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Verloren in der Weite

Sich dauerhaft einsam zu fühlen, ist nicht nur eine große psychische Last –, sondern eine ernste Gefahr für die Gesundheit. Dennoch scheuen sich die meisten Betroffenen, darüber zu sprechen.

Wenn Menschen an Einsamkeit denken, sehen sie oft ein bestimmtes Bild vor sich: alte Menschen, die nach dem Verlust des Partners oder wegen einer Behinderung kaum unter die Leute gehen. Dass das Problem deutlich weiter reicht, zeigen aktuelle Untersuchungen – darunter eine Foresight-Studie im Auftrag der Caritas der Erzdiözese Wien. Ihr zufolge leiden mehr als 700.000 Menschen in Österreich sehr häufig unter Einsamkeit, zwei Millionen zumindest gelegentlich. Alte Menschen über 80 sind dabei nur eine Risikogruppe. Auch junge Erwachsene, Alleinerziehende oder Menschen mit Migrationserfahrungen laufen Gefahr, an Einsamkeit zu leiden. Eine große Rolle spielt Armut, wie Flora Gall von der Caritas Wien berichtet.

Einsamkeit zu erkennen, ist laut der Expertin oft schwierig, weil diese fälschlicherweise mit Versagen oder geringer sozialer Kompetenz assoziiert sei und oft verschwiegen werde. „In einer Gesellschaft, die Autonomie und Selbstoptimierung idealisiert, fällt es schwer zuzugeben, dass man soziale Nähe braucht“, sagt Thomas Wochele-Thoma. Die Folgen seien gravierend: „Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Schlafprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine deutlich erhöhte Mortalität.“

Um Einsamkeit zu bekämpfen, seien Politik und Gesellschaft gefordert, betonen Gall und Wochele-Thoma. Doch auch im Alltag könne jeder etwas tun – etwa, indem man Nachbarn im Stiegenhaus anspreche. Die Caritas Wien bietet mit dem Plaudernetz eine weitere Möglichkeit: Unter einer österreichweiten Telefonnummer können einsame Menschen mit Freiwilligen ins Gespräch kommen (plaudernetz.at) .

Um die Situation nachhaltig zu verbessern, braucht es strukturelle Maßnahmen

Dr. Thomas Wochele-Thoma, Psychiater, Psychotherapeut und ärztlicher Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien


„Einsamkeit ist längst kein Randphänomen mehr, sondern eine stille, aber hochrelevante Gesundheits- und Sozialfrage. In meiner Arbeit als Psychiater und ärztlicher Leiter sehe ich täglich, wie tief Einsamkeit in das Leben von Menschen eingreift. Sie betrifft nicht nur Einzelne, sondern die gesamte Gesellschaft. Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Schlafprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine deutlich erhöhte Mortalität. Sie wirkt wie ein toxischer Stressfaktor, der biologische Systeme überlastet und soziale Teilhabe erschwert. Damit wird sie zu einem Faktor, der Gesundheitssysteme belastet, Arbeitsfähigkeit reduziert und soziale Ungleichheiten verstärkt.

Trotz dieser Evidenz bleibt Einsamkeit ein Tabuthema. Viele Betroffene schämen sich, weil Einsamkeit fälschlicherweise als persönliches Scheitern gilt. In einer Gesellschaft, die Autonomie und Selbstoptimierung idealisiert, fällt es schwer zuzugeben, dass man soziale Nähe braucht. Genau hier braucht es professionelle, entstigmatisierende Zugänge – und Organisationen wie die Caritas, die Räume schafft, in denen Menschen ohne Bewertung über ihre Situation sprechen können.

Die Ursachen von Einsamkeit sind vielfältig. Armut, prekäre Wohnsituationen, psychische Erkrankungen, Migrationserfahrungen, Gewalt oder chronische Erkrankungen erhöhen das Risiko erheblich. Gleichzeitig verstärken Entwicklungen wie Digitalisierung, Urbanisierung und eine fragmentierte Arbeitswelt das Gefühl sozialer Entwurzelung. Digitale Kommunikation ersetzt reale Begegnungen nicht – sie simuliert sie nur; flexible Arbeitsmodelle schaffen zwar Freiheit, aber auch Instabilität; und in Städten leben viele Menschen ohne soziale Einbindung dicht nebeneinander.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Alleinsein kann erholsam und selbstbestimmt sein. Einsamkeit hingegen ist ein belastender Zustand, in dem soziale Bedürfnisse nicht erfüllt werden – unabhängig davon, wie viele Menschen einen umgeben. Anzeichen im Umfeld können verändertes Verhalten, zunehmende Passivität oder der Verlust sozialer Routinen sein. Einfühlsam reagieren bedeutet, zuzuhören, Interesse zu zeigen und niedrigschwellige Unterstützung anzubieten. Für Ärztinnen und Ärzte heißt das: Einsamkeit aktiv ansprechen, ohne zu pathologisieren, und gemeinsam nach Ressourcen suchen.

Hier leisten die Angebote der Caritas einen zentralen Beitrag. Sozialberatungsstellen, Einrichtungen für wohnungslose Menschen, Angebote für Frauen in Notlagen oder Projekte für geflüchtete Familien schaffen Orte der Beziehung, Stabilität und Zugehörigkeit. Ein besonders niederschwelliges Angebot ist das Plaudernetz ( siehe Beitrag links ). Es ist für viele Menschen der erste Schritt aus der Isolation, ein sicherer Raum für Kontakt, Austausch und das Gefühl, wieder gehört zu werden.

