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Inanspruchnahme von Psychotherapie in Österreich: Hürden und förderliche Faktoren aus Patient:innensicht

  • Open Access
  • 16.10.2025
  • originalarbeit
Erschienen in:

Zusammenfassung

Dieser Beitrag untersucht aus Patient:innensicht Hürden und förderliche Faktoren beim Zugang zu ambulanter Psychotherapie in Österreich, inkl. möglichen Stadt-Land-Unterschieden. Grundlage sind 43 Interviews mit Patient:innen aus privaten Praxen, die mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Als zentrale Hürden wurden ein komplexes Erstattungssystem, belastende Erfahrungen mit Gesundheitspersonal sowie negative Therapievorerfahrungen identifiziert; zusätzlich wurden Schamgefühle in einzelnen Fällen erwähnt. Zugleich beschrieben die Befragten förderliche Faktoren wie soziale Unterstützung, professionelle Begleitung und frühere positive Therapieerfahrungen. Die Ergebnisse verdeutlichen den Bedarf an einer vereinfachten und besser finanzierten Kostenerstattung sowie verbesserter Informationsvermittlung. Häufige ambivalente Vorerfahrungen mit Psychotherapie sprechen für vertiefende Forschung.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Einleitung

Trotz einer grundsätzlich gut ausgebauten psychotherapeutischen Versorgungsstruktur bestehen weiterhin Hürden beim Zugang zur Psychotherapie (Carbonell et al. 2020) – auch in Österreich, wo ein deutlicher Unterschied zwischen dem tatsächlichen Behandlungsbedarf und den verfügbaren Therapieplätzen angenommen wird (Plessen et al. 2016). Strukturelle Hürden wie begrenzte Kostenübernahme durch Krankenkassen, lange Wartezeiten, komplexe Antragsverfahren oder unzureichend integrierte Angebote erschweren den Zugang (Löffler-Stastka und Hochgerner 2021; Sagerschnig et al. 2018; Schigl et al. 2021). Schätzungen zufolge sind rund 23 % der Bevölkerung jährlich von psychischen Störungen mit Krankheitswert betroffen, jedoch wird nur ein Teil davon im Versorgungssystem erfasst; tatsächlich können derzeit lediglich etwa 3,8 % der Bevölkerung psychotherapeutisch versorgt werden (Parlament der Republik Österreich 2022).
Hürden bei der Inanspruchnahme von Psychotherapie können sowohl intern (z. B. Scham, mangelnde Problemwahrnehmung) als auch extern (z. B. fehlende Informationen, strukturelle Hindernisse) wirksam sein. Neben der Forschung zu hinderlichen Faktoren rücken in den letzten Jahren auch förderliche Faktoren stärker in den Fokus, etwa unterstützende soziale Netzwerke oder der Wunsch nach Veränderung (Kantor et al. 2017). Eine österreichische qualitative Studie zeigte, dass insbesondere bürokratische Hürden, Stigmatisierung und Schwierigkeiten bei der Orientierung im medizinischen System als häufige Barrieren beschrieben wurden, während Empfehlungen durch Familienangehörige, Freund:innen und Hausärzt:innen den Zugang erleichterten (Sagerschnig et al. 2018).
Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag, welche Hürden und förderlichen Faktoren Patient:innen aus ihrer Perspektive beschreiben und wie sich diese zwischen städtischen und ländlichen Regionen unterscheiden. Zu berücksichtigen ist, dass alle Befragten einen Therapieplatz fanden und die geschilderten Hürden überwinden konnten.

