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Spritze mit Hustensaft

Der im Jänner ausgerufene Burgfrieden zwischen der Ärztekammer und der Gesundheitspolitik hielt nur kurz. Grund dafür ist ein wieder aufgeflammter Streit ums Impfen in der Apotheke.

Eigentlich wollte man mehr hinter den Kulissen reden. Sechs Wochen später ist wieder alles wie früher. Anlass dafür: SP-Vizekanzler Andreas Babler kündigte überraschend im ORF an, dass ab 2027 auch Apotheken Impfungen anbieten sollen. Die Reaktion folgte prompt. Die Ärztekammer protestierte scharf, während die Apothekerschaft den Plan der Regierung unterstützte.

Dabei wirkt die Kontroverse weniger ideologisch, als sie klingt. Beide Seiten führen nachvollziehbare Argumente ins Treffen: Ärztinnen und Ärzte sagen, dass Impfungen zwar sehr sicher sind, selten aber doch unerwünschte Reaktionen auftreten. Wenn eine Patientin kollabiert oder sich eine anaphylaktische Reaktion entwickelt, müsse rasch diagnostiziert und behandelt werden. In einer Ordination sei dafür mehr klinische Erfahrung vorhanden. Dazu kommt der kontinuierliche Kontakt: Hausärzte kennen ihre Patienten und können besser einschätzen, ob eine Impfung sinnvoll ist.

Die Gesundheitspolitik setzt hingegen auf niederschwellige Angebote, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Menschen können sich in Apotheken, die den ganzen Tag geöffnet sind, „im Vorbeigehen“ impfen lassen. Dies erreicht junge, gesunde Personen, die selten eine Arztpraxis aufsuchen. Diese Gruppe fehlt oft in den Impfstatistiken. Österreich liegt bei mehreren Impfungen, z. B. Influenza, im europäischen Vergleich weit hinten. Die Debatte dreht sich um die Abwägung: weniger ärztliche Expertise am Ort der Impfung, dafür möglicherweise mehr Impfungen. Seltene Zwischenfälle stehen gegen die Verhinderung hunderter schwerer Krankheitsverläufe. Die Regierung verweist auf 15 Länder, wo geschulte Apotheker impfen. Berichte über tödliche Zwischenfälle gibt es nicht.

Je niederschwelliger Angebote sind, desto höher steigt die Impfquote an allen Standorten

Mag. Susanne Ergott-Badawi, Vizepräsidentin der Apothekerkammer, Landesgeschäftsstelle Wien


„Mit ihrer Grundsatzentscheidung zum Impfen in der Apotheke hat die Bundesregierung einen wichtigen Schritt gesetzt, um den Zugang zu Impfungen für die Menschen deutlich zu erleichtern und die Durchimpfungsraten nachhaltig zu erhöhen. Das ist dringend nötig, denn Österreich zählt mit Blick auf die Impfraten innerhalb der Europäischen Union bei vielen Impfungen zu den Schlusslichtern. Ein beunruhigendes Beispiel ist die Influenza-Impfung: In Österreich lassen sich bislang nur etwa halb so viele Menschen über 65 Jahren gegen die Grippe impfen wie im EU-Durchschnitt. In Irland, wo in Apotheken seit vielen Jahren geimpft werden darf, ist die Influenza-Impfrate in dieser vulnerablen Altersgruppe sogar mehr als dreimal so hoch wie in Österreich.

Altersübergreifend gilt beim Impfangebot das Prinzip: je vielfältiger und wohnortnäher, desto besser für die Gesundheit der einzelnen Menschen und für das gesamte Gesundheitssystem. Apotheken verfügen über eine flächendeckende Infrastruktur in ganz Österreich, lange Öffnungszeiten und genießen hohes Vertrauen in der Bevölkerung.

Die Einbindung der Apothekerinnen und Apotheker in das Impfgeschehen ist daher ein logischer und sinnvoller Schritt, um das bestehende Angebot von Ärztinnen und Ärzten sinnvoll, niederschwellig und serviceorientiert zu ergänzen.

Beim Impfen in der Apotheke geht es nämlich nicht darum, der Ärzteschaft etwas wegzunehmen. Ganz im Gegenteil: Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass die Impfquote bei allen Gesundheitsstandorten, die impfen, desto höher steigt, je mehr und je niederschwelliger die Impfangebote sind.

Auf die neue Aufgabe ist die Apothekerschaft bestens vorbereitet. Inzwischen haben rund 3.000 Apothekerinnen und Apotheker die duale Impffortbildung der Apothekerkammer erfolgreich abgeschlossen. Diese folgt bewährten internationalen Standards. Sie wurde in Kooperation mit renommierten Expertinnen und Experten konzipiert. Die Apothekerinnen und Apotheker lernen dabei unter Anleitung von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten in Theorie und Praxis alles, was für die Verabreichung einer Impfung wichtig ist – von der Vorbereitung des Impfstoffes über die korrekte Injektionsart bis zum richtigen Verhalten bei möglichen Zwischenfällen.

Apropos Zwischenfälle: Inzwischen wird in 15 europäischen Ländern (u. a. Deutschland, Schweiz, Norwegen und Frankreich) in öffentlichen Apotheken geimpft, und bisher sind keine nennenswerten ,seltenen allergischen Zwischenfälle’ bekannt, die nicht schnell und fachkundig in den Apotheken versorgt werden konnten.

