Kognitive Defizite bei Glioblastompatient:innen
Ein Überblick über Ätiologie, Relevanz und Implikationen für Diagnostik und Therapie
- Open Access
- 28.07.2025
- Neurologie
Zusammenfassung
Einleitung
Das Glioblastom stellt mit einer Inzidenz von ungefähr 3 bis 5 pro 100.000 Personen pro Jahr den häufigsten primären malignen Hirntumor im Erwachsenenalter dar. Kognitive Defizite zählen zu den häufigsten Erstsymptomen und treten initial bei ungefähr 74 % der Glioblastom-Patient:innen auf. Im Verlauf der Erkrankung entwickeln etwa 90 % der Patient:innen kognitive Defizite, was deren zentrale Bedeutung im klinischen Verlauf unterstreicht. Aus Sicht der Patient:innen zählen kognitive Beeinträchtigungen zu den belastendsten Symptomen im Alltag. Diese Einschränkungen wirken sich unmittelbar auf die berufliche Leistungsfähigkeit, die Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit zur selbstständigen Bewältigung alltäglicher Anforderungen aus.
Sie führen zu einer erheblichen Reduktion der funktionellen Unabhängigkeit, schränken die soziale und gesellschaftliche Teilhabe ein und beeinträchtigen so maßgeblich die Lebensqualität. Angesichts des typischerweise rasch progredienten Krankheitsverlaufs ist es essenziell, den Erhalt und die Förderung kognitiver Funktionen bestmöglich anzustreben und dabei eine sorgfältige Abwägung zwischen Lebensqualität und Überlebenszeit vorzunehmen [1, 2].
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Einflussgrößen der kognitiven Funktionsfähigkeit
Behandlungsbezogene Faktoren
Eine maximale sichere Resektion stellt den stärksten Prädiktor für das Gesamtüberleben dar und ist mit einer besseren kognitiven Funktionalität assoziiert als eine subtotale Resektion. Durch die Reduktion der Tumorlast und des raumfordernden Effekts sowie die Linderung peritumoraler Ödeme kommt es in der Regel zu einer Verbesserung der neurologischen und kognitiven Funktion. Gleichzeitig besteht das Risiko, eloquente Hirnareale zu schädigen, weshalb zunehmend Verfahren wie die Wachkraniotomie, intraoperatives Mapping sowie moderne Neuronavigationssysteme mit dem Ziel zum Einsatz kommen, die funktionelle Integrität zu erhalten.
Die adjuvante Strahlentherapie kann insbesondere langfristig neurotoxische Wirkungen hervorrufen, die sich Monate oder Jahre im Anschluss an die Behandlung zeigen können. Um diesen Risiken entgegenzuwirken, kommen moderne Bestrahlungstechniken, individualisierte Bestrahlungsplanung sowie optimierte Fraktionierungsschemata zum Einsatz. Dennoch können durch strahlenassoziierte Neurotoxizität akute und chronische kognitive Beeinträchtigungen entstehen.
Temozolomid gilt insgesamt als gut verträglich, und bislang liegen keine eindeutigen Hinweise auf eine dosisabhängige kognitive Neurotoxizität vor. Das genaue Ausmaß, in dem die kombinierte Radiochemotherapie oder der Tumor selbst zur kognitiven Beeinträchtigung beitragen, ist bislang nicht klar belegt.
Antikonvulsiva, Kortikosteroide und Angiogenesehemmer reduzieren tumorbedingte Symptome wie Ödeme oder epileptische Anfälle und können dadurch kognitive Leistungen kurzfristig verbessern. Gleichzeitig sind sie jedoch auch mit potenziellen kognitiven Nebenwirkungen verbunden. Ältere Antikonvulsiva wie beispielsweise Phenytoin sind für ungünstige kognitive Nebenwirkungsprofile bekannt, während neuere Substanzen wie Levetiracetam in dieser Hinsicht besser verträglich sind. Kortikosteroide können bei langfristiger Anwendung zu psychiatrischen Nebenwirkungen und Gedächtnisdefiziten führen. Bevacizumab gilt insgesamt nicht als primär neurotoxisch, jedoch können bei längerer Anwendung vaskuläre Nebenwirkungen wie Mikroinfarkte oder intrakranielle Blutungen auftreten, die unspezifische kognitive Beeinträchtigungen nach sich ziehen können.
