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20.11.2022 | Gesundheitspolitik

Sag mir, wo die Ärzte sind

verfasst von: Reinhard Hofer

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Ein Computermodell des Mathematikers Niki Popper ermöglicht eine simulationsbasierte Prognose des Ärztebedarfs, und zwar in den nächsten 15 Jahren. Die Zahlen sollen die Grundlage für eine sinnvolle Planung bilden.

Für Schlagzeilen sorgte kürzlich die Kündigung eines Wiener Primars der Kinder- und Jugendheilkunde, weil ihm zu wenig Personal und Fachärzte zur Verfügung standen. Ein Indiz dafür, dass die Lage im heimischen Gesundheitswesen teilweise prekär ist. Laut Experten werden bis 2030 bis zu 6.000 Beschäftigte allein in den Krankenhäusern fehlen. Dazu kommt der Mangel an Kassenärzten und -ärztinnen. „Aktuell sind bereits 3.474 engagierte Kolleginnen und Kollegen in Österreich über dem gesetzlichen Pensionsalter, in zwölf Jahren werden weitere 17.310 Ärzte und Ärztinnen dazu kommen“, sagt der Chef der OÖ Ärztekammer, Dr. Peter Niedermoser. Die Hoffnungen ruhen auf dem Nachwuchs. Doch: Weniger als zehn Prozent der Bewerber und Bewerberinnen beim Medizin-Aufnahmetest schaffen es auch in die Ärzteausbildung. Die Zahl der Absolventen an den heimischen Medizinuniversitäten ist seit 2012 teils stark abgefallen, obwohl die Zahl der Studienplätze im gleichen Zeitraum leicht gestiegen ist. „Wir brauchen koordinierte Planungsstrategien, mit denen wir die Mediziner nach ihrem Studium dazu bringen, in Österreich versorgungsrelevant zu werden“, sagt der Corona-gestählte Simulationsexperte Dr. Nikolas „Niki“ Popper von der TU Wien. Ein Weltuntergang ist das nicht, nur eine Frage der vorausschauenden Planung. Im Fall der Allgemeinmedizin bräuchte es etwa für die nächsten zehn Jahre höhere Ausbildungskapazitäten, sagt Popper, in anderen Fächern wird es einige Jahre länger dauern, bis sich die Lage wieder normalisiert hat. Ein Blick in das Archiv zeigt – die Ärzte Woche berichtete über die Popper-Simulation zuletzt in Ausgabe 42/2021 –, dass der Weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis bis zur Umsetzung in der politischen und universitären Praxis ein breiter ist.

Planungskommission soll Ärztebedarf klären

„Die Ärztekammer für Oberösterreich fordert schon seit Jahren eine Planungskommission auf Landesebene, wie es etwa beim Stellenplan für den niedergelassenen Bereich sowie bei der Spitalplanung bereits der Fall ist. Hier sollten Vertreter der Universitäten, der Sozialversicherungen, von Land, Bund und Ärztekammer in regelmäßigen Abständen zusammenkommen. In einem weiteren Schritt müssten denn die Ergebnisse aller Bundesländer-Kommissionen zusammengeführt werden. Die Planung des Ärztebedarfs könnte dann für die nächsten zehn bis 15 Jahre erfolgen. Dies entspricht einem realistischen Zeitraum, denn so lange dauert in Österreich die durchschnittliche Ärzteausbildung. Parallel dazu muss die Zahl der Ausbildungsstellen in den Spitälern an den jeweiligen Bedarf angepasst werden. Bis 2015 etwa waren Spitäler verpflichtet, pro 15 Betten eine Allgemeinmedizinerin bzw. einen Allgemeinmediziner auszubilden. Diese Regelung ist seit einigen Jahren gefallen, die Folgen zeigen sich etwa an den nicht besetzten Kassenstellen.

Betrachtet man die Ergebnisse für alle Fachrichtungen gemeinsam, ist zu sehen, dass vor allem in den nächsten Jahren erhöhte Ausbildungskapazitäten benötigt werden. Die aktuellen 8.400 Ausbildungsstellen müssen in den nächsten zehn Jahren auf 9.200 bis 9.600 Stellen erhöht werden. Damit würde dem pensionsbedingten Rückgang an Vollzeitäquivalenten entgegengewirkt. An die vorherrschende Situation angepasst, könnte man die Zahl dann wieder schrittweise senken und sich trotzdem auf einem konstanten Niveau halten. Allerdings sind die Ausbildungsstellen in manchen Fächern aktuell nur zu knapp zwei Drittel besetzt. Manche Absolventinnen und Absolventen warten hier lieber zu, bis Ausbildungsstellen in attraktiveren Fächern frei werden. Daher bringt es kaum etwas, alleine nur die Zahl der Ausbildungsstellen zu erhöhen, wenn diese gar nicht erst besetzt werden können. Es macht umgekehrt aber auch keinen Sinn, in einigen Jahren Ausbildungsstellen wieder zu senken, wenn dann mehr Absolventinnen und Absolventen zur Verfügung stehen. Diese beiden Parameter gehören daher aufeinander abgestimmt.“

