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10.11.2021 | Gesundheitspolitik | Ausgabe 45/2021

Österreich: Heimat bist du toter Töchter

Autor:
Annabella Khom

© Liudmila Kiermeier / Getty Images / iStock

In den vergangenen Jahren scheint Österreich ein Land der Frauenmörder zu sein. Aus diesem Desaster kommen wir so schnell nicht wieder heraus, vor allem dann nicht, wenn die Forderung nach mehr Prävention ungehört bleibt.

2020 wurden in Österreich 31 Frauen ermordet. 2018 geschahen 41 Frauenmorde, und 2021 werden aktuell etwa drei Frauen pro Monat ermordet. Gemeinsam haben viele, dass sie durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners und oft auf sehr brutale Weise getötet wurden. Die regelmäßigen Frauentötungen sind irrational und dramatisch. Sind wir wegen der hohen Anzahl weiblicher Mordopfer eine Nation der Frauenmörder?

Ist das etwas Neues? Mitnichten. Österreich gilt noch immer europaweit als Vorbild in Sachen Gewaltschutz. Gleichzeitig ist Österreich das einzige Land innerhalb der EU, in dem es mehr weibliche als männliche Mordopfer gibt. Jedem Femizid folgen Forderungen von Gewaltschutzeinrichtungen und Opposition. Die zentralen Wünsche lauten: mehr Prävention, bereits ab dem Kindergarten, Maßnahmen gegen „tiefgehende patriarchale Strukturen“, wie der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser fordert, Bewusstseinsbildung und Schulungen in Erstanlaufstellen der Medizin, Exekutive und Judikative sowie in Betrieben. Der Österreichische Frauenring will zudem die sofortige Umsetzung der gesetzlich verankerten Hochrisikofallkonferenzen. Europa und im speziellen Österreich klagen über zahlreiche Femizide. Der Terminus Femizid wird dabei etwas ausgeschlachtet, und mitunter wird behauptet, dass Frauen ermordet werden, weil sie Frauen sind. Das wird häufig falsch kommuniziert. Dass patriarchalische Strukturen vorherrschen, ist ein alarmierendes Faktum. „Ehrenmorde“ und „Trennungstötungen“ werden unterschiedlich bestraft, patriarchale Strukturen nicht erkannt. Das muss sich ändern, fordern die Experten. Wann, wenn nicht jetzt?

Die Ermittlungsarbeit muss besser werden


Maria Rösslhumer

Die Polizei muss genauer hinschauen, bevor das Verfahren eingestellt wird.

 „In Österreich haben wir es mit Behörden zu tun, die Gewalttäter nicht ausreichend überwachen – auch diejenigen nicht, die immer wieder auffällig werden und bereits polizeibekannt sind. Wir brauchen eine bessere Gefahreneinschätzung. Nach jeder Anzeige müsste eine Gefährlichkeitsprognose durchgeführt werden: Was hat der Täter vor? Wie geht es der Frau? Wie geht es den Kindern? Und auch: Besitzt der Täter Waffen? Vielfach werden die Morde mit Schusswaffen begangen. Hinzu kommt noch, dass ganze 70 Prozent der Anzeigen bei Gewalt an Frauen eingestellt werden. 70 Prozent! Das muss man sich mal vorstellen. Da bringt eine Frau den Mut auf, zur Polizei zu gehen – und dann wird die Anzeige eingestellt, weil die Beweise nicht ausreichend sind oder weil Aussage gegen Aussage steht. Wir fordern, dass man noch genauer hinschaut, bevor man das Verfahren einstellt. Die Ermittlungsarbeit muss besser werden.

Innenminister Karl Nehammer hat die Betroffenen jüngst dazu aufgerufen, häufiger die Polizei zu rufen. Kaum eine der in diesem Jahr ermordeten Frauen habe nämlich die Beamten verständigt. Das Problem hierbei ist: Viele der Betroffenen haben Angst und sind verunsichert, weil sie nicht wissen, wie die Polizei reagiert. Es gibt sehr viele Fälle, in denen die Polizei zwar gekommen ist, es dann aber zu keiner Wegweisung kam. Gerade bei den Wegweisungen erleben wir einen traurigen Trend: Es kommt immer häufiger vor, dass eine Wegweisung gegen die betroffene Frau ausgesprochen wird, weil es dem Täter gelingt, die Polizisten zu manipulieren.