Methoden

Die Analyse basiert auf Daten der POPP-Studie (Prozess und Outcome in psychotherapeutischen Praxen) (Schaffler et al. 2024), einer naturalistischen Beobachtungsstudie im niedergelassenen Bereich in Österreich. Grundlage sind ausschließlich Interviews mit Patient:innen. Eine erste Auswertung wurde bereits von Schaffler et al. (2022) publiziert, jedoch ohne Gruppenvergleich und ausschließlich mit Daten aus 2021. Für die aktuelle Analyse wurden zusätzlich 22 Interviews aus 2022 berücksichtigt, sodass insgesamt 43 Patient:innen einbezogen wurden. Zum Zeitpunkt des Interviews befanden sich alle in laufender Psychotherapie und hatten zwischen fünf und 40 Sitzungen absolviert; die Mehrheit war weiblich (69,8 %, n = 30). Die Interviews wurden von dafür geschulten Psychotherapiestudierenden unter Supervision der Universität für Weiterbildung Krems (UWK) geführt.
Die Patient:innen wurden von ihren behandelnden Psychotherapeut:innen zur Teilnahme eingeladen und meldeten sich anschließend selbstständig über eine dafür eingerichtete Homepage an. Für die Analyse wurden jene Interviewpassagen ausgewertet, die auf erzählgenerierende Fragen zum Therapiebeginn, zu Umständen der Aufnahme sowie zu ersten Erfahrungen fokussierten.
Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2015), unterstützt durch die Software ATLAS.ti. Das Kategoriensystem wurde zunächst deduktiv auf Basis einschlägiger Literatur entwickelt (z. B. bekannte Hürden wie finanzielle oder organisatorische Schwierigkeiten sowie förderliche Faktoren wie soziale Unterstützung). Dieses Gerüst wurde im Kodierprozess induktiv erweitert und präzisiert, sodass wiederkehrende patient:innenbezogene Aspekte aufgenommen werden konnten. Die finalen Kategorien beziehen sich sowohl auf Hürden als auch auf förderliche Faktoren der Aufnahme und Fortsetzung von Psychotherapie und sind im Ergebnisteil in Abb. 1 dargestellt. Zur Sicherung qualitativer Gütekriterien wurde der Kodierprozess transparent dokumentiert. Reflexivität wurde durch wiederholte gemeinsame Reflexionen im Forschungsteam berücksichtigt.
Für den Gruppenvergleich wurde das Sample nach Gemeindegröße aufgeteilt: eine ländliche Gruppe aus Orten mit weniger als 25.000 Einwohner:innen (n = 14) und eine städtische Gruppe aus Orten mit mehr als 25.000 Einwohner:innen (n = 29). Diese Schwelle orientiert sich an der Typologie der Statistik Austria (Statistik Austria 2021), in der ein Bevölkerungspotential von mindestens 25.000 als Kriterium für die Abgrenzung urbaner Kernzonen herangezogen wird. Die Ergebnisse werden in Tabellen deskriptiv als absolute Zahlen und Prozentwerte dargestellt. Der Vergleich nach Wohnortgröße folgt einem qualitativ orientierten Zusammenhangsanalysedesign (Mayring 2016, S. 13); Häufigkeitsauszählungen können hier Hinweise auf die Relevanz bestimmter Kategorien geben (Mayring 2015, S. 53). Ergänzend durchgeführte χ2- und Fisher-Exakt-Tests ergaben keine belastbaren signifikanten Unterschiede. Aufgrund mehrfach sehr kleiner bzw. leerer Zellen berichten wir Unterschiede daher ausschließlich deskriptiv als Muster, die auf weiteren Forschungsbedarf verweisen.
Die Interviews wurden im Rahmen der POPP-Studie erhoben, die ursprünglich breiter auf psychotherapeutische Prozesse und deren Outcome abzielte. Die vorliegende Auswertung stellt somit eine Sekundäranalyse dar, die sich spezifisch auf Hürden und förderliche Faktoren beim Zugang konzentriert. Das narrative Vorgehen mittels offener Einstiegsfragen zu den Umständen des Therapiebeginns erlaubt eine vertiefende Nutzung der vorhandenen Daten, bringt jedoch auch Einschränkungen mit sich, da die Interviewleitfäden und Nachfragen seitens der Interviewer:innen nicht spezifisch auf Zugangsaspekte ausgerichtet waren.
Diese Studie wurde in Übereinstimmung mit der Deklaration von Helsinki durchgeführt. Die Genehmigung wurde von der Ethikkommission der Donau-Universität Krems, Österreich, erteilt (EK GZ 28/2018-2021).

