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Lungenkrebs in Zeiten der Pandemie

Autor: Mag.a Alice Kment

© mustafagull © mustafagull

Corona brachte spätere Diagnosen und schwerere Lungenkrebsfälle zutage. So kam es zu 42 Prozent weniger Neudiagnosen, bei den diagnostizierten Neuerkrankungen handelt es sich nach Beobachtungen von ExpertInnen um fortgeschrittene Erkrankungen.

Lungenkrebs ist eine der häufigsten Krebstodesursachen sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Die Erkrankung versursacht erst im fortgeschrittenem Stadium Beschwerden. So ist die Diagnose oft ein Zufallsbefund bei der Abklärung anderer Erkrankungen oder Operationen. Die Corona-Pandemie hat die Situation zusätzlich verschärft: So kam es zu 42 Prozent1 weniger Neudiagnosen, bei denen es sich nach Beobachtungen von ExpertInnen um fortgeschrittene Erkrankungen handelt. Dabei wäre eine frühzeitige Diagnose im doppelten Sinne wichtig: Je früher die Therapie starten kann, desto besser die Überlebensprognose. Darüber hinaus können nun frühzeitig Medikamente zum Einsatz kommen, die eine Rezidivierung der Erkrankung verhindern könnten.

42 Prozent weniger Neudiagnosen


Nachteilig hat sich auch die Corona-Pandemie auf die Inanspruchnahme von Versorgungsangeboten ausgewirkt: „Unser Versorgungsangebot ist während der Pandemie unverändert geblieben, die Inanspruchnahme ist aber gesunken. In den letzten Jahren hatten wir in Krems einen stetigen Zuwachs an Neudiagnosen. Im Jahr 2020 kam es aber im Vergleich zum Jahr 2019 zu einem Rückgang von 42 Prozent“, führt Prim. Assoc. Prof. Dr. Peter Errhalt, Leiter der Klinischen Abteilung für Pneumologie am Universitätsklinikum Krems aus. Die Gründe sieht der Experte vor allem in einem Rückgang weniger dringlicher Eingriffe oder geplanter Operationen, daher auch in einem Rückgang an „Zufallsbefunden“. Einen anderen Grund ortet er im Pandemiegeschehen selbst: „PatientInnen gaben an, speziell im ersten Lockdown, aus Angst vor einer Ansteckung mit COVID-19 das Krankenhaus gemieden zu haben. Eine Folge daraus ist, dass es vermutlich mehr fortgeschrittene Erkrankungen gibt.“ Dies wirkt sich wiederum nachteilig auf den Krankheitsverlauf aus: „Es scheint sich eine leichte Tendenz dahingehend abzuzeichnen, dass nach den ersten beiden Wellen der COVID-Pandemie vermehrt PatientInnen in späteren Stadien der Erkrankung vorstellig wurden. Die Überlebenswahrscheinlichkeit korreliert eindeutig mit dem Stadium der Erkrankung. Je früher PatientInnen vorstellig werden, desto besser sind die Therapieerfolge“, erläutert Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie, Klinik Floridsdorf und Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und Pneumologische Onkologie.

Die Zurückhaltung der PatientInnen hinsichtlich medizinischer Inanspruchnahme bei offenbar nicht lebensbedrohlichen Beschwerden kann auch die Lungenunion bestätigen: „Die PatientInnen und deren Angehörigen berichten uns, dass sie aus Angst vor einer Ansteckung oft zuhause geblieben sind und Termine nicht wahrgenommen haben bzw. auch von den Institutionen teilweise sogar darin bestärkt worden sind, zu Hause zu bleiben. Gerade bei Lungenkranken hat das verheerende Folgen, denn eine frühe Diagnose kann viel Leid ersparen“, erklärt Gundula Koblmiller, Vorstandsmitglied der Österreichischen Lungenunion.

Vorsorge und Früherkennung sind wichtig


Trotz guter innovativer Therapien steigt die Sterblichkeit bei Lungenkrebs mit der Zunahme des Tumorstadiums. Umso wichtiger ist die Vorsorge, um Lungenkrebs frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, darin sind sich alle drei ExpertInnen einig: „Vorsorge und Frühdiagnose sind das Um und Auf. Wir fordern PatientInnen auf, auch in Pandemiezeiten zur Vorsorge zu gehen und eventuell auftretende Symptome, wie zum Beispiel einen langanhaltenden Husten, abklären zu lassen“, so Koblmiller. Prim.  Valipour plädiert für die Installation eines umfassenden Früherkennungsprogrammes für HochrisikopatientInnen. „Personen mit erhöhtem Risiko für Lungenkrebs sollten großzügig einer low-dose-CT zugeführt werden, vor allem, wenn anhaltende respiratorische Beschwerden in der Anamnese bestehen.“ Prim. Errhalt geht noch einen Schritt weiter und fordert: „Früherkennung wäre wichtig. Ich wünsche mir für die Lungenkrebstherapie in 10 Jahren jedoch, dass bereits jetzt in Entwicklung befindliche Screeningprogramme mit State-of-the-Art Screeningparametern ausgestattet werden.“

Neue Therapien geben Anlass zur Hoffnung


Neue, zielgerichtete Therapien können schon frühzeitig eingesetzt werden und somit die Rezidivraten erheblich reduzieren. „Lungenkrebs ist nach wie vor mit einer hohen Sterblichkeit verbunden. Moderne Behandlungsmöglichkeiten erlauben uns jedoch, Betroffenen Lebensqualität und Lebensjahre zu schenken. So haben auch zielgerichtete Therapien in der jüngsten Vergangenheit die Behandlung von Lungenkrebs revolutioniert. Voraussetzung ist die entsprechende Verfügbarkeit von molekularer Diagnostik und eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit“, so Prim.  Valipour. Das bekräftigt auch Prim. Errhalt abschließend: „In den letzten Jahren gab es einen großen Innovations-Schub durch viele Entwicklungen im Bereich der "zielgerichteten" Therapien. Da die Sterblichkeit mit Zunahme des Tumorstadiums steigt, ist es wichtig, diese zielgerichteten Therapiemöglichkeiten schon in einem frühen Stadium einzusetzen.“

Referenz:
1.)  Quelle: Erhebung und Daten aus dem Universitätsklinikum Krems (Vergleichsraum: Jänner bis Oktober 2019: 280 neue PatientInnen (Erstdiagnosen). Jänner bis Oktober 2020: 197 neue PatientInnen)

Quelle: Pressemitteilung des Karl Landsteiner Institut für Lungenforschung und Pneumologische Onkologie vom 10. September 2021
Lungenkrebs in der Pandemie © Uta Müller-Carstanjen, FINE FACTS Health Communication

v.l.n.r.: Dr. Maher Najjar; Gundula Koblmiller; Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour; Prim. Assoc. Prof. Dr. Peter Errahlt

Bildnachweise
Diagnose auf Radiographen/© mustafagull