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Neue Wege in der Behandlung der Hidradenitis suppurativa

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Zusammenfassung

Die Hidradenitis suppurativa (HS) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung mit rezidivierenden Abszessen, Fistelgängen und narbigen Veränderungen in typischen intertriginösen Arealen. Die Therapie der HS orientiert sich an der entzündlichen Krankheitsaktivität, klassifiziert mithilfe des International Hidradenitis Suppurativa Severity Scoring System (IHS4)-Scores, sowie an klinischen Phänotypen mit unterschiedlicher Progressionsdynamik. Bei moderater bis schwerer HS bilden systemische Therapien die Grundlage der Behandlung. Antibiotika wie Doxycyclin werden primär aufgrund ihrer immunmodulatorischen Wirkung eingesetzt, zeigen jedoch häufig kein ausreichendes oder dauerhaftes Ansprechen. Zugelassene Biologika sind der TNF-α-Inhibitor Adalimumab sowie die IL-17-Inhibitoren Secukinumab und Bimekizumab, die bei einem relevanten Anteil der Patient:innen eine signifikante Reduktion entzündlicher Läsionen erreichen. Indirekte Vergleiche zeigen eine höhere Wirksamkeit von Bimekizumab im Erreichen höherer Ansprechraten, während Adalimumab ein günstiges Sicherheitsprofil aufweist. Als neue Therapieoption zeigen Januskinase(JAK)-Inhibitoren, insbesondere die selektiven JAK-1-Inhibitoren Upadacitinib und Povorcitinib, in frühen Studien ein relevantes und anhaltendes Ansprechen auch nach Versagen von Biologika-Therapien.
Trotz dieser Fortschritte bleibt die Wirksamkeit systemischer Therapien bei fortgeschrittener HS mit epithelialisierten Fistelgängen, fibrotischem Umbau und narbigen Gewebeveränderungen begrenzt. Operative Verfahren haben daher eine zentrale Bedeutung und stellen derzeit die einzige potenziell kurative Therapieoption dar. Die aktuelle Datenlage zeigt, dass weite Exzisionen im Vergleich zu rein symptomatischen Maßnahmen deutlich geringere Rezidivraten erzielen und zu einer nachhaltigen Verbesserung von Schmerzen, Funktion und Lebensqualität führen. Somit sind eine frühzeitige chirurgische Mitbeurteilung sowie die strukturierte Integration operativer Verfahren in ein multimodales Therapiekonzept essenziell, idealerweise in Kombination mit systemischer Immunmodulation, um eine langfristige Krankheitskontrolle zu erreichen.
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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hintergrund

Die Hidradenitis suppurativa (HS) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung des terminalen Haartalgdrüsenapparats und führt zu einer Kombination aus rezidivierenden Abszessen, Fisteln und schmerzhaften narbigen Veränderungen, die funktionelle Einschränkungen mit sich bringen können. Eine HS liegt vor, wenn innerhalb von sechs Monaten mindestens zwei entzündliche Knoten, drainierende Tunnel oder Abszesse an den Prädilektionsstellen inguinal, axillär oder perineal/perianal aufgetreten sind [1]. Es handelt sich um eine häufige Erkrankung des jungen Erwachsenenalters, mit einer Prävalenz von 0,4–1 % in Europa und Nordamerika (Frauen: Männer bis zu 3:1; [2]). Risikofaktoren umfassen eine genetische Prädisposition (bis zu einem Drittel der Betroffenen berichten über familiäre Belastung), Rauchen sowie einen erhöhten Body-Mass-Index. Letztere sind sowohl mit dem Auftreten einer HS als auch mit einer höheren Krankheitsaktivität assoziiert [1].
Das heutige Verständnis der HS beruht auf dem Modell einer primären Follikelokklusion mit anschließender Ruptur und einer sekundären überschießenden Immunantwort. Dieses Konzept erklärt, warum einerseits antiinflammatorische Therapien notwendig sind, andererseits aber operative Verfahren, die erkranktes Gewebe dauerhaft entfernen, häufig entscheidend zum langfristigen Erfolg beitragen. Die chronische Entzündung wird durch die Persistenz von Fistelstrecken und tiefen Narbenplatten unterhalten. Solange diese bestehen, wirken systemische Therapien häufig nur unzureichend [3]. Gleichzeitig zeigen moderne immunmodulatorische Medikamente, insbesondere Biologika, eine sehr hohe Wirksamkeit gegen die entzündliche Komponente und reduzieren die Krankheitsaktivität. Die therapeutische Zukunft der HS liegt somit in der intelligenten Kombination beider Ansätze.