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Im Verlauf der Erkrankung entwickeln ungefähr 90 % der Patient:innen kognitive Defizite
Obwohl die beim Glioblastom empfohlene Standardtherapie die besten Überlebensprognosen bietet, birgt diese multimodale Behandlung zugleich das Risiko kumulativer neurotoxischer Effekte. Besonders im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf ist es entscheidend, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen therapeutischer Wirksamkeit und dem Erhalt kognitiver Fähigkeiten anzustreben, um Lebensqualität und Überleben bestmöglich miteinander zu vereinen [3].
Patientenbezogene Faktoren
Zu den wichtigsten Faktoren auf Patientenebene zählen das Lebensalter, das Bildungsniveau, der funktionelle Allgemeinzustand, komorbide Erkrankungen inklusive ihrer medikamentösen Behandlung, das Ausmaß der kognitiven und neuronalen Reserve sowie die Vulnerabilität gegenüber neuropsychiatrischen Belastungen wie Depressionen, Schlafstörungen, Angsterkrankungen oder Fatigue. Patient:innen mit bereits vorbestehenden kognitiven Einschränkungen scheinen besonders anfällig für weitere Beeinträchtigungen zu sein. Alter und Bildungsniveau haben den stärksten Einfluss auf die objektive kognitive Leistungsfähigkeit und werden bei der klinischen Interpretation neuropsychologischer Testergebnisse im Rahmen des Vergleichs mit Normwerten berücksichtigt [4].
Tumorbezogene Faktoren
Nach aktuellem Kenntnisstand scheinen die Wachstumscharakteristika und biologischen Mechanismen des Tumors selbst den größten Einfluss auf das Auftreten und die Ausprägung kognitiver Defizite bei Glioblastompatient:innen auszuüben. Dazu zählen direkte Gewebsschädigung durch Nekrose, Kompression und Infiltration neuronaler Strukturen sowie ischämische Veränderungen und Ödeme, die die Funktion angrenzender Hirnareale beeinträchtigen. Bei Gliomen fallen kognitive Defizite oft diffuser und komplexer aus als etwa nach einem Schlaganfall, da sie durch Infiltration und Netzwerkumbau tiefer in die funktionelle Organisation des Gehirns eingreifen.
Obwohl die Tumorgröße über den raumfordernden Effekt einen Einfluss auf kognitive Defizite hat, verdeutlicht das Konzept des Läsions-Momentums, warum auch die Wachstumsgeschwindigkeit eine entscheidende Rolle spielt. Demnach können schnell wachsende, stark infiltrierende Läsionen, selbst bei relativ kleinem Volumen, ausgeprägte kognitive Defizite verursachen, da dem Gehirn nur wenig Zeit zur funktionellen Anpassung bleibt. Umgekehrt können langsam wachsende Tumoren, durch die längere Zeitspanne zur Reorganisation und Umstrukturierung neuronaler Netzwerke, weniger gravierende kognitive Beeinträchtigungen nach sich ziehen [5].
Die zellulären und molekularen Grundlagen von Invasivität, Netzwerkdisruption und Therapieresistenz bei Gliomen sind Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung, bislang jedoch noch nicht vollständig verstanden. Neuere Arbeiten zeigen, dass Gliomzellen neuronale Mechanismen gezielt unterwandern und dadurch die Funktion neuronaler Netzwerke umstrukturieren und nachhaltig verändern. Darüber hinaus konnte nachgewiesen werden, dass neuronale Aktivität das Wachstum und die Proliferation hochgradiger Gliome fördert und funktionelle synaptische Verbindungen zwischen Neuronen und Gliomzellen gebildet werden. Es konnte beispielsweise gezeigt werden, dass der Grad der funktionellen Konnektivität zwischen Tumor und Kortex in spracheloquenten Arealen zum Zeitpunkt der Diagnosestellung sowohl mit der Sprachleistung als auch mit der Überlebensdauer zusammenhängt, je stärker die Integration, desto ungünstiger die Prognose. Gleichzeitig beeinflussen Gliome ihrerseits die neuronale Erregbarkeit, was zu einer Überaktivierung benachbarter Zellen führt. Klinisch zeigt sich dies in der hohen Prävalenz gliomassoziierter Epilepsien [6].