Das klingt extrem, wir hören aber oft von Frauen, dass sie zur Abwehr zurückgeschlagen haben. Der Täter stellt es dann so dar, als sei er das Opfer – und die Beamten glauben ihm das. Ich habe kürzlich zehn Fälle aus den vergangenen Monaten zusammengetragen, bei denen die Polizei nicht richtig gehandelt hat, und die Fälle habe ich Herrn Nehammer übergeben. Zum Beispiel haben Polizisten einer Frau mit Rippenbruch gesagt, dass sie erst Anzeige gegen ihren Mann erstatten könnte, wenn es ein ärztliches Attest gebe. Das stimmt nicht! Wenn die betroffenen Frauen so falsch informiert werden, ist das inakzeptabel. So geht das nicht mehr weiter. Wir brauchen mehr Geld für Bewusstseinskampagnen, wir brauchen mehr Personal.“

Gewalttäter setzen Gewalt als Ressource ein


Erich Lehner

Männergewalt basiert auf einem toxischen Verständnis von Männlichkeit.


„Gewalttäter greifen nicht aufgrund von Gereiztheit oder Stress zu Gewalt. Sie haben gelernt, schwierige Situationen mit Gewalt zu beantworten. Falsch wäre die Vorstellung, dass nur gestresste, schwache, kranke Männer Gewalt ausüben. Zahlreiche Männer setzen Gewalt als Ressource ein, das hat einen fatalen Effekt, und Vorbilder brauchen sie dafür nicht unbedingt. Dass es insgesamt so viele Gewalttaten und Morde in Österreich gibt, sehe ich im Zusammenhang mit unseren traditionellen Männerbildern. Damit Gewaltverhalten erst gar nicht entsteht, ist unter anderem Bildungs- und Jugendarbeit gefragt. Es geht darum, neue Männlichkeitsbilder zu etablieren, in denen Männlichkeit nicht als Durchsetzung von Macht und Dominanz über Gewaltverhalten verstanden wird, egal ob in Beziehungen, unter Gleichaltrigen oder auf der Straße. Notwendig sind Männlichkeitsbilder, die mit eigenen Schwächen und Überlastungszuständen intelligent umzugehen wissen und für einen fürsorglichen Zugang zu anderen Menschen sorgen. Das heißt, eigentlich ist es auch ein großes Kritik-Programm über Männlichkeit, was wir da berechtigt fahren sollen.

Auch Begründungen wie Alkohol- oder Drogensucht sind nicht relevant, denn nur weil jemand suchtkrank ist, wird er nicht zum Mörder oder Gewalttäter. Bei all diesen Faktoren muss man sich vorstellen, wie das im selben Fall bei Frauen ist. Trotz großer Benachteiligung greifen sie viel seltener zu Gewalt. Es stellt sich daher immer die Frage, warum jemand auf eine Notsituation mit Gewalt antwortet. Trennungen sind dafür ein gutes Beispiel: Männer fühlen sich oft gekränkt und gedemütigt, wenn sich eine Frau von ihnen trennt. Dazu trägt vor allem ein Männerbild des durchsetzungsfähigen Mannes bei, der alles schafft, der der Held ist. Aus diesen traditionellen Männerbildern heraus leiten Täter für sich eine „Legitimation“ ab, in bestimmten Fällen Gewalt einzusetzen. Der Gewalttäter sieht sich nicht als schwach, sondern als starken, durchsetzungsfähigen potenten Mann. Im Kampf gegen Femizide lohnt sich die Investition in ein neues Männerbild, in dem Männlichkeit nicht als Durchsetzung von Macht und Dominanz über Gewaltverhalten verstanden wird, egal ob in Beziehungen, unter Gleichaltrigen oder auf der Straße.“

Derzeit haben wir das Problem der Konzeptlosigkeit


Isabel Haider

Oft treiben den Täter frauenverachtende und -herabwürdigende Motive an.

„Derzeit haben wir das große Problem von mangelnder Gesamtstrategie und von Konzeptlosigkeit. Bei den meisten Femiziden steht eine Intimbeziehung zwischen Täter und Opfer im Hintergrund. Jene mit Gewaltvorgeschichte bieten darüber hinaus natürlich ein großes Präventionspotenzial, indem die Risikoeinschätzung, etwa zum Zeitpunkt von Wegweisungen, verbessert wird. Oft treiben den Täter frauenverachtende und frauenherabwürdigende Motive an. In meiner Forschung stelle ich mir die Frage, wie diese Einflüsse auf die Behandlung von Femiziden durch die Polizei und das Strafverfolgungssystem wirken. Wird der Geschlechtsbezug bewusst beachtet oder fließt er unbewusst negativ in die Ermittlungen ein? Werden Frauenmorde als eigenes gefährliches Kriminalitätsphänomen in Statistiken und Analysen behandelt oder als voneinander unabhängige Einzelfälle? Werden der Geschlechtsbezug und der Gender-Aspekt ernst genommen oder vermeintliche Ursachen bei den individuellen Tätern als Probleme in den jeweiligen Beziehungen oder als kulturell/ ausländisch bedingt abgetan?

