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Mundschleimhauterkrankungen im Kindesalter

Strukturierter klinischer Überblick

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Zusammenfassung

Mundschleimhauterkrankungen sind im Kindesalter häufig und überwiegend benigne, können jedoch auch frühe Hinweise auf systemische, entzündliche, genetische oder neoplastische Erkrankungen liefern. Aufgrund ihres hohen Zellumsatzes, der ausgeprägten Vaskularisation, der engen Interaktion mit Immunzellen sowie dem spezifischen Mikrobiom stellt die orale Mukosa einen sensiblen Indikator lokaler und systemischer Pathologien dar. Besonders Mangelzustände, infektiöse Erkrankungen sowie immunvermittelte Prozesse manifestieren sich häufig zuerst in der Mundhöhle. Der Beitrag gibt einen strukturierten Überblick über Anatomie und Pathophysiologie der oralen Mukosa sowie über relevante Mundschleimhautveränderungen im Kindesalter. Im Fokus stehen rezidivierende Aphthen, infektiöse (para)virale Erkrankungen, Zungenveränderungen, weiße und rote Schleimhautläsionen sowie genetische Syndrome. Eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung ermöglichen häufig eine Blickdiagnose; weiterführende Diagnostik ist insbesondere bei atypischem Verlauf, Systemzeichen oder Therapieresistenz indiziert.
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Einleitung

Mundschleimhauterkrankungen im Kindesalter sind häufig und überwiegend harmlos. Dennoch kann eine relevante Anzahl an Läsionen der oralen Schleimhaut als Manifestation entzündlicher, systemischer, genetischer oder tumoröser Erkrankungen auftreten. Die Mundschleimhaut stellt aufgrund ihrer besonderen anatomischen und funktionellen Eigenschaften einen sensiblen Indikator sowohl lokaler als auch systemischer Pathologien dar.
Aufgrund des hohen Zellumsatzes und der ausgeprägten Stoffwechselabhängigkeit ist die Mundhöhle häufig die erste Körperregion, in der sich Mangelzustände manifestieren. Insbesondere ein Vitamin-C-Mangel, etwa infolge einseitiger Ernährung bei sogenannten „picky eaters“ (einem im Kindesalter weit verbreiteten Phänomen), kann bereits nach ein bis drei Monaten zu klinischen Symptomen führen. Dazu zählen unter anderem Zahnfleischbluten, generalisierte Gingivaschwellungen sowie Muskelschwäche – typische Zeichen eines Skorbuts [1].

Pathophysiologie

Die Mundschleimhaut (orale Mukosa) ist eine spezialisierte, permanent feuchte Schleimhaut, die die Mundhöhle vom Lippenrot bis zu den Palatopharyngealbögen auskleidet (Tab. 1). Als physikalische und immunologische Barriere schützt sie vor mechanischen, chemischen und mikrobiellen Noxen. Diese Funktion wird durch ein mehrschichtiges Plattenepithel, enge Zell-Zell-Kontakte, die Basalmembran sowie lokale Immunzellen (Makrophagen, Lymphozyten, dendritische Zellen, neutrophile Granulozyten) gewährleistet [2]. Zudem umfasst die orale Flora mehr als 700 verschiedene kommensale Bakterienspezies sowie Viren, Pilze und vereinzelt Parasiten. Darunter finden sich auch eu- bzw. probiotische Bakterienarten, wie Laktobazillen, Bifidobakterien und bestimmte Streptokokken-Subspezies, die Wasserstoffperoxid (H2O2) zur Hemmung sauerstoffempfindlicher Anaerobier produzieren und darüber hinaus spezifische, zelleigene antimikrobielle Substanzen, sogenannte Bakteriocine, synthetisieren können [3].
Tab. 1
Funktionelle und histologische Unterteilung der oralen Mukosa
Region
Epitheltyp
Spezifika
Mastikatorische Mukosa (Gaumen, Gingiva)
Mehrschichtig (para)keratinisiertes Plattenepithel (fest mit dem Knochen verbunden)
Hohe Druckbelastung
Auskleidungsmukosa (Wangen, Lippen, Mundboden, weicher Gaumen)
Mehrschichtig nichtkeratinisiertes Plattenepithel
Elastisch, feucht, gut vaskularisiert; leichtere Penetration von Mikroben, Antigenen, Allergenen
Spezialisierte Mukosa (Zunge, v. a. Dorsum linguae)
Teils keratinisiert; mit Papillen
Enthält Geschmacksknospen und taktile Rezeptoren
Die orale Mukosa weist einen hohen Zellumsatz auf (6–14 Tage Turnover; im Vergleich 28 Tage Turnover der Haut), was eine rasche Wundheilung erklärt. Blasen und Pusteln platzen aufgrund der Mastikation innerhalb kurzer Zeit.
Kleine Speicheldrüsen gewährleisten eine kontinuierliche Befeuchtung der Mundschleimhaut und tragen wesentlich zum lokalen immunologischen Schutz bei. Sie sezernieren mehr als 50 verschiedene antimikrobielle Peptide, darunter Cystatine (antiviral), Histatine (Protease inhibierend) und Agglutinine (Bakterien verklumpend) sowie Immunglobuline. Die individuelle Zusammensetzung dieser Speichelbestandteile variiert interindividuell und kann die unterschiedliche Anfälligkeit für orale Pathologien zumindest teilweise erklären [4]. Eine dichte sensorische Innervation (v. a. Trigeminus) ermöglicht die Wahrnehmung von Berührung, Temperatur, Schmerz, Geschmack, sowie die Koordination von Mastikation, Schlucken und Artikulation. Mechanorezeptoren, freie Nervenendigungen und Geschmacksknospen sind hierfür essenziell. Die hohe Vaskularisation der nichtkeratinisierten Mukosa sorgt für eine gute Resorption von Arzneimitteln, gleichzeitig werden Erytheme klinisch schwer(er) erkennbar, da die bereits intensive Grunddurchblutung die zusätzliche Rötung (z. B. durch Entzündung) nur geringfügig sichtbar macht [2].