Gliomzellen unterwandern gezielt neuronale Mechanismen und reorganisieren funktionelle Hirnnetzwerke
Neben biologischen Merkmalen des Tumors bestimmt auch die betroffene Hemisphäre, welche kognitiven Funktionen beeinträchtigt sind. Läsionen in der linken, zumeist sprachdominanten Hemisphäre sind häufig mit Beeinträchtigungen in Sprachfunktion, verbalem Gedächtnis, Lernfähigkeit und Aufmerksamkeitsfunktionen verbunden. Rechtshemisphärische Tumoren hingegen führen zu Defiziten in Verarbeitung und Gedächtnis visuell-räumlicher Funktionen sowie der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Mehrere Studien zeigen, dass Patient:innen mit Tumoren in der nicht-dominanten Hemisphäre im Mittel geringere kognitive Beeinträchtigungen aufweisen als in der dominanten Hemisphäre. Allerdings sind einige kognitive Funktionen bilateral im Gehirn verankert. Aufmerksamkeit, Exekutivfunktion und Verarbeitungsgeschwindigkeit basieren auf weit verteilten Netzwerken, die beide Hemisphären einbeziehen, wodurch Tumoren unabhängig von der betroffenen Seite zu Störungen in diesen Domänen führen können.
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Gliome treten am häufigsten im Frontal- oder Temporallappen auf, gefolgt von Parietal‑, Okzipitallappen und subkortikalen Strukturen. Je nach betroffener Hirnregion können sich charakteristische neuropsychologische Defizite zeigen. Aufgrund ihrer infiltrativen Wachstumsweise und der häufigen Beteiligung funktionell verteilter Netzwerke zeigen Glioblastome jedoch oft ein gemischtes Profil kognitiver Defizite, das über lokalisationsspezifische Muster hinausgeht. Frontal gelegene Tumoren sind typischerweise mit Störungen exekutiver Funktionen, des Arbeitsgedächtnisses, der Wortflüssigkeit, der emotionalen Regulation sowie der sozialen Kognition assoziiert. Temporallappen-Tumoren können bei linksseitiger Lokalisation das Benennen, die Wortflüssigkeit, das Sprachverständnis, das verbale Gedächtnis sowie die semantische Verarbeitung beeinträchtigen. Bei rechtsseitiger Lokalisation sind hingegen häufig das visuell-räumliche Gedächtnis sowie Gesichts- und Objekterkennung beeinträchtigt. Gliome im Parietallappen können visuell-räumliche und visuokonstruktive Fähigkeiten, die sensomotorische Verarbeitung sowie Aspekte der Sprachverarbeitung beeinträchtigen. Okzipitallappen-Gliome äußern sich primär durch visuelle Verarbeitungsstörungen, wobei es zu Gesichtsfeldausfällen, visuellen Agnosien oder Beeinträchtigungen der räumlich-visuellen Orientierung kommen kann [7].
Neuropsychologische Diagnostik
Die neuropsychologische Diagnostik ermöglicht die Erfassung des Ausmaßes der betroffenen Funktionen sowie deren Auswirkungen auf die betroffene Person. Des Weiteren kann sie zur Klärung möglicher Ursachen kognitiver Defizite beitragen und Ansatzpunkte für eine gezielte Förderung kognitiver Funktionen liefern. Darüber hinaus kann sie Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit im Zeitverlauf erfassen, beispielsweise im Rahmen prä- und posttherapeutischer Vergleichsmessungen oder zur Einschätzung der Veränderung der Entscheidungsfähigkeit. Kontinuierliche neuropsychologische Evaluationen können sowohl spezifische kognitive Defizite identifizieren, die durch gezielte kognitive Rehabilitation adressiert werden können, als auch individuelle kognitive Stärken erfassen, die im Rahmen der Alltagsbewältigung gezielt genutzt werden können. Darüber hinaus spielt die neuropsychologische Untersuchung eine wichtige Rolle bei der Einschätzung von Unterstützungsbedarf in Bezug auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz sowie bei komplexen Alltagsanforderungen, beispielsweise beim Medikamentenmanagement, bei wichtigen Entscheidungen in persönlichen Lebensbereichen oder bei der Beurteilung der Fahreignung, insbesondere im Kontext tumorassoziierter epileptischer Anfälle.
