Skip to main content
main-content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

Ärzte Woche

02.06.2020 | Gesundheitspolitik | Ausgabe 23/2020

Wieder draußen 

Die Pandemie ist eingedämmt, ein sicheres Zeichen dafür ist, dass wieder demonstriert wird. Aber was nun? Kommt eine Impfpflicht? Sind Spitalbetten wieder en vogue?

Der Lockdown des öffentlichen Lebens hat bei den meisten Österreichern zu einer neuen Sichtweise geführt. Plötzlich kann sich eine Mehrheit der ÖVP- und der Grün-Wähler eine Impfpflicht vorstellen. 

Diese hat gewichtige Fürsprecher: Der Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery fordert eine weltweite Impfpflicht. Dr. Christiane Druml ist „im Zweifel für“ eine Impfpflicht. Das sagte sie dem Nachrichtenmagazin profil , das die Umfrage in Auftrag gegeben hat, und zwar sobald ein gut verträglicher und wirksamer Impfstoff zugelassen wird. Druml ist Leiterin des UNESCO-Lehrstuhls für Bioethik und Vorsitzende der Bioethik-Kommission im Kanzleramt. Sie meint: „COVID-19 ist kein Schnupfen, sondern eine Erkrankung mit potenziell schweren Verläufen, auch für Junge und Gesunde. Die Autonomie des Einzelnen endet dort, wo ich anderen schade. Das Herumlavieren der Politik ist ein Problem. Das Signal: ‚Wir zwingen niemanden, entscheidet selbst‘, ist falsch verstandene Liberalität. Denn so entsteht der Eindruck, an den Argumenten der Impfgegner könnte etwas dran sein“. Diese demonstrieren gegen eine allfällige Impfpflicht, von der Gesundheitsminister Rudolf Anschober aber nichts wissen will. 

Auch die Frage, ob wir nicht zu viele Spitalbetten haben, wird neu bewertet. Zwar standen viele Betten in COVID-19-Spitälern leer, doch der Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe, Dr. Michael Heinisch, warnt vor Einsparungen.

Martin Krenek-Burger

Infektions-Grundversorgung in allen Krankenhäusern

„Ein Vergleich der Kapazitäten an Intensivbetten in den europäischen Staaten zeigt, dass jene Länder mit den wenigsten Betten – also zum Beispiel Italien, Großbritannien und Frankreich – am härtesten von der Corona-Pandemie getroffen wurden. Jene, die gut durchgekommen sind, wie etwa Deutschland und Österreich, haben die höchsten Kapazitäten an Intensivbetten. Die Auswirkungen einer Pandemie hängen offensichtlich eng von der Strukturqualität im Gesundheitswesen ab. Ein weiterer Vorteil Österreichs ist die Tatsache, dass alle Partner im Gesundheitssektor – egal, ob staatlich oder privat – bei der Bewältigung der Pandemie hervorragend zusammengearbeitet haben.

Krankenhäuser der Zukunft müssen flexibel, adaptionsfähig und wandelbar sein. Es geht nicht darum, eine Übergangsphase bis zur Entwicklung sicherer Impfstoffe gegen COVID-19 zu gestalten. Es geht um die Anpassung unseres gesamten Gesundheits- und Sozialwesens an die Tatsache, dass es immer Infektionskrankheiten geben wird. Krankenhäuser müssen künftig imstande sein, innerhalb kürzester Zeit Umstrukturierungen vorzunehmen, technisch ebenso wie personell; inklusive eigener Abteilungen, die im Bedarfsfall ohne viel Aufwand in Isoliereinheiten umgewandelt werden können. Wir brauchen eine Infektionsgrundversorgung bei allen Krankenhäusern und zusätzlich einen überregionalen Plan, der einzelnen Krankenhäusern eine Schwerpunkt-Versorgungsfunktion für Infektionskrankheiten zuweist.