Epidemiologie

In einer retrospektiven Querschnittsstudie aus Italien, Brescia, von 1997 bis 2007, wiesen etwa ein Drittel der untersuchten Kinder (n = 10.128) < 12 Jahren klinisch relevante Veränderungen der Mundschleimhaut auf. Die häufigsten Diagnosen waren orale Candidiasis (28,4 %), gefolgt von geografischer Zunge und anderen Zungenläsionen (18,5 %), traumatischen Läsionen (17,8 %), rezidivierender Aphten (14,8 %), Infektionen mit Herpes-simplex-Virus Typ I (9,3 %) sowie Erythema multiforme (0,9 %). Kinder mit chronischen Krankheiten zeigten insgesamt eine signifikant höhere Prävalenz oraler Läsionen im Vergleich zu gesunden Kindern [5].
Kinder mit chronischen Krankheiten zeigten eine signifikant höhere Prävalenz oraler Läsionen
Tumoren im Bereich der Mundschleimhaut sind bei Kindern selten anzutreffen, wobei der überwiegende Anteil (> 90 %) gutartig ist. Am häufigsten finden vaskuläre Anomalien inklusive Hämangiome und Granuloma pyogenicum sowie Mukozelen (traumatisch bedingt; bläulich-transparent < 1 cm) oder Ranula (ähnlich einer Mukozele; am Mundboden lokalisiert), Zysten (z. B. bläuliche Dentitionszysten bei Babys), Papillome, fibroepitheliale Läsionen und Neurofibrome, aber auch anatomische Varianten wie retrokuspidale Papillen (2–3 mm groß, im Bereich der unteren Schneidezähe, selbstlimitierend). Die Prävalenz maligner Erkrankungen liegt bei unter 2 %. Darunter fallen (Rhabdomyo‑)Sarkome, Lymphome und – bei Kindern in Ausnahmefällen – Plattenepithelkarzinome, meist in Zusammenhang mit genetischer Prädisposition, Immunsuppression oder vorangegangener Radiochemotherapie [6, 7].

Orale Aphthen und aphthoide Läsionen

Rezidivierende Stomatitis aphthosa

Eine Aphte ist als makroskopisch sichtbarer Substanzdefekt der Schleimhaut definiert und wird je nach Tiefe als Erosion oder Ulkus bezeichnet (Abb. 1). Die rezidivierende Stomatitis aphthosa (RSA) beschreibt das periodische Auftreten dieser scharf begrenzten, oft schmerzhaften Ulzerationen der oralen Schleimhaut mit fibrinösem (weißlich-gräulichem) Belag und erythematösem Randsaum, die spontan abheilen, jedoch häufig wiederkehren [8].
Abb. 1
a Major-Aphthe bei einem 17-jährigen Mädchen im Bereich der lateralen Oberlippe mit Fibrinbelag und erythematösem Randsaum. b Fibrinbelegte Minor-Aphthe bei einem 14-jährigen Jungen im Bereich der lateralen linken Zunge
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Die Prävalenz der RSA, die ausschließlich den Mund betrifft, beträgt bei Kindern bis zu 40 % [9]. Eine genetische Prädisposition wird aufgrund der familiären Häufung diskutiert, die genaue Ätiologie ist jedoch bislang ungeklärt, es wird von einer multifaktoriellen Genese ausgegangen [8, 10].
Klinisch entwickeln sich Aphten in Stadien:
  • Prodromalstadium: Kribbeln, Brennen, Spannungsgefühl (~24 h)
  • Präulzeröse Phase: indurierte Papel bzw. inflammatorisches Erythem (1–3 Tage)
  • Ulzeratives Stadium: schmerzhafte fibrinbelegte Ulzerationen mit erythematösem, aufgeworfenem Randsaum (1–16 Tage)
  • Abheilungsphase: 4–30 Tage [3]
Habituelle Aphthen kann man klinisch in drei Gruppen einteilen (Tab. 2). Sie lassen sich von den traumatisch bedingten Bednar-Aphthen der Neugeborenen/Säuglinge abgrenzen [8].
Tab. 2
Übersicht der Aphthen-Subtypen
 
