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Ärzte Woche

12.04.2022 | Innere Medizin

„Die Idee der Herdenimmunität ist gestorben“

verfasst von: Patrick Budgen hat mit Christoph Wenisch gesprochen

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Die Pandemie ist nicht vorbei – noch lange nicht, wenn man Dr. Christoph Wenisch fragt. Die Ärzte Woche hat mit ihm über die Situation im dritten Pandemiejahr gesprochen.

Wie ist die aktuelle Lage auf Ihrer Station?

Wenisch: Es ist ein großes Problem, dass so viele von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen krank werden. Dass der Schutz durch die Impfung bei COVID-19 Omikron BA.2 nicht so gut ist. Das erinnert ein wenig an die Lage im ersten Pandemiejahr. Ein Vorteil ist, dass die Omikron-Erkrankung nicht so schlimm verläuft. Wir haben daher eher ein quantitatives Problem. Aber wir haben weit weniger Fälle mit schwerem Verlauf und weit weniger Todesfälle. Wir haben jetzt Therapiemöglichkeiten für Risikopatienten – ob mit Paxlovid oder Lagevrio oder mit Antikörpern. Wir haben Optionen für die Behandlung, die wir vor einem Jahr noch nicht hatten.

Wie ist denn die Stimmung unter Ihren Kolleginnen und Kollegen, nachdem Sie vom neuen Gesundheitsminister gehört haben, sie sollen arbeiten gehen, wenn sie keine Symptome haben?

Wenisch: Ich glaube, da hat er sich geirrt. Wir in Wien haben ja die Erfahrung von Ignaz Semmelweis. Er hat gezeigt, was passiert, wenn kranke Ärzte Krankheiten an Patientinnen übertragen. Das haben wir gelernt und nicht vergessen. Ich erinnere mich an eine Publikation über einen Oberarzt, der mit Schnupfen eine Visite gemacht hat. Über seinen Schnupfen hat er Bakterien übertragen und vier Kinder angesteckt. Drei Kinder sind gestorben.

Ich kann als infizierter Arzt oder Pflegeperson nicht eine Krankheit ins Spital hineintragen zu Menschen, die ohnedies schon krank sind. Man geht nicht krank arbeiten, wenn man Infektionen übertragen kann. Es ist nicht möglich aus medizinischen Gründen, aus sozialen Gründen, aus ethischen Gründen und aus einer ärztlichen Wertehaltung.

Das AKH war Ende März im Notbetrieb, die Klinik in Mödling auch. Wie sieht es an Ihrer Klinik aus?

Wenisch: Wir in der Millionenstadt Wien, mit ihren vielen Krankenhäusern, haben einen großen Vorteil gegenüber den Spitälern in den Bundesländern: Das ist die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen und zwischen den Krankenhäusern. Wir helfen einander aus. Wenn es bei einer Abteilung nicht mehr geht, hilft eine andere – und wir tauschen Patienten aus. Auch die Pflegerinnen und Pfleger wechseln dann den Arbeitsplatz. Trotzdem kommt es vor, dass Patientinnen oder Patienten auf eine Operation drei Tage warten müssen. Das ist für den Betroffenen natürlich furchtbar.

Anders ist die Situation im Wiener AKH. Das ist eine Spezialklinik für Sonderfälle, die an anderen Krankenhäusern mitunter nicht behandelt werden können. Daher ist hier ein Austausch nicht so leicht möglich. Und ähnlich mag es bei den Spitälern am Land sein.

Nach den neuen Festlegungen des Gesundheitsministeriums kann man nach fünf Tagen Quarantäne ohne sich zu testen wieder unter die Menschen gehen. Was halten Sie davon?

Wenisch: Bei uns an der Klinik ist das Freitesten nach wie vor vorgeschrieben. Und ich bin froh, dass das in ganz Wien so ist. Hier haben wir den Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker entsprechend beraten und er ist unserem Rat gefolgt. Wenn man das in anderen Bundesländern anders macht, dann werden sie, wie man in Wien sagt, ‚ungut aufwachen‘, weil man sich so die Krankheit in die Krankenhäuser einschleppt. Auch wenn man nur noch wenig Viren ausscheidet, scheidet man sie halt aus. Und wenn das vulnerable Gruppen trifft oder Kranke, dann ist das eine Katastrophe. Und für Ärzte und Pflegepersonal gilt: Wer mag mit so einer ungetesteten Person zusammenarbeiten? Niemand.

Was haben Sie sich gedacht, wie dieser von der Bundesregierung verkündete ‚Freedom Day‘ gekommen ist – als praktisch alle Maßnahmen gegen COVID-19 fallen gelassen wurden?

Wenisch: Das ist so wie des Kaisers neue Kleider oder wie ein Potemkin’sches Dorf. Das hätte man zwar gerne, aber es ist noch nicht so weit. Wir haben eine hochinfektiöse Variante von COVID-19 im Land, die viele ältere Menschen ins Krankenhaus bringt. Da kann ich doch nicht sagen, die Pandemie sei vorbei. Vielleicht sind wir in zehn Jahren so weit, dass Corona-Infektionen mit einer Tablette oder einer Impfung beendet werden können. Aber heute zu sagen, das war’s jetzt und es geht mich nichts mehr an, ist viel zu früh.