Wenn uns die Corona-Krise eine Sache gelehrt hat, dann die Notwendigkeit nach umfangreichen strategischen Reserven. So etwas wie die Corona-Pandemie darf sich kein weiteres Mal ereignen. Wir haben gelernt, dass ein krisensicheres Gesundheitswesen die Voraussetzung für ein funktionierendes Wirtschafts-, Bildungs- und Kulturwesen ist. Dafür müssen wir mit langfristigen und aufeinander abgestimmten Strategien Sorge tragen – das funktioniert nur mit wandlungsfähigen Krankenhäusern. Mit Strukturen, die im Regelbetrieb so effizient sind wie in Krisenzeiten. Es gilt umsichtig strategisch in das Gesundheitswesen zu investieren, denn diese Investitionen schützen alle anderen Gesellschaftsbereiche.“

Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe

Die Bevölkerung zum Impfen zu motivieren

„Angesichts der politischen Diskussion um eine mögliche Impfpflicht in Sachen des neuen Coronavirus wiederholt die Apothekerkammer ihre Position, wonach generell erreicht werden sollte, dass sich die Menschen auf freiwilliger Basis impfen lassen. Es geht weniger um die Frage einer Impfverpflichtung, sondern vielmehr darum, die Bevölkerung zum Impfen zu motivieren.

Es ist zu hoffen, dass die jetzige Krise viele Impfkritiker zu einem Umdenken veranlasst, dann bedarf es der Diskussion über eine Impfpflicht gar nicht. Die niedrigen Durchimpfungsraten in Österreich lässt sich auch ohne Impfpflicht steigern. Eine Polarisierung sollte tunlichst vermieden werden.

Die Apotheker stehen jedenfalls zur Verfügung. Der niederschwellige Zugang zu Impfungen, wie ihn die 1.400 heimischen Apotheken mit ihren rund 400.000 täglichen Patientenkontakten bei entsprechendem politischen Willen bieten könnten, würde mit Sicherheit zu deutlich höheren Impfraten führen. Beispiele aus dem Ausland belegen dies eindrucksvoll.“

Mag. Dr. Gerhard Kobinger, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Apothekerkammer

Eine Impfung schützt nicht nur die geimpfte Person, sondern auch das Umfeld

„Eine Impfung schützt nicht nur die geimpfte Person, sondern auch das Umfeld, d. h. eine hohe Durchimpfungsrate kann Leben retten und gleichzeitig unser Gesundheitssystem schonen. Persönlich halte ich Impfen im Sinne der Gesundheitsversorgung daher für sinnvoll und notwendig. Es ist aber zu berücksichtigen, dass eine gesetzliche Impfpflicht auch ein gewisser Eingriff in Persönlichkeitsrechte ist. Deshalb ist es aus meiner Sicht das Wichtigste, diese Thematik gesellschaftlich und politisch auf Grundlage objektiver, transparenter und möglichst gut aufbereiteter Information offen zu diskutieren.

Fakt ist, wir haben in Österreich ein sehr gutes, ich würde sogar sagen eines der besten, Gesundheitssysteme der Welt. Viel wichtiger als Diskussionen über eine Impfpflicht oder auch die bloße Anzahl von Spitalbetten wäre es daher, dass alle Systempartner an einem Strang ziehen und wir stets unsere Gesundheitsversorgung noch weiter verbessern. Das heißt für mich, vor allem höherer Outcome, also mehr gesunde Lebensjahre und Effektivität im Gesundheitssystem. Generell sollten wir uns in der Diskussion unter anderem auf den Ausbau der Prävention und Primärversorgung konzentrieren.

Ich denke, die bisherigen Zahlen im internationalen Vergleich zeigen, dass Österreich relativ gut durch die Krise gekommen ist. Es wurde in weiten Teilen besonnen und ruhig kommuniziert und rasch reagiert. Beeindruckt hat mich hier die gesellschaftliche Disziplin und der Zusammenhalt. Die Menschen haben Solidarität durch Abstandhalten gezeigt. Jetzt und in Zukunft gilt, nur wenn alle Systempartner solidarisch zusammenarbeiten, können wir Krisen wie diese meistern. Als forschendes Pharmaunternehmen nehmen wir unsere Verantwortung sehr ernst. Wir haben von Beginn an die Forschung sowohl auf globaler als auch lokaler Ebene vorangetrieben, um die Bemühungen zu unterstützen ein Heilmittel bzw. einen Impfstoff zu entwickeln. Unsere Rolle im Gesundheitssystem werden wir auch in Zukunft verantwortungsvoll und zum Wohle der Patienten wahrnehmen.“

Mag. Gerhard Ladengruber, Government Affairs Lead in der Abteilung Market Access bei AstraZeneca Österreich

Über diesen Artikel

Weitere Artikel der Ausgabe 23/2020

Bildnachweise