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Ärzte Woche

09.12.2019 | Häufige Beratungsanlässe | Ausgabe 50-52/2019

Thanatologie

Es tut mir ehrlich leid!

Autor:
Verena Randolf

Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Tod um? Wie mit einem Leichnam und wie mit trauernden Angehörigen? Gut? Oder nicht gut genug?

Er liegt am Bett, als würde er schlafen. Friedlich, was für ein Klischee. Ein weißes Laken hochgezogen, bis unters Kinn, am Nachtkästchen brennt eine Kerze. „Viel gesünder hat er gestern Abend auch nicht ausgesehen,“ sagt mein Bruder. Aus mir platzt schallendes Lachen, Tränen laufen meine Wangen hinunter. Und das im Totenzimmer meines Vaters: die unpassendste Reaktion der Welt. Ihm hätte sie gefallen.

„Es gibt keine richtige Reaktion und auch keine falsche in so einer Situation“, beruhigt Dr. Martin Prein, Thanatologe – Todesforscher – und Notfallpsychologe. In seinem Buch Letzte Hilfe Kurs – Weil der Tod ein Thema ist , das Ende September erschienen ist und mittlerweile als Bestseller in den Verkaufsregalen liegt, gibt er Menschen Tipps, mit dem Tod umzugehen. Was ist richtiges Trauern, wie geht man mit den Betroffenen und dem Verlust naher Angehöriger um: „Dass wir alle einen Erste-Hilfe-Kurs brauchen“, sagt der gebürtige Oberösterreicher, „ist klar und wird kaum in Abrede gestellt. Auch wenn es gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass wir das darin Erlernte nie im Leben anwenden müssen.“

Der Tod wird nicht umschifft

Einen Letzte-Hilfe-Kurs jedoch, so der studierte Psychologe, bräuchten wir dringend: „Weil es im Laufe eines Lebens nicht sein kann, dass wir nie mit dem Thema Tod konfrontiert werden. Weil wir im eigenen Familienkreis geliebte Menschen verlieren oder weil wir Mitmenschen begegnen, die einen schweren Verlust zu betrauern haben.“

Zehntausende Menschen sind in Österreich Tag für Tag mit dem Tod konfrontiert. Ärzte, Pflegepersonal, Bestatter, Totengräber, Polizisten, Angehörige. Statistisch gesehen, stirbt jährlich knapp ein Prozent der Bevölkerung. Dennoch ist der Tod selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert nach wie vor ein Tabu. Und nicht nur der Tod, sondern auch die Leiche. Und viele, die mit ihr arbeiten.

Mein Vater stirbt wenige Tage bevor Martin Preins Bestseller in die Buchhandlungen geliefert wird. Er ist der erste Leichnam meines Lebens. Mit spitzem Zeigefinger pikse ich in seine Wange. Die Haut ist elastisch und gibt nach, sie fühlt sich kalt aber nicht unangenehm an. Dass er heute schon tot sein würde, war so nicht abgemacht. Es ist keine 24 Stunden her, dass er mir versichert hat: „Wenn ich merke, dass ich bald sterbe, gebe ich Euch Bescheid.“ Jetzt liegt er hier.

„Der Gedanke an den eigenen Tod“, versucht Martin Prein zu erklären, „ist brutal. Einfach grauslich. Das Wissen: Ich werde ausgelöscht sein! Und dass das noch dazu völlig wurscht ist, weil sich die Welt weiterdreht. Der Tod ist die narzisstische Kränkung schlechthin.“ Und die Leiche, so Prein, sei der Körper gewordene Tod. Sie konfrontiert uns in voller Wucht mit unser aller Todesangst.

Leuten, meint der ehemalige Sanitäter und Bestatter, die behaupten, ihr eigener Tod wäre ihnen egal, könne er nicht glauben. „Die mögen einfach über die Straße gehen, vor ihnen ein Auto, das aus Vollgas gerade noch rechtzeitig bremst. Das beutelt dich einfach her, denn das System will nicht sterben! Die stärkste Triebkraft des Menschen ist der Selbsterhalt.“ Sind wir mit einem Leichnam konfrontiert, versinnbildlich dieser alles, wovor wir uns fürchten. „Der Tod als die bedingungsloseste, unwiederbringliche Form verlassen zu werden, bringt uns das Ausgeliefertsein auch im eigenen Leben mit brachialer Gewalt zur Kenntnis.“

Für Menschen, die beruflich tagtäglich mit Leichen zu tun haben, wird der Tod auch nach vielen Jahren intensiver Beschäftigung nicht unbedingt leichter greifbar. Nichts, worauf sie besser vorbereitet wären als andere. „Das nicht“, bestätigt Prof. Dr. Roland Sedivy, seit 1991 in der Pathologie tätig. „Der Gedanke an den Tod ist mir nach wie vor unerträglich. Aber wahrscheinlich ist er mir bewusster als anderen. Weil er in meinem Alltag so präsent ist.“