Ergebnisse

Beschreibung des Samples

Im Folgenden werden zunächst die soziodemografischen und therapiebezogenen Merkmale der beiden Gruppen dargestellt (Tab. 1).
Tab. 1
Soziodemografische und therapiebezogene Merkmale der Teilnehmenden, differenziert nach Wohnortgröße in Land/Stadt. Angaben in absoluten Zahlen (n) und Prozent (%). Geringfügige Abweichungen von den Gesamtfallzahlen ergeben sich durch fehlende Angaben.
 
Land (n = 14)
Stadt (n = 29)
n
%
n
%
Geschlecht
Weiblich
10
71,4
20
69,0
Männlich
4
28,6
9
31,0
Alter
18–29
6
42,9
7
24,1
30–39
5
35,7
7
24,1
40–49
3
21,4
5
17,2
50+
0
0,0
10
34,5
Bildungsniveau
Keine Schulbildung
0
0,0
0
0,0
Sekundarschule
2
14,3
2
6,9
Lehre
2
14,3
1
3,4
Höhere Schule
5
35,7
9
31,0
Universität
5
35,7
16
55,2
Psychopharmaka
Nein
8
57,1
23
79,3
Ja
6
42,9
5
17,2
Therapiefinanzierung
Vollständig über Versicherung
4
28,6
4
13,8
Vollständig privat
1
7,1
2
6,9
Teilweise Rückerstattung
9
64,3
22
75,9
Therapierichtung
Verhaltenstherapie
1
7,1
0
0,0
Humanistische Therapien
7
50,0
16
55,2
Psychodynamische Therapien
3
21,4
12
41,4
Systemische Therapie
3
21,4
0
0,0
In beiden Gruppen waren die meisten Patient:innen weiblich (Land 71,4 %; Stadt 69,0 %). Hinsichtlich des Alters waren jüngere Patient:innen (18–29 Jahre) in kleineren Orten häufiger vertreten (42,9 % vs. 24,1 %), während in Städten mehr als ein Drittel über 50 Jahre alt war (34,5 % vs. 0 %). Beim Bildungsniveau verfügten knapp die Hälfte der Befragten über einen Universitätsabschluss, wobei der Anteil in Städten höher lag (55,2 % vs. 35,7 %).
Auch bei der Einnahme von Psychopharmaka zeigen die Daten auf Unterschiede: In Städten gaben 79,3 % an, keine Psychopharmaka einzunehmen, in kleineren Orten 57,1 %. Die Finanzierung erfolgte überwiegend über eine teilweise Kostenrückerstattung durch die Krankenversicherung (72,1 %), mit etwas höheren Anteilen in städtischen Gebieten (75,9 % vs. 64,3 %). Hinsichtlich der Therapierichtung überwogen in beiden Gruppen humanistische (53,5 %), gefolgt von psychodynamischen Ansätzen (34,9 %), die in Städten häufiger vertreten waren (41,4 % vs. 21,4 %).
Aufgrund der geringen Fallzahlen erfolgte keine inferenzstatistische Prüfung; die Angaben sind deskriptiv zu interpretieren.

Hürden und förderliche Faktoren

Die zentralen Ergebnisse der qualitativen Analyse werden zunächst ohne Berücksichtigung von Gruppenunterschieden präsentiert. Die Analyse ergab vier Hauptbereiche (externe Hürden, innere Hürden, externe förderliche Faktoren, innere förderliche Faktoren) mit den in Abb. 1 dargestellten Unterkategorien.
Abb. 1
Kategorisierung der Hürden und förderlichen Faktoren sowie deren Haupt- und Subkategorien
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Externe Hürden