Um Einsamkeit nachhaltig zu reduzieren, braucht es strukturelle Maßnahmen. Social Prescribing – die gezielte Vermittlung in soziale Aktivitäten, Gruppenangebote oder freiwilliges Engagement – ist ein vielversprechender Ansatz, der international bereits erfolgreich umgesetzt wird, etwa in Großbritannien oder den Niederlanden. Politisch sind mehrere Ressorts gefordert: Gesundheit, Soziales, Bildung, Wohnbau und Digitalisierung. Denn Einsamkeit ist eine Querschnittsaufgabe, die nur gemeinsam lösbar ist. Als ärztlicher Leiter sehe ich es als unsere Verantwortung, Einsamkeit sichtbar zu machen, ihre Folgen ernst zu nehmen und Betroffenen Wege zurück in soziale Verbundenheit zu eröffnen. “

Dr. Thomas Wochele-Thoma, Psychiater, Psychotherapeut und ärztlicher Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien

Einsamkeit kann jede und jeden von uns in bestimmten Lebenslagen treffen

MMag. Flora Gall, Leiterin des Plaudernetzesder Caritas der Erzdiözese Wien


„Laut einer Foresight-Studie im Auftrag der Caritas fühlen sich rund 700.000 Menschen in Österreich sehr häufig einsam. Da Einsamkeit nicht nur die Lebensqualität betrifft, sondern sich messbar auf Mortalität und Morbidität auswirkt, rückt sie zunehmend in den Fokus medizinischer und psychosozialer Prävention.

Es ist oft eine Herausforderung zu erkennen, ob eine Person von Einsamkeit betroffen ist. Häufig ist sie ,stille Begleiterin’ und wird nicht offen benannt. Mögliche Hinweise sind Rückzug, Vermeidungsverhalten, nachlassende Selbstfürsorge, erhöhte Ängstlichkeit oder häufige Arztkontakte. Viele Betroffene – besonders Ältere und Männer – sprechen Einsamkeit nicht an, da sie mit Versagen oder geringer sozialer Kompetenz assoziiert wird. Im Gegensatz zu Trauer oder Stress fehlt ein gesellschaftlich akzeptiertes Narrativ. Einsamkeit ist aber eine Erfahrung, die jede und jeden in bestimmten Lebensphasen treffen kann.

Daten verdeutlichen, dass Einsamkeit in allen Altersgruppen präsent ist. Es zeigen sich Risikofaktoren wie ein Alter über 65 oder geringes Einkommen. Bei Personen mit Haushaltseinkommen unter 1.750 Euro sind 43 Prozent häufig von Einsamkeit betroffen. Zudem sagt ein Drittel aller Befragten, soziale Kontakte aufgrund der Teuerung der letzten Jahre einschränken zu müssen. Verstärkend wirken gesellschaftliche Entwicklungen wie vermehrtes Homeoffice oder die Zunahme von Ein-Personen-Haushalten. Allein zu leben, heißt nicht automatisch, einsam zu sein – es kann das Risiko aber erhöhen. Die Digitalisierung wirkt ambivalent: Sie eröffnet zwar neue Kommunikationswege, führt jedoch häufig dazu, dass physische Kontakte durch flüchtige digitale Interaktionen substituiert werden.

Um der Entwicklung entgegenzuwirken, hat die Caritas 2020 mit Magenta das Plaudernetz gestartet (plaudernetz.at) . Es bietet die anonyme Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten. Unter 05 1776 100 werden Anruferinnen und Anrufer täglich zwischen 10 und 22 Uhr ohne Anmeldung und Zusatzkosten mit freiwilligen Gesprächspartnern verbunden. Aktuell engagieren sich 4.200 Freiwillige, die flexibel und ortsunabhängig erreichbar sind. Seit dem Start wurden über 72.000 Gespräche mit insgesamt 1,9 Millionen Gesprächsminuten vermittelt.

Rückmeldungen zeigen, dass bereits ein Telefonat das subjektive Einsamkeitsempfinden senken und soziale Zugehörigkeit stärken kann. Das wird in der Umfrage bestätigt, bei der zwei Drittel zustimmen, dass ein gutes Telefonat hilft, sich weniger einsam zu fühlen. Das Plaudernetz versteht sich bewusst nicht als Experten- oder Krisenhotline, sondern als Raum für alltäglichen Austausch. Im Mittelpunkt steht nicht eine langfristige Beziehung, sondern Beziehungsqualität im Moment: Resonanz, Wertschätzung und Gehörtwerden. Für Ärztinnen und Ärzte kann das Plaudernetz eine hilfreiche Ergänzung zur medizinischen Versorgung darstellen. Das Plaudernetz-Team stellt gerne kostenlose Drucksorten für die Weitergabe an Patienten und Patientinnen zur Verfügung (plaudernetz@fuereinand.at) .

Als Caritas wünschen wir uns, dass die Politik sich dieses Themas stärker annimmt, wie das in Großbritannien oder Japan schon passiert ist: einen nationalen Aktionsplan, ressortübergreifende Strategien und einen Regierungsbeauftragten gegen Einsamkeit. Doch auch im Alltag zählt das Menschliche: Oft machen schon kleine Gesten, wie ein nettes Lächeln im Supermarkt oder ein aufmerksamer Gruß im Stiegenhaus, einen Unterschied. Sie schaffen Momente der Begegnung, die das Gefühl vermitteln: Du wirst gesehen und gehört.“

MMag. Flora Gall, Leiterin des Plaudernetzesder Caritas der Erzdiözese Wien

Titel
Verloren in der Weite
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
17.03.2026

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