Klassifikation

Zur Einteilung der HS wurde häufig der Hurley-Score verwendet: Ein Hurley Stadium I ist definiert als „einzelne Abszesse, keine Fistelgänge und Vernarbungen“, ein Hurley-Stadium II als „ein oder mehrere weit auseinanderliegende Abszesse mit Fistelgängen und Narbenbildung“ und ein Hurley-Stadium III als „flächiger Befall mit Abszessen, Fistelgängen und Narbenzügen“ [4]. Die Hurley-Klassifikation ist allerdings eine statische Klassifikation und berücksichtigt nicht aktive entzündliche Veränderungen.
Daher ist die Erhebung des neueren International Hidradenitis Suppurativa Severity Scoring System (IHS4) erforderlich, um die entzündliche Aktivität zu klassifizieren [5]. Der IHS4-Score ergibt sich aus der Anzahl der entzündlichen Knoten (multipliziert mit 1) plus der Anzahl der Abszesse (multipliziert mit 2) plus der Anzahl der drainierenden Fistelgänge (multipliziert mit 4). Ein Gesamtscore von 3 oder weniger entspricht einer milden Erkrankung, 4–10 einer moderaten und 11 oder höher einer schweren Erkrankung.
In der Hurley-Klassifikation werden aktive entzündliche Veränderungen nicht berücksichtigt
Eine prospektive Kohortenstudie von Martorell et al. teilt Patient: innen mit HS in unterschiedliche Phänotypen ein: follikulär, gemischt und entzündlich, wobei letztere mit einer höheren Aggressivität und einem deutlich erhöhten Risiko für eine Progression bei natürlichen Krankheitsverläufen assoziiert sind [6]. Tab. 1 zeigt klinische Unterscheidungsmerkmale.
Tab. 1
Klinische Unterscheidungsmerkmale unterschiedlicher HS-Phänotypen nach Martorell et al. (Mod. nach [6])
 
Follikulär
Gemischt
Entzündlich
Geschlechtsverteilung
F > M
M > F
M > F
Familiäre Vorbelastung
++
++
±
Erstmanifestation
Pubertät
Pubertät
Pubertät + junge Erwachsene
Typische Lokalisationen
Axillen, Oberschenkel
Axillen, Oberschenkel
Axillär, inguinal, gluteal
Follikulitis, Komedonen
++
++
−−
Aktive Läsionen
Knoten
Abszesse
Abszesse und Tunnel
Subkutane Fisteln
Progression
Gering
Mild
Aggressiv
Der Erkrankungsverlauf kann ferner in eine frühe entzündliche, eine destruktive und eine ausgebrannte Phase eingeteilt werden [1]. Die Progression in einen vernarbenden Zustand ist ein entscheidender Unterschied zu anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen der Dermatologie wie atopischer Dermatitis und Psoriasis, und damit ist ein frühzeitiger Therapiebeginn essenziell.
Es gilt, die aktive entzündliche HS nach dem IHS4-Score in eine milde, moderate und schwere Erkrankung zu klassifizieren und eine entsprechende medikamentöse Therapie zu beginnen.

Medikamentöse Therapie

Milde HS

Bei einer milden Erkrankung entsprechend IHS4-Score 1–3 findet sich in vielen Therapieempfehlungen eine topische Therapie mit Clindamycin 1 % und Resorcin 15 % [7]. Die Evidenzlage hinsichtlich der Wirksamkeit topischer Therapien ist allerdings gering, und aufgrund des Nebenwirkungsprofils empfiehlt die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzte die Anwendung von Resorcin nicht mehr [8].
Zudem können intraläsionale Injektionen mit Triamcinolon eine vorübergehende Besserung einzelner entzündlicher Läsionen bewirken. Die Therapie kann sowohl als Monotherapie als auch als adjuvante Behandlung angeboten werden. Ein klinisches Ansprechen mit spontaner Abflachung, Ablösung oder spontanem Abfluss der Läsionen wird in der Regel nach 48–72 h beobachtet [8].

