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14.02.2019

Tantra

La petite mort

Autor:
Sandra Tod

Der „kleine Tod“ ist ein Synonym für den Orgasmus und verweist auf den kurzzeitigen Verlust von Kontrolle. Im Tantra – einem tibetisch buddhistischen Erleuchtungsweg – wird dieser Bewusstseinsverlust mit dem Sterben verglichen. Die Parallelen zur Sexualtherapie eröffnen interessante Erklärungsmodelle für entspanntes Leben, Lieben und Sterben.

Sexualität ist in unserer westlichen Kultur oft die einzige Meditationsform, in der wir in unserem Alltag zur Ruhe kommen. Allein oder zu zweit. Im Verliebtsein erleben wir dieses Zusammensein oft intuitiv tantrisch – also ohne vorgefasste Meinung den anderen betreffend, das Hier und Jetzt mit allen Sinnen genießend und voller Freude dem Leben gegenüber.

Tantrische Qualitäten

Tantra ist eine spezielle buddhistische Form der Meditationspraxis, die Körper, Atmung und Geist miteinander verwebt und gleichzeitig darauf abzielt, die fünf Hauptstörgefühle wie Stolz, Zorn, Anhaftung, Neid und Verwirrung zu transformieren. Diese lebensbegleitende Praxis hat per se nichts mit Sexualität zu tun. Man kann den Weg auch völlig ohne gelebte Sexualität erfahren. Bewusst und positiv erlebte Sexualität hat aber eben genau mit diesen tantrischen Qualitäten zu tun – nämlich den Körper, die Atmung und den Geist bewusst genießen zu können, ohne von Störgefühlen abgelenkt zu werden.

Im Osten geht man davon aus, dass Störgefühle in den Energiezentren abgespeichert sind und dort zu Blockaden führen können. Diese Energiezentren entsprechen unseren Reflexzentren in der Wirbelsäule. Regelmäßige Meditation führt zu einer Erfahrungsweisheit, die Blockaden auflösen kann und in innere Reichtümer umwandelt, die dann durch freundlichen und freudvollen Umgang mit anderen zu einem angenehmen Leben führen.

Die Logik des Systems

Unsere Lebensenergie dient dazu, den Körper zu aktivieren: Anspannung und Entspannung – Rhythmus oder Stille – tiefe oder flache Atmung. Je nach Mischung dieser Elemente kann der Körper dann den Raum im Leben einnehmen, den er gerade benötigt.

Der Orgasmus ist ein Reflex. In der Medulla oblongata werden die Reflexe ausgelöst und die Reflexbögen betreffen immer alle drei Hauptreflexbögen:

  • die Halsschaukel beim Niesen,
  • die Herzschaukel beim Husten  und Lachen und
  • die Beckenschaukel beim  Orgasmus

Nur bei hoher Intensität wird es spürbar, dass immer alle drei Zentren reflektorisch aktiviert werden .

Auslösung des Orgasmusreflexes

In einer sexuellen Vereinigung kann sich die Lebensenergie sehr spielerisch ausdrücken, sich wohlfühlen, sich bewegen, tief atmen – wie beim Tanzen. Wenn dann der Orgasmusreflex ausgelöst werden soll, kommt der sogenannte archaische Modus ins Spiel. Dieser Modus, der uns angeboren ist, nützt extreme Anspannung in allen Reflexzonen des Körpers, um zu einer Entladung zu kommen, was dann durch den mechanischen Modus, also durch die zusätzliche Reibung meist zur Auslösung des Orgasmusreflexes führt. Diese orgastische Entladung ist für viele Menschen eine wunderbare Möglichkeit, die Erregung abzubauen. Der „kleine Tod“ kann somit als das befreiende Loslassen nach dem Spannungsaufbau verstanden werden.

Manchmal ist ein sehr angespannter Modus der Grund, warum Menschen in die Beratungsstunde kommen. Symptome sind hier meistens fehlende Libido, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, vorzeitiger Samenerguss oder eine erektile Dysfunktion. Die große Anspannung des Körpers kann zu einer Einschränkung der Lebensenergie führen. Der Rhythmus wird eingestellt, die Atmung oft angehalten. Der Körper ist also wie in einer Art „Todesstarre“ gefangen.

