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Ärzte Woche

29.11.2021 | Infektionskrankheiten

Amors giftige Pfeile

verfasst von: Annabella Khom

© Toltemara / Getty Images / iStock

In Arkadien der sinnlichen Verlockungen, brennender Sehnsüchte und losgelöster Sinnesfreuden können heitere Liebesspiele unbeschwert vollzogen werden. In der Realität liegt dabei oft ein unerwünschter dritter Erreg(t)er mit im Bett:  eine Geschlechtskrankheit. Tripper- und Syphilis-Fälle vermehren sich zurzeit so rasch wie Virusherde wachsen und HIV ist immer noch nicht heilbar. Der sorglosen Lust sitzt somit die Seuche im Nacken.

Über sexuell übertragbare Erkrankungen wird (viel zu) wenig gesprochen. In den Medien wird kaum über den klandestinen Feind im Bett berichtet – vor allem nicht während der aktuell herrschenden Königin der übertragbaren Infektionskrankheiten: Corona. Dabei stecken sich weltweit mehr als eine Million Menschen jeden Tag mit einer Geschlechtskrankheit an – zumeist unbemerkt. Die WHO spricht demnach von einer „stillen, aber umso gefährlicheren Epidemie“. Auch in Österreich wird seit einigen Jahren ein deutlicher Anstieg an Syphilis, Tripper und Co verzeichnet.

Oft infiziert sich ein Mensch auch mit mehreren Erregern gleichzeitig oder mit demselben Erreger mehrfach pro Jahr. Jeder vierte Erdbewohner ist mit einer Geschlechtskrankheit infiziert, „das sollte ein Weckruf sein“, sagt Peter Salama, WHO-Direktor für flächendeckende Gesundheitsversorgung. Die vier Infektionskrankheiten Trichomonaden, Chlamydien, Gonokokken oder Syphilis könnten schwerwiegende Folgen haben, darunter Eileiterschwangerschaften, Totgeburten, Unfruchtbarkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Arthritis. Allein 2019 sind rund 200.000 Babys von mit Syphilis infizierten Müttern kurz vor oder kurz nach der Geburt gestorben. Damit ist Syphilis die zweithäufigste Todesursache für Babys, nach Malaria. Dabei sind diese Krankheiten heilbar.

Vermeintliche Sicherheit


Über Jahrzehnte hinweg schien es, als hätte man Syphilis in die Schranken gewiesen. Ein Irrtum, denn die Krankheit, die man gemeinhin mit vergangenen Jahrhunderten assoziiert, breitet sich auf ein Neues erfolgreich aus. Im jüngst vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der diagnostizierten Syphilisinfektionen in Europa um 70 Prozent gestiegen. Das zeigen Zahlen des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention (ECDC).

Mit der Ausbreitung von HIV wurden weltweit Safer-Sex-Programme gestartet, welche die Benutzung von Kondomen beim Geschlechtsverkehr propagierten. Die vehemente Empfehlung hat auch die Syphilis stark zurückgedrängt – einen schweren Schlag hatte ihr bereits die Einführung wirksamer Antibiotika versetzt. Mit immer besseren Behandlungsmöglichkeiten von Aids nimmt mittlerweile aber auch die Lust am Safer Sex wieder ab, sagte die Direktorin der ECDC, Andrea Ammon: „Wir beobachten seit einigen Jahren, dass sexuell übertragbare Krankheiten vermehrt gemeldet werden. Wir erklären uns das dadurch, dass die Menschen wieder seltener Kondome benutzen, jetzt, da man HIV gut behandeln kann und es sogar eine vorbeugende Präexpositionsprophylaxe gibt.“

Dunkelziffer schwer abzuschätzen


Geschlechtskrankheiten zählen weltweit zu den fünf häufigsten Erkrankungen, die bei Erwachsenen einer ärztlichen Behandlung bedürfen. Die Dimension der Dunkelziffer ist schwer abzuschätzen, da ein Großteil der Infektionen ohne Symptome verläuft und somit unbemerkt bleibt. Außerdem stellen sexuell übertragbare Erkrankungen ein Tabuthema da, für das sich viele Betroffenen genieren und deshalb gar nicht erst zum Arzt gehen.

„Mindestens ein bis zwei Menschen infizieren sich in Österreich pro Tag mit HIV und zehn Prozent aller Jugendlichen infiziert sich pro Jahr mit Chlamydien“, berichtet Dr. Georg Stingl, emeritierter Vorstand der Klinik für Dermatologie an der Medizinischen Universität Wien. „In Österreich leben aktuell zwischen 8.000 und 9.000 Menschen mit einer aktiven HIV-Infektion. Im Jahr 2019 wurden rund 1.600 Tripper- und 580 Syphilis-Fälle gemeldet – die Dunkelziffer nicht mit eingerechnet. Drei Jahre zuvor waren es noch 1.211 beziehungsweise 431 gemeldete Fälle“, sagt Stingl. Ein Anstieg von über 30 Prozent binnen drei Jahren.

