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I bins, dein Warzeneißer

  • 05.12.2025
  • Zeitungsartikel

Österreich, Deutschland und die Schweiz haben ihr Insekt des Jahres 2026: den Warzenbeißer. Hinter dem derben Namen steckt eine auffällige Heuschrecke, die in trockenen Wiesen lebt – und dort immer seltener wird.

Das Insekt des Jahrs 2026: Der Warzenbeißer (Decticus verrucivorus). Gefährdet ist der Wiesenbewohner durch Lebensraumschwund und Parasiten. Senckenberg/Schmitt


Der Warzenbeißer fällt sofort auf. Er hat einen gedrungenen Körper, lange Fühler und ein würfelförmiges Muster auf den kurzen Flügeln. Seine Farben variieren zwischen grellem Grün und dunklem Braun. „Er ist erstaunlich anpassungsfähig“, sagt Thomas Schmitt, Leiter des Senckenberg-Instituts in Müncheberg und Vorsitzender des Kuratoriums. „Aber er braucht große, offene Flächen. Nur dort bilden sich stabile Bestände.“

Der Name des Warzenbeißers klingt wie aus einem Märchenbuch. Früher glaubten Menschen, die Heuschrecke könne mit ihrem kräftigen Biss und einem „scharfen Saft“ Warzen heilen. Ob dieser Trick je funktionierte, ist unbekannt – schmerzhaft war er sicherlich.

Obwohl das Tier robust wirkt, ist sein Leben heikel. Die Weibchen legen im Spätsommer bis zu 300 Eier in den Boden. Einige Eier ruhen dort sieben Jahre, bevor sie schlüpfen. Die jungen Tiere brauchen Sonne und Wärme, verstecken sich im hohen Gras, werden aber dennoch häufig gefressen. Nur wenige erreichen das Erwachsenenalter, das von Juni bis Oktober dauert, am liebsten im August.

Warzenbeißer fressen Pflanzen und jagen auch andere Insekten. Sie können fliegen, springen aber meist – und erstaunlich weit.

Ein schriller Sänger im Wiesengras

Männchen erklimmen Grashalme, um zu singen. Bei Sonnenschein und Temperaturen über 23 Grad ertönt ihr Ruf: ein hartes, schneller werdendes „Zick“, das an einen alten Traktor erinnert. Der Gesang lockt Weibchen an und schreckt Rivalen ab. Bei Gefahr verstummen die Männchen sofort und lassen sich fallen, um Vögeln, ihren wichtigsten Feinden, zu entgehen. Historische Berichte erzählen sogar von Heuschrecken, die bei Angriffen Verdauungssaft verspritzen. Auch Parasiten wie Fadenwürmer und Fliegenlarven bedrohen die Populationen.

Bedroht und isoliert

Der Warzenbeißer lebt in Europa und Asien. Doch seine Lebensräume verschwinden. Intensive Landwirtschaft und Aufforstung nehmen ihm die offenen, mageren Wiesen, die er braucht. „Die Isolation kleiner Bestände ist ein wachsendes Problem“, sagt Martin Husemann vom Naturkundemuseum Karlsruhe. „Wenn natürliche Korridore fehlen, bricht der Austausch ab.“ Mit der Auszeichnung wollen die Forschenden auf die letzten Magerrasen aufmerksam machen und auf eine Landwirtschaft, die solche Flächen noch zulässt.

Titel
I bins, dein Warzeneißer
Publikationsdatum
05.12.2025
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 51-52/2025
Bildnachweise
Bild/© Senckenberg/Schmitt