Es wird ein Erregungskanal gebildet, der sehr schmal ist, ein wenig so, wie der berühmte Tunnel mit Licht bei den Nahtoderfahrungen. Die Anspannung kann so groß sein, dass der Körper mit einem Muskelkater reagiert. Durch die massive Anspannung spürt der Körper auch nicht mehr so viel. Braucht intensivere Berührungen. Jede kleinste Abweichung von dem eintrainierten Ritual kann zum Scheitern des Projektes führen. Oft ist schon die andere Hand, die für den externen Rhythmus gebraucht wird, nicht fähig, den engen Erregungskanal aufrecht zu halten. Kleine Störungen von außen wie ablenkende Geräusche oder unangenehme Musik wirken leicht irritierend.

Innere Bilder, Fantasien werden entwickelt, um dem Körper zu helfen, den Orgasmusreflex auslösen zu können. Der große Erfolg von „Shades of Grey“ ist gut damit zu erklären, dass für viele Menschen der archaische Modus zur Entladung der Erregung genützt wird. Das bewusste Übernehmen der Kontrolle von „Christian Grey“, um endlich aus der kontrollierten Anspannung zu kommen, ist oft hilfreich. Manchmal können ausgefallene Worte, die sonst strikt verboten sind, im Gehirn den ersehnten Orgasmusreflex auslösen.

Durch den archaischen Modus ist der Körper in einer ganzkörperlichen Anspannung wie gefangen. Die Muskeln sind angespannt und dadurch braucht der Körper kräftigere Berührungen. Oft wird zärtliches Streicheln in diesen Momenten als inadäquat und störend empfunden, was oft zu Missverständnissen in der Partnerschaft führen kann.

Der „kleine Tod“ ist also vielleicht die lang ersehnte Erlösung aus dem archaischen Modus.

Wellenförmiger Modus forcieren

Im Tantra und in der Sexualtherapie wird ein wellenförmiger Modus genützt. Er wird durch die Praxis der „Verbeugungen“ trainiert. Diese Meditation ist die erste Grundübung und dient dazu, den Körper von einem schwierigen Herrn in einen gesunden Diener zu verwandeln. Denn man kann nur für andere da sein, wenn man selbst gesund ist und nicht leidet. Durch stolz angepeilte 111.111-Wiederholung ist die Chance groß, eine gut trainierte Wirbelsäule und einen fitten Körper zu entwickeln. Die Wirbelsäule wird langsam fähig, sich wie eine dynamische Schlange zu bewegen – diese Energie wird auch „Kundalini“ genannt.

In der Sexualtherapie wird genau diese Bewegung forciert. Die Reflexzentren werden dadurch in Schwingung gebracht und der Körper ist in einer dynamischen Bewegung, die auch die Lebensenergie gut im Körper verteilen kann. Eine „Ganzkörperschaukelbewegung“ – wenn man schaukeln möchte, ist es notwendig, nicht nur das Becken zu bewegen. Es ist auch nötig, den Brustkorb zu dehnen, Schwung zu holen und auch Hals und Kopf mitzubewegen. Wir sprechen dann vom wellenförmigen Modus.

Sexuelle Selbstsicherheit entwickeln

Sowohl im Tantra als auch in der Sexualtherapie geht es auch um das Lösen von Blockaden, Glaubensmustern und dem Vermitteln von Wissen. Der wichtigste Prozess in beiden Schulen ist das Entwickeln der Selbstliebe. Das Bewusstsein, dass in jedem Menschen die Buddhanatur angelegt ist und durch die Befreiung von den Schleiern das ganze Potenzial zur Verfügung stehen kann.

Die daraus resultierende (sexuelle) Selbstsicherheit führt dann vom „orgastisch sein“, im Sinne von der Kunst einen Orgasmusreflex auslösen zu können, zum „orgasmisch sein“, also dem Gefühl der Hingabe und dem bewussten Wahrnehmen des Fließens der Sexualenergie in jeder Zelle des Körpers. Losgelöst von Erwartungshaltung, einfach das Genießen im Hier und Jetzt. – Ein Gefühl der Verschmelzung und des „all-eins-sein“ mit allem.