Einige weitere wichtige Krankheiten, die nicht ausschließlich, aber doch sehr häufig durch den Geschlechtsverkehr übertragen werden wie: Hepatitis B, Filzläuse und Skabies (Krätze) erregten in den letzten Jahren ebenfalls neue Aufmerksamkeit. In Europa werden jährlich mehr als 500.000 sexuell übertragene Infektionen verzeichnet – die Tendenz ist alarmierend stark steigend. Zwischen 2012 und 2018 nahmen die Fälle von Tripper um drastische 93 Prozent und die von Syphilis um 58 Prozent zu.

Riskanter Sex


Es gibt über 30 verschiedene sexuell übertragbare Bakterien, Viren und Parasiten, wobei die vier häufigsten Erkrankungen Chlamydien-Infektionen, Tripper (Gonorrhoe), Syphilis und eine Ansteckung durch Trichomonaden sind. Viele Geschlechtskrankheiten verlaufen beschwerdelos und bleiben dadurch lange unbemerkt. „Unbehandelt können diese zu Komplikationen und auch zu schwerwiegenden Folgen wie Unfruchtbarkeit oder bei HPV zu Krebs führen“, warnt Dr. Georg Stary, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sexually Transmitted Diseases und dermatologische Mikrobiologie (ÖGSTD).

Bakterielle Infektionen sind meist gut mit Antibiotika behandelbar, dazu müssen diese jedoch früh erkannt werden. Der weltweite Anstieg an STD ( Sexually Transmitted Diseases ) ist neben einem erhöhten sexuellen Risikoverhalten wie ungeschützten Geschlechtsverkehr, häufiger Partnerwechsel und weniger Angst, sich mit HIV zu infizieren, weitgehend auf die zunehmende Antibiotika-Resistenz zurückzuführen. Gonorrhoe-Infektionen (Tripper) galten über viele Jahre als recht einfach zu behandeln, sukzessiv sind jedoch Resistenzen gegen alle zur Behandlung eingesetzten Therapeutika entstanden. „Um einen Rückgang an sexuell übertragbaren Infektionen zu bewirken, sind Impfungen von großer Bedeutung“, betont Stary. Eine äußerst sichere Vorbeugung ist die konsequente Verwendung von Kondomen.

Vielversprechendes Konzept


Trotz der Erfolge in der Prävention und Behandlung von Geschlechtskrankheiten gibt es viele Krankheitserreger, gegen die – trotz modernster Techniken – noch keine schützende Impfung entwickelt werden konnte. Daher braucht es weiterhin neue Behandlungen, um der stillen Epidemie Herr zu werden. Ein vielversprechendes neues Konzept entwickelte ein Forscherteam der Harvard-Universität unter der Leitung von Georg Stary. Ihnen gelang es erstmals, das Immunsystem so anzuregen, dass es sich effektiv gegen Chlamydien zur Wehr setzt. Und das direkt an der Schleimhaut – die Eintrittspforte der Bakterien, wo die Entzündung entsteht. Dazu werden Chlamydien per UV-Licht abgetötet und somit deaktiviert. Diese inaktiven Chlamydien binden sich mithilfe von speziellen Nanopartikeln an ein Adjuvans und werden über eine Schleimhautoberfläche, wie etwa der Nase, verabreicht. Gedächtniszellen werden somit über die Art und den Ort der vermeintlichen Infektion informiert. Zusätzlich werden auch Abwehrzellen gebildet, die direkt in die Schleimhaut einwandern und dort ebenfalls Gedächtniszellen bilden. Das Konzept erzeugt so eine doppelte Immunantwort und wirkt wie ein Turbo für das Immunsystem. Diese Erkenntnis könnte künftig auch wegweisend für Impfungen anderer Typen sein. Weitere Anwendungen, inklusive Vakzine zum Schutz vor Krebserkrankungen, werden bereits erforscht.

mRNA-Technologie gegen HIV


Generell ist auf dem Gebiet der Impfstoff-Forschung zurzeit viel in Fahrt. So liefern Auswertungen von australischen Patientendaten einen Hinweis darauf, dass Impfstoffe gegen Meningokokken der Gruppe B auch vor Tripper schützen könnten. Die genetischen Ähnlichkeiten der beiden auslösenden Bakterien  Neisseria meningitidis und Neisseria gonorrhoeae könnte ein Grund dafür sein. Weiters wurde begonnen, mithilfe der neuen mRNA-Technologie einen HIV-Impfstoff zu entwickeln. Schützt die Meningokokken-B-Impfung also auch vor Tripper? Ist die mRNA-Technologie ein „game changer“ bei HIV? Die Zukunftsmusik wird uns gewiss ein Lied davon singen.