Externe Hürden betrafen vor allem finanzielle und organisatorische Einschränkungen beim Zugang zur Psychotherapie. Am häufigsten beschrieben Patient:innen Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme, darunter Unklarheiten im Finanzierungssystem, gescheiterte Anträge auf volle Kostenübernahme und lange Wartezeiten. Eine Teilnehmerin schilderte das Spannungsfeld zwischen Therapiebedarf und finanziellen Belastungen:
„Ich dachte: Ich kann mir das jetzt nicht leisten. […] Die Versicherung zahlt ein bisschen was, aber das ist marginal. Therapie muss man sich leisten können.“ (w, 45 J.)
Darüber hinaus nannten Befragte alternative Bewältigungsstrategien (z. B. Selbsthilfegruppen, Meditation, Sport, spirituelle Praktiken, Tanz) als Gründe, Psychotherapie aufzuschieben oder zwischenzeitlich auszusetzen:
„Ich hab gesagt: Ich brauch was, das mir Freude macht. Und dann hab ich mit Hip-Hop angefangen. […] Und da hab ich mich wiedergefunden.“ (m, 39 J.)
Weitere externe Hürden waren kritische Bemerkungen durch enge Angehörige, die die Behandlung als bedrohlich oder überflüssig einschätzten, sowie eine als unübersichtlich empfundene Vielfalt psychotherapeutischer Schulen, die bei der Wahl der passenden Therapieform zu Unsicherheit führte:
„Ich war völlig überfordert mit dem Angebot an Schulen, weil ich nicht wusste, welche Therapieform ich nehmen soll.“ (m, 28 J.)
Zusätzlich berichteten Teilnehmende von der Nichtverfügbarkeit gewünschter Therapeut:innen, sei es aus Kapazitätsgründen oder aufgrund persönlicher Nähe. Schließlich erschwerten auch geografische Distanz, zeitliche Einschränkungen (z. B. durch Elternschaft) sowie unattraktive Therapieräume die Entscheidung für eine Aufnahme der Behandlung.

Innere Hürden

Innere Hürden umfassten in erster Linie negative Vorerfahrungen mit Psychotherapie. Patient:innen schilderten das Gefühl, in früheren Therapien nicht verstanden, beantwortet oder vorverurteilt worden zu sein. Eine junge Frau vermutete Überlastung ihres früheren Therapeuten als Ursache für dessen zurückhaltendes Verhalten:
„Ich hatte einen Therapeuten, der hat nur genickt. […] Ich glaube, der hatte einfach viel zu tun mit Corona und so.“ (w, 20 J.)
Ein weiterer Patient machte eine fehlende Passung zwischen seiner Person und der therapeutischen Arbeitsweise verantwortlich:
„Das Problem war, dass er (…) mir das Gefühl gegeben hat, ich würde ihn behandeln, anstatt er mich. Er hat viel geredet und viele Theorien gehabt; damit konnte ich nichts anfangen. Ich glaube, das lag an seiner Therapierichtung – die hat nicht gepasst.“ (m, 43 J.)
Darüber hinaus nannten Teilnehmende negative Erfahrungen mit anderem Gesundheitspersonal (z. B. unwirksame Unterstützung, Vorverurteilung, Missverständnisse, mangelnde Wertschätzung), die das Vertrauen in professionelle Hilfe beeinträchtigten.
Zu den inneren Hürden zählten außerdem Schamgefühle und Angst vor Stigmatisierung, die die Aufnahme einer Therapie wiederholt infrage stellten.
Schließlich erwiesen sich auch das ursprüngliche Nicht-Erkennen von Hilfsbedarf, negative Erwartungen, Schwierigkeiten, über Emotionen zu sprechen, Sorgen hinsichtlich Vertraulichkeit oder enttäuschte Erwartungen zu Therapiebeginn als hinderlich für die (fortgesetzte) Inanspruchnahme, etwa wenn Patient:innen konkretere Rückmeldungen erwartet hatten.