Tod – der Höhepunkt des Lebens

Wer der tibetischen Idee folgt, ist auf dem schnellsten Weg zur Erleuchtung. Durch die Verbeugungen, die Transformation der Störgefühle und die Mantren für das bewusste Sterben, ist Körper und Geist ideal vorbereitet, um dem Tod entspannt entgegenzusehen. Ähnlich wie der tantrische Orgasmus kann dann ein sinnvoll und bewusst gelebtes Leben auch im Sterben der Höhepunkt des Lebens sein.

Auch die Sexualtherapie nach Approach Sexocorporelle ist durch den körperorientierten Focus ein dynamisches Modell, das rasch zu einer Persönlichkeitsentwicklung führt („klinische Sexologie nach Approach sexocorporell“ www.ZISS.ch) . Freudvolle Anstrengung durch regelmäßiges Training, allein oder zu zweit, ist aber unumgänglich, um Körper, Psyche und Partnerschaft gesund zu halten.

Quelle: 

Vortrag im Rahmen des 30. Menopausenkongresses, 6. bis 8. Dezember 2018, im Austria Trend Hotel Savoyen in Wien

Weitere Informationen:

www.doktortod.com

www.bewusstseinsmedizin.at

 

Das Sexocorporel-Konzept

Damit Männer und Frauen die Qualität ihres Sexuallebens mit geeigneten Lernschritten verbessern können, muss zunächst ihr Erregungsmodus (EM) evaluiert werden. Im

Folgenden sind fünf Arten der Erregungssteigerung kurz zusammengefasst:

Archaischer EM
Wird bereits bei Säuglingen (ab 4.–5. Monat) beobachtet. Dieser Modus funktioniert über Stimulation propriozeptiver Rezeptoren in der Genitalgegend und ermöglicht auch eine rasche orgastische Entladung. Er wird häufiger von Frauen praktiziert. Erregt sich ein Mann etwa einzig in diesem Modus, werden häufig Ejakulations- und Erektionsprobleme während des Geschlechtsverkehrs beobachtet. Frauen berichten öfters über Orgasmusprobleme oder Schmerzen durch Verspannung des Beckenbodens.

Mechanischer EM
Erregungssteigerung mit mechanisch rhythmischen Bewegungen. Wird häufiger von Männern eingesetzt. Stimuliert werden oberflächliche Berührungsrezeptoren. Erregungsaufbau in diesem Modus ist leichter störbar, häufig fehlt beim Mann die Kontrolle der Ejakulation oder er entwickelt später eine koitale erektile Dysfunktion. Frauen erleben den Geschlechtsverkehr als wenig erregend, da sie gewohnt sind, sich über äußere oberflächliche Rezeptoren zu stimulieren.

Archaisch-mechanischer EM
Hier werden gleichzeitig oberflächliche wie tiefe Rezeptoren mit einbezogen. Bei der Selbstbefriedigung wird die Stimulation durch Druck und Reibung erzeugt. Grenzen im genussvollen Erleben der Sexualität und die Probleme beim Geschlechtsverkehr sind ähnlich wie beim archaischen Modus.

 Ondulierender EM
Erregung wird im ganzen Körper fließend erlebt, der Modus kommt meist bei Frauen vor. Für eine orgastische Entladung fehlt zum Teil die Fähigkeit, die sexuelle Erregung über muskuläre Spannungszunahme in den Genitalien zu kanalisieren.

Wellenförmiger EM
Hier werden tiefe Rezeptoren über die „doppelte Schaukel“ aktiviert: Becken und Schultern werden gleichzeitig durch die Bauchatmung angetrieben. Bei Frauen wird ein intensiveres Wahrnehmen von Empfindungen innerhalb der Scheide ermöglicht, bei Männern schafft es die körperliche Voraussetzung, sich phallisch-penetrierend zu erleben.

Quelle: www.ZISS.ch

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