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Ärzte Woche

07.09.2020 | Massage | Ausgabe 37/2020

Liedler-Konzept

Das bewegte Gewebe

Autor:
Michaela Liedler

In diesem Auszug des Buches „Peritoneale Adhäsionen“ werden der Therapieansatz, die Ziele und die unterschiedlichen Behandlungsebenen des Liedler-Konzeptes beschrieben. Die Unterschiede der faszialen Behandlung von peritonealen Adhäsionen zu anderen Narbentherapien werden beleuchtet.

Das Liedler-Konzept umfasst einen mehrschichtigen Therapieansatz. Dieser zielt nicht allein darauf ab, die Mobilität im betroffenen Gewebe zu erhöhen bzw. wiederzuerlangen, damit das benachbarte und periphere Umfeld bei Bewegung unbeeinflusst bleibt. Der Ansatz verfolgt noch weitere wichtige Schritte und Aspekte. Dazu zählen:

  • Die Umstrukturierung des Narbengewebes, der peritonealen Adhäsionen und faszialen Verklebungen von starren, unflexiblen zu weichen, harmonischen, verformbaren Strukturen, die sich anpassen und wieder in die Ausgangslage zurückkehren können.
  • Das Wiederherstellen bzw. Verbessern der Gleitflächen zwischen den oberflächlichen und tiefen Faszienschichten, um die Fähigkeit des Gewebes zu erhöhen, sich an unerwartete Veränderungen anzupassen.
  •  Das Wiederherstellen bzw. Verbessern der peritonealen Gleitflächen, um die Mobilität und Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Bauchraumes im bestmöglichen Umfang wiederherzustellen.
  • Die Mobilisierung von verklebten Gewebeschichten, um die Versorgung des Gewebes zu verbessern, damit genug Energiezufuhr für Ruhe und Aktivität gewährleistet ist.
  • Das Wiederherstellen des physiogischen Bewegungsumfanges der angrenzenden, großen Gelenke sowie das Eingliedern der Narbe, der peritonealen Adhäsionen und faszialen Verklebungen in das betroffene Körperareal und in den restlichen Körper, um Schonhaltungen und Kompensationsmechanismen aufzulösen bzw. zu minimieren oder ihnen präventiv entgegenzuwirken.

Die Ebenen der Narbenbehandlung

In der direkten körperlichen Behandlung des Patienten lassen sich drei Ebenen unterscheiden. Diese variieren in Dichte, Widerstand und in ihrer Reaktion auf die Therapie: - Narbengewebe – Palpierbares Gefühl: Dicht und kompakt, wenig bis keine Elastizität; Therapie: Langsame Veränderung, braucht mehr Zeit

  • Verklebungen auf faszialer Ebene – Palpierbares Gefühl: Dichter und kompakter Widerstand; Therapie: Schnelle Veränderung und Nachlassen des Gewebewiderstandes durch manuelle Impulse
  • Peritoneale Adhäsionen – Palpierbares Gefühl: Dichter, harter, ligamentartiger Widerstand („Seile“), je nach Ausprägung auch als dichter, flächiger Widerstand im Gewebe wahrnehmbar; Therapie: Je nach Dichte schnelle und langsame Veränderung möglich, teilweise kräftige Impulse nötig

Daneben sollte als vierte Ebene an die psychisch-emotionale Komponente gedacht werden. So ergibt sich über die direkten faszialen Techniken einerseits das Behandeln der realen Gewebebarriere, andererseits können diese bestehenden Spannungszüge im Narbengebiet mit einem traumatischen Erleben der Operationssituation gekoppelt sein. Als Folge entsteht zusätzlich zur anatomischen Barriere eine emotionale Barriere im Patienten. Das heißt, Reize, die auf die bestehende Narbenspannung und das betroffene Gewebe einwirken, können im Zuge eines traumatischen Erlebnisses immer wieder zu überschießenden, emotionalen Reaktionen des Patienten führen.

Ein minimaler Reiz oder therapeutischer Impuls kann beim Bestehen eines Traumas potenziell eine maximale emotionale Reaktion des Patienten verursachen. Aus diesem Grund orientieren sich Intensität und ausgewählte Technik im Bedarfsfall immer an dieser emotionalen Grenze.

Aus der Praxis

Patientin A., 34 Jahre: „Unglaublich, am ersten Tag nach der Behandlung hat mir zwar alles wehgetan, aber die Rückenschmerzen, die mich jetzt schon seit Jahren begleiten und mit denen ich jeden Tag in der Früh aufgewacht bin, waren zwei Tage nach der Behandlung nach dem Liedler-Konzept weg – und sind seither nicht wiedergekommen!“

Symptome: Seit Jahren bestehender, chronischer Rückenschmerz, Schmerz über den linken Bauch ziehend bis unter den linken Rippenbogen – OP: Kaiserschnitt – Befund:  Die Narbe war von außen gesehen weiß und oberflächlich gut beweglich. Die linke Narbenseite wies in der Tiefe deutliche seilartige Adhäsionen im Bereich des Ileums auf, nach kranial ziehend entlang der viszeralen Midline bis zum linken Rippenbogen. Die Elastizität war vermindert und die Mobilität des linken Hüftgelenks bei gleichzeitiger Fixierung der Narbe eingeschränkt und stark schmerzhaft. Die Ausdehnung der Atmung war nach kaudal und im Becken deutlich eingeschränkt. Therapie: Behandlung der tiefen Adhäsionen und Verklebungen, einschließlich der anterioren viszeralen Midline bis unter den Rippenbogen. Ergebnis: Bereits nach der ersten Behandlung hatte die Patientin keinen Rückenschmerz mehr. Das Ziehen im linken Bauch war deutlich reduziert.