Externe förderliche Faktoren

Externe förderliche Faktoren bezogen sich vor allem auf Unterstützung durch private soziale Netzwerke und Fachpersonen. Fast alle Befragten berichteten, dass nahestehende Personen sie zur Aufnahme einer Psychotherapie ermutigten oder konkret bei der Therapeut:innensuche halfen. Besonders häufig wurden Freund:innen genannt, die eigene Erfahrungen teilten oder Kontakte von Psychotherapeut:innen weitergaben; daneben spielten auch Eltern, Geschwister, Partner:innen sowie in Einzelfällen erwachsene Kinder oder das berufliche Umfeld eine Rolle:
„Mein Chef ist da sehr offen. Wir haben gemeinsam beschlossen, dass es keine schlechte Idee wäre, wenn ich mir Hilfe suche.“ (m, 31 J.)
Darüber hinaus erwies sich die Unterstützung durch Fachpersonen als zentral. Erwähnt wurden insbesondere Mitarbeiter:innen von Clearingstellen, Sozialdiensten oder spezialisierten Beratungsstellen sowie Ärzt:innen, Psychiater:innen, Psycholog:innen, Hotlines, Ambulanzen und Therapeut:innen angrenzender Disziplinen. Ein Teilnehmer schilderte einen präzisen Hinweis durch eine telefonische Beratung:
„Ich habe angerufen, und am Telefon war eine Traumatherapeutin, die mir gesagt hat, ich soll eine körperorientierte Einzeltherapie machen.“ (m, 30 J.)
Auch Informationen aus dem Internet erleichterten die Orientierung, sei es zu Praxisstandorten, Therapieschwerpunkten oder dem ersten Eindruck über die Person:
„Ich hab ihr Foto gesehen und fand sie sympathisch. Ihre Homepage war ansprechend. Bei den anderen hatte ich eher das Gefühl, das passt nicht zu mir.“ (w, 29 J.)
Weitere externe förderliche Faktoren waren praktische Rahmenbedingungen wie die räumliche Nähe zur Praxis, die auch kulturelle Nähe stiften konnte („Sie kennt das Dorfleben – das verbindet irgendwie.“, w, 26 J.), finanzielle Unterstützung durch Familienangehörige oder (teilweise) Kostenübernahme durch die Krankenversicherung sowie die Möglichkeit von Ferntherapie, die vor allem für Patient:innen mit familiären Verpflichtungen oder Schichtarbeit relevant war:
„Wir machen das über Skype – das hilft mir total. […] Ich muss nicht 20 km fahren, und mit Kindern und Schichtdienst wär das sonst kaum machbar.“ (w, 36 J.)

Innere förderliche Faktoren

Innere förderliche Faktoren bezogen sich auf Motivation, Vorerfahrungen und positive Erwartungen. Mehr als zwei Drittel der Befragten beschrieben eine Krise oder einen Höhepunkt des Leidensdrucks – mit Symptomen wie Angst, Depression, Panikattacken oder Erschöpfung – als Auslöser für die Entscheidung, professionelle Hilfe zu suchen.
Die ersten Sitzungen mit der aktuellen Therapeut:in trugen maßgeblich dazu bei, die Motivation zu stabilisieren – etwa durch Vertrauensaufbau, erlebte Sympathie oder ein Gefühl von Sicherheit:
„Sie hat gesagt: Du musst nicht bleiben, du kannst jederzeit sagen, wenn’s nicht passt – das hat gleich Vertrauen geschaffen.“ (w, 26 J.)
Ein weiterer zentraler Faktor zur Aufnahme einer Psychotherapie war die bewusste Entscheidung dazu, oft verbunden mit dem Wunsch nach neuer Perspektive oder dem Gefühl, „jetzt ist der richtige Zeitpunkt“.
Auch positive Vorerfahrungen mit Psychotherapie wurden häufig berichtet:
„Ich wusste einfach, dass es mir hilft – ich hatte 2019 schon mal eine Therapie.“ (w, 22 J.)
Sonstige berichtete Aspekte waren Kenntnisse über therapeutische Verfahren und positive Erwartungen an die Behandlung:
„Ich habe mir nie so sehr gewünscht, in Therapie zu sein, weil ich wusste, dass sie mir helfen wird.“ (m, 28 J.)

Gruppenvergleiche nach Land und Stadt

Es folgt ein Vergleich der Häufigkeit von Hürden (Tab. 2) und förderlichen Faktoren (Tab. 3) für Psychotherapieaufnahme in Abhängigkeit von der Wohnortgröße. Im Text wird nur auf Kategorien mit substanzielleren Häufigkeiten eingegangen.

Hürden

(Tab. 2)
Tab. 2
Häufigkeit berichteter Hürden in Land- (N = 14) und Stadtgruppe (N = 29), Angaben in n und %.
 
