In der Social-Media-Falle
- 18.02.2026
- Gesundheitspolitik
- Zeitungsartikel
Endlos Scrollen, Autoplay, Push-Meldungen – das ist keine Spielerei, das sind richtiggehende Suchtmechanismen. Social Media ist so designt, dass Erwachsene die Kontrolle verlieren. Den höchsten Preis zahlen aber Kinder.
Motiv: Springer Medizin (Generiert mit KI)
Der digitale Wandel bietet zahlreiche Möglichkeiten: schnelle Hilfe im Notfall, Navigation und Lernen unterwegs. Gleichzeitig überfordert er viele Menschen. Wir telefonieren, chatten, lesen Nachrichten, fotografieren und spielen rund um die Uhr auf einem Gerät. Diese ständige Nutzung verführt zum Dauerscrollen und kann süchtig machen. Studien wie die JIM-Studie, DAK-Reports und die WHO/ICD-11 für Gaming bestätigen dies. Kontrollverlust, Vorrang vor anderen Aktivitäten und Fortsetzung trotz Schäden, kurz gesagt exzessiver Gebrauch digitaler Endgeräte, bleiben oft unbemerkt und sind schwer zu behandeln. Besonders gefährdet sind Jugendliche, deren Gehirn empfindlich auf Reize reagiert.
Doch wie erkennen wir Übernutzung? Was hilft im Alltag? Und wie schützen wir uns? Viele Menschen sitzen in der Social-Media-Falle. Selbst Erwachsene können ihre Nutzung kaum noch kontrollieren. Apps setzen auf Manipulation und halten Nutzerinnen und Nutzer mit psychologischen Tricks möglichst lange online. Zwei Studien der Arbeiterkammer, die am Safer Internet Day vorgestellt wurden, belegen dies. „Suchtverhalten zu erzeugen, ist die Geschäftsstrategie von Social-Media-Plattformen“, sagte IHS-Studienautorin Laura Wiesböck. Diese Praktiken finden sich in der gesamten digitalen Ökonomie, von Dating-Apps über Fitnesstracker bis zu Online-Shops. „Überall dort, wo Geschäftsmodelle auf die Aufmerksamkeit von Nutzerinnen und Nutzern aufbauen, haben sich Praktiken durchgesetzt, die systematisch auf Kontrollverlust abzielen“, erläuterte die Expertin.
Immer mehr Länder erwägen strenge Regeln oder das Verbot von Social Media für Minderjährige. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) hat einen Gesetzesentwurf bis zum Sommer angekündigt.
Offline gehen sollte eine autonome Entscheidung sein
Alicia Gilbert, M.Sc., Arbeitsbereich Medienwirkung und Medienpsychologie, Institut für Publizistik, Universität Mainz
Alicia Ernst
„Uns hat interessiert, was passiert, wenn Menschen im Alltag bewusst Abstand von digitalen Medien nehmen. Also nicht im Labor, nicht unter strengen Vorgaben, sondern so, wie es wirklich gelebt wird. Unsere Ergebnisse zeigen: Wer häufiger offline ist als üblich, berichtet kurzfristig von besserer Stimmung, fühlt sich energetischer und stärker mit anderen verbunden. Diese Effekte sind jedoch klein und sie halten nicht lange an – nach zwei bis drei Stunden sind sie meist wieder verschwunden. Einen messbaren Zusammenhang zwischen Digital Disconnection und dem Stressempfinden konnten wir nicht feststellen.
In der Forschung gibt es einige Studien zu diesem Thema. Viele davon sind als Interventionsstudien angelegt. Das bedeutet: Den Teilnehmenden wird vorgeschrieben, wie lange und in welchem Umfang sie auf digitale Medien verzichten sollen. Genau dieses Design wird derzeit kritisch diskutiert. Denn wenn Menschen das Gefühl haben, ihr Alltag werde durch Vorgaben eingeschränkt, kann das die Ergebnisse verzerren. Die Befunde sind entsprechend widersprüchlich: Manche Studien finden positive Effekte, andere keinen Einfluss, wieder andere berichten von zusätzlichem Stress durch erzwungene Abstinenz.
