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Ärzte Woche

07.03.2022 | Gesundheitspolitik

Sehnsucht nach mehr

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Ärzte sind mehr als die Summe aus Nachtschichten und 12-Stunden-Diensten. Ärzte wollen ihr Leben außerhalb der Arbeit genießen und das ohne schlechtes Gewissen. Und weil das heute so ist: Reden wir über ihre Arbeitszeiten!

Ausnahmsweise steht eine Wirtschaftsmeldung zu Beginn eines Ärzte Woche -Artikels: Fachkräfte im Gesundheits- und Sozialbereich sind so begehrt wie nie zuvor. Zu diesem Ergebnis kommt der zweite Arbeitsmarktreport, den das Jobportal karriere.at unter wissenschaftlicher Begleitung eines Experten der Fachhochschule Oberösterreich – Mag. Peter Harald Brandstätter, MBA (Wirtschaft & Management, Campus Steyr) – erstellt hat. Gleichzeitig nahm die Zahl der Teilzeitstellen im Jahresvergleich zwischen 2020 und 2021 im Gesundheits-, Pharma- und Sozialbereich um die Hälfte (54 %) zu. Der Anstieg geht Hand in Hand mit dem Wunsch vieler Arbeitskräfte nach mehr Flexibilität. In 90 Prozent der ausgeschriebenen Teilzeit-Stellenanzeigen im 2. Halbjahr 2021 sind zwischen 20 und 37 Stunden vertraglich vereinbart. „Zugleich wissen wir, dass viele Arbeitnehmer hierzulande eine 30-Stunden-Woche befürworten“, sagt Brandstätter. In einer weiteren karriere.at -Umfrage im Jahr 2020 sprach sich nämlich jeder zweite Befragte dafür aus.

Wenn die Grünen Ärzte also im Ärztekammer-Wahlkampf die 32-Stunden-Woche vorantreiben, springen sie auf einen zumindest rollenden Zug auf. Auch die Gewerkschaft vida, derzeit mit KV-Verhandlungen für die Ordensspitäler beschäftigt, fordert eine „nachhaltige Senkung der hohen Arbeitsbelastung sowie Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz, die eine Dienstplanstabilität und in der Folge eine entsprechende Work-Life-Balance gewährleisten sollen“, wie es etwas technokratisch heißt. Die Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien will im dritten Pandemiejahr vor allem mehr Geld für ihre Klientel. ÄK-Vizepräsident Dr. Gerald Gingold: „Es braucht mehr Anreize für die Kollegen, um in diesem überaus harten Job weiterzumachen, dazu gehört unter anderem auch eine gerechte Entlohnung.“ Vermutlich braucht es mehr als das.

Martin Krenek-Burger

Wir müssen wegkommen von den überlangen Diensten

„Wie können wir den Arbeitsplatz Krankenhaus attraktivieren? Wir beobachten seit vielen Jahren eine Erosion der Beschäftigten im Gesundheitswesen. Die Corona-Überforderung hat diesen Prozess beschleunigt, vor allem beim Pflegepersonal. Die erste Forderung, die man von anderen Gruppierungen hört, lautet: mehr Geld. Das ist nur ein Teil der Lösung, man kann nicht alles mit einem Schmerzensgeld erkaufen. Wir müssen den nächsten Schritt gehen und eine nachhaltige Vision entwickeln. Bestes Beispiel ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hier braucht man von der Stadt Wien und dem psychosozialen Dienst Unterstützung, um überhaupt den Betrieb aufrechterhalten zu können. Auch die Innere Medizin ist nicht mehr so stabil, wie sie es einmal war.

Die Grünen Ärztinnen und Ärzte fordern daher eine deutliche Verkürzung der Arbeitszeit für das gesamte Gesundheitspersonal im Verantwortungsbereich des Wiener Gesundheitsverbundes, der auch mein Arbeitgeber ist: Ziel ist die Reduktion der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden und daher die Einführung der Vier-Tage-Woche.

Ob Ärzte, das Pflegepersonal, Therapeuten, OP-Assistenten: Gerade in Berufen, bei denen das Wohl des einzelnen Patienten, der einzelnen Patientin im Vordergrund steht, brauchen die Beschäftigten Zeit, um sich von den körperlichen und psychischen Belastungen zu erholen.

Vielleicht gelingt es so auch, Spitalsärzte, die 20 Stunden im Spital arbeiten und nebenher eine Wahlarzttätigkeit ausüben, zurückzuholen. Wir haben ja offene Stellen zu besetzen. Die Stadt Wien hat zwar mit der Ärztekammer 300 zusätzliche Arztstellen ausgehandelt, doch von denen spürt man nichts. Manche Posten sind noch immer unbesetzt, eine Evaluierung steht aus. Wir müssen wegkommen von den überlangen Diensten und das, was für den Rest der Bevölkerung gilt, auch in den Gesundheitsberufen umsetzen. Wir müssen wegkommen von unserem One-fits-all-Modell für das ganze Spitalwesen. Wir brauchen verschiedene Arbeitszeitmodelle. Wir müssen das Problem an der Wurzel packen: Wie organisieren wir unsere Dienste? Wir packen die Kapazitäten in den Vormittag. Bei Fächern, in denen operiert wird, ist das nachvollziehbar, aber bei den anderen muss die Frage erlaubt sein, warum der Nachtdienst um 13 Uhr beginnt.“

Dr. Michael Lazansky, Facharzt für Psychiatrie; Spitzenkandidat der Grünen Ärzte für die Ärztekammerwahl

Warum sollen Steuerzahler die Teilzeitwünsche zahlen?

