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Ärzte Woche

23.09.2019 | Innere Medizin | Ausgabe 39/2019

Reportage

Ärzte ohne Schmerzgrenzen

Autor:
Nicole Thurn

Sie arbeiten auf der Schattenseite des Lebens – und das oft ohne Bezahlung. Im Krisengebiet, auf einer von der Zivilisation getrennten Insel im Viktoriasee oder in einem Gesundheitszentrum für Wohnungslose.

November 2018: Einsatz im Nordirak für Ärzte ohne Grenzen. Eine Woche, bevor Dr. Matthias Saraya seine Dienstreise in den Irak antreten sollt, explodiert neben der Notfallambulanz in Gayara eine Autobombe.

Das „Emergency Hospital“ rund 40 Kilometer südlich von Mossul ist umgeben von Wüste und verfallenen Häusern – und es ist aus Containern gezimmert. Ein verrosteter Bus steht einsam neben der sandigen Straße, das sieht man auf einem Video, das Saraya zeigt. Hier verbringt der Anästhesist, der sonst seinen Dienst im steirischen LKH Stolzalpe versieht, im November 2018 vier Wochen.

Es gibt kaum Infrastruktur, Nomadenstämme sind in patriachale Clans aufgeteilt. Nahe dem Spital leben 150.000 Flüchtlinge in einem Camp der Vereinten Nationen.

Saraya ist einer von viel zu wenigen Ärzten, die aus Österreich jährlich für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Kriegs- und Krisengebieten weltweit im Einsatz sind. Fünf Ärzte und zehn Pfleger und Hebammen aus Österreich sind derzeit für Ärzte ohne Grenzen weltweit aktiv, mit anderen Fachkräften wie Logistikern und Mechanikern sind es insgesamt 50 Menschen. Über das Wiener Büro werden auch Einsatzkräfte aus Osteuropa entsandt.

Kinder mit Brandwunden

Meetings, Visite, Schockraum, Operationen: der Tag läuft ähnlich ab wie auf der Stolzalpe. Nur einen freien Tag hat Matthias Saraya hier nicht – jeder unterlassene Handgriff scheint unentschuldbar.

Denn es gibt doch große Unterschiede zu seinem Job in Österreich: Täglich werden schwerverletzte Menschen angekarrt. Junge Männer mit zerfetzten Unterschenkeln, Minenopfer, sogar Tote bringen die Angehörigen ins Spital. „70 Prozent der Patienten sind Kinder mit schweren Brandwunden“, wird mir Matthias Saraya später erzählen. Sie kommen meist aus dem Flüchtlingscamp, wo ihre Mütter an offenem Feuer kochen. Oder es sind junge Mädchen, die sich angesichts einer Zwangsehe selbst angezündet haben.

„Es war eine Mischung aus Fernweh, Abenteuerlust und dem Wunsch, Menschen helfen zu wollen“, erzählt er seinen Antrieb, in den Nordirak zu kommen. Das Gehalt ist nicht ausschlaggebend: es reicht gerade, um die Fixkosten in der Heimat zu decken.

Einen Mittwoch pro Monat im Gesundheitszentrum neunerhaus

Von diesem Gehalt können viele vor dem Gesundheitszentrum neunerhaus in Wien nur träumen. Der großzügige Warteraum mit den futuristischen Spots an der Decke ist zum Bersten voll: junge Männer mit dunklen Augen, ältere Männer mit müden Gesichtern, eine korpulente junge Frau mit Gehhilfe. An der Wand hinter der modernen Rezeption prangt Weiß auf Schwarz: „Du bist wichtig.“ An der Rezeption sitzen drei Ordinationsassistentinnen. Was auf den ersten Blick nicht erkennbar ist: eine von ihnen ist eine Sozialarbeiterin.

Im modernen Gesundheitszentrum neunerhaus werden seit Oktober 2017 Menschen behandelt, die die Butterseite des Lebens nur vom Hörensagen kennen: Obdach- und Wohnungslose, Drogensüchtige, Alleinerzieherinnen und Großfamilien an der Armutsgrenze. Etwa 50 Prozent der Patienten und Patientinnen sind nicht versichert. Scham und Scheu halten viele davon ab, eine herkömmliche Arztpraxis zu besuchen, sagt Barbara Berner, Leiterin der niederschwelligen Sozialarbeit.