Wir haben einen beobachtenden Ansatz gewählt. Statt Anweisungen zu geben, wollten wir wissen, wie junge Menschen Digital Disconnection ohnehin praktizieren – und wie sich das in ihrem Alltag auf ihr Wohlbefinden auswirkt. Über zwei Wochen hinweg haben wir 237 Personen zwischen 18 und 29 Jahren mehrmals täglich befragt. Insgesamt kamen so mehr als 12.000 berichtete Situationen zusammen. Dabei zeigte sich auch, dass Digital Disconnection selten vollständige Abstinenz bedeutet. Viele legten etwa das Smartphone weg, arbeiteten aber gleichzeitig am Laptop weiter oder schalteten lediglich Benachrichtigungen stumm. Disconnecten und Mediennutzung fanden also oft parallel statt.
Interessant war, dass der positive Effekt auf die Stimmung stark vom Motiv abhing. Wenn die Entscheidung, offline zu gehen, selbstbestimmt war, fiel der Nutzen für das Wohlbefinden größer aus. Wurde der Verzicht als Erwartung oder Vorschrift erlebt, wirkte sich das negativ auf die Stimmung aus. Das spricht dafür, dass nicht der Verzicht entscheidend ist, sondern das Gefühl von Autonomie. Mediennutzung und -abstinenz sollten frei gestaltbar bleiben. Druck ist kontraproduktiv.“
Alicia Gilbert, M.Sc., Arbeitsbereich Medienwirkung und Medienpsychologie, Institut für Publizistik, Universität Mainz
Wir brauchen Grenzen nicht als Strafe, als Orientierung
Dr. Oliver Scheibenbogen, Leiter klinisch-psychologische Behandlung und Diagnostik, Anton Proksch Institut, Wien.
Privat
( Mit Oliver Scheibenbogen hat Josef Broukal gesprochen. ) „Ich komme aus der klassischen Suchttherapie. Und vieles, was wir bei Alkohol oder Drogen gelernt haben, sehen wir in digitaler Form wieder –, nur dass das Smartphone nicht wie eine Substanz ,außen’ bleibt, sondern ständig verfügbar ist, überall mitgeführt wird und in Sekunden Verstärkung liefert. Und genau deshalb nenne ich das Smartphone ein Schweizer Taschenmesser der suchtassoziierten Verhaltensweisen: Social Media, Gaming, Glücksspiel-Elemente, Kaufen, Pornografie – alles in einem Gerät, ständig in Reichweite. Wenn wir bei rund 2.000 untersuchten Personen am Anton Proksch Institut klassische Kriterien wie Toleranzentwicklung, Kontrollverlust, Entzugssymptome und negative Konsequenzen systematisch erfassen, dann erkennen wir, dass sich die problematische Smartphone-Nutzung etwa alle zehn Jahre verdoppelt.
Smartphones erzeugen ADHS-ähnliche Symptome – und dann kommen Eltern mit dem Verdacht auf ADS oder ADHS in die Praxis, obwohl sich die Symptomatik bei einem Teil der Betroffenen schon durch konsequente Reduktion der digitalen Reize, durch klare Medienfenster und durch Schlafhygiene deutlich bessert.
Wir sehen außerdem relevante Zusammenhänge zwischen nächtlicher Nutzung und Insomnien: Nicht nur physikalische Faktoren wie Licht sind zu diskutieren, sondern vor allem die emotionale Involvierung, die soziale Rückkopplung und die physiologische Aktivierung, wenn ich kurz vor dem Einschlafen noch chatte, reagiere, vergleiche, konsumiere und mich bewerten lasse. Besonders heikel: Frühe intensive Nutzung vor dem 13. Lebensjahr korreliert Jahre später mit mehr depressiver Symptomatik, mit Suizidgedanken und mit Formen von Realitätsentfremdung.