Habituelle Aphthen
Bednar-Aphthen
Merkmal
Minor-Typ (≈ 85 %)
Major-Typ (≈ 10 %)
Herpetiformer Typ (≈ 5 %)
Lokalisation
Tiefe
Orale Mukosa, selten harter Gaumen, Gingiva oberflächlich
Orale Mukosa, v. a. Zunge, Gaumensegel tief (fallweise inkl. Muskel, Speicheldrüsen)
Orale Mukosa, v. a. Gaumen, Gingiva oberflächlich
Harter Gaumen, Gaumensegel: Bednar-Aphthe Zunge: Riga-Fede Erkrankung oberflächlich – tief
Anzahl der Läsionen
1–5 Aphthen
1–2 Aphthen
Multiple (≈ 50 bis > 100)
1 Aphthe
Größe
2–5 mm (< 10 mm)
> 10–30 mm
1–2 mm
> 3 mm
Dauer
7–10 Tage (3–5 Tage schmerzhaft)
2–4 Wochen
7–10 Tage (3–5 Tage schmerzhaft)
5–21 Tage (nicht oder gering schmerzhaft)
Abheilung
Meist narbenfrei
Narbige Abheilung
Meist narbenfrei
Meist narbenfrei
Rezidivhäufigkeit
3–6 Episoden/Jahr
Aufeinanderfolgend, teils kontinuierlich
Episodisch, rezidivierend
Reaktiv, episodisch (traumatisch/immunologisch bedingt)
Allgemeinsymptome
Keine
Keine
Keine
Keine
Typisches Erkrankungsalter
Kinder, Jugendliche, Erwachsene
Jugendliche, Erwachsene
Jugendliche, Erwachsene
Neugeborene, Säuglinge (≤ 15 %)
Differenzialdiagnostische Abgrenzung
Häufigste Form der RSA
M. Behçet, CED, Immundefekte
Gingivostomatitis herpetica
Orales (traumatisches) eosinophiles Ulkus
CED chronisch-entzündliche Darmerkrankung; RSA Rezidivierende Stomatitis Aphthosa
Differenzialdiagnostisch sollte auch eine Allergieabklärung (inklusive z. B. Prick-Test, Epikutantest) bei positiver Anamnese in Betracht gezogen werden, um ggf. Nahrungsmittelallergien (insbesondere auf Nüsse), Kontaktallergien (z. B. gegen Metalle – Implantate, Piercings, Besteck) oder ein orales Allergiesyndrom auszuschließen. Typische Hinweise sind lokalisiertes Kribbeln, Juckreiz oder Schleimhautschwellungen nach Nahrungsmittelaufnahme. Darüber hinaus sollten andere akute Infektionskrankheiten der Mundschleimhaut berücksichtigt werden, insbesondere Gingivostomatitis herpetica, Hand-Fuß-Mund-Krankheit (Coxsackie-Virus A16, seltener andere Enteroviren), Syphilis (kongenital oder erworben) sowie weitere, seltenere Infektionserreger (z. B. Mycobacterium tuberculosis, Rickettsien, HHV‑8, HIV, HPV). Dies gilt vor allem bei begleitenden Systemzeichen wie Fieber, reduziertem Allgemeinzustand oder Lymphknotenschwellungen. In diesen Fällen kann man auch eine weiterführende Diagnostik z. B. mittels PCR, mikrobiologischer Abstriche oder serologischer Antikörperbestimmungen empfehlen. Weitere, potenziell mit RSA assoziierte Systemerkrankungen sind in Tab. 3 aufgelistet [8].
Tab. 3
Systemische Erkrankungen und Assoziationen bei rezidivierender Stomatitis aphthosa im Kindesalter
Erkrankung
Leitsymptome/klinische Hinweise
Empfohlene Diagnostik*
Besondere Hinweise/Red Flags
PFAPA-Syndrom
Periodisches Fieber (alle 3–4 Wochen), rezidivierende Aphthen, Pharyngitis, zervikale Lymphadenopathie
Klinische Diagnose, Ausschluss anderer Ursachen; CRP/BSG im Schub erhöht
Häufigstes periodisches Fiebersyndrom im Kindesalter; spontane Remission meist bis zum 10. Lebensjahr
Zyklische Neutropenie
Periodisches Fieber, Aphthen, Pharyngitis, bakterielle Infektionen
Serielles Differenzialblutbild (2- bis 3‑mal Woche über 6–8 Wochen)
Absolute Neutrophilenzahl < 500/µl in Zyklen; Risiko schwerer Infektionen
Zöliakie
Aphthen, Gedeihstörung, Diarrhoe, Bauchschmerzen, Eisenmangel
Serologischer Antikörpernachweis (tTG-IgA, EMA-IgA, Gesamt-IgA); ggf. Dünndarmbiopsie
Aphthen können Erstmanifestation sein; frühe Diagnose verhindert Langzeitkomplikationen
HIV/primäre Immundefekte
Persistierende oder atypische Aphthen, rezidivierende Infekte, Gedeihstörung
HIV-Serologie/PCR, Lymphozyten-Subtypisierung, Immunglobuline
Bei schweren oder ungewöhnlichen Verläufen erwägen
GvHD (Graft-versus-Host-Disease)
Schleimhauterosionen, lichenoide Veränderungen, Xerostomie
Anamnese (Z. n. SZT), klinische Diagnose, ggf. Biopsie
Orale Manifestationen in bis zu 60 % der Kinder
Morbus Crohn/Colitis ulcerosa
Aphthen, chronische Diarrhoe, Bauchschmerzen, Gewichtsverlust
Stuhl-Calprotectin, Bluttests, Endoskopie mit Biopsie
Orale Läsionen können der intestinalen Symptomatik vorausgehen
Nährstoffmangel/Malabsorption
Aphthen, Glossitis, Müdigkeit, brüchige Nägel
Eisen, Ferritin, Folsäure, Vit. B1, - B2, - B6, - B12, Zink
