...sind für „kleine“ Kinder nicht
- 27.02.2026
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Ein Gespenst geht weltweit um: das Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren. Wir sprachen mit Expertinnen, um die Lage zu bewerten und die Folgen eines solchen strengen Verbots zu verstehen.
Springer Medizin (Generiert mit KI)
Bei einem „Handy-Sucht“-Symposium an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien (21. Februar) kam heraus: Smartphones sollten Kinder am besten erst ab einem Alter von etwa 13 Jahren bekommen. Erwachsene hätten eine Verpflichtung, als Vorbilder zu wirken. In der Realität ist Social Media allgegenwärtig, auch in Kinder- und Jugendzimmern. Junge Menschen ziehen sich oft dorthin zurück und nutzen die Social-Media-Plattformen exzessiv. Trotz der Bemühungen der Eltern, die „Online-Zeit“ zu begrenzen, bleibt oft unklar, welche Inhalte die Kinder und Jugendlichen dort sehen und aufnehmen. Das ständige Scrollen, das im Design dieser Plattformen steckt, fördert das Suchtverhalten. Der Algorithmus verstärkt dies: Interesse an bestimmten Themen kann zu einer Radikalisierung der Inhalte führen, sei es in der Politik oder bei Ernährungsthemen. Prof. Dr. Kathrin Sevecke, Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sieht den Schaden bereits als angerichtet. Sie argumentiert, dass man diesen Schaden nicht mehr rückgängig machen kann. Deshalb müsse die Politik jetzt handeln und ein Verbot umsetzen. Das Suchtverhalten im Umgang mit Social Media sei erheblich. Übermäßiger Konsum führe zwangsläufig zu Vergleichen mit Schönheitsidealen und begünstige Essstörungen, da entsprechende Inhalte dort häufig vorkommen. ( S. 17 ) Henrike Brandstötter, medienpolitische Sprecherin der NEOS, erläutert ihren Freiheitsbegriff, der oft bei Verboten diskutiert wird. Doch, sagt Brandstötter, gehe es hier nicht um echte Freiheit, denn Freiheit erfordere Selbstbestimmung. Diese fehle bei Social Media, da sie auf Sucht ausgerichtet sind.
Der Schaden durch Social Media-Konsum ist schon da. Nun gilt es, diesen zu begrenzen
Prof. Dr. Kathrin Sevecke, Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder-und Jugendpsychologie
Simon
„Ich bin auf jeden Fall für ein Social-Media-Verbot für Jugendliche bis 16 Jahren. Dabei ist es allerdings wichtig, die Risiken vorerst einmal genau einzuteilen. Zum einen müssen wir uns um digitalen Jugendschutz kümmern. Das heißt im Prinzip, dass wir Jugendliche vor Inhalten schützen müssen, die nicht gut für sie sind: Das sind beispielsweise pornografische Inhalte, sexualisiertes Verhalten und Inhalte, die zu einer möglichen Radikalisierung beitragen.
Was aber auch nicht vernachlässigt werden darf: Social-Media-Spiele, also Spiele, die auf solchen Plattformen gespielt werden. Sie machen potenziell abhängig. Wir wissen, dass diese Spiele Hirnareale ansprechen, die für die Dopamin-Ausschüttung verantwortlich sind. Aus meiner Sicht ist das Suchtpotenzial dieser Spiele stark unterdiagnostiziert.
Das Problem ist aber, wie bereits gesagt, der Konsum von Social-Media-Inhalten. Es macht etwas mit der psychischen Gesundheit, wenn Jugendliche andauernd mit Norm-Schönheit und mittlerweile auch verstärkt mit KI-Bildern konfrontiert sind. Das führt in einigen Fällen zu einer Minderung des Selbstwertes, zu Angst, zu Depressionen oder auch zu Lernproblemen in der Schule.
Dazu müssen wir im Blick behalten, dass es bei Jugendlichen ganz besonders vulnerable Gruppen gibt, die psychisch sehr verletzbar und angreifbar sind. Solche Jugendliche gilt es umso mehr vor pornografischen Inhalten zu schützen und darüber hinaus beispielsweise vor Inhalten, die sich auf unangemessene Weise mit dem Thema Ernährung und Essensgewohnheiten auseinandersetzen. Letzteres führt oft dazu, dass die junge Menschen noch weniger essen, noch weniger Kohlenhydrate zu sich nehmen und in eine gefährliche Spirale geraten. Wir sehen es bei uns auf der Station, wenn wir es mit Jugendlichen mit Essstörungen zu tun haben: Essstörungsgedanken sind im Grunde wie eine Sucht, die von Social Media getriggert werden kann.
Ebenfalls nicht aus dem Blick kommen darf die Art und Weise, wie Social Media konsumiert wird und was es mit dem Denken von jungen Menschen machen kann. Beim Scrollen auf den Plattformen ist es ein ganz oberflächliches Konsumieren, das mit Recherchieren nichts zu tun hat. Die Aufmerksamkeitsspanne ist dabei sehr kurz, was Einfluss auf generelle Denkprozesse haben kann.