Berner und ihr Team beraten die Patienten in einem eigenen Raum im Wartebereich, nehmen sich ihrer Sorgen an, zum Thema Wohnen und Arbeiten. Viele kämen über das direkt angeschlossene neunerhaus Café und dessen Sozialarbeiter in das Gesundheitszentrum. Auch die Zusammenarbeit mit dem Ärzteteam sei wesentlich. „Wir beraten die Patienten auch im interdisziplinären Team“, sagt Berner. Eine Dusche gibt es für die Patienten und einen Extra-Warteraum für ansteckende Krankheitsfälle.

Seit 2006 gibt es im neunerhaus das Team der Mobilen Ärzte und Ärztinnen. 2009 wurde die neunerhaus -Zahnarztpraxis eröffnet, im Jahr 2013 die neunerhaus -Arztpraxis, eine allgemeinmedizinische Ordination. Das Zentrum greift auch auf ein Netzwerk von Fachärzten zurück

Stephan Gremmel, Ärztlicher Leiter des Gesundheitszentrums führt mich durch die modernen Räumlichkeiten: In den beiden Räumen ordinieren täglich zwei Allgemeinmediziner, Gremmel gehört auch dazu. Der Meetingraum für das Personal, genannt „Ordi 3“, dient als Ausweichmöglichkeit. Im „Ordi 3“, ein großer Raum mit langem grauen Tisch, soll es bald Yogakurse für die Mitarbeiter geben. Große Erfolge sieht der Arzt in der Arbeit der zwei auf Wundmanagement spezialisierten Pflegekräfte. „Es gelingt uns immer wieder, auch seit vielen Jahren bestehende Wunden zur Abheilung zu bringen“, sagt er. Ein Problem, das vor allem bei den obdachlosen Patienten häufig auftrete.

Februar 2019, Kalangala: selbstorganisiertes Ehrenamt statt Urlaub

Eigentlich will Maria Höfler in Kalangala einfach nur Urlaub machen. Kalangala ist ein Distrikt in Uganda und so heißt auch die Hauptstadt auf der kleinen Insel Bugala im Viktoriasee. Sie begleitet ihre Freundin, Dr. Christine Kelhar, beide sind in Pension. Sie haben in der Ärzte Woche von dem Schulprojekt Bbanga gelesen. Dr. Kelhar will ehrenamtlich als Ärztin im Health Center in Kalangala aushelfen. Das Bbanga Project hat sie dorthin vermittelt.

In ihren Urlauben hatte Maria Höfler, Intensiv-DGKS, schon während ihrer 34 Jahre an einer kardiologischen Intensivstation Krankenhäuser auf der ganzen Welt besucht, um Neues zu lernen. Als sie ihre Freundin morgens mit dem Mietauto ins Health Center fährt, überkommt sie die Lust, wieder mit Patienten zu arbeiten.

So findet sich Maria Höfler als ehrenamtliche Helferin im kleinen Krankenhaus wieder. Das erste, was ihr auffällt: die hygienischen Zustände sind katastrophal. Im Krankensaal gibt es freilaufende Hühner, die bunten Decken auf den Betten haben die Patienten selbst mitgebracht. In einer Hütte nebenan wird Essen auf offenem Feuer zubereitet. Es gibt einen Brunnen und nur eine Toilette. Draußen vor der Tür warten Mütter mit Babies geduldig, auch ein etwa zehnjähriger Junge mit verletztem Finger sitzt stundenlang still, ohne sich zu beschweren.

Höfler ist hier Fachfrau für alles. Sie impft Babies und Erwachsene, informiert die Wartenden, tut, was anfällt. Es mangelt an allem: an Kugelschreibern, an einer mobilen Beatmungsmaschine, an OP-Kleidung, an sterilen Hilfsmitteln, an einem EKG-Gerät, an einem Defibrillator und einem Wehenschreiber, aber auch an Bettwäsche. An Personal.