Land
N = 14
Stadt
N = 29
n
%
n
%
Externe Hürden
Hürden bei der Kostenübernahme
6
42,9
11
37,9
Alternative Wege der Problembewältigung
3
21,4
10
34,5
Nicht positiv eingestellte Familienangehörige
1
7,1
6
20,7
Zu viele therapeutische Schulen zur Auswahl
1
7,1
4
13,8
Gewünschte:r Therapeut:in kommt nicht in Frage
2
14,3
0
0,0
Gewünschte:r Therapeut:in ist nicht verfügbar
0
0,0
3
10,3
Geografische Entfernung
1
7,1
1
3,4
Zeitliche Einschränkungen
1
7,1
4
13,8
Unattraktiver Therapieraum
0
0,0
2
6,9
Innere Hürden
Negative Vorerfahrungen mit Psychotherapie
7
50,0
15
51,7
Negative Erfahrung mit Gesundheitspersonal
6
42,9
5
17,2
Scham oder Angst vor Stigmatisierung
3
21,4
2
6,9
Kein subjektiver Hilfebedarf erkannt
2
14,3
4
13,8
Negative Erwartungen gegenüber Psychotherapie
3
21,4
2
6,9
Schwierigkeiten, über Emotionen zu sprechen
2
14,3
4
13,8
Sorgen bezüglich Vertraulichkeit
1
7,1
0
0,0
Enttäuschte Erwartungen
2
14,3
6
20,7
In beiden Gruppen wurden Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme am häufigsten genannt (Land 42,9 %, Stadt 37,9 %). Negative Erfahrungen mit Gesundheitspersonal waren im ländlichen Kontext häufiger (42,9 % vs. 17,2 %).

Förderliche Faktoren

(Tab. 3)
Tab. 3
Häufigkeit berichteter förderlicher Faktoren in Land- (N = 14) und Stadtgruppe (N = 29), Angaben in n und %.
 
Land
N = 14
Stadt
N = 29
n
%
n
%
Externe förderliche Faktoren
Unterstützung durch nahestehende Personen
12
85,7
25
86,2
Unterstützung durch Fachpersonen
7
50,0
16
55,2
Informationen aus dem Internet
5
35,7
4
13,8
Räumliche Nähe zur Praxis
2
14,3
2
6,9
Kostenübernahme/Finanzierung
2
14,3
5
17,2
Möglichkeit zur Ferntherapie
3
21,4
5
17,2
Innere förderliche Faktoren
Wahrnehmung starker Symptomatik
10
71,4
22
75,9
Positive Eindrücke aus den ersten Sitzungen
13
92,9
21
72,4
Aktive Planung und Entscheidungsfindung
10
71,4
24
82,8
Positive Erfahrungen mit früherer Psychotherapie
5
35,7
18
62,1
Wissen über therapeutische Schulen
3
21,4
13
44,8
Positive Erwartungen
6
42,9
19
65,5
Unterstützung durch nahestehende Personen war in beiden Gruppen der zentrale Förderfaktor (Land 85,7 %, Stadt 86,2 %). Patient:innen aus ländlichen Regionen berichteten besonders häufig von positiven Eindrücken in den ersten Sitzungen (92,9 % vs. 72,4 %). Zudem spielten frühere positive Therapieerfahrungen und Wissen über therapeutische Schulen in der Stadtgruppe eine größere Rolle (62,1 % bzw. 44,8 % vs. 35,7 % bzw. 21,4 %).