Moderate und schwere HS

Bis vor wenigen Jahren wurde zur Therapie der moderaten (IHS4 Score 4–10) und schweren (IHS4 Score ≥ 11) HS in Leitlinien noch eine Kombinationstherapie von Clindamycin mit Rifampicin empfohlen. Diese wurde weitgehend durch eine 12-wöchige Doxycyclin-Therapie (2 × 100 mg tgl.) als Erstlinie bei moderater HS abgelöst. Dabei geht es weniger um die antimikrobielle und mehr um die immunmodulatorische Wirkung. Die immunmodulatorischen Effekte von Tetrazyklinen umfassen die Hemmung der Neutrophilenmigration, Chemotaxis und die Inhibition von Matrix-Metalloproteinasen, was zur Reduktion der Entzündungsaktivität beiträgt. Eine retrospektive Analyse konnte zudem zeigen, dass auch eine systemische Therapie mit Fucidinsäure ein ähnliches Ansprechen und Nebenwirkungsprofil im Vergleich zu einer Doxycyclin-Kontrollgruppe zeigte, und somit eine wirksame Alternative bei Kontraindikationen oder Resistenzen einer Doxycyclin-Therapie sein kann [9]. Zudem kann eine 5‑tägige intravenöse Clindamycin-Therapie (3 × 600 mg tgl.) vor Beginn einer oralen antibiotischen Therapie erwogen werden [10].
Bei der Doxycyclin-Therapie steht die immunmodulatorische Wirkung im Vordergrund
Dennoch ist in diesem Stadium der Erkrankung ein frühzeitiger Beginn mit Biologika essenziell.
Bereits 2016 konnte in zwei placebokontrollierten Phase-III-Studien die Wirksamkeit des Tumornekrosefaktor-alpha-Inhibitors (TNF-α-Inhibitor) Adalimumab in der Behandlung der moderat bis schweren HS gezeigt werden. Nach 12 Wochen erreichten 42 % in PIONEER I und 59 % in PIONEER II eine klinische Verbesserung, definiert als zumindest 50 %ige Reduktion entzündlicher Knoten oder Abszesse (HiSCR50; [11]). Die Therapie erfolgt subkutan mit einer Initialdosis von 160 mg, gefolgt von 80 mg in Woche 2 und anschließend 40 mg wöchentlich als Erhaltungsdosis. Kontraindikationen sind Herzinsuffizienz, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, eine aktive Tuberkulose/HIV-Infektion, Hepatitis B, Alter über 65 Jahre, demyelinisierende Erkrankungen, maligne und lymphoproliferative Erkrankungen und einige Autoimmunerkrankungen. Eine Kombination mit antimikrobiellen Therapien und operativen Sanierungen ist sinnvoll.
Bei moderater oder schwerer Erkrankung ist ein frühzeitiger Beginn mit Biologika essenziell
Nach einer langen Phase, in der Adalimumab das einzige für die HS zugelassene Biologikum war, stehen heute mehrere neue zielgerichtete Substanzen zur Verfügung. Insbesondere die Blockade der Interleukin(IL)-17-Achse hat sich als wirksam erwiesen. Secukinumab, ein IL-17A-Antikörper, zeigte in zwei placebokontrollierten Phase-III-Studien bei Patient:innen mit moderat bis schwerer HS, definiert als zumindest fünf entzündliche Läsionen in zwei verschiedenen anatomischen Regionen, ein signifikantes Ansprechen, definiert als Reduktion der entzündlichen Läsionen um zumindest 50 % bei einer Dosierung von 300 mg alle zwei Wochen gegenüber Placebo. Das Ansprechen wurde nach 16 Wochen Therapiedauer evaluiert, und nach 52 Wochen zeigten die meisten Patient:innen ein anhaltendes Ansprechen. Nebenwirkungen umfassten Infektionen, insbesondere Candida-Infektionen, und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen in der (Familien‑)Anamnese und waren, wie bei allen IL-17-Antagonisten, Kontraindikationen [12].