Die Ziele der neuropsychologischen Diagnostik sollten klar definiert sein und den diagnostischen Aufwand in ein zumutbares Verhältnis zum erwartbaren Nutzen setzen. Je nach Fragestellung kann die Untersuchung beispielsweise dazu dienen, Patient:innen bei der Wahrnehmung eigener Defizite zu unterstützen, ihnen kompensatorische Strategien bereitzustellen beziehungsweise individuelle Strategien zum Umgang mit bestehenden Defiziten vermitteln, oder dem Behandlungsteam fundierte Informationen als Entscheidungsgrundlage zu liefern. Das übergeordnete Ziel besteht dabei darin, patientenzentrierte Empfehlungen abzuleiten, die Sicherheit im Alltag, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität bestmöglich unterstützen.
Kurze Screeningverfahren wie der Mini-Mental-Status-Test oder das Montreal-Cognitive-Assessment reichen zur differenzierten Beurteilung kognitiver Defizite bei Hirntumorpatient:innen nicht aus. In der klinischen Praxis sollte die Auswahl konkreter Verfahren und Erhebungszeitpunkte individuell erfolgen und ist dabei abhängig von der klinischen Fragestellung, dem Verdacht auf tumorbedingte Läsionsmuster sowie den personellen und zeitlichen Ressourcen der Einrichtung. Die kognitive Testung sollte domänenspezifisch an die Tumorlokalisation angepasst werden, dabei jedoch grundsätzlich alle kognitiven Funktionen abdecken. Empfehlungen verschiedener Autor:innen zu geeigneten Testverfahren finden sich in Tab. 1. Des Weiteren wird empfohlen, subjektiv empfundene kognitive Defizite ergänzend zu erheben, da objektiv gemessene kognitive Beeinträchtigungen nur in moderatem Ausmaß mit den subjektiven Beschwerden der Patient:innen korrelieren [8, 9].
Tab. 1
Übersicht empfohlener neuropsychologischer Testverfahren zur Diagnostik der kognitiven Funktionsfähigkeit bei Glioblastompatient:innen, basierend auf Empfehlungen diverser Autor:innengruppen
Domäne | Bergo et al. 2019 [1] | Noll et al. 2018 [9] | Taphoorn et al. 2004 [2] |
|---|---|---|---|
Prämorbide Funktionen | – | WTAR | NART |
Motorische Funktionen | – | GPT | – |
Sprache | COWA | COWA | – |
– | BNT | – | |
– | TT | – | |
Aufmerksamkeit/Exekutivfunktionen | TMT A/B | TMT A/B | TMT A/B |
STROOP | – | STROOP | |
– | WAIS-IV | CFT | |
Gedächtnis | HVLT | HVLT | – |
RAVLT | – | RAVLT | |
WMT | – | WMT | |
ROCF | BVMT‑R | – | |
Informationsverarbeitung | LBT | – | LBT |
PASAT | – | BFRT | |
– | – | JLO | |
– | – | DSST |
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Implikationen
Durch kontinuierliches Monitoring der kognitiven Funktionsfähigkeit können kognitive Verschlechterungen im Zeitverlauf erfasst werden. Dabei ist es entscheidend, zwischen einem tumorbedingten Progress einerseits und neuropsychiatrischen Begleitsymptomen oder behandlungsbedingten Nebenwirkungen andererseits zu unterscheiden, da letztere gegebenenfalls behandel- oder modifizierbar sind. Die neuropsychologische Diagnostik liefert dem Behandlungsteam eine zusätzliche, verlaufsbezogene Informationsquelle zur Beurteilung der Krankheitsaktivität und kognitiven Veränderung [10].
Neuropsychiatrische Komorbiditäten wie Schlafstörungen, Depression, Ängste und Fatigue können durch eine Kombination aus direkten Effekten des Tumors, Nebenwirkungen der Behandlung oder als psychische Reaktion auf die Diagnose und Krankheitsverarbeitung sowie weiterer psychosozialer Faktoren verursacht werden. Die gezielte Behandlung dieser Begleitsymptome ist von großer Bedeutung, da sie insbesondere einen erheblichen Einfluss auf die subjektive kognitive Leistungsfähigkeit hat. Eine begleitende psychiatrisch-psychologische Betreuung wurde in mehreren Studien mit verbesserten kognitiven Ergebnissen in Verbindung gebracht, weshalb auch psychosoziale und therapeutische Unterstützungsangebote vermittelt werden sollten. Darüber hinaus kann bei stabilem Allgemeinzustand eine Reduktion potenziell kognitiv beeinträchtigender konkomitanter Medikation, wie etwa Psychopharmaka, Antikonvulsiva und Kortikosteroide, geprüft werden [11‐13].