Ziele des Liedler-Konzeptes: Das Konzept fußt vor allem darauf, durch direkte, intermittierende und pendelnde manuelle Zugimpulse die peritonealen Adhäsionen und fasziale Verklebungen gezielt aufzubrechen und die Mobilität der Gewebegleitschichten zueinander wiederherzustellen. Durch das Lösen dieser Adhäsionen werden Mikro-Risse produziert und Entzündungsprozesse aktiviert, die es dem Gewebe ermöglichen, sich zu reorganisieren und neu auszurichten. Dabei geht es um die konkrete Beeinflussung von Bindegewebe, der tiefen und oberflächlichen Faszienschichten, der Apoptose bzw. Veränderung von Fibroblasten, Myofibroblasten und Kollagenstrukturen, sowie um die gezielte Umstrukturierung von Extrazellulärer Matrix und Fokalen Adhäsionen; allesamt Gewebebestandteile, die sowohl in faszialen Verklebungen als auch in peritonealen Adhäsionen zu finden sind.

Ziel ist, dauerhaft die Gewebemobilität und das Gleiten von Gewebeschichten wiederherzustellen. So kommt es durch die Manipulationen zur Aktivierung von Mechanismen, welche die Sekretion von Peritonealflüssigkeit und Hyaluron fördern und die für das Gleiten der Gewebeschichten essenziell sind. Durch das Wiederherstellen der oberflächlichen und tiefen Gleitmechanismen der Gewebeschichten im Bauchraum bei gleichzeitiger Abnahme der Gewebespannung wird die Mobilität im betroffenen Areal gefördert und wirkt sich positiv auf das Umfeld aus.

Beobachtungen aus der Praxis belegen, dass die erhöhte Flexibilität und Mobilität im Operationsfeld zeitgleich zu einer Entspannung des restlichen Körpers führen. Die Folge ist eine Abnahme der kompensatorischen Spannung im gesamten Körper. Chronische Verspannungen der Schultern, des Rückens, im Kopf und speziell im Kiefergelenk verringern sich oder verschwinden gänzlich. Nicht zuletzt kann sich die Atmungsbewegung wieder in die betroffenen Gebiete ausdehnen, was zu einem verbesserten Spannungsausgleich im Körper führt.

Die Erfahrungen aus der Praxis haben zusätzlich gezeigt, dass die gewonnene Mobilität langfristig erhalten bleibt. Warum aber kommen die peritonealen Adhäsionen und faszialen Verklebungen nicht wieder? Eine mögliche Erklärung ist, dass durch die Liedler-Techniken lediglich Mikro-Rissen im Gewebe passieren. Normale Alltagsbewältigungen und Aktivitäten des Patienten werden davon nicht beeinträchtigt, sodass der Körper die gewonnene oberflächliche und tiefe Bewegungsfreiheit in Verbindung mit dem Spannungsabbau nachhaltig und dauerhaft erhalten und wieder in das Körpersystem einbauen kann.

Abgrenzung zu anderen Konzepten

Die meisten Methoden legen ihren Behandlungsfokus hauptsächlich auf die oberflächlichen Gewebeschichten. Dabei geht es ihnen in erster Linie um das Entspannen dieser Gewebeschichten. Dafür machen sie sich die viskoelastischen Eigenschaften des Gewebes zunutze. Durch länger anhaltende Zug- und Druckreize kommt es zu einer Detonisierung der Muskulatur sowie zu einer Entspannung und Verlängerung des Bindegewebes. Die lokale Spannung im Gewebe lässt dabei nach.

Das kann einerseits bei gleichbleibender Gewebelänge passieren, andererseits auch durch eine Anpassung im Sinne einer Gewebeverlängerung stattfinden, wodurch der Bewegungsausschlag vergrößert wird (Van den Berg 2014b). Zusätzlich werden diese oberflächlichen Gewebeschichten bis knapp an die Bewegungsgrenze mobilisiert, wobei sich diese Grenze an Schmerzfreiheit bzw. einem leichten Ziehen orientiert, um die Stärke der Technik zu bestimmen. Es wird bei sanften Reizen eine Gewebeanpassung mittels Kollagenase beschrieben (Van den Berg 2014a), die auch bei der Anwendung des Myofaszialen Release (MFR) beobachtet wird. So fördern die sanften Techniken eine Reduktion von Spannung im Gewebe, die mit einer Entspannung des lokalen und umliegenden Gewebes einhergeht, wodurch sich einzelne Bestandteile der Narbe und des Bindegewebes sowohl umstrukturieren als auch reorganisieren lassen. Durch das Lösen von Triggerpunkten und lokalen pathologischen Cross-Links im Narbenbereich wird die Beweglichkeit des Gewebes lokal gefördert und gesteigert. Das Gehirn kann das betroffene Areal über periphere und neurale Verschaltungen anders wahrnehmen, wodurch sich dazugehörige pathologische Feed-Back-Loops verändern (Chamorro Comesaña et al. 2017; Fernández-de-las-Peñas und Dommerholt 2014; Stöckl 2019a).

