven Fragen in Bezug auf den Konsum und die mitfühlenden Äußerungen in Bezug auf Schilderungen der Patientin schafft der Proband einerseits eine Grundlage dafür, die Mentalisierungsfähigkeit der Patientin zu erhöhen, und gibt ihr gleichzeitig zu verstehen, dass er ehrliches Interesse an der Person hinter der Sucht hat. Aus therapeutischer Sicht ist die intrinsische Motivation der Patientin, einen Entzug zu machen, relevant für die Prognose, gleichzeitig kann der Arzt durch die Frage nach den Beweggründen zum Entzug und dem Effekt des Trinkens eruieren, wie gut die Patientin ihre eigenen Handlungsabsichten versteht. Indem der Arzt kundtut, dass er sich gewisse Situationen schwierig vorstellt, und mit der Patientin teilt, wie ihre Erzählungen auf ihn wirken, erkennt man, dass der Arzt bemüht ist zu verstehen, welche Hürden neben den psychischen Erkrankungen und der Alkoholsucht für die aktuelle Situation der Patientin sorgen, und dass diese mitbedacht werden müssen bei der Behandlung.
An diesem Beispiel erkennt man, dass der Arzt bemüht ist, ein komplettes Bild der Patientin zu erhalten, um ihre Sucht zu verstehen, woher sie kommt, wieso die Patientin gewillt ist, diese zu therapieren, und welche Hürden bei diesem Prozess zu bewältigen sind.
Diskussion
Die Stichprobe der Studie war mit N = 20 sehr klein, was die Aussagekraft der Ergebnisse selbstverständlich verringert. Die erkennbare Tendenz, dass eine Auseinandersetzung mit Mentalisierung zu einer Verbesserung der eigenen Mentalisierungsfähigkeit und Affektwahrnehmung führt, zeigt jedoch, wie wichtig der Diskurs darüber ist, welche Fähigkeiten abseits der fachlichen Expertise zu einem Behandlungserfolg beitragen.
Dass eine gute Mentalisierungsfähigkeit mit hoher Selbstwirksamkeit zusammenhängt, steht außer Frage
Interessant für weitere Forschungsprojekte wäre, inwiefern die Mentalisierungsfähigkeit von klinischem Personal messbare Auswirkungen auf den Behandlungserfolg, die Dauer des stationären Aufenthalts und die Wiederaufnahme der Patient:innen hat. Klar ist, dass Mentalisierung jede Situation bewusst oder unbewusst prägt, sie ist immer da. Dementsprechend ist es unumgänglich, ihr den nötigen Raum und die nötige Beachtung im klinischen Arbeiten zu geben, damit sie ihr volles Potenzial zugunsten der Genesung der Patient:innen und der Zufriedenheit des Personals ausschöpfen kann (vgl. [2, 3]).
Die noch laufende Studie widmet sich einem sehr relevanten Thema im Bereich der klinischen Psychotherapie: der psychischen Gesunderhaltung und Professionalisierung von medizinischem Fachpersonal (vgl. [1]). In einer Zeit, in der Burn-out und emotionale Erschöpfung im Gesundheitswesen zunehmen, ist die Untersuchung von Interventionen, die die Resilienz und Reflexionsfähigkeit von Mitarbeitenden stärken, von hoher gesellschaftlicher und klinischer Relevanz.
Anzeige
Die Interaktion bestimmt den Behandlungserfolg
Es ist wichtig, das Gegenüber verstehen zu wollen, die Sorgen, Ängste, Motive, Wünsche, Ideen und (frühere) Handlungen nachzuvollziehen, um ein tiefgreifendes Verständnis für die Situation des Patienten bzw. der Patientin zu entwickeln. Auf Basis dieser Erkenntnisse ist es möglich, die Qualität der Behandlung zu verbessern und für alle beteiligten Personen sowohl einen beruflichen als auch persönlichen Mehrwert zu schaffen.
Auch im Bereich der Selbstfürsorge für Mitarbeitende im klinischen Bereich ist die Mentalisierungsfähigkeit wichtig. Durch den konstanten Prozess der Selbstmentalisierung und subjektiven Affektwahrnehmung können persönliche Themen wie Überarbeitung, Abgrenzung, fachliche Expertise, Wünsche nach Veränderungen etc. erkannt und umgesetzt werden. All das hat einen positiven Effekt auf das berufliche und persönliche Leben.
Fazit für die Praxis
-
Es ist wichtig, das Gegenüber verstehen zu wollen.
-
Durch den konstanten Prozess der Mentalisierung und Affektwahrnehmung kann fachliche Expertise umgesetzt werden.
-
Affektregulation und Mentalisierung sind eng miteinander verknüpft.
-
MBT-Training verhilft Professionalisten zu adäquater Bedeutungsgebung hoch oder komplex affektgeladener Situationen.
Anzeige
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
D. Grafenberger und H. Löffler-Stastka geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.