Darum halte ich es für irreführend, Jugendlichen zu sagen: ,Reiß dich zusammen.’ – Wir müssen Rahmen setzen, so wie wir es im Suchtbereich immer tun. Die klinische Konsequenz: Es geht nicht um Verzicht als Selbstzweck, sondern darum, was wir gewinnen, wenn wir Grenzen setzen – Schlaf, Konzentration, Affektregulation, soziale Resonanz, realen Kontakt. Wir sind nicht gebaut für permanente Verfügbarkeit. Der Mensch braucht Grenzen – nicht als Strafe, sondern als Orientierung.“
Dr. Oliver Scheibenbogen, Leiter klinisch-psychologische Behandlung und Diagnostik, Anton Proksch Institut, Wien.
Entscheidend ist ein anderer Umgang mit Nachrichten
Jan-Michael Rasimus, Leitung Eye Tracking-Labor, Duale Hochschule Baden-Württemberg
Jenny Habermehl
„Zu Beginn des Jahres nehmen sich viele vor, weniger Zeit vor Bildschirmen zu verbringen und Stress zu reduzieren. Gleichzeitig meiden so viele Menschen in Deutschland wie nie zuvor bewusst Nachrichten. Was harmlos nach ,News Fatigue’ klingt, ist oft ein echter Überlastungszustand. Nachrichten sind nicht nur Informationen, sondern auch Reize – Bilder, Pushmeldungen, Eilmeldungen. Wenn zu viele davon gleichzeitig kommen, reagiert das Gehirn mit Überforderung. Manche ziehen sich ganz zurück, andere konsumieren weiter, obwohl es belastet, weil sie das Gefühl haben, das nächste Puzzleteil nicht verpassen zu dürfen. Beides ist verständlich, aber auf Dauer ungesund.
Unser Gehirn ist auf Gefahren gepolt. Negatives bekommt automatisch mehr Gewicht. Das war evolutionär sinnvoll, führt heute aber dazu, dass ein dauernder Strom alarmierender Meldungen den Körper in ständiger Alarmbereitschaft hält. Diese Daueranspannung äußert sich als Unruhe, Gereiztheit oder Erschöpfung. Verstärkt wird das durch die Nachrichtenumgebung. Früher gab es feste Zeiten für Nachrichten, heute sind sie ein permanentes Hintergrundrauschen. Push-Mitteilungen unterbrechen den Tag, soziale Medien belohnen das Weiterklicken. Am Ende hat man viel gesehen, aber wenig verstanden.
Ganz auf Nachrichten zu verzichten, ist selten die beste Lösung. Menschen brauchen Orientierung. Wer sich komplett abkoppelt, spürt oft neue Unsicherheit. Entscheidend ist daher nicht weniger, sondern ein anderer Umgang. Ein wichtiger Begriff ist dabei die Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten. Nachrichten sind selten eindeutig, und wer lernt, das zu akzeptieren, reduziert inneren Druck. Belastend sind widersprüchliche Informationen. Sie erzeugen kognitive Dissonanz und zwingen uns zusätzlich, ständig zu prüfen, was stimmt. Fake News und KI-Inhalte verschärfen dieses Problem, weil sie Vertrauen untergraben und die Aufnahme von Nachrichten zur Dauerprüfung machen.
Was hilft, ist zweierlei: Kontext und Dosierung. Wer weniger springt und mehr einordnet, versteht besser und bleibt ruhiger. Und wer Grenzen setzt – feste Zeiten, verlässliche Quellen –, schützt seine Aufmerksamkeit. Konstruktiver Journalismus kann unterstützen, weil er nicht nur Probleme zeigt, sondern auch Zusammenhänge und Handlungsmöglichkeiten.“
Jan-Michael Rasimus, Leitung Eye Tracking-Labor,Duale Hochschule Baden-Württemberg