Letschert im Lenz? Ein müder Mythos
- 09.03.2026
- Leben
- Zeitungsartikel
Die Frühlingsmüdigkeit ist weit verbreitet – doch Forscher zeigen: Das Phänomen ist eher kulturell geprägt als biologisch real.
Der Geist ist willig, doch der Körper zieht nicht mit.
Lilly Tomec / dieKLEINERT / picture alliance
Kaum werden die Tage länger, taucht ein altbekannter Begriff wieder auf: Frühlingsmüdigkeit. Viele Menschen klagen im März und April über Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und Antriebslosigkeit. Eine neue Studie aus der Schweiz legt jedoch nahe, dass das Phänomen möglicherweise vor allem im Kopf existiert.
Schweizer Forschende untersuchten, ob Menschen im Frühling tatsächlich müder sind als zu anderen Jahreszeiten. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Daten zeigen keinen Hinweis darauf.
Die Studie basiert auf einer Online-Befragung von 418 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Über ein Jahr hinweg – ab April 2024 – wurden sie alle sechs Wochen nach ihrem Befinden gefragt. Sie sollten angeben, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten, wie stark ihre Tagesmüdigkeit war und wie gut sie geschlafen hatten. So entstand ein Datensatz, der alle Jahreszeiten abbildet.
Zu Beginn der Untersuchung erklärte etwa die Hälfte der Befragten, sie leide unter Frühlingsmüdigkeit. Wenn dieses Gefühl ein biologisches Muster hätte, müsste es sich in den Daten zeigen. Doch genau das geschah nicht.
Weder die einzelnen Monate noch die Jahreszeiten machten einen messbaren Unterschied. Auch die Geschwindigkeit, mit der die Tage länger wurden – ein möglicher Stressfaktor für die innere Uhr –, spielte keine Rolle für das Erschöpfungsempfinden.
Für die Forschenden deutet diese Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Messdaten auf ein kulturelles Phänomen hin. Der Begriff Frühlingsmüdigkeit ist fest im Alltagswissen verankert.
Wer sich im Frühjahr müde fühlt, greift deshalb schnell auf diese Erklärung zurück. Das verstärkt wiederum die Aufmerksamkeit für das eigene Energielevel und bestätigt den Eindruck.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Mit den ersten warmen Tagen steigen die Erwartungen an die eigene Aktivität. Man will rausgehen, Sport treiben, Freunde treffen, den Frühling genießen. Wenn der Körper dabei nicht mitzieht, entsteht eine Lücke zwischen Anspruch und Realität.
Die Diagnose Frühlingsmüdigkeit liefert eine bequeme Erklärung – gesellschaftlich akzeptiert und ohne weiteren Rechtfertigungsdruck.
Chronobiologische Erkenntnisse sprechen sogar für das Gegenteil. In der dunklen Jahreszeit fühlen sich viele Menschen tatsächlich müder und schlafen etwas länger. Die innere Uhr verlängert im Winter gewissermaßen die biologische Nacht.
Wenn im Frühjahr mehr Tageslicht zur Verfügung steht, sollte der Organismus eigentlich in Schwung kommen. Ein Blick auf den Sommer bestätigt diese Logik: Dann schlafen viele Menschen sogar weniger – bleiben länger draußen, treffen Freunde, nutzen die langen Abende. Trotzdem steigt das Erschöpfungsniveau nicht.
Wer sich im Frühling dennoch schlapp fühlt, muss nicht gleich an ein saisonales Syndrom glauben. Die Empfehlungen der Forschenden sind bodenständig: viel Tageslicht, Bewegung und ausreichend Schlaf. Und vielleicht auch ein wenig Skepsis gegenüber einem Begriff, der sich seit Jahrzehnten hartnäckig hält – obwohl die Wissenschaft ihn bislang nicht bestätigen kann.