Häufige Triggerfaktoren; Labordiagnostik
Autoinflammatorische Erkrankungen (z.B. FMF, TRAPS, MKD/HIDS)
Fieberschübe, Aphthen, Arthralgien, gastrointestinale Symptome
CRP, Ferritin, Serum-Amyloid A, Calprotectin, genetische Testung
Anamnese zyklischer Verläufe entscheidend
Autoimmunerkrankungen/Vaskulitiden (z.B. SLE, Behçet)
Orale ± genitale Aphthen, Haut- und Organbeteiligung
ANA, dsDNA, ANCA, HLA-B51 (bei V. a. Behçet)
Multiorganbeteiligung, okuläre oder neurologische Symptome als Warnzeichen
Pemphigus/autoimmunbullöse Dermatosen
Schmerzhaft erosive Haut‑/Schleimhautläsionen, Blasen
Biopsie, (in)direkte Immunfluoreszenz, serologische Antikörpertestung (ELISA)
Schleimhautbeteiligung in > 50 % bei kindlichem Pemphigus, selten exklusiv orale Läsionen
*Bei klinischem Verdacht auf Systembeteiligung sollte eine weiterführende interdisziplinäre Abklärung erfolgen, einschließlich ophthalmologischer, gastroenterologischer, neurologischer und rheumatologischer Konsile
ANA Antinukleäre Antikörper, ANCA Anti-neutrophile cytoplasmatische Antikörper, dsDNA anti-doppelsträngige DNA-Antikörper, FMF familiäres Mittelmeerfieber, HIDS Hyper-IgD-Syndrom, MKD Mevalonatkinase-Mangel, PFAPA periodisches Fieber, Aphthen, Pharyngitis, Adenitis, SLE systemischer Lupus erythematodes, SZT Stammzelltransplantation, TRAPS TNF-Rezeptor-assoziiertes periodisches Syndrom
Das Therapieziel der RSA besteht in der Verkürzung der Krankheitsdauer, der Reduktion von Größe und Anzahl der Aphthen sowie der Linderung der Schmerzsymptomatik. Zu den allgemeinen Maßnahmen zählen der Verzicht auf harte, scharfe, saure und salzige Speisen sowie die Vermeidung von Sodium-Lauryl-Sulfat, ein starkes Tensid mit denaturierender Wirkung auf Proteine, das häufig in Zahnpflegeprodukten enthalten ist [8].
Das in der letzten AWMF-Leitlinie über Aphthen (2023) empfohlene stufenweise Therapieschema lässt sich grundsätzlich auch auf das Kindesalter übertragen (Tab. 4). Bei habituellen Aphthen werden primär filmbildende topische Präparate sowie antiseptische Mundspüllösungen eingesetzt, Letztere jedoch erst ab einem Alter von 6 Jahren. In Therapiestufe 2 kommen topische Kortikosteroide u. a. in Haftsalbenform oder mit einem Mäuschenverband zum Einsatz. Bei schweren oder therapieresistenten Verläufen ist eine weiterführende Diagnostik sowie systemische Therapie indiziert [8].
Tab. 4
Therapeutisches Schema für rezidivierende Aphthen
Anwendung
Substanzen/Präparate
Dosierung/Hinweise
Stufe 1/topisch
Filmbildende Präparate
Hyaluronsäure und Zusatzstoffe (z. B. Aloe vera, Zink, Carbomer, Panthenol)
Bis zu 4‑mal/Tag
Sucralfat 1 g/5 ml Suspension
Ab 14. Lebensjahr; 3‑ bis 4‑mal/Tag
Adstringenzien
Tinctura myrrhae
Ab 12. Lebensjahr; bei Kinder verdünnen; enthält Alkohol
Salbeitee
Mundspülung ab 6. Lebensjahr möglich
Antiseptika
Chlorhexidin-haltige Gele, Kamillosan-Lösung
Alkoholfrei; 2‑mal täglich, ab 6. Lebensjahr
Wundheilungsfördernd
Mundspüllösungen mit z. B. Panthenol, Aloe vera, Rhabarberwurzel + Salicylsäure
Salicylate erst ab 12. Lebensjahr
Stufe 2/topisch
Antiinflammatorisch
Betamethason-Mundspüllösung
2- bis 3‑mal/Tag, Betnesol Brausetabl. 1–2 (0,5–1 mg) auflösen; postprandial
Triamcinolonacetonid 0,1 % Haftsalbe
2- bis 3‑mal/Tag postprandial
Ciclosporin Haftpaste 2,5 %
2- bis 3‑mal/Tag postprandial
Mäuschen-Verband
Mit Kortisonlösung getränkter Wattetupfer 2‑ bis 3‑mal/Tag für 10min lokal applizieren
Lokalanästhesie
Lidocain 1–2 % Gel/Spray
Keine Lösung verwenden (Risiko der Überdosierung)
Benzydamin, Tetracain + Polidocanol
Lokalanästhesien präprandial applizieren
Topische Antibiotika
Tetracyclin-Mundspülung 5 %
Ab 8. Lebensjahr; 250 mg Pulver in 5 ml Wasser; nur bei Mayor-Aphthen; bis zu 3‑mal täglich postprandial
Vibramycin 100 mg löslich
Brennt beim Spülen
Stufe 3/systemisch
Colchizin
< 5 Jahre: ≤ 0,5 mg/Tag; 5–10 Jahre: 1 mg/Tag; > 10 Jahre: 1,5–2 mg/Tag p.o. aufgeteilt in 1–2 Dosen; bei Bedarf schrittweise (0,25 mg/Schritt) erhöhen auf maximal 2 mg/Tag
Stufe 4/systemisch
Prednisolon
1 mg/kgKG p.o. zur Akutintervention, zeitlich begrenzt, bei Kindern strenge Nutzen/Risiko Abwägung
Dapson
50 mg ab 6 Jahren; 100 mg ab 12 Jahren
PDE-4-Inhibitoren: Apremilast, Roflumilast
Ab 6. Lebensjahr, > 20 kg Körpergewicht (off-label)