Menschen in Leichenberufen haftet auch heute noch ein merkwürdiges Bild an. Nicht selten sind Pathologen, Obduktionsassistenten, Bestatter oder Totengräber mit Vorurteilen konfrontiert. „Mich selbst,“ sagt Sedivy, „faszinieren Obduktionen nach wie vor. Herauszufinden, woran ein Mensch gestorben ist, finde ich auch nach vielen Berufsjahren spannend.“

Vor allem, so der 56-Jährige, weil es Angehörigen helfe, den Tod des geliebten Menschen zu begreifen, wenn ihnen die Ursache für das Versterben erklärt wird. Im Idealfall von einem Arzt.

Es vergehen surreale Minuten im Zimmer, in dem mein Vater – nun nicht mehr mein Vater, sondern ein Leichnam – auf seinem Totenbett liegt. Irgendwann klopft es, eine junge Ärztin mit Pagenkopf und weißem Kittel steckt ihren Kopf zur Tür herein. Sie drückt ihr Beileid aus und erklärt, woran mein Vater gestorben ist. Es sind Begriffe, die ich nicht verstehe. Kausalketten, denen ich nicht folgen kann. Hängen bleibt der Satz: „Es wäre ein schwerer Weg vor ihm gelegen, Heilungschancen gab es keine. So war es bestimmt besser für ihn. Und für Sie auch.“ Worte, die wir so oder so ähnlich bereits vom Pflegepersonal gehört hatten. Dass sie auch eine Ärztin sagt, ist tröstlich.

„Greifen Sie zu!“

„Für die Salutogenese der Hinterbliebenen ist das Arztgespräch sehr wichtig,“ bestätigt Pathologe Sedivy. Viel Zeit bleibe den Medizinern dafür allerdings nicht. „Ich habe den Eindruck, dass sich die Krankenhäuser durchaus um die Betreuung der Angehörigen bemühen, nur ist oft nicht einmal für jene, die noch am Leben sind, genug Geld da.“ Dennoch: „Die Droge Arzt hat eine andere Wirkung auf die Angehörigen als die Droge Seelsorger oder Psychologe , deswegen müssen die Bedürfnisse der Hinterbliebenen im Krankenhaus meiner Meinung nach stärker berücksichtigt werden.“

Zum „Begreifen“ des Todes eines geliebten Menschen, hilft es, sich von ihm zu verabschieden. Sich also auch vom Leichnam zu verabschieden. Davon ist Sedivy überzeugt. „Ich bekräftige die Trauernden immer wieder und rate ihnen: ‚Greifen Sie den Leichnam bitte noch einmal an!‘ Wir sind alle aus Fleisch und Blut, wir brauchen das, um zu verstehen, was passiert ist.“ Er selbst habe im Laufe seiner Karriere viele Menschen getroffen, die es jahrzehntelang nicht verkraftet haben, die Gelegenheit für eine letzte Berührung nicht wahrgenommen zu haben.

Eine Erfahrung, die Prein mit seinem Kollegen teilt. Auch wenn er dazu plädiert, Hinterbliebene ihre Entscheidungen individuell treffen zu lassen. „Wenn sich jemand nicht leiblich verabschieden will, ist das genauso okay.“ Wichtig sei es, führt der 44-Jährige aus, dass den Trauernden grundsätzlich die Möglichkeit geboten wird, ihren Verstorbenen ein letztes Mal zu sehen.

Wie generell mit Hinterbliebenen umgegangen werden soll oder kann, dafür haben weder Martin Prein noch Roland Sedivy ein Patentrezept. „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als einfach füreinander da zu sein, wissend, dasselbe Schicksal miteinander zu teilen“, erklärt Prein. „Heute bist es du, der dasitzt, trauert und betroffen ist, morgen bin es ich.“ Wichtig wäre es, meint der Psychologe, den eigenen Problemlösedruck auszuschalten, der dafür verantwortlich ist, dass wir denken, Trauernde mit Worthülsen wie ‚Wird schon wieder!‘ trösten zu müssen. Viel hilfreicher sei es, selbst zu seiner Sprachlosigkeit zu stehen. Einfach authentisch zu bleiben, denn: „Es gibt nichts, was wir sagen könnten, das dem Betroffenen auch nur ein Gramm Schmerz von den Schultern nimmt.“

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: Ein lapidares „Es tut mir sehr leid!“ ist tröstlicher als eintausend anderer Worte.

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