Das Oral-History-Projekt der ÖKG zur Geschichte der Kardiologie in Österreich geht online. Seit Oktober 2025 sind die ersten Podcasts und Videos des neuen Projektes der ÖKG zur eigenen Fachgeschichte über die Webseite der ÖKG abrufbar.
Aufnahmesetting für die Videoaufnahme im Billrothhaus mit Prof. Irene Lang am 30.1.2025.
Johanna Meyer-Lenz
Konzipiert und ins Leben gerufen wurde es von dem Kardiologen und ehemaligen Leiter der EMAH-Ambulanz der Med-Univ Wien, Ass.-Prof. Dr. Harald Gabriel und der Historikerin mit langjähriger Erfahrung zu Oral-History-Projekten in der Herzmedizin, Dr. Johanna Meyer-Lenz, Hamburg. Deren Ergebnisse liegen in einer zweibändigen Publikation vor.1,2 Beide führte das ausgeprägte Interesse an der Geschichte der Kardiologie zusammen und sie begannen 2022 mit der umfangreichen Planung dieses anspruchsvollen Unternehmens.
Innovative und einmalige historisch verifizierte mediale Dokumentation
Anlass war die Suche nach Daten über Kurt Amplatz, den Harald Gabriel 2021 für die „Pioneers in Cardiology“ der Cardio News Austria porträtieren sollte. Schnell ergab sich über das Internet der persönliche Kontakt, die Grundlage für das dann gemeinsam ausgearbeitete Konzept der Geschichte der österreichischen Kardiologie als Oral History- Projekt.
Zu Beginn standen jene Fragen, die zunächst naiv erscheinen, doch dem Vorhaben einen zentralen Impuls verliehen und immer noch verleihen: „Ist die Geschichte der österreichischen Kardiologie eigentlich schon erzählt? Wenn ja, wer hat sie wo erzählt? Wurden diese Beiträge aufgezeichnet? Wo sind sie zu finden?“ Die Antwort war und ist: Es gibt sie, die Beiträge zur Geschichte der Kardiologie in Österreich, verstreut in unterschiedlichsten Publikationsorganen von Fachgesellschaften, in medizinischen Zeitschriften. Doch sie ist lückenhaft, von einer quellenorientierten und systematischen historischen Aufarbeitung ganz zu schweigen.
Eine fundierte Darstellung der Kardiologie als universitäre Disziplin seit der Nachkriegszeit, beginnend zum Beispiel mit der beeindruckenden und umfassenden Aufbauleistung des Vorstandes der 2. Medizinischen Universitätsklinik, Prof. Karl Fellinger (1904–2000), fehlt. 1968, mit der Verselbstständigung der Kardiologie unter Prof. Fritz Kaindl (1922–2015) begann die Geschichte der Disziplin Kardiologie. Doch in der großen mehrbändigen Jubiläumsschrift zum 650. Geburtstag der Universität Wien ist eine Darstellung der Kardiologie nicht vertreten.3
Umso verdienstvoller ist es, dass die ÖKG mit ihrem innovativen neuen Projekt diese Lücke zu schließen beginnt. Dies umso mehr, als die ÖKG damit mit bedeutenden Fachgesellschaften der Kardiologie und verwandter Disziplinen in den USA, Großbritannien und Deutschland, und dies mit zum Teil beachtlichen Ressourcen, die eigene Fachgeschichte hochprofessionell und breitenwirksam aufzuarbeiten, gleichzieht.
Die bisherigen 6 Videoaufzeichnungen der Interviewserie, professionell organisiert und von einem Kamerateam begleitet, fanden in der großen Bibliothek des Billroth-Hauses (Gesellschaft der Ärzte in Wien) im Wiener 9. Bezirk in der Frankgasse 8 statt. Kann es einen besseren Ort geben, der Vergangenheit und Gegenwart so zusammenführt, wie dieser eindrucksvolle Raum mit seinem weltweit einmaligen Bestand an medizinischen Fachbüchern und -journalen?
Wie geht es weiter? Aus Erfahrung mit Oral-History-Projekten wissen wir, dass die Durchführung aus naheliegenden Gründen so zeitnah wie möglich realisiert werden sollte. Das Einverständnis von weiteren sechs Interview- partner:innen liegt bereits vor. Es bleibt zu wünschen, dass die ÖKG die Förderung fortführt, um diese innovative und einmalige historisch aufgearbeitete mediale Dokumentation abzurunden. 60 Jahre ÖKG im Jahre 2028 bieten dazu den passenden Anlass!.
Hinweis: Die Podcasts und Videos sind abrufbar unter https://www.atcardio.at/
ODER Hören Sie den Podcast via Spotify oder Apple Podcast! (Wir freuen uns über Anmerkungen und Kommentare per Mail.)
Literatur:
1. Johanna Meyer-Lenz, Jochen Weil: Kinderkardiologie(n) in Berlin, Erlangen, Hannover, London, Minneapolis, München und Tübingen 1950–2000. Leipzig 2021;
2. Johanna Meyer-Lenz, Jochen Weil: Kinderkardiologie in Halle und Leipzig 1950–2000. Leipzig 2019.
3. Nemec/Hofer/Seebacher/Schütz (Hg.): Medizin in Wien nach 1945. Strukturen, Aushandlungsprozesse, Reflexionen. 650 Jahre Universität Wien – Aufbruch ins neue Jahrhundert, Bd. 6. Wien 2022. Vienna University Press bei V&R unipr
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