Morbus Behçet

Bei gleichzeitigen oralen und genitalen Aphthen sollte an einen Morbus Behçet, eine systemische Vaskulitis, mit gehäuftem Auftreten zwischen dem 10. und 45. Lebensjahr, gedacht werden. Die Prävalenz in der Türkei beträgt > 1:1000, während diese Erkrankung in unseren Breitengraden deutlich seltener ist. In etwa 85 % der Fälle stellen Aphthen das Erstsymptom dar und können bereits 8 Jahre vor weiteren Symptomen auftreten. Genitale Läsionen sind bei > 50 % zusätzlich vorhanden. Eine genetische Prädisposition gilt als wahrscheinlich, insbesondere bei Assoziation mit HLA-B51 (in 50–60 %), HLA-B15/B27 sowie bei der seltenen autosomal dominanten Form, A20-Haploinsuffizienz (TNFAIP3-Mutation). In 15–45 % liegt eine positive Familienanamnese vor [11].
Die Prognose ist im Kindesalter insgesamt günstiger als im Erwachsenenalter (Mortalität ca. 3–5 %), abhängig vom Ausmaß der okulären, vaskulären, gastrointestinalen und neurologischen Manifestationen [11]. Die Diagnosestellung erfolgt gemäß S2k-Leitlinie klinisch anhand eines Scores (Tab. 5).
Tab. 5
Internationale diagnostische Kriterien des Behçet-Syndroms im Erwachsenenalter (2014). (Nach [12])
Symptome
Punkte
Rezidivierende orale Aphthen (mind. 3‑mal in 1 Jahr)
2
Hautmanifestationen (z. B. Erythema nodosum, Follikulitis, sterile Pusteln, aphthöse kutane Ulzerationen)
1
Rezidivierende genitale Ulzerationen
2
Augenbeteiligung (z. B. posteriore Uveitis, retinale Vaskulitis)
2
ZNS-Beteiligung (z. B. Kopfschmerzen, Meningitis, Hemiparese)
1
Gefäßbeteiligung/kardiovaskuläre Beteiligung
1
Positiver Pathergietest
1
Diagnose: Behcet-Syndrom
4 Punkte
Kommt es neben oralen und genitalen Ulzera auch im Verlauf zu rezidivierender Polychondritis, spricht man vom MAGIC-Syndrom („mouth and genital ulcers inflamed cartilage“; [13]).
Therapeutisch kommt beim Morbus Behçet neben immunsuppressiven Therapieoptionen, TNF‑α und PDE4-Inhibitoren zunehmend auch niedrig dosiertes Interleukin‑2 als immunmodulatorischer Ansatz in Betracht [14].

(Para)virale Erkrankungen

Gingivostomatitis herpetica

Die Gingivostomatitis herpetica ist die häufigste Manifestation einer akuten HSV-1-Primärinfektion im Säuglings- und Kleinkindalter. Klinisch äußert sie sich durch Fieber, reduzierten Allgemeinzustand sowie schmerzhafte vesikuläre Läsionen mit Ulzerationen der Mundschleimhaut und ausgeprägter, oft blutender Gingivitis. Häufig bestehen zusätzlich periorale Läsionen, Foetor ex ore und schmerzhafte zervikale Lymphadenopathien, was zu Trink- und Nahrungsverweigerung führen kann. Die Diagnose ist meist klinisch und kann mittels PCR aus Bläscheninhalt oder Schleimhautabstrich gesichert werden. Therapeutisch stehen frühzeitige Aciclovir-Gabe, Analgesie (topisch und systemisch), Flüssigkeitssubstitution und lokale pflegende Maßnahmen im Vordergrund [15].

Reaktive infektiöse mukokutane Eruption

Hierunter versteht man ein akutes, immunvermitteltes Syndrom, das vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit ausgeprägter oraler, okulärer und/oder genitaler Mukositis bei geringer oder fehlender kutaner Beteiligung auftritt (Abb. 4b). Die reaktive infektiöse mukokutane Eruption (RIME) tritt typischerweise im zeitlichen Zusammenhang mit Infektionen, insbesondere Mycoplasma pneumoniae, aber auch anderen Erregern (z. B. Influenza, Adenovirus, SARS-CoV-2) auf und stellt eine klinische Ausschlussdiagnose dar. Die Behandlung ist primär supportiv, bei schweren Verläufen kommen systemische Kortikosteroide, Immunglobuline oder TNF-α-Inhibitoren zum Einsatz [16].
Im Gegensatz zum Stevens-Johnson-Syndrom ist RIME nicht medikamenteninduziert und grenzt sich vom meist HSV-assoziierten Erythema exsudativum multiforme (EEM) durch eine fehlende kutane Beteiligung (bei EEM typische kokardenförmigen [Target] Läsionen an Akren) sowie ausgeprägteren Schleimhautbeteiligung ab.

Zungenveränderungen

Lingua geographica – benigne migratorische Glossitis

Die Lingua geographica (auch Landkartenzunge) ist eine benigne chronisch-entzündliche epitheliale Atrophie der Zungenoberfläche mit unregelmäßig begrenzten, belagsfreien erythematösen Plaques (umgeben von weißem Halo) infolge fokaler Abstoßung filiformer Papillen (Abb. 3b). Die Prävalenz beträgt etwa 1–3 %, ist in der Gruppe der unter 30-Jährigen etwas höher. Die Läsionen sind meist asymptomatisch, können jedoch Brennen oder Dysgeusie verursachen. Selten können neben der Zunge auch andere Areale der oralen Mukosa betroffen sein. Die Ätiologie ist unklar; diskutiert werden genetische, hormonelle, immunologische Faktoren sowie Assoziationen mit allergologischen Erkrankungen, Psoriasis und Diabetes mellitus Typ I [17].