„Im Gegensatz zur SARS-CoV-2- Infektion, gegen die innerhalb eines Jahres nach Identifizierung des Virus ein effektiver Impfstoff Marktreife erlangte, gibt es 28 Jahre nach Entdeckung von HIV-1 noch immer keine schützende Impfung“, berichtet Dr. Erwin Tschachler von der Universitätsklinik für Dermatologie an der Medizinischen Universität Wien. Die Infektion mit COVID-19 erfolgt vorrangig durch freie Viren in Aerosolen, während die Übertragung von HIV-1 im Rahmen des Geschlechtsverkehrs passiert. „Die neue Technologie mittels mRNA-Impfung könnte eine Option sein, die auch bei HIV funktionieren kann. Im August wurde mit der Erprobung eines mRNA-basierten HIV-Impfstoffs begonnen. „Es ist zu hoffen, dass die neue Klasse von mRNA-Impfstoffen das Potenzial hat, auch bei HIV-1 wirksam zu sein.“

Österreichische Erfolgsgeschichten


Wirksame Impfstoffe stehen zum Schutz vor HPV und Hepatitis B weltweit zur Verfügung – aufgrund von Ergebnissen bahnbrechender Forschungen. An der Weltspitze der STD-Forschung befinden sich auch österreichische Wissenschaftler. Diese waren an Entwicklungen, die einen Durchbruch in der Prophylaxe und Therapie von sexuell übertragbaren Erkrankungen bedeuteten, maßgeblich beteiligt. An der Entwicklung des Impfstoffes, der gegen die wichtigsten HPV-Typen schützt, war etwa der Wiener Dermatologe Reinhard Kirnbauer bedeutsam involviert.

Sex-Folgen im Billrothhaus


Die Gesellschaft der Ärzte (GDÄ) ist die traditionsreichste medizinische Gesellschaft Österreichs. Ihre historische Bibliothek im „Billrothhaus“, dem Sitz der Gesellschaft, beherbergt einen unermesslichen Schatz an medizinischer Literatur im Herzen von Wien. So besitzt die Gesellschaft auch Schriften von Paracelsus, der sich bereits im 16. Jahrhundert intensiv mit der Behandlung der „Lustseuche“ Syphilis beschäftigte und diese, vor unglaublichen 500 Jahren, mit Quecksilber-Kuren erfolgreich behandelte.

„Mit rund 70.000 Schriften gilt die Bibliothek des Billrothhauses bis heute als die größte private Sammlung medizinischer Literatur in Europa“, sagt GDÄ-Präsidentin Dr. Beatrix Volc-Platzer. „Diese spannenden medizinhistorischen Überlieferungen und die aktuelle Relevanz von Infektionskrankheiten in epidemischem bis pandemischem Ausmaß waren für unsere Gesellschaft Anlass, diesem Thema neues Gehör zu verschaffen.“ Im Frühjahr 2022 folgt auch eine Bücherausstellung zum Thema „Lust & Seuche“, die für die breite Bevölkerung zugänglich sein wird. Obgleich der bedeutungsschwangeren Geschichte kommt auch die Moderne nicht zu kurz: Die Gesellschaft war Vorreiter der Digitalisierung im medizinischen Bereich.

Anlässlich des 480. Todestages von Paracelsus, veranstaltete die Gesellschaft der Ärzte gemeinsam mit der ÖGSTD im Billrothhaus Anfang November im Vorfeld eines Fachsymposiums ein Pressegespräch, welches die Aussagen der Fachmediziner in diesem Artikel beinhaltete. Experten gaben einen Überblick über die aktuelle Lage von Geschlechtskrankheiten in Österreich und stellten Errungenschaften und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in Therapie und Prävention vor. Wobei dem andauernden Wettlauf zwischen Erreger und Wirtsorganismus aus mikrobiologischer, immunologischer und seuchenhygienischer Sicht stets besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Historisch gesehen war die GDÄ der „Lesezirkel“ und das Diskussionsforum der Vertreter der Zweiten Wiener Medizinischen Schule. Diese spielte ab 1840 in der damals international einsetzenden Transformation der Medizin zu einer Naturwissenschaft eine zentrale Rolle und verhalf der Wiener Medizin für etwa 80 Jahre zur Weltgeltung. Vier Nobelpreisträger waren Mitglieder der GDÄ und präsentierten im Billrothhaus erstmals ihre bahnbrechenden Erkenntnisse.

Metadaten
Publikationsdatum
29.11.2021
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 47/2021