„Jeder Spitalsarzt kann mit seinem Arbeitgeber in Gespräche um eine Teilzeitbeschäftigung in 80 Prozent eintreten. Ebenso können Ärzte mit dem Arbeitgeber über die Verteilung der Arbeitszeit verhandeln und die Wochenarbeitszeit auf vier Tage verteilen. Wieso allerdings den individuellen Wunsch auf Teilzeitarbeit der Steuerzahler zahlen sollte, indem die Spitalsärzte mit vier Tagen als vollzeitbeschäftigt behandelt werden, ist nicht einsichtig. Wer solche Vorschläge macht, sollte auch überlegen, wie man diese Ideen finanziert.

Überhaupt: Mit Träumereien wie einer Vier-Tage-Woche, die langfristig nur Jobs kostet und kein Jobmotor ist, werden wir nicht aus der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg kommen. Vielmehr braucht es endlich Steuerentlastungen, die auch die aktuelle Regierung nur groß angekündigt, aber nicht umgesetzt hat. Schon ab einem Einkommen von 31.000 Euro beträgt der Grenzsteuersatz 42 Prozent. Das hat zur Folge, dass schon der Facharbeiter besteuert wird, als wäre er ein Spitzenverdiener. Das ist leistungsfeindlich und hemmt den Aufschwung. Eine Partei der Arbeitnehmer wie die SPÖ sollte sich lieber gemeinsam mit uns dafür stark machen, dass die türkis-grüne Bundesregierung endlich in die Gänge kommt, die Steuerlast insbesondere für den Mittelstand senkt und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weniger kosten und mehr verdienen – und nicht von warmen Eislutschern wie der Vier-Tage-Woche träumen.“

NRAbg. Mag. Gerald Loacker, Pandemiesprecher der NEOS

Es geht nicht um einmalige Prämien

„Täglich erreichen uns Meldungen von leer bleibenden Stationen aufgrund von Personalmangel. Vor Kurzem haben die Betriebsräte von acht Organisationen einen erneuten Warnruf abgesetzt – die Personalsituation im Gesundheits- und Sozialbereich ist mehr als ernst.

Es ist bereits fünf Minuten nach zwölf. Ein wichtiger Schlüssel, um das Problem zu lösen, ist eine dauerhafte Erhöhung der Gehälter. Nachhaltige Reformen wie eine Änderung der Personalschlüssel und mehr Zeit für die Klienten sind erst dann möglich, wenn es auch genügend Mitarbeiter gibt. Diesen Kreislauf gilt es jetzt mit einem mutigen Schritt zu durchbrechen.

Eine alarmierende Studie der Arbeiterkammer Oberösterreich zeigt, dass sich der Anteil der Beschäftigten, die ihren Job wechseln wollen, in den zurückliegenden zwei Quartalen 2021 auf einem Dauerhoch befindet ( Anm.: ArbeitsklimaIndex, https://tinyurl.com/4yz8ybmj ). Stark gestiegen ist der Wunsch nach einem Jobwechsel in vielen systemrelevanten Berufen – beispielsweise im Gesundheits- und Sozialbereich. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass es im Gesundheitssystem nicht primär einen Betten-, sondern einen Pflegeengpass gibt. Was wir uns in der derzeitigen Situation auf keinen Fall leisten können, ist, dass Pflegekräfte und Menschen im Sozialbereich den Job verlassen. Wenn wir die Versorgung sichern wollen, braucht es jetzt massive Verbesserungen für die Beschäftigten dieser Branchen.

Die ersten positiven Signale sind bereits vom (Anm.: mittlerweile zurückgetretenen) Sozialminister Mückstein (Anm.: Nachfolger von Dr. Wolfgang Mückstein ist der Vorarlberger Johannes Rauch) gekommen, er sieht die Herausforderungen sehr klar. Wichtig dabei ist, dass es nicht um einmalige Prämien geht – die zögerliche Abwicklung des letzten Bonusses hat eher zu Frustration geführt

Wir brauchen jetzt eine strukturelle Änderung der Gehaltssysteme für jene, die direkt mit Menschen arbeiten, enormen Belastungen und Risiken ausgesetzt sind und auf deren Arbeit wir einfach angewiesen sind. Diese Berufe müssen deutlich besser entlohnt werden. Der Zugang zu sozialer Arbeit darf nicht zur Lotterie werden. Die Mittel der gescheiterten Impflotterie können jetzt der Startschuss für eine nachhaltige Lösung werden.“

Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich

Weitere Informationen:

https://tinyurl.com/4yz8ybmj

Metadaten
Titel
Sehnsucht nach mehr
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
07.03.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 10/2022

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