Lingua plicata

Die Lingua plicata stellt eine harmlose anatomische Normvariante dar (Prävalenz ca. 3 %), charakterisiert durch tiefe persistierende, meist symmetrische Furchen und Falten auf der Zungenoberfläche. Isoliert besitzt sie keinen Krankheitswert, tritt jedoch gehäuft bei Lingua geographica, Trisomie 21 oder orofazialer Granulomatose/Melkersson-Rosenthal Syndrom auf und kann mit dem Alter an Ausprägung zunehmen [18].

Transiente linguale Papillitis

Hierbei handelt es sich um eine akute, schmerzhafte Hypertrophie fungiformer Papillen, meist an der Zungenspitze oder Zungenrändern lokalisiert. Als mögliche Trigger gelten Stress, Nahrungsmittel, Allergene, hormonelle oder virale Faktoren. Die Erkrankung heilt in der Regel innerhalb von 1–2 Tagen spontan ab [19].

Weiße Mundschleimhautveränderungen

Orale Candidiasis

Die orale Candidiasis, meist durch Candida albicans verursacht, ist eine der häufigsten Mundschleimhauterkrankungen im Kleinkindalter (Abb. 2a). Candida-Spezies gehören bei vielen Kindern zur normalen oralen Flora; eine pathologische Besiedelung tritt vor allem bei Neugeborenen (ab der 2. Lebenswoche), Säuglingen (bis zum 6. Lebensmonat) durch ein unreifes Immunsystem, aber auch transienter oder permanenter Immunsuppression (u. a. primäre Immundefekte, Diabetes mellitus Typ 1, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Zahnprothesen) sowie nach Antibiotika- oder Steroid-Therapie auf [20, 21].
Abb. 2
a Orale Candidiasis: flächige dicke, abstreifbare, weißlich-cremige Läsionen an den Zungenoberfläche bei einem 9‑jährigen Jungen mit primärer Immundefizienz. b, c 1,5 × 2cm große asymptomatische lichenoide Leukoplakie an der Zunge rechts lateral (histologisch bestätigt) bei einem 15-jährigen Jungen, das auf topische Kortikosteroide ein gutes Ansprechen zeigte
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Klinisch werden drei Hauptformen unterschieden:
a)
Pseudomembranöse Candidiasis (Soor): weiße, zunächst stippchenförmige, später konfluierende, abwischbare Beläge auf erythematöser, leicht blutender Schleimhaut; häufigster Subtyp bei Kindern
 
b)
Hypertrophe orale Candidiasis
 
c)
Erythematöse orale Candidiasis: einschließlich medianer rhomboider Glossitis (erythematöse Plaques auf den hinteren zwei Dritteln des Zungenrückens) und anguläre Cheilitis (erythematösen Makulae, Schuppung, Fissuren an den Lippenkommissuren; z. B. bei Lippenlecken oder Eisenmangel)
 
Therapeutisch ist in den meisten Fällen für nicht immunsupprimierte Kinder eine topische antifungale Therapie (Nystatin, Amphotericin B) mindestens 5–7 Tage über das Verschwinden der sichtbaren Läsionen hinaus ausreichend. Eine systemische Therapie (Fluconazol 6 mg/kg/Tag p.o. oder Itraconazol 2,5 mg/kg 2‑mal tgl. p.o.) sollte nur bei fehlendem Therapieansprechen sowie erhöhtem Risiko für systemische Infektionen erfolgen. Details und Anwendungsinformationen zu den genannten Medikamenten sind auch auf der Website kindermedika.at zu finden.

Leukoplakie

Leukoplakien sind Keratinisierungsstörungen der oralen Schleim- und Lippenhaut mit potenziellem Risiko einer malignen Entartung. Klinisch imponieren sie als nicht abwischbare, weißlich-gräuliche, begrenzte und umschrieben Läsionen. Bei Kindern dominieren temporäre Formen, ausgelöst durch mechanische Irritation (Zahnprothesen), Morsicatio buccarum (weiße Schwielen im Bereich des Zahnschlusses durch Wangenbeißen), chemische Verbrennungen oder Verletzungen sowie Leukoplakien bei HIV (haarige Leukoplakie) [22]. Genetische Ursachen umfassen:
a)
Dyskeratosis congenita:
  • Trias Onychodystrophie, Pigmentstörungen/Poikilodermie, orale Leukoplakie (maligne Transformation in 10 % der Fälle)
  • zusätzlich hohes Risiko für progressives Knochenmarkversagen,
 
b)
Pachyonychia congenita:
  • Schmerzhafte Leukoplakien, hypertrophe Nageldystrophien, schmerzhafte palmoplantare Keratodermien [9, 11]
 

Transiente infantile linguale Leukoplakie

Die häufigste Leukoplakie bei Säuglingen ist die transiente infantile linguale Leukoplakie, in erster Linie durch mechanische Irritation/Belastung (Saugen) bedingt. Typischerweise sind die proximalen zwei Drittel der Zunge von homogen-, nicht abstreifbaren weißlichen Verfärbungen/Hyperkeratosen bedeckt, während die Zungenspitze ausgespart bleibt. Das Manifestationsalter liegt zwischen der 1. Lebenswoche und dem 7. Lebensmonat. Die Erkrankung ist benigne und innerhalb des 1. Lebensjahres selbstlimitierend. Eine rein klinisch Abgrenzung zur oralen Candidiasis ist schwierig, für welche eine Beteiligung der Wangenschleimhaut sowie abwischbare Beläge sprechen [23].

Oraler Lichen planus

Der orale Lichen planus kann bei Kindern auch als Leukoplakie im Bereich der Wangenschleimhaut oder an der Zunge (seltener) imponieren (Prävalenz bei Kindern 0,03 %) (Abb. 2b, c). Es handelt sich um eine T‑Zell-vermittelte Autoimmunerkrankung gegen basale Keratinozyten. Therapeutisch zeigen topische Kortikosteroide bei Kindern in der Regel ein gutes Ansprechen [24].