Bimekizumab, ein IL-17A/F-Antikörper, zeigte ebenso in zwei placebokontrollierten Phase-III-Studien ein klinisches Ansprechen definiert als zumindest 50%-ige Reduktion entzündlicher Läsionen gegenüber Placebo bei moderat bis schwerer HS, mit anhaltendem Ansprechen nach 48 Wochen Therapiedauer. Auch hier ist eine zweiwöchentliche Verabreichung (320 mg s.c.) am wirksamsten. Beide Antikörper wurden somit in Europa und den USA zur Behandlung der HS zugelassen. Im indirekten Vergleich der Phase-III-Studien der beiden Substanzen bleibt Bimekizumab das wirksamste Biologikum im Erreichen von 50%-iger, 75%-iger und 90%-iger Reduktion entzündlicher Läsionen nach 12–16 Wochen, wobei die Odds-Ratios bei allen wichtigen klinischen Endpunkten zugunsten von Bimekizumab gegenüber Secukinumab ausfallen [13]. Eine andere Metaanalyse im indirekten Vergleich von Adalimumab, Bimekizumab und Secukinumab zeigte eine Überlegenheit von Adalimumab und Bimekizumab gegenüber Secukinumab nach 12–16 Wochen Therapiedauer, wobei Adalimumab in der Wirksamkeit insignifikant überlegen war und weniger Nebenwirkungen aufwies [14].
Zusammenfassend gibt es drei zugelassene Biologika in der HS-Therapie, und möglichst frühzeitig sollten Adalimumab oder Bimekizumab begonnen werden, bei rezidivierenden Candida-Infektionen kann auf Secukinumab umgestellt werden.
Aktuelle Studien zeigen, dass Januskinase(JAK)-Inhibitoren eine vielversprechende neue Therapieoption für die Behandlung der moderaten bis schweren HS darstellen. Die am besten untersuchten Substanzen sind Upadacitinib und Povorcitinib (INCB054707), beide selektive JAK-1-Inhibitoren. In einer Phase-II-Studie zeigte sich nach 12 Wochen Therapiedauer mit Upadacitinib 30 mg tgl. ein signifikant besseres Ansprechen, definiert als 50%-ige Reduktion entzündlicher Läsionen, gegenüber Placebo (36 % vs. 25 %), anhaltend nach 40 Wochen Therapiedauer auch nach Therapieversagen auf TNF-α-Inhibitoren [15]. Povorcitinib wurde in zwei offenen Phase-II-Studien in Dosierungen von 15–90 mg einmal täglich in der Behandlung der moderat bis schweren HS untersucht. Es zeigte eine dosisabhängige klinische Verbesserung (HS Clinical Response und Reduktion der entzündlichen Läsionen) gegenüber Placebo [16]. Zudem zeigten RNA-Sequenzierung und Proteomanalysen aus Hautbiopsien aus HS-Läsionen (zu Beginn und nach 8 Wochen Therapiedauer mit Povorcitinib) sowie aus Serum (zu Beginn sowie nach 4 und 8 Wochen) eine signifikante Modulation von JAK/STAT-abhängigen Entzündungssignalen in Haut und Serum unter Therapie mit Povorcitinib 30 mg [17]. Weitere JAK-Inhibitoren wie Tofacitinib und Baricitinib waren in kleineren Fallserien und -berichten wirksam, allerdings fehlen größere randomisierte Studien [18].