Im Rahmen der Fortbildung wird gezielt auf die beginnenden Anzeichen einer sehr selten auftretenden Anaphylaxie geschult, um somit durch die genaue Beobachtung der Patientin, des Patienten sofort reagieren und bis zum Eintreffen der Notärztin, des Notarztes zu stabilisieren und versorgen zu können. Impfungen in Apotheken könnten somit genauso sicher wie in ärztlichen Ordinationen durchgeführt werden.

Bei der Versorgung der Menschen in diesem Land arbeiten Ärzteschaft und Apothekerschaft tagtäglich eng und konstruktiv zusammen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das auch beim Thema Impfen gelingen wird und wir gemeinsam die Durchimpfungsraten erhöhen – dafür ist es höchste Zeit.“

Mag. Susanne Ergott-Badawi, Vizepräsidentin der Apothekerkammer, Landesgeschäftsstelle Wien

Es besteht keine Notwendigkeit für eine Ausweitung des Angebotes auf Nichtärzte

OMR Dr. Rudolf Schmitzberger, Leiter des ÖÄK-Impfreferates


„Das Impfen in Apotheken ist politischer Wille, aber rationale Gründe dafür gibt es nicht. Anders als in anderen Ländern haben wir nämlich in Österreich ein etabliertes System mit einer niederschwelligen Versorgung durch Ordinationen. Impfen beginnt ab der Geburt. Und im Vereinigten Königreich beispielsweise gibt es keine niedergelassenen Kinderärzte wie in Österreich, die einen Großteil der Impfungen des kostenfreien Kinderimpfprogrammes verabreichen. Hierzulande haben wir zum Glück noch ein Netz an gut ausgebildeten niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, die sowohl die Impfungen des Kinderimpfprogrammes, jene des Österreichischen Impfplans für Erwachsene und andere empfohlene Impfungen in hoher Qualität anbieten können. Der Wegfall der Fachbeschränkung, also dass zum Beispiel der Kinderarzt auch Begleitpersonen impfen kann, hat zu einer wesentlichen Bereicherung des Impfangebotes geführt. Das war eine sinnvolle Maßnahme, um die Durchimpfungsraten zu erhöhen.

Der Ausbau des öffentlichen Impfprogramms – darunter fällt etwa die Impfung gegen Influenza oder auch jene gegen Pneumokokken und Herpes Zoster – ist sinnvoll. Die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte, die sich daran beteiligen, steigt: Im Vergleich zum Vorjahr sind es heuer 300 Ärztinnen und Ärzte mehr. Auch die Anzahl der betrieblichen Impfungen und Impfungen in Gesundheitseinrichtungen jeglicher Art erhöht sich ständig.

Die Voraussetzungen sind also gut. Aber: Die Impfraten erhöhen kann man nicht, wenn der Impfstoff nicht verfügbar ist. Wie die vergangenen Monate gezeigt haben, ist das Nadelöhr die Impfstoffverfügbarkeit: Wenn wir Ärztinnen und Ärzte genügend Impfstoffe zur Verfügung gestellt bekommen, können wir all die erwähnten Impfungen gut bewerkstelligen. Wien hat zum Beispiel gezeigt, dass die Impfrate bei der Influenza-Impfung um 20 Prozent gestiegen ist, seit Impfhindernisse wie der Selbstbehalt gefallen sind.

Es besteht also keine Notwendigkeit für eine Ausweitung des Impfangebotes auf Nichtärzte. Impfen ist ein medizinischer Eingriff. Am Anfang steht die Feststellung der Impftauglichkeit. Wir Ärztinnen und Ärzte kennen unsere Patientinnen und Patienten und ihre Krankengeschichte und können daher im Zweifelsfall feststellen, ob ein Schnupfen harmlos oder Teil einer schwereren Atemwegserkrankung ist und somit eine momentane Kontraindikation für die Impfung besteht. Ob ein Patient gesund ist, können wir am besten einschätzen. Wie soll das ein Apotheker beurteilen können? Auch das Handling von seltenen, aber doch vorkommenden Impfreaktionen will gelernt und trainiert werden. Unsere Ordinationsteams sind dafür ausgebildet und werden laufend geschult.

Nicht zu vergessen ist, dass wir zu wenig Impfstoffe – derzeit bei Herpes Zoster – haben und wir Ärztinnen und Ärzte daher aktuell triagieren müssen, wer zuerst geimpft werden kann und wer warten muss, bis wieder ausreichend Impfstoffe vorhanden sind. Das ist eine medizinische Beurteilung anhand von Grunderkrankungen und der bisherigen Krankengeschichte. In einer Apotheke würde das nicht erfolgen – und am Ende fehlt dann der Impfstoff für jene, die eine Impfung gegen Herpes Zoster viel dringender benötigen. Das kann nicht das Ziel einer strukturierten Gesundheitspolitik und Gesundheitsplanung sein.“

OMR Dr. Rudolf Schmitzberger, Leiter des ÖÄK-Impfreferates

Titel
Spritze mit Hustensaft
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
19.03.2026

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