White-sponge-Nävus

Eine weitere wichtige Differenzialdiagnose einer angeborenen Leukoplakie stellt der White-sponge-Nävus dar. Dabei handelt es sich weißliche, schwammartige Plaques der Mundschleimhaut, die gelegentlich auch am Larynx, Ösophagus oder der urogenitalen Mukosa, zumeist einseitig/asymmetrisch auftreten können und über Jahre persistieren. Ursache ist eine autosomal-dominante Mutation in den Keratin-4- oder Keratin-13-Genen [25].

Rote Mundschleimhauterkrankungen

Orale vaskuläre Anomalien

Vaskuläre Anomalien können prinzipiell an jeder beliebigen Lokalisation angeboren oder erworben auftreten und sind im Kindesalter keine Seltenheit.
Der häufigste benigne vaskuläre Tumor im Kindesalter ist das infantile Hämangiom. Die Prävalenz beträgt etwa 4–5 % aller Neugeborenen, wobei Mädchen häufiger betroffen sind als Jungen und eine Assoziation mit Frühgeburtlichkeit besteht [20, 21]. Rund 60 % der infantilen Hämangiome sind im Kopf-Hals-Bereich lokalisiert [16]. Sie sind zumeist erst nach einigen Tagen bis wenigen Wochen erkennbar. Klinisch werden infantile Hämangiome abhängig von der Ausdehnung in fokale, multifokale und segmentale Hämangiome unterteilt, bei Letzteren gilt es im Kopf-Hals-Bereich auf mögliche ipsilaterale Gefäßanomalien zu achten [16]. Infantile Hämangiome weisen ein charakteristisches Wachstums- und Involutionsmuster auf: In den ersten 4 Lebensmonaten kommt es zu einem raschen Wachstum, wobei etwa 80 % der maximalen Größe erreicht werden. Das Wachstum verlangsamt sich anschließend, die vollständige Ausprägung erfolgt meist bis zum 10. Lebensmonat. Bis zum 4. Lebensjahr haben sich rund 80 % der ursprünglichen Läsion zurückgebildet.
Lippenhämangiome zeigen häufig eine verzögerte Involutionsphase. Prinzipiell verläuft die Erkrankung selbstlimitierend und erfordert oft keine Therapie, allerdings haben orale Hämangiome eine gehäufte Komplikationsrate (z. B. funktionelle Beeinträchtigung, Ulzeration) und zählen zu den problematischen Lokalisation, weshalb eine systemische Therapie mit Propranolol (initial 0,5 mg/kg/Tag in 3 Dosen – bis 2–3 mg/kg/Tag) Mittel der ersten Wahl ist. Eine chirurgische oder laserbasierte Intervention sollte nur in Ausnahmefällen erwogen werden [26, 27].
Neben infantilen Hämangiomen können sich auch kapilläre, venöse („low-flow“) sowie arteriovenöse (AVM, „high-flow“) Malformationen klinisch als bläuliche oder rote, überwärmte, gelegentlich pulsierende (AVM) tumoröse Mundschleimhautveränderungen präsentieren – und zeigen nicht selten am Beginn der Pubertät einen Wachstumsschub (Abb. 3a, c). Lymphatische Malformationen hingegen, die bei Infekten oder Traumata an Größe zunehmen können, manifestieren sich als multiple kleine, transparente Vesikel, weich-elastische gelblich-transluzente Schwellungen (bei Einblutung rötlich-blau) oder mit diffuser Makroglossie. Sie sind vor allem an der Zunge, Mundboden sowie Lippen und der bukkalen Mukosa lokalisiert [28].
Abb. 3
a Bläuliche, prall-elastische venöse Malformation im Bereich der Oberlippe, seit Geburt leicht größenprogredient bei einem 4‑jährigen Mädchen. c Lingua geographica bei einem 4‑jährigen Mädchen mit rezidivierenden, wandernden Exfoliationen und weißlicher Begrenzung. b Kapilläre Malformation seit Geburt bei einem 3 Monate alten Säugling, die über die Lippenhautgrenze hinausreicht und keine Wachstumstendenz zeigt
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Himbeer‑/Erdbeerzunge

Bei einer Himbeer- oder Erdbeerzunge kommen differenzialdiagnostisch vor allem Scharlach, Kawasaki-Syndrom und Mangelzustände in Betracht, aber auch bei anderen infektiösen oder toxinvermittelten Erkrankungen (z. B. EBV). Bei Scharlach zeigt sich initial eine weiß belegte Zunge, später intensiv gerötete Zunge aufgrund einer toxinvermittelten Papillenentzündung durch Streptococcus pyogenes.
Das Kawasaki-Syndrom ist eine systemische akute Vaskulitis der mittelgroßen Arterien, mit hohem Fieber, bilateraler Konjunktivitis, ein polymorphem Exanthem, rissige Lippen, sowie palmoplantarer Rötung und tritt bevorzugt bei Kindern unter dem 5. Lebensjahr auf. Die intravenöse Immunglobulintherapie (IVIG) gilt als Erstlinientherapie, allerdings sprechen etwa 10–20 % der Patienten nicht ausreichend auf diese Behandlung an, was mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen der Koronararterien einhergeht [29, 30].
Schließlich können auch Vitamin- (Vitamin B12, Folsäure) oder Eisenmangel zu einer glatt-roten, glänzenden Zunge infolge einer Papillenatrophie führen. Gossitiden infektiöser, allergischer oder toxischer Genese zeigen typischerweise Schmerzen, Rötung, Schwellung und Brennen.