Arzt für alle Fälle

Der einzige Arzt Dr. Suuna arbeitet hier als Gynäkologe, er macht Tag und Nacht Kaiserschnitte, versorgt aber auch Krokodilbisse, Malariaopfer, TBC- und Aidskranke und operiert große Wunden. Der Anästhesist ist eigentlich psychiatrischer Pflegeassistent, der „Eye-Doktor“, der alle zwei Wochen vorbeikommt, ist gelernter Optiker. Zwei lokale Krankenschwestern sind ebenfalls im Team, die unter anderem Operationsnähte mit Rasierklingen entfernen. Einmal begleitet sie Dr. Suuna, um Blutkonserven am Festland in Masaka zu besorgen. Die Reise dauerte von frühmorgens bis um 22 Uhr abends, „und das für ganze vier Blutkonserven“, erzählt sie. „Auf die Frage, ob das nicht riskant sei, als einziger Arzt wegzubleiben, hat er mir gesagt: die Krankenschwestern können ja alles machen, bis auf einen Kaiserschnitt“, sagt sie.

Keinen Notarzt in Gayara

Ortswechsel. Nord-Irak. Mit dem Rettungsauto benötigt man Stunden, um die Schwerverletzten auf die Intensivstation nach Mossul zu bringen. Gefährlich sind nicht nur die ruckeligen Straßen, sondern und vor allem die Checkpoints der Soldaten und Milizen – perfekte Ziele für Anschläge. Bei Beinamputationen muss Matthias Saraya häufig Überzeugungsarbeit leisten, denn damit werden die Patienten offiziell zu Invaliden und so zur finanziellen Belastung für die Familie.

Ein Zuständiger im Spital informiert täglich über die Sicherheitslage, Waffen müssen am Eingang abgegeben werden. Jede Nacht hört Matthias Saraya Schüsse. Wird er nachts für einen Notfall aus seinem Gästehaus nahe dem Spital geholt, darf er nur in Begleitung eines Wachmanns auf die Straße. „Manchmal“, sagt Matthias Saraya in unserem Gespräch nachdenklich, „habe ich mich im Einsatz wie in einem Film gefühlt“. Dennoch will der Vater dreier Kinder diese Erfahrung nicht missen. Saraya war besonders beeindruckt vom Familienzusammenhalt: „Bei jedem Patienten – egal ob Baby oder Greis – ist Tag und Nacht ein Angehöriger gesessen.“ Und: „Ich habe noch nie soviel Höflichkeit und Herzlichkeit erlebt, „das vermisse ich in Österreich etwas“.

In der Zahnärztlichen Abteilung im Gesundheitszentrum neunerhaus geht es friedlich zu. Drei Zahnarztstühle warten auf die ersten Patienten. Das Equipment wurde zum größten Teil gespendet. Ein ehrenamtlich tätiger Zahnarzt hat seinen Zahnarztstuhl für den eigens geschaffenen Behandlungsraum für Angstpatienten gesponsert. Im Dienst sind meist zwei Zahnärzte und vier Assistentinnen, man schöpft aus einem Pool von 35 ehrenamtlichen Zahnärzten. Der in Wien niedergelassene Zahnarzt Peter Wirth hilft hier ein Mal pro Monat mittwochs ehrenamtlich aus, bereits seit neun Jahren. „Ich engagiere mich seit 30 Jahren ehrenamtlich in meiner Pfarre Ottakring“, sagt er. Mittwochs von neun bis mindestens halb eins ordiniert er im Gesundheitszentrum neunerhaus , „je nachdem, wie viele Schmerzpatienten ohne Termin vorbeikommen“. Inhaltlich sei die Arbeit etwas anspruchsvoller: der Zahnzustand sei oft desolater als bei den Patienten in seiner Ordination. Das Geben ist für ihn nicht nur im christlichen Sinne wichtig: „Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Ich bin Akademiker mit hohem Gehalt und möchte gern an jene etwas zurückgeben, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind.“ Auch nach seiner Pension möchte Peter Wirth sich weiter ehrenamtlich engagieren. Neben der weiteren Arbeit im neunerhaus wäre sein Traum: „Ich möchte gern in einer Zahnstation in Afrika aushelfen, für Ärzte ohne Grenzen .“

Dr. Verena Seidler steht auf der Dachterrasse der Sky Lounge

Gleich startet das Klausurmeeting von Ärzte ohne Grenzen. Seit Mai 2019 ist die Gynäkologin im Vorstand der Organisation. Sie selbst war auf Einsätzen im Kongo und in Pakistan. „Solche Einsätze sind bereichernd: auf fachlicher Ebene, aber auch menschlich“, sagt Seidler. Man lerne, Herausforderungen außerhalb der Komfortzone zu meistern, andere Kulturen kennenzulernen „und zu schätzen, was man zuhause hat“.