Diskussion

Ziel der Studie war es, Hürden und förderliche Faktoren für den Zugang zur ambulanten Psychotherapie aus Patient:innensicht zu identifizieren und mögliche Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Kontexten aufzuzeigen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass trotz einer relativ gut ausgebauten psychotherapeutischen Versorgungsstruktur in Österreich verschiedene Hürden bestehen bleiben, während zugleich unterschiedliche förderliche Faktoren die Inanspruchnahme unterstützen.
Die häufig berichteten Kostenhürden stimmen mit nationalen und internationalen Befunden überein, die den eingeschränkten oder komplexen Zugang zu Kostenerstattungssystemen als eine der größten Barrieren identifizieren (Löffler-Stastka und Hochgerner 2021; Sagerschnig et al. 2018; Carbonell et al. 2020). Dass dieses Hindernis im städtischen wie im ländlichen Kontext gleichermaßen zentral ist, unterstreicht die Notwendigkeit struktureller Reformen im Finanzierungssystem.
Negative Erfahrungen mit allgemeinem Gesundheitspersonal betrafen fast die Hälfte der Befragten im ländlichen Sample und könnte auf schwerere psychische Erkrankungen hindeuten – ein Befund, der durch die häufigere Einnahme von Psychopharmaka in dieser Gruppe gestützt wird. Auch frühere Psychotherapieerfahrungen – positive wie negative – spielten für einen erheblichen Teil des Gesamtsamples eine Rolle. In beiden Gruppen berichtete etwa die Hälfte der Teilnehmenden von negativen Erlebnissen. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit Befunden, die auf die Bedeutung einer guten therapeutischen Passung und ausreichender Empathie im Behandlungsprozess hinweisen (Norcross und Lambert 2018). Zugleich zeigt unsere Untersuchung, dass positive Erfahrungen mit früherer Psychotherapie ebenfalls häufig genannt wurden – in der Stadt mit über 60 % sogar fast doppelt so oft wie am Land. Dies verweist auf die ambivalente Rolle früherer Psychotherapien, ein bislang wenig untersuchtes Spannungsfeld, das vertiefte Forschung erfordert.

Limitationen

Die Ergebnisse sind vor dem Hintergrund mehrerer Einschränkungen zu betrachten. Erstens handelt es sich um eine Sekundäranalyse von Interviews, die ursprünglich breiter auf psychotherapeutische Prozesse und Outcomes abzielten. Obwohl erzählgenerierende Fragen auch Zugangsaspekte abdeckten, war dies nicht der alleinige Fokus. Zweitens ist das Sample klein, nicht repräsentativ und auf Patient:innen mit bestehender Therapieanbindung in privaten Praxen begrenzt; die Perspektive von Personen ohne Therapiezugang bleibt unberücksichtigt. Drittens sind die Gruppenvergleiche qualitativ angelegt, da die geringe Fallzahl keine belastbare statistische Auswertung erlaubt und die Befunde folglich ausschließlich deskriptiv dargestellt werden.

Implikationen

Die Analyse der Patient:innenerzählungen zeigt, dass der Zugang zur Psychotherapie trotz eines relativ gut ausgebauten Versorgungsangebots weiterhin durch ein komplexes und nicht flächendeckendes Erstattungssystem erschwert wird. Sowohl negative als auch positive Vorerfahrungen mit Psychotherapie wurden häufig thematisiert, was auf ein ambivalentes Erfahrungsbild hinweist und weiteren Forschungsbedarf nahelegt. Als zentrale Unterstützung beim Finden eines Therapieplatzes erwiesen sich enge Bezugspersonen, psychosoziale Fachkräfte sowie der individuell empfundene Leidensdruck. Bedeutsam erscheint, dass besonders Patient:innen im ländlichen Kontext positive Eindrücke aus den ersten Sitzungen schilderten. Hingegen spielten positive Erfahrungen mit vorhergehenden Psychotherapien in städtischen Kontexten eine größere Rolle als am Land, was Unterschiede in den positiven Erwartungen – ebenfalls häufiger in der Stadtgruppe – teilweise begründen könnte. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, insbesondere finanzielle Zugangshürden abzubauen und den Zugang durch ein vereinfachtes Erstattungssystem und verbesserte Informationsvermittlung zu stärken.

Interessenkonflikt

Y. Schaffler, E. Humer, G. Amsüss, T. Probst, C. Pieh und B. Schigl geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://​creativecommons.​org/​licenses/​by/​4.​0/​deed.​de.

Hinweis des Verlags

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Titel
Inanspruchnahme von Psychotherapie in Österreich: Hürden und förderliche Faktoren aus Patient:innensicht
Verfasst von
Yvonne Schaffler
Elke Humer
Gerald Amsüss
Thomas Probst
Christoph Pieh
Brigitte Schigl
Publikationsdatum
16.10.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Psychotherapie Forum / Ausgabe 3-4/2025
Print ISSN: 0943-1950
Elektronische ISSN: 1613-7604
DOI
https://doi.org/10.1007/s00729-025-00292-4
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