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Open Access 25.01.2023 | Hygiene- und Umweltmedizin

„Sich hier weiter zu drücken, ist keine Option“

verfasst von: Mit Hans-Peter Hutter hatDietmar Schobel gesprochen

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Hans-Peter Hutter erklärt, was zu tun ist, um die Welt doch noch zu retten, und weshalb sich ein Sezierkurs schlecht mit Fleischgenuss verträgt.

Ihn Ihrem aktuellen Buch, das Sie gemeinsam mit der Journalistin Judith Langasch¹ verfasst haben, beantworten Sie die Frage, ob wir noch zu retten sind, mit Ja. Was müsste getan werden?

Hutter: Dafür werden seit Jahrzehnten wissenschaftlich fundierte Konzepte vorgelegt. Sie müssten nur auf politischer Ebene endlich ernst genommen werden, denn wir haben schon zu lange auf Kosten der Zukunft gelebt. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir nur noch umkehren können – und umkehren müssen. Der Club of Rome, ein Zusammenschluss von Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern, hat bereits 1972 seinen Bericht „Grenzen des Wachstums“ vorgelegt. Sein aktueller, 50 Jahre später erschienener Bericht „Earth for all – Ein Survivalguide für den Planeten“ beschreibt fünf „Wendepunkte“, an denen vor allem angesetzt werden sollte, um den größten Nutzen für alle zu erzielen. Das sind die Beseitigung der Armut, der Abbau von Ungleichheit, der Wandel hin zu einer regenerativen und naturverträglichen Landwirtschaft, eine umfassende Energiewende und die Gleichstellung der Frauen.

Der Anteil von Österreich an den CO₂-Emissionen weltweit beträgt rund 2 Promille. Ist da überhaupt ein spürbarer Effekt zu erwarten, wenn wir uns hierzulande mehr um Nachhaltigkeit bemühen?

Hutter: Dieses Argument höre ich oft, meist in Verbindung damit, weshalb wir mehr für die Umwelt tun sollten, während Länder wie China, die USA oder Indien das nicht tun. Meine Gegenfrage lautet: „Wenn wir nichts tun, wer dann?“ Österreich hat ebenso wie die weiteren reichen Länder der Welt die Verpflichtung, mit gutem Beispiel voranzugehen. Sich hier weiter aus der Verantwortung zu ziehen, ist keine Option, wenn wir die Klimakrise bewältigen und die damit einhergehenden Risiken begrenzen wollen. Es ist nur ein Akt der Bequemlichkeit und verantwortungslos.

Ist es nicht ermüdend, immer wieder dieselben Argumente vorbringen zu müssen?

Hutter: Nein, das ist es keineswegs. Ich halte es heute für wichtiger denn je, sich zu engagieren. Dazu gehört für mich, nicht nur in Fachzeitschriften zu publizieren, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse auch leicht verständlich einem breiteren Publikum zu kommunizieren – bei Veranstaltungen sowie in Medien aller Art.

Womit beschäftigt sich ein Umweltmediziner?

Hutter: Allgemein betrachtet damit, die Einflüsse der Umwelt auf unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden zu erforschen, Risikoabschätzungen durchzuführen und diese Inhalte auch öffentlich zu vermitteln. Im Detail geht es dabei um die Auswirkungen von Plastik und Mikroplastik ebenso wie um jene von Pestiziden, Leicht- und Schwermetallen, um die Folgen der Luftverschmutzung durch Feinstaub, Stickstoffdioxid und Ozon oder die gesundheitlichen Konsequenzen von Lärmbelastung und der Klimakrise.

Welchen Anteil hat der Gesundheitssektor?

Hutter: Rund 4,4 Prozent der Emissionen weltweit sind auf den Gesundheitssektor zurückzuführen. Das sind mehr Treibhausgase als die Schifffahrt oder der Flugverkehr ausstoßen, die auf zwei und drei Prozent kommen. Wäre das globale Gesundheitswesen ein Land, wäre es nach China, den USA, Indien und Russland der weltweit fünftgrößte Emittent von CO₂. Bei dieser Berechnung der internationalen NGO „Health Care Without Harm“ wurden sämtliche Umweltwirkungen des Gesundheitsbereiches berücksichtigt – von der Erzeugung von Medikamenten und Medizingeräten über den Betrieb von Krankenhäusern und Ordinationen bis hin zum Krankentransport und der Entsorgung von Materialien. Dementsprechend sind im Gesundheitswesen auch große Potenziale für Verbesserungen vorhanden, durch Energiesparkonzepte, aber vor allem durch eine ökologische und nachhaltige Beschaffung. Dabei bedarf es engagierter Mitarbeitender, die das in Spitälern, Praxen und anderen Gesundheitseinrichtungen einbringen.

Was kann Gesundheitsförderung zum Klimaschutz beitragen?

Hutter: Einerseits sind die Ziele der Gesundheitsförderung und des Klimaschutzes oft dieselben, wenn wir etwa an bessere Möglichkeiten für umweltfreundliche und aktive Mobilität durch Radfahren und Zu-Fuß-Gehen denken, oder daran, den Anteil pflanzlicher Lebensmittel an der Ernährung zu erhöhen. Das macht die Ernährung gesünder und reduziert gleichzeitig die CO₂-Emissionen, da bekanntlich bei der Produktion tierischer Lebensmittel viel mehr davon entsteht als bei der Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel. Andererseits sollten die Expertinnen und Experten für Gesundheitsförderung ebenso wie alle anderen im Bereich Public Health darauf hinweisen, dass wir rasch und grundlegend etwas verändern müssen. Dabei haben wir auch eine Vorbildfunktion.

Was tun Sie selbst für Umwelt und Gesundheit?

Hutter : Ich habe kein Auto, fahre in der Stadt nur mit dem Rad, transportiere meine Kinder im Alter von zwei und fünf Jahren mit dem Lastenrad und benutze für Reisen die Bahn, wann immer möglich. Auf Fleisch verzichte ich schon seit über 35 Jahren. Der Klimaschutz war allerdings nicht der Grund dafür. Mir ist damals, 1986, direkt aus dem Sezierkurs kommend, schlicht der Appetit auf das Mittagessen im Familienkreis mit Rindfleisch vergangen – und seither nicht zurückgekommen. Der ungekürzte Originalartikel ist erschienen in „Gesundes Österreich – Magazin für Gesundheitsförderung und Prävention“ (2/2022) des Fonds Gesundes Österreich.

Literaturempfehlung

¹ Hans-Peter Hutter und Judith Langasch: „Sind wir noch zu retten?“Plastik, Feinstaub & Co.: Was wir über Umwelteinflüsse und ihre Gesundheitsrisiken wissen sollten. 216 S., Orac 2021, Hardcover 24,00 €, ISBN ISBN: 978-3-7015-0632-3

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Metadaten
Titel
„Sich hier weiter zu drücken, ist keine Option“
Publikationsdatum
25.01.2023

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