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Wie Plastik den Körper erreicht

Mikro- und Nanoplastik ist längst Teil der Stadtluft – unsichtbar, aber messbar. Eine Studie zeigt, wie stark die Belastung ist und woher sie kommt: vor allem aus Reifenabrieb. Die eingeatmeten Partikel könnten das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs erhöhen.

Plastik ist nicht nur ein Problem der Ozeane. Es befindet sich auch in der Luft und gelangt beim Atmen in den menschlichen Körper. Eine aktuelle Studie aus Leipzig zeigt erstmals für Deutschland, wie groß die Belastung tatsächlich ist. Das Ergebnis: Ein messbarer Anteil des Feinstaubs besteht aus Mikro- und Nanoplastik, wobei der größte Teil aus dem Straßenverkehr stammt.

Rund vier Prozent der Feinstaubmasse in der untersuchten Stadtluft bestehen aus Plastikpartikeln. Etwa zwei Drittel davon stammen von Reifenabrieb. Hochgerechnet bedeutet das: Ein Mensch, der sich dauerhaft an einer stark befahrenen Straße aufhält, nimmt täglich etwa 2,1 Mikrogramm Plastik über die Luft auf. Auf ein Jahr gerechnet sind das rund 0,7 Milligramm.

Besonders kritisch sind die kleinsten Partikel. Nanoplastik ist so fein, dass es tief in die Lunge eindringen kann. Dort kann es Entzündungen auslösen oder oxidativen Stress verursachen – Prozesse, die als Auslöser für chronische Erkrankungen gelten. Die Partikel können Schadstoffe wie Schwermetalle oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe an ihrer Oberfläche tragen und so ihre schädliche Wirkung verstärken.

Die Leipziger Forschenden haben nicht nur gemessen, sondern auch gerechnet. Auf Basis bestehender epidemiologischer Modelle schätzten sie das Gesundheitsrisiko. Das Ergebnis: Die zusätzliche Belastung durch Plastikpartikel könnte das Sterberisiko bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu neun Prozent erhöhen, bei Lungenkrebs um bis zu 13 Prozent.

Die Studie bringt vor allem Klarheit bei der Herkunft der Partikel. Reifenabrieb dominiert deutlich. Etwa 65 Prozent der gefundenen Kunststoffe stammen von Fahrzeugreifen. Dahinter folgen Materialien wie Polyvinylchlorid, Polyethylen und PET – Kunststoffe, die in Verpackungen, Bauprodukten oder Textilien vorkommen.

Mikroplastik in der Arktis

Die Messungen wurden an einer stark befahrenen Ausfallstraße durchgeführt. Dort ist die Belastung besonders hoch. Doch das Grundproblem reicht weiter: Mikroplastik wurde längst auch in abgelegenen Regionen nachgewiesen – in Hochgebirgen und sogar in der Arktis. Es verteilt sich global. Ein Grund, warum das Problem unterschätzt wurde, liegt in der Messung. Plastik ist kein einheitlicher Stoff, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Polymere. Besonders kleine Partikel lassen sich schwer nachweisen. Die Forschenden nutzten ein aufwendiges Verfahren: die Pyrolyse-Gaschromatografie gekoppelt mit Massenspektrometrie. Dabei werden die Partikel erhitzt, in ihre Bestandteile zerlegt und chemisch analysiert. So entsteht ein „Fingerabdruck“, der Rückschlüsse auf die Art des Kunststoffs erlaubt.

Trotz wachsender Erkenntnisse gibt es bislang keine Grenzwerte für Plastik in der Luft. Weder die WHO noch die EU haben Richtlinien festgelegt. Das liegt an der dünnen Datenlage. Die Forschung steht noch am Anfang. Unklar ist etwa, wie stark die Belastung je nach Ort und Jahreszeit schwankt. Auch die langfristigen gesundheitlichen Folgen sind noch nicht ausreichend untersucht. Die Leipziger Studie liefert einen wichtigen ersten Baustein, ersetzt aber keine Langzeitforschung.

Die Ergebnisse haben Konsequenzen. Wenn Reifenabrieb die Hauptquelle ist, greift eine einfache Lösung zu kurz. Der Umstieg auf Elektroautos reduziert zwar Abgase, nicht aber den Abrieb. Fahrzeuge bleiben schwer, der Kontakt zur Straße bleibt – und damit die Partikel.

Wer die Belastung senken will, muss weiter denken: leichtere Fahrzeuge, neue Reifenmaterialien, weniger Individualverkehr. Auch die Stadtplanung spielt eine Rolle. Verkehrsarme Zonen und bessere Luftführung helfen, die Exposition zu verringern.

Mikro- und Nanoplastik in der Luft ist ein junges Forschungsfeld. Doch die Hinweise verdichten sich, dass es sich um ein relevantes Gesundheitsrisiko handelt. Selbst geringe Mengen können über lange Zeiträume Wirkung entfalten.

Titel
Wie Plastik den Körper erreicht
Publikationsdatum
24.03.2026
Bildnachweise
Bild/© detailfoto / Stock.adobe.com