Gesucht werden zur Zeit Gynäkologen mit Französischkenntnissen, Anästhesisten und Hebammen. In Assessment-Tests und Gesprächen werden fachliche Qualifikation und Motivation der Bewerber geprüft. Seidler selbst war in Pakistan verschleiert, als einzige und damit leitende Gynäkologin musste sie sich erst bewähren.

Es ist auch Aufgabe der internationalen Mitarbeiter, die lokalen Mitarbeiter vor Ort zu schulen. Supervision gibt es über eine Telefonhotline für die Ärzte vor Ort.

In Vorträgen werden die Bewerber vorab über die Einsätze informiert: über die Sicherheitslage, die kulturellen Besonderheiten und medizinischen Fälle vor Ort. Matthias Saraya hat sich im Vorfeld mehrere Monate mit der irakischen Kultur beschäftigt. „Vorbereitung ist das Wichtigste. Mein Vater war Syrer. Das war eine zusätzliche Motivation, in den Irak mit ähnlicher Kultur zu gehen.“ Matthias Saraya überlegt nun, sich wieder für Ärzte ohne Grenzen zu engagieren. Geplant war der Gazastreifen im kommenden November, er wägt derzeit die Risiken ab. Missen möchte er seinen Einsatz im Irak keinesfalls: „Es war eine überwältigende Erfahrung für mich, die kann mir keiner nehmen.“

Liebenswerte Menschen an einem von der Welt abgeschiedenen Ort

Vorbereitet war Maria Höfler indes nicht, ihr halfen ihre langjährige Erfahrung und ihre Einblicke in andere Arbeitswelten. Ihr berührendstes Erlebnis hatte sie, als ein alter Mann den ganzen Tag im Health Center wartete. Maria Höfler fand heraus, dass er nach der Behandlung kein Geld für die Heimreise hatte. Sie gab ihm Kleingeld. Als sie abends nach einer Stunde Fußmarsch im Hotel ankam, umarmte sie der Hotelmanager und bedankte sich bei ihr, dass sie dem alten Mann geholfen hatte. „Wie er davon erfahren hat, ist mir unerklärlich“, erzählt sie.

Was ihr aus Kalangala in Erinnerung bleiben wird: „Die Geduld und das Gottvertrauen der Patienten. Die Menschen waren unglaublich freundlich und für Kleinigkeiten dankbar.“ Gelernt hat sie eines: „In Österreich muss alles immer sofort sein, die Behandlung, der Befund. Dort heißt es warten. Und es passiert meist auch nichts Schlimmes.“ Ihr Wunsch: „Vielleicht finden sich Menschen oder Firmen, die diesen liebenswerten, von der Welt abgeschiedenen Menschen ein paar Euro oder Hilfsmittel zukommen lassen wollen – damit sie sich selbst besser helfen können.“ Das gilt auch für das Gesundheitszentrum neunerhaus in Wien.


Info

Ärzte ohne Grenzen sucht dringend Gynäkologen,
Anästhesisten, Psychologen, Chirurgen und Hebammen,
aber auch Finanzspezialisten: www.msf.at

 


Spital in Kalangala

Das Buschspital in Kalangala ist über das „Bbanga Project – Bildungshilfe für Afrika“ erreichbar und freut sich über ehrenamtliche Helfer und Spenden : www.bbanga-project.org


 


 

Das neunerhaus

Das „neunerhaus“ in Wien ist eine Sozialorganisation für obdach- und wohnungslose sowie armutsgefährdete Menschen. Dort freut man sich über Geld- und Sachspenden. https://www.neunerhaus.at/spenden

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