Was ich sagen würde, wenn man all diese Faktoren bedenkt und sieht und das mit einem Social-Media-Verbot gegenüberstellt: Der Schaden ist schon da. Das Verbot kann diesen Schaden also nicht mehr gut machen. Aber ein Verbot ist wohl dazu in der Lage, weiteren Schaden abzuhalten und vielleicht einiges abzufangen. Wie und auf welche Weise das vonstatten gehen soll - bezogen auf das Verbot –, weiß ich nicht. Ich bin keine Datenschutzexpertin. Wichtig ist jedenfalls, dass möglichst rasch eine Lösung gefunden wird, die natürlich datenschutzkonform ist. Es ist jedenfalls höchste Zeit. Und dabei nicht vergessen sollte man auf Themen wie KI und ChatGPT: Immer mehr Jugendliche pflegen Beziehungen zu Chatbots oder ähnliches. Das ist unter Umständen noch gar nicht wirklich im Fokus, wenn es jetzt um besagte Verbote geht.
Klar ist, dass Verbote alleine nicht ausreichen, sondern nur einen passenden Rahmen bieten, um junge Personen zu schützen. Begleitet werden muss dieses Verbot mit der Schulung von Eltern und von den Kindern in den Schulen. Ebenjenen kommt Verantwortung zu, genauso wie der Politik.“
Prof. Dr. Kathrin Sevecke, Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder-und Jugendpsychologie
Eine Altersgrenze für Social Media einzuführen, setzt eine klare Grenze
Henrike Brandstötter, Medienpolitische Sprecherin der NEOS im Parlament
Florian Albert
„Stellen wir uns ein Szenario vor: Ein 13-jähriges Mädchen liegt nachts noch wach im Bett. Das Licht ist bereits aus, der Bildschirm aber leuchtet hell im Dunkeln. Noch ein Video. Noch ein Scroll. Noch ein Vergleich. Was wie Freizeit wirkt, ist in Wahrheit ein perfekt konstruiertes System zur Bindung von Aufmerksamkeit. Genau hier beginnt politische Verantwortung. Genau dort müssen wir ansetzen.
Es ist mir wichtig zu betonen, dass Freiheit Selbstbestimmung bedeutet. Selbstbestimmung setzt jedoch immer auch voraus, dass man sich entziehen kann, dass es ein ,Entkommen’ gibt. Plattformen wie Instagram , TikTok oder YouTube sind keine neutralen Bühnen, die man betreten oder verlassen kann, wie es einem beliebt. Sie sind ökonomische Maschinen. Algorithmen analysieren das Verhalten der User, verlängern deren Verweildauer, belohnen nicht zuletzt die Interaktionen –, dasjenige, das die User investieren. Endloses Scrollen ist dabei absolut kein Zufall, sondern Design, das von der Plattform so gewollt ist. Das Ziel dahinter ist glasklar: Es geht um nichts weniger als um maximale Bindung, noch längeres Verweilen und endlich um Sucht und damit Unfreiheit.
Jugendliche sind diesem beschriebenen System ganz besonders ausgeliefert. Ihr Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung, Impulskontrolle und Risikobewusstsein sind noch nicht vollständig ausgereift. Gleichzeitig prägt kaum eine Phase das Selbstbild so stark wie die Pubertät. Wer sich täglich mit gefilterten Körpern, perfekten Lebensentwürfen und kuratiertem Glück vergleicht, gerät unter Druck.
Die Zahlen sind aus meiner Sicht eindeutig. Immer mehr Studien zeigen, dass Jugendliche ein problematisches Nutzungsverhalten sozialer Medien haben, mit Symptomen wie Kontrollverlust und Vernachlässigung anderer Lebensbereiche. Sie belegen auch, dass intensive Nutzung mit Depressionen, Angstzuständen, Schlafmangel und sinkendem Selbstwert zusammenhängt.
Natürlich ist die damit verbundene Kausalität überaus komplex. Doch wenn sich Risiken verdichten, darf die Politik nicht warten, bis der letzte Beweis erbracht ist. Wir handeln auch im Straßenverkehr präventiv. Wir schützen Minderjährige vor Alkohol und Glücksspiel. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Verantwortung.
Eine Altersgrenze für Social Media einzuführen, ist deshalb kein Kulturkampf gegen das Digitale und auch keine „Zensur“, wie die FPÖ behauptet. Es ist eine klare Grenze gegenüber einem Geschäftsmodell, das auf permanenter Stimulation beruht. Es bedeutet Schutz in einer sensiblen Lebensphase.
Doch Verbote allein reichen nicht. Wer junge Menschen vor algorithmischem Dauerbeschuss schützt, muss sie zugleich befähigen. Medienkompetenz darf kein Randthema sein, sondern muss verbindlicher Bestandteil des Unterrichts werden. Schülerinnen und Schüler müssen verstehen, wie Algorithmen funktionieren, wie Aufmerksamkeit monetarisiert wird und wie Manipulation im digitalen Raum aussieht. Nur wer diese Mechanismen kennt, kann später souverän mit ihnen umgehen.
Freiheit entsteht nicht dort, wo alles jederzeit verfügbar ist. Sie entsteht dort, wo junge Menschen die Chance haben, sich ohne permanente Beeinflussung zu entwickeln, und dabei lernen, sich später bewusst zu entscheiden. Wenn wir es ernst meinen mit Jugendschutz und Verantwortung, müssen wir Grenzen setzen und zugleich Bildung stärken.“
Henrike Brandstötter, Medienpolitische Sprecherin der NEOS im Parlament