Eine weitere wichtige Frage muss gestellt werden: Wie wird Frauenhass des Täters in der Strafverfolgung überhaupt konzeptualisiert? Aufgrund meiner überschneidenden Forschungsgebiete im Bereich Femizide und vorurteilsmotivierter Kriminalität ist erkennbar, dass etwa Gewalt gegenüber Frauen in Intimbeziehungen gar nicht in Richtung geschlechtsbezogener Motive untersucht wird. Und das, obwohl in diesen Fällen typischerweise eine bewusste Opferauswahl anhand des Merkmals Geschlecht erfolgt. Ein strukturelles Problem ist, dass keine Bereitschaft besteht, geschlechtsbezogene Gewalt gegen Frauen als eigenständiges Kriminalitätsphänomen, das spezielle Expertise erfordert, anzuerkennen. Im Grunde war genau das einer der Gründe für die Konzipierung des Begriffs „Femizid“. Dieser sollte zum Ausdruck bringen, dass allgemeine Kriminalitätstheorien, die von männlichen, weißen Kriminologen ausschließlich für männliche Opfer entwickelt wurden, bei Femiziden zu kurz greifen.“

Gewalttäter setzen Gewalt als Ressource ein

„Gewalttäter greifen nicht aufgrund von Gereiztheit oder Stress zu Gewalt. Sie haben gelernt, schwierige Situationen mit Gewalt zu beantworten. Falsch wäre die Vorstellung, dass nur gestresste, schwache, kranke Männer Gewalt ausüben. Zahlreiche Männer setzen Gewalt als Ressource ein, das hat einen fatalen Effekt, und Vorbilder brauchen sie dafür nicht unbedingt. Dass es insgesamt so viele Gewalttaten und Morde in Österreich gibt, sehe ich im Zusammenhang mit unseren traditionellen Männerbildern. Damit Gewaltverhalten erst gar nicht entsteht, ist unter anderem Bildungs- und Jugendarbeit gefragt. Es geht darum, neue Männlichkeitsbilder zu etablieren, in denen Männlichkeit nicht als Durchsetzung von Macht und Dominanz über Gewaltverhalten verstanden wird, egal ob in Beziehungen, unter Gleichaltrigen oder auf der Straße. Notwendig sind Männlichkeitsbilder, die mit eigenen Schwächen und Überlastungszuständen intelligent umzugehen wissen und für einen fürsorglichen Zugang zu anderen Menschen sorgen. Das heißt, eigentlich ist es auch ein großes Kritik-Programm über Männlichkeit, was wir da berechtigt fahren sollen.

Auch Begründungen wie Alkohol- oder Drogensucht sind nicht relevant, denn nur weil jemand suchtkrank ist, wird er nicht zum Mörder oder Gewalttäter. Bei all diesen Faktoren muss man sich vorstellen, wie das im selben Fall bei Frauen ist. Trotz großer Benachteiligung greifen sie viel seltener zu Gewalt. Es stellt sich daher immer die Frage, warum jemand auf eine Notsituation mit Gewalt antwortet. Trennungen sind dafür ein gutes Beispiel: Männer fühlen sich oft gekränkt und gedemütigt, wenn sich eine Frau von ihnen trennt. Dazu trägt vor allem ein Männerbild des durchsetzungsfähigen Mannes bei, der alles schafft, der der Held ist. Aus diesen traditionellen Männerbildern heraus leiten Täter für sich eine „Legitimation“ ab, in bestimmten Fällen Gewalt einzusetzen. Der Gewalttäter sieht sich nicht als schwach, sondern als starken, durchsetzungsfähigen potenten Mann. Im Kampf gegen Femizide lohnt sich die Investition in ein neues Männerbild, in dem Männlichkeit nicht als Durchsetzung von Macht und Dominanz über Gewaltverhalten verstanden wird, egal ob in Beziehungen, unter Gleichaltrigen oder auf der Straße.“

Mag. Dr. Erich Lehner, Psychoanalytiker, Dachverband Männerarbeit, Forschung und Lehre im Bereich der Männlichkeits- und Geschlechterforschung und im Bereich der Palliative Care.


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