Operative Therapien

Operative Verfahren werden vielfach erst spät im Krankheitsverlauf oder bei therapierefraktären Verläufen in Erwägung gezogen. Dieses Vorgehen spiegelt weniger die aktuelle Evidenzlage als vielmehr historisch gewachsene Behandlungsstrategien wider. Nationale und europäische Leitlinien betonen inzwischen ausdrücklich, dass chirurgische Therapien nicht als letzte Therapieoption verstanden werden sollten, sondern als integraler Bestandteil eines stadiengerechten Behandlungskonzepts, insbesondere bei strukturellen und irreversiblen Gewebeveränderungen [8, 19]. Die vorhandene Evidenz spricht deutlich dafür, operative Verfahren früher, strukturierter und konsequenter in multimodale Therapiekonzepte zu integrieren.
Wie bereits vermerkt, haben systemische Therapien das therapeutische Spektrum der HS in den letzten Jahren erheblich erweitert und ermöglichen bei einem Teil der Patient:innen eine relevante Reduktion der inflammatorischen Aktivität. Randomisierte kontrollierte Studien sowie Register- und Real-World-Daten zeigen jedoch, dass ein erheblicher Anteil der Patient:innen kein ausreichendes oder dauerhaftes Ansprechen erreicht oder im Verlauf einen Wirkverlust entwickelt [20, 21]. Insbesondere chronische Läsionen mit epithelialisierten Sinustrakten, ausgeprägtem fibrotischen Umbau und narbigen Veränderungen sind unter medikamentöser Therapie kaum reversibel. Histopathologische Untersuchungen belegen, dass entzündliche Aktivität in diesen Arealen trotz klinischer Besserung persistieren kann und damit ein strukturelles Substrat für Rezidive darstellt [22]. Bei Patient:innen im Hurley-Stadium II und III lässt sich selbst nach jahrelanger systemischer Vorbehandlung häufig erst durch operative Maßnahmen eine relevante, anhaltende und funktionell bedeutsame Symptomkontrolle erzielen [1]. Diese Beobachtungen unterstreichen die begrenzte kurative Reichweite rein medikamentöser Therapiestrategien bei fortgeschrittener Erkrankung.
Leitlinien betonen, dass chirurgische Therapien nicht als letzte Option gelten sollten
Vor diesem Hintergrund kommt der operativen Therapie eine besondere und eigenständige Bedeutung zu. Sie stellt derzeit die einzige potenziell kurative Behandlungsoption bei HS dar, da sie eine vollständige Entfernung des erkrankten follikulären und subkutanen Gewebes ermöglicht. Ziel ist dabei nicht allein die kurzfristige Entlastung entzündlicher Läsionen, sondern die dauerhafte Eliminierung der krankheitsauslösenden Strukturen. In der retrospektiven Kohortenstudie von Fertitta et al. mit 75 Patient:innen und insgesamt 115 operativen Eingriffen berichteten drei Viertel der Patient:innen über vollständige oder partielle Zufriedenheit, und 81 % bewerteten die Operation rückblickend als die bislang beste erhaltene Therapie [23].
Bemerkenswert ist zudem, dass ein Großteil der Patient:innen im Falle eines Rezidivs bereit war, sich erneut operativ behandeln zu lassen, was die hohe Akzeptanz chirurgischer Verfahren trotz bekannter Belastungen wie längerer Wundheilung und funktioneller Einschränkungen verdeutlicht.

Operationstechniken

Entscheidend für den langfristigen Erfolg ist jedoch nicht allein die Indikationsstellung, sondern insbesondere die Wahl der Operationstechnik. Während Inzisionen und Drainagen in der täglichen Praxis weiterhin häufig eingesetzt werden, ist ihre Wirkung in der Regel rein symptomatisch und mit sehr hohen Rezidivraten assoziiert. Mehrere Studien zeigen, dass diese Verfahren keine nachhaltige Krankheitskontrolle ermöglichen und das Fortschreiten der Erkrankung nicht verhindern [8, 22]. Demgegenüber zeigen weite Exzisionen deutlich bessere Langzeitergebnisse. Abhängig von Lokalisation, Ausdehnung, Nachbeobachtungszeit und Art des Wundverschlusses werden Rezidivraten zwischen 6 % und 38 % berichtet [22, 23]. Fertitta et al. konnten in ihrer multivariaten Analyse zeigen, dass insbesondere einzeitige primäre Verschlüsse signifikant mit einem erhöhten Rezidivrisiko assoziiert sind, während sekundäre Wundheilung oder Hauttransplantationen günstigere Ergebnisse erzielen [23]. Diese Daten unterstreichen die Notwendigkeit eines radikalen, stadiengerechten chirurgischen Vorgehens sowie einer sorgfältigen präoperativen Planung der Defektdeckung unter funktionellen und ästhetischen Gesichtspunkten.