Oft geht eine kognitive Verschlechterung dem mittels MRT festgestellten Progress zeitlich voraus
Die kognitive Funktion ist bei Patient:innen mit Glioblastom nicht nur eng mit der Lebensqualität und der medizinischen Entscheidungsfähigkeit verknüpft, sondern stellt auch einen unabhängigen Prädiktor für das Überleben dar, sowohl präoperativ als auch postoperativ. Zunehmend deutet die Evidenzlage darauf hin, dass eine Verschlechterung kognitiver Funktionen ein früher Hinweis auf Tumorprogression sein kann und dem mittels MRT festgestellten Progress zeitlich vorausgeht [14].
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Patient:innen mit Hirntumoren haben ein erhöhtes Risiko für eine eingeschränkte medizinische Entscheidungsfähigkeit. Dies hat weitreichende Konsequenzen in verschiedenen Phasen der Erkrankung, insbesondere im Hinblick auf die Einwilligung zu Behandlungen und klinischen Studien sowie auf Entscheidungen am Lebensende. Etwa die Hälfte der Patient:innen mit Hirntumoren zeigt bereits kurz nach Diagnosestellung eine eingeschränkte Fähigkeit zur informierten Einwilligung. Die eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit hängt primär vom Ausmaß der bestehenden kognitiven Beeinträchtigungen ab, die sich im Verlauf typischerweise verschlechtert. Selbst bei gutem Allgemeinzustand (Karnofsky-Index 90–100 %) wiesen in einer Untersuchung über die Hälfte der Patient:innen kognitive Einschränkungen auf. In einer anderen Studie wurde etwa die Hälfte der Patient:innen, die laut standardisierten Tests nicht einwilligungsfähig waren, durch die subjektive Einschätzung der Behandler:innen nicht erkannt. Dies verdeutlicht die diagnostische Schwierigkeit der Entscheidungsfähigkeit im klinischen Alltag und zeigt, dass behandelnde Ärzt:innen dazu neigen, die kognitive Funktionsfähigkeit sowie die medizinische Entscheidungsfähigkeit ihrer Patient:innen zu überschätzen [13].
Behandlung
Kognitive Rehabilitation
Kognitive Rehabilitation kann Prozesse der neuronalen Plastizität unterstützen und zielt darauf ab, beeinträchtigte kognitive Funktionen durch gezieltes Training zu verbessern oder wiederzuerlernen. Alternativ oder ergänzend können auch kompensatorische Strategien eingesetzt werden, wie etwa Gedächtnishilfen oder die Aufteilung komplexer Aufgaben in kleinere, besser bewältigbare Schritte. Studien zur Wirksamkeit kognitiver Rehabilitation bei Gliompatient:innen zeigen bislang moderat positive Effekte, weisen jedoch teils methodische Limitationen wie fehlende Kontrollgruppen, kleine Stichproben oder heterogene Patientenkohorten auf. Häufig zeigen sich die positiven Effekte nicht in allen Domänen und es ist zudem bislang unklar, inwieweit sich Verbesserungen in neuropsychologischen Testwerten nachhaltig auf den Alltag übertragen lassen.
Behandelnde Ärzt:innen neigen dazu, die Entscheidungsfähigkeit ihrer Patient:innen zu überschätzen
Kognitive Rehabilitation wird Patient:innen mit Glioblastom bislang nur selten angeboten, vor allem aufgrund der insgesamt ungünstigen Prognose. Die Durchführung entsprechender Programme erfordert ein hohes Maß an zeitlichem und organisatorischem Engagement, sowohl vonseiten der Betroffenen als auch der Angehörigen. Trotz dieser Herausforderungen zeigen Studien, dass Patient:innen und ihre Bezugspersonen die Rehabilitationsmaßnahmen als hilfreich empfinden und von einer hohen Zufriedenheit berichten. Insbesondere Glioblastompatient:innen, die kognitive Defizite mit entsprechender Beeinträchtigung der Lebensqualität im Alltag bei gleichzeitig stabilem Krankheitsstatus aufweisen, sowie jüngere Patient:innen mit vergleichsweise günstiger Prognose, sollten dabei gezielt in Erwägung gezogen werden [15, 16].