Seltene, genetisch bedingte Mundschleimhauterkrankungen

Morbus Osler – hereditäre hämorrhagische Teleangiektasie

Der Morbus Osler ist eine autosomal-dominant vererbte Erkrankung mit rezidivierendem Nasenbluten (in 95 %, zumeist vor dem 20. Lebensjahr) durch mukokutane und viszerale arteriovenöse Malformationen (Prävalenz 1:5000–8000). Mit zunehmendem Alter entwickeln sich Teleangiektasien an Zunge, Lippen, Nasenschleimhaut, Gesicht und Händen. Hinweise auf eine systemische Beteiligung kann Hämaturie, gastrointestinale, hepatische oder pulmonale Blutungen sowie Hämoptysen umfassen. Zur weiterführenden Diagnostik werden Urinstatus, fäkaler Okkultbluttest, pulmonale Spiral-CT, kraniale MRT, CT-Angiographie von Thorax und Abdomen, Echokardiographie sowie eine gastro- und koloskopische Abklärung empfohlen [31].

Peutz-Jeghers-Syndrom

Das Peutz-Jeghers-Syndrom ist eine seltene autosomal-dominante Erkrankung mit gastrointestinaler Polypose und 2–5 mm großen pigmentierten Makulae der Mukosa (Lippeninnenseite, Wangenschleimhaut und Zunge) sowie Haut (periokulär, Finger, periorbital), die meist bereits im frühen Kindesalter auftreten. In etwa 70 % der Fälle können Loss-of-function-Mutationen im STK11-Gen gefunden werden. Eine frühzeitige Diagnosestellung ist essenziell, da ein deutlich erhöhtes Risiko für gastrointestinale Tumoren (bis zum 15-Fachen) sowie für weitere Malignome (Mamma, Pankreas, Ovarien, Hoden, Zervix, Lunge) besteht. Bei betroffenen Kindern sollte daher ab dem 8.–10. Lebensjahr ein regelmäßiges gastrointestinales endoskopisches Screening initiiert werden [32].

Epidermolysis bullosa

Auch bei den diversen Subtypen der Epidermolysis bullosa sind Veränderungen an der Mundschleimhaut häufig, darunter fallen ausgedehnte Erosionen, (chronische) Ulzerationen, rezidivierende Blasenbildung, Granulationen, Vernarbungen, Stenosen sowie Zahnschmelzdefekte (Abb. 4a). Aufgrund der verletzlichen Schleimhaut ist oft nur eine eingeschränkte Mundhygiene möglich. Sekundärkomplikationen umfassen auch Ankyloglossie, Mikrostomie, eingeschränkte Zungenmotilität, vestibuläre Obliteration, Zahn- und Kieferfehlstellungen sowie Amelogenesis imperfecta [33].
Abb. 4
a Blutige, großflächige Schleimhaut‑/Lippenerosionen und kariöse Destruktion der Zähne bei einem 7‑jährigen Jungen mit dystropher Epidermolysis bullosa. b 10-jähriger Junge mit reaktiver infektiöser mukokutaner Eruption (RIME) infolge einer Mykoplasmen-Pneumonie
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Anmerkung zur Diagnostik bei Kindern

Die Mundschleimhaut ist aufgrund spezifischer histologischer Merkmale, einer hohen Keimdichte sowie einer guten Vaskularisation Prädilektionsort für Aphthen, Candida-Infektionen, Traumata, virale Infektionen und Frühzeichen systemischer Erkrankungen. Die Ursachen sind oft mannigfaltig und reichen von infektiologischer, idiopathischer, (auto)inflammatorischer, reaktiver bis zur neoplastischen Genese. Eine klinische Anamnese und Untersuchung sind entscheidend und lassen bei typischen Befunden Blickdiagnosen zu. Eine erweiterte mikrobiologische, immunologische oder molekulare Diagnostik ist vor allem sinnvoll, um ein akut-infektiologisches Geschehen auszuschließen und sollte immer vor invasiven Abklärungen durchgeführt werden.

Fazit für die Praxis

  • Mundschleimhautveränderungen im Kindesalter sind häufig, meist harmlos, können jedoch Frühzeichen systemischer Erkrankungen sein.
  • Der hohe Zellumsatz, die gute Vaskularisation und das spezifische Mikrobiom machen die orale Mukosa besonders anfällig für Infektionen, Mangelzustände und immunvermittelte Prozesse.
  • Rezidivierende Aphthen erfordern eine strukturierte Differenzialdiagnostik einschließlich systemischer Ursachen.
  • Blickdiagnosen sind bei typischen Befunden oft möglich; eine sorgfältige Anamnese ist dabei entscheidend.
  • Weiterführende mikrobiologische, immunologische oder genetische Diagnostik ist bei Systemzeichen, Therapieresistenz oder ungewöhnlichem Verlauf indiziert.
  • Eine frühzeitige korrekte Einordnung verhindert unnötige invasive Maßnahmen und ermöglicht eine gezielte Therapie.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

L. Schneller und C. Wagger geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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Hinweis des Verlags

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Titel
Mundschleimhauterkrankungen im Kindesalter
Strukturierter klinischer Überblick
Verfasst von
Dr. Laura Schneller
OÄ Dr. Christine Wagger
Publikationsdatum
20.02.2026
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
hautnah / Ausgabe 1/2026
Print ISSN: 1866-2250
Elektronische ISSN: 2192-6484
DOI
https://doi.org/10.1007/s12326-026-00746-9
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Bildnachweise
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