Im Vergleich zum Liedler-Konzept zeigen sich hier einige Defizite. So können Narben, die oberflächlich frei beweglich erscheinen, in der Tiefe peritoneale Adhäsionen und in den tiefen Faszienschichten feste Verklebungen aufweisen, die unbemerkt bleiben, jedoch Verspannungen und Schmerzen im restlichen Körper auslösen (Liedler 2017).

Leider findet sich kaum Literatur, in der eine konkrete Beeinflussung von peritonealen Adhäsionen, faszialen Verklebungen, die Wiederherstellung der Gleitschichten bzw. Förderung und Anregung der Sekretion von Hyaluron oder Peritonealflüssigkeit in Zusammenhang mit Narben, faszialen Verklebungen oder peritonealen Adhäsionen beschrieben wird. Auch in den diversen Ausbildungsstätten für Osteopathie, Physiotherapie oder Massage werden im Lehrunterricht diese Aspekte kaum berücksichtigt.

Wodurch zeichnet sich das Liedler-Konzept nun im Unterschied zu anderen Narbenbehandlungskonzeptes speziell aus? – Ganz simpel: durch die richtige Tiefe, den konkreten Fokus, durch Traktion als Impuls der Technik, das gezielte Aufbrechen von faszialen Verklebungen und peritonealen Adhäsionen, das Einbeziehen der betroffenen Gleitschichten und der umliegenden Gelenke.

In Zusammenhang mit dem Liedler-Konzept zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass gerade das Erreichen der richtigen Tiefe im Gewebe, der richtigen Gewebegleitschicht und der Fokus auf peritoneale Adhäsionen entscheidend für den Therapieerfolg postoperativer Narben und Adhäsionen ist. So zeigte sich in der Studie von Liedler (2017), dass in der Gruppe B, wo im Zuge der zwei Behandlungen nur die oberflächlichen Gewebeschichten der Narbe bearbeitet wurden, vereinzelt Verschlechterungen des Oswestry Disability Index (ODI) in den Kategorien Schmerzintensität, Sitzen und Heben auftraten, während dies in der Gruppe A mit dem Fokus auf die tiefen Schichten nur einmal vorkam. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass in diesen Fällen die Spannung von oberflächlichen Narbenzügen als kompensatorische Reaktion auf tiefere Spannungszüge bzw. peritoneale Adhäsionen gewirkt hatte. So wurden die peritonealen Adhäsionen über die Spannung der oberflächlichen Gewebeschichten ausbalanciert. Ein Auflösen der oberflächlichen Narbenzüge hatte dann das kompensatorische Spannungsgleichgewicht gestört und in Folge Schmerzen verursacht.

Fokus genau lenken

Der Schlüssel liegt darin, den Fokus so konkret und genau zu lenken, dass die verklebten Gewebegleitschicht/-en erreicht und gegriffen wird/werden können, die den Bewegungsradius der betroffenen Körperareale und der umliegenden Gelenke zu dem Zeitpunkt am meisten einschränkt/-en und beeinträchtigt/-en und eine entspannte Bewegung verhindern. So werden bei der Durchführung der Liedler-Techniken einerseits die faszialen Verklebungen und/oder peritonealen Adhäsionen fokussiert und andererseits gleichzeitig in Bezug zu den dazugehörigen Gewebegleitschichten gesetzt, die die Bewegung verhindern.

Über das Lösen der Gleitschichten, das in Korrelation mit der Veränderung der peritonealen Adhäsionen und faszialen Verklebungen passiert, werden die Mobilität und Flexibilität des lokalen Gewebes und die dazugehörigen Gewebegleitschichten nachhaltig verbessert, wiederhergestellt und die damit zusammenhängenden Kompensationmechanismen im restlichen Körper abgebaut.

Ein markanter Unterschied zu anderen Narbentechniken besteht darin, dass der Impuls der Liedler-Techniken primär über Traktion und nicht über die Ausübung von Druck ausgeführt wird. Da sich bei gesundem Bindegewebe das Ende des physiologischen Bewegungsumfanges über eine physiologische Endelastizität auszeichnet (Levin 2018), erkennt der Therapeut pathologische Gewebebarrieren anhand von plötzlich auftretenden harten Bewegungsgrenzen (Fourie 2014).

Michaela Liedler ist Physiotherapeutin und Master in Osteopathie. Sie ist in einer eigenen Praxis tätig und Dozentin im Bereich der Therapie von peritonealen Adhäsionen.

Weitere Informationen:

https://michaelaliedler.at

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