Dr. Felix Wallner, Kammeramtsdirektor der OÖ. Ärztekammer

Abwanderung der Ärzte ins Ausland verhindern

„Die Zahl der unbesetzten Kassenstellen steigt in Oberösterreich wie in ganz Österreich massiv an. Bundesweit sind alleine über hundert Hausarztpraxen unbesetzt. In Oberösterreich sind es inklusive aller Fachrichtungen aktuell insgesamt 55. Der Mangel an Ärztinnen und Ärzten wird sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen. Denn die Altersverteilung und der Altersschnitt der heimischen Ärzteschaft zeigen sehr deutlich, dass in den kommenden Jahren mit einer großen Pensionierungswelle zu rechnen ist. Viele Medizin-Absolventinnen und -Absolventen ergreifen im Anschluss an das Studium keine Tätigkeit als Turnusärztin oder Turnusarzt in Österreich. Auffallend ist etwa auch, dass wenige mit deutscher Staatsbürgerschaft in Österreich als Ärztin bzw. als Arzt tätig werden. Offenbar ist es für viele junge Menschen wenig attraktiv, als Absolventin und Absolvent einer Medizinischen Fakultät in Österreich hier auch mit dem Turnus zu beginnen.

Es gibt drei entscheidende Faktoren bezüglich des aktuellen und des künftigen Ärztemangels. Einerseits gibt es immer weniger Medizinstudierende, die nach dem Studium auch beruflich in Österreich bleiben. Andererseits geht die Zahl der Österreicherinnen und Österreicher, die zu einem Medizinstudium zugelassen werden, seit Jahren stark zurück. Und drittens drängen gerade bei der jungen Ärzteschaft immer mehr Kolleginnen und Kollegen als Teilzeitkräfte auf den Arbeitsmarkt. Diese Faktoren verschärfen den Ärztemangel in Oberösterreich und Österreich dramatisch.

Was es daher dringend braucht, ist eine effektive und sinnvolle Planung des Ärztebedarfs in Bezug auf den Betriebsvorbehalt sowie den Ärzte-Vorbehalt. Diese exakten Planungen gibt es zwar bei den Kassenstellen oder der Personalplanung in den Spitälern bereits. Was fehlt, ist aber die Planung des mittel- und langfristigen Bedarfs an Gesundheitspersonal. So gibt es bis heute keine Regelungen, was die Anzahl an benötigten Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pfleger oder ähnlichen wichtigen Bereichen im Gesundheitssystem betrifft. Erschwerend kommt noch hinzu, dass es in Österreich keine zentrale Einrichtung gibt, die festlegt, wie viele Medizinstudierende es benötigt, um den entsprechenden Nachwuchs zu sichern.“

Dr. Peter Niedermoser, Präsident der OÖ. Ärztekammer

Flexiblere Quoten auf EU-Ebene festlegen

„Um eine Prognose zu erstellen, müssen wir verschiedenen Fragen nachgehen: Wie ist die aktuelle Situation, welche Leute gehen auf die Universität, welche gehen ins Krankenhaus in die Ausbildung bzw. in die Turnusplätze und wer kommt dann am Schluss versorgungsrelevant ins System.

Analysiert man alleine die Allgemeinmedizin, dann ist mit einem Rückgang der Vollzeitäquivalente in den nächsten zehn Jahren zu rechnen, bevor sich die Zahlen wieder leicht erholen. Dementsprechend werden hier nur kurzfristig höhere Ausbildungskapazitäten von Nöten sein, um diesen Rückgang abzufedern und die Zahl an Vollzeitäquivalenten wieder auf den vom Markt benötigten Status zu heben. Ab 2030 reichen – was die Allgemeinmedizin betrifft – dann wieder die aktuellen Ausbildungskapazitäten von 1.600 Stellen.

Quer durch alle Fachrichtungen ergibt sich ein anderes Bild: In manchen Fachgebieten wird die Anzahl an Vollzeitäquivalenten in den nächsten Jahren sogar fallen, bevor sich diese auf einem niedrigen Niveau stabilisieren wird. Ohne eine Änderung an Ausbildungsstellen wäre hier mit einem steigenden Fachkräftemangel zu rechnen. In diesen Fächern werden in den nächsten 15 Jahren höhere Ausbildungskapazitäten benötigt, bevor die Zahl an Auszubildenden wieder gesenkt werden kann. Die simulierte Entwicklung in anderen Fächern zeigt einen Rückgang der versorgungsrelevanten Personen in den nächsten Jahren, sodass eine dauerhaft höhere Anzahl an Ausbildungsstätten benötigt wird, um die derzeitige Zahl an Vollzeitäquivalenten halten zu können.

Das bedeutet, dass auch die Universitäten auf die Situation reagieren müssen. So bräuchte es etwa auch flexiblere Quoten als jene 75 Prozent, die von der EU für heimische Studentinnen und Studenten festgelegt sind. Das geht aber nur mithilfe der Europäischen Union. Dies vor allem auch, weil 2006 der Europäische Gerichtshof die Zugangsmöglichkeiten für Studierende aus EU-Staaten in Österreich vereinfacht hat. Seit 2007 liegt die Quote für Studierende aus dem EU-Raum in Österreich bei 25 Prozent, alleine knapp 20 Prozent kommen aus Deutschland. Viele gehen nach dem Studium zurück ins Ausland.“

DI Dr. Nikolas Popper, Forschungsbereich Information und Software Engineering, Technische Universität Wien

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Metadaten
Titel
Sag mir, wo die Ärzte sind
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
20.11.2022

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