Jetzt hat Wien strengere Regeln, aber trotzdem lagen Ende März sechs- bis siebenhundert Corona-Patienten auf den Normalstationen. Woran liegt das?

Wenisch: Es liegt an Omikron BA.2. Da ist die Infektiosität enorm und die Wirkung der Impfung gegen die Virusübertragung nicht so gut.

Viele Menschen stecken sich an, obwohl sie geimpft sind. Früher gab es die Theorie der Herdenimmunität: Wenn alle einmal angesteckt sind, geht Corona von selbst weg. Gilt diese Theorie noch?

Wenisch: Die Idee der Herdenimmunität ist gestorben. Viele Virologen haben sie ohnedies immer angezweifelt – und jetzt ist sie tot. Neue Varianten des Virus kommen schneller, als die Abwehrkräfte in den Menschen sich bilden können. Da haben sich ein paar Leute blamiert, aber nachher ist man immer klüger.

Jetzt denken sich viele Menschen: ‚Wozu soll ich mich impfen lassen, wenn ich mich dann eh noch ein-, zwei- oder dreimal anstecke.‘ Was sagen Sie diesen Menschen?

Wenisch: Die Impfung schützt vor dem schweren Verlauf, und das ziemlich robust, weil sie die T-Zellen im Körper auf das Virus vorbereitet. Ansteckung passiert trotzdem, in der Nase, im Rachen, in den Bronchien. Aber die Impfung verhindert, dass das Virus tiefer in den Körper eindringt – dass es zu Lungenentzündungen kommt oder zu Long-COVID oder dass die Viren durchs Blut im ganzen Körper zirkulieren. Richtig ist, dass nicht eingetreten ist, was manche am Anfang gehofft haben: dass die Impfung eine sterile Immunität bringt, die vor jeder Ansteckung schützt. Aber sie schützt vor schwerer Erkrankung und vor dem Tod. Also gilt: ‚Wenn du nicht schwer krank werden oder sterben willst, gehst du impfen.‘

Die Impfzahlen sind immer niedriger geworden, es finden fast keine Impfungen mehr statt. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Wenisch: Es liegt an dem katastrophalen Marketing. Wenn eine Pharmafirma ein neues Medikament bringt, dann steckt sie sehr viel Überlegung und auch sehr viel Geld ins Marketing. Bei Corona war es so, dass die Pharmafirmen auf jedes Marketing verzichtet haben. Regierungen aber sind keine Pharmafirmen. Da gibt es keine Spezialisten fürs Bewerben von Produkten. Und das hat uns kalt erwischt. Das ist ein Schaden, der nicht mehr gutzumachen ist. Marketing ist ein Prozess, der aufgebaut werden muss. Da muss es einen Diskurs geben, eine Auseinandersetzung. Ich muss über das Thema COVID-Impfung reden können, mich austauschen in der Familie und darüber hinaus.

Jetzt wird viel über einen ‚vierten Stich‘ geredet, also einen Booster für den Booster. Istdas sinnvoll?

Wenisch: Bei Menschen über 65 Jahren sicher, mit einem Abstand von sechs Monaten zum dritten Stich. Bei Jüngeren zeigt sich, dass die vierte Impfung zu keiner über die dritte Impfung hinausgehenden Aktivierung von T-Zellen führt. Die Zahl der Antikörper steigt zwar, aber das schützt nur sehr wenig besser gegen die Ansteckung.

Was wird der Herbst bringen?

Wenisch: Das vorauszusehen, ist das Allerschwierigste. Es gibt mehrere offene Fragen: In ein paar Wochen wird eine Impfung gegen die aktuelle Omikron-Mutation BA.2 kommen – wie gut wird sie sein? Und das Zweite ist, ob im Herbst eine neue Mutation auftritt. Und dann ist die Frage, wie lange das immunologische Gedächtnis in den T-Zellen wirkt – sind es acht Monate oder zwölf Monate? Wir wissen es nicht.

Zum Abschluss: Hatten Sie schon Corona?

Wenisch: Merkwürdigerweise noch nicht – ich weiß nicht, was mit mir los ist. Es gab Corona im Krankenhaus, ich hatte es zu Hause bei den Kindern. Aber ich hab’s noch nicht zusammengebracht.

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Quelle:  In diesem Artikel verarbeite Josef Broukal Exzerpte ausgewählter Dialoge aus der Sendung „Wien heute“ die am 6. November 2021 ausgestrahlt wurde. Den Bericht samt Video finden Sie hier auf der Webseite vom ORF.

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Metadaten
Titel
„Die Idee der Herdenimmunität ist gestorben“
Publikationsdatum
12.04.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 15/2022

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