Pharmakologische Ansätze
Bisher wurden mehrere pharmakologische Ansätze zur Behandlung kognitiver Defizite bei Patient:innen mit Hirntumoren untersucht. Donepezil, ein Acetylcholinesterase-Hemmer, zeigte moderate Verbesserungen in Bereichen wie Arbeitsgedächtnis, Sprachgedächtnis, motorischer Geschwindigkeit und Lebensqualität, jedoch nur bei Patient:innen mit bereits ausgeprägteren kognitiven Einschränkungen. Memantin, ein NMDA-Rezeptor-Antagonist, konnte in Studien eine Verlangsamung der kognitiven Verschlechterung bei Exekutivfunktionen, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Gedächtnis nachweisen, wenngleich sich die Evidenz hierzu auf Patient:innen mit Hirnmetastasen bezieht. Auch die zentralnervös stimulierenden Substanzen Methylphenidat und Modafinil sowie Ginkgo-biloba-Extrakt wurden im Hinblick auf potenzielle kognitive Verbesserungen untersucht. Die bisherigen Studien hierzu liefern jedoch uneinheitliche Ergebnisse, wodurch die Evidenzbasis derzeit limitiert ist [15, 16].
Conclusio
Kognitive Beeinträchtigungen bei Patient:innen mit Glioblastom sind häufig und haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen. Ihre Erfassung bietet nicht nur eine zusätzliche Informationsquelle zur Beurteilung der Krankheitsaktivität, sondern hat auch wichtige Implikationen für die Behandlung psychiatrischer Komorbiditäten, die Einschätzung der kognitiven Funktionsfähigkeit im Verlauf, die Prognose in Bezug auf Gesamtüberleben und Progression sowie die medizinische Entscheidungsfähigkeit. Die Evaluation der kognitiven Funktionsfähigkeit ist derzeit nicht standardisiert, auch wenn mehrere Empfehlungen vorliegen. Die neuropsychologische Diagnostik erfolgt in Abhängigkeit von zeitlichen und personellen Ressourcen sowie unter Berücksichtigung der individuellen Situation der Patient:innen.
Fazit für die Praxis
-
Die neuropsychologische Diagnostik informiert über Art, Schwere und Verlauf kognitiver Defizite, gibt Hinweise auf mögliche Ursachen und dient als Grundlage für therapeutische Entscheidungen.
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Kurzscreenings wie der Mini-Mental-Status-Test sind zur differenzierten Beurteilung kognitiver Störungen bei Patient:innen mit Glioblastom nicht ausreichend sensitiv.
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Die Ziele der neuropsychologischen Diagnostik sollten klar definiert und Aufwand und Nutzen in ein angemessenes Verhältnis gesetzt werden.
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Im Krankheitsverlauf sollte ein Gleichgewicht zwischen Therapieeffekt und Erhalt kognitiver Funktionen angestrebt werden.
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Neuropsychiatrische Symptome können die kognitive Funktionsfähigkeit reduzieren und sollten gezielt behandelt werden. Zusätzlich kann bei stabilem Allgemeinzustand eine Reduktion konkomitanter Medikation in Erwägung gezogen werden.
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Der prä- und postoperative kognitive Status ist ein unabhängiger Prädiktor für das Überleben, während eine kognitive Verschlechterung im Verlauf ein Hinweis auf eine Tumorprogression sein kann.
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Rund 50 % der Patient:innen zeigen aufgrund der kognitiven Beeinträchtigungen bereits früh eine eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit, die sich im weiteren Verlauf gewöhnlich verschlechtert.
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Behandelnde Ärzt:innen sollten sich bewusst sein, dass sie die kognitive Funktionsfähigkeit und die medizinische Entscheidungsfähigkeit ihrer Patient:innen tendenziell überschätzen.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
E. Konrath und S. Oberndorfer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
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