Lebensqualität

Neben der objektiven Krankheitskontrolle rückt zunehmend die Verbesserung der Lebensqualität als zentrales Therapieziel in den Fokus. Prospektive Studien belegen, dass operative Eingriffe bei moderater bis schwerer HS zu einer signifikanten Reduktion von Schmerzen, Exsudation und Geruchsbelastung sowie zu einer klinisch relevanten Verbesserung des Dermatology Life Quality Index (DLQI) führen [20, 24]. In einer prospektiven Untersuchung konnte nach weiter Exzision bei über der Hälfte der Patient:innen innerhalb von sechs Monaten eine DLQI-Reduktion von mindestens fünf Punkten erreicht werden, ein Effekt, der unter medikamentöser Therapie allein nur bei einem Teil der Patienten beobachtet wird [24]. Diese Ergebnisse sind klinisch besonders relevant, da die Lebensqualität bei HS-Patienten häufig stärker eingeschränkt ist als bei vielen anderen chronisch-entzündlichen Dermatosen.

Kombinierte Therapie

Zudem etabliert sich zunehmend das Konzept der kombinierten Therapie. Die präoperative Anwendung von Biologika kann die entzündliche Aktivität reduzieren, die chirurgische Abgrenzung erleichtern und den Umfang der notwendigen Resektion verringern. Postoperativ kann eine systemische Therapie dazu beitragen, neue Läsionen in bislang nicht betroffenen Arealen zu verhindern. Die SHARPS-Studie sowie aktuelle Expertenkonsensuspapiere zeigen, dass die Kombination aus chirurgischer Therapie und Biologikum der jeweiligen Monotherapie überlegen sein kann, insbesondere hinsichtlich Krankheitskontrolle und Lebensqualität [21, 25]. Dementsprechend empfehlen aktuelle nationale und europäische Leitlinien die frühzeitige Integration chirurgischer Verfahren in ein multimodales, individualisiertes Behandlungskonzept, insbesondere bei irreversiblen strukturellen Veränderungen wie Fistelgängen und ausgedehnter Fibrose [8, 19].
Für Dermatolog:innen ergibt sich daraus eine klare therapeutische Verantwortung. Die operative Therapie sollte nicht als letzte Therapieoption betrachtet werden, sondern als gleichwertiger Bestandteil eines stadiengerechten Behandlungskonzepts. Eine frühzeitige chirurgische Mitbeurteilung, eine realistische Aufklärung der Patient:innen über Chancen, Risiken und Heilungsverläufe sowie eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit sind entscheidend für den langfristigen Therapieerfolg. Die aktuelle Datenlage zeigt klar, dass operative Verfahren bei adäquater Indikationsstellung nicht nur effektiv sind, sondern auch entscheidend zur Patient:innenzufriedenheit beitragen und somit einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Krankheitskontrolle bei Hidradenitis suppurativa leisten.

Fazit für die Praxis

  • Wenn entzündliche Knoten, Abszesse und Fisteln inguinal, axillär sowie perineal bzw. perianal auftreten, muss an eine Hidradenitis suppurativa (HS) gedacht werden.
  • Der Schweregrad und der Phänotyp der HS sollten frühzeitig beurteilt werden, um rechtzeitig eine Biologika-Therapie einleiten zu können.
  • Bei einer chronischen Erkrankung mit narbigen Veränderungen sollte frühzeitig eine chirurgische Mitbeurteilung erfolgen.
  • Systemtherapien zur Reduktion der entzündlichen Aktivität sind vor einer radikalen chirurgischen Sanierung essenziell.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

A. Le Beau und M. Aichner geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

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Titel
Neue Wege in der Behandlung der Hidradenitis suppurativa
Verfasst von
Angelika Le Beau
Dr. med. univ. Magdalena Aichner
Publikationsdatum
09.02.2026
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
hautnah / Ausgabe 1/2026
Print ISSN: 1866-2250
Elektronische ISSN: 2192-6484
DOI
https://doi.org/10.1007/s12326-026-00744-x
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A patient diagnosed with Crohn’s disease with hidradenitis suppurativa under his armit with visible red painful fistulas. Irritated skin and hair follicles, abcess./© Lea / stock.adobe.com, gesundheitswirtschaft, pains logo