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15.11.2021 | Gesundheitspolitik | Ausgabe 46/2021

Mammutaufgabe in Moldawien

Autor:
Stefan Schocher

Österreichs Fußballherren spielen gegen das Team von Moldawien um die berühmte goldene Ananas. Das wahre Drama im Lande Moldau ist die ungezügelte COVID-19-Pandemie. Moldawien hat eine extrem niedrige Impfabdeckung um die 30 Prozent. Ein Gespräch mit der staatlichen Pandemiebekämpferin.

Svetlana Cotelea-Nicolaescu ist die für die Impfkampagne und die Pandemiebekämpfung zuständige Staatssekretärin im Gesundheitsministerium in Chisinau. Eine Mammutaufgabe in einem Land wie Moldawien, in dem die Impfabdeckung bei rund 30 Prozent liegt, das mit abtrünnigen Regionen, externen Einflussnahme-Versuchen und internen Turbulenzen zu kämpfen hat. Das Vertrauen in staatliche Behörden ist im Keller.

Die Impfquote stagniert. Wo genau liegt das Problem?

Cotelea-Nicolaescu: Wir wären sehr froh, wenn wir eine Antwort auf diese Frage hätten. Die Republik Moldau war sehr erfolgreich beim Zugang zu Impfstoffen. Es sind nicht nur Impfstoffe verfügbar, sondern wir können eine ganze Palette anbieten. Wenn Sie eine Vorliebe haben, können Sie sie in Moldawien bekommen. Impfen aber ist gewissermaßen ein Verhalten: Und wir haben auf der einen Seite die Verfügbarkeit und auf der anderen die Nachfrage. Die Verfügbarkeit wird nicht nur durch öffentliche Aufträge, sondern auch durch Spenden von COVAX sichergestellt. Gleichzeitig gibt es in der Bevölkerung eine erhebliche Zurückhaltung und ein Zögern. Die Menschen sind nicht bereit, sich impfen zu lassen. Hierfür gibt es eine Reihe von Gründen. Der schwierigste ist die in Moldawien sehr aggressive Infodemie.

Unsere Botschaft an die Bevölkerung lautet: Seien Sie vernünftig und überprüfen Sie die Quellen der Informationen, die Sie konsumieren, überprüfen Sie sie mit Fakten und konsumieren Sie Informationen aus offiziellen Quellen. Aber leider ist das nicht die Art und Weise, wie die Menschen Informationen nutzen.

Was ist also die größte Herausforderung?

Cotelea-Nicolaescu: Das Misstrauen gegenüber Impfungen ist die größte Herausforderung in Moldawien. Wenn man ein Verhalten ändern will, sollte die Kommunikation die wichtigste Komponente sein. Wir versuchen, nicht nur die hochrangigen und angesehenen nationalen Leitfiguren einzubeziehen, sondern auch die lokalen Entscheidungsträger und Behörden. Wir müssen herausfinden, wem die Menschen vertrauen und welche Botschaften am erfolgreichsten sind: Lehrer, Priester, Bürgermeister, und dann müssen wir sie schulen und sicherstellen, dass die Botschaften, die sie vermitteln, mit unseren Hand in Hand gehen. Das ist keine leichte Aufgabe. Es gibt viele lokale Einflüsse, die die Botschaft verfälschen. Aber das bleibt der Pfeiler, auf dem wir unsere Kommunikationskampagne aufbauen.

Moldawien war das erste Land Europas, das über COVAX Impfstoff erhalten hat. Andererseits hat es auch sehr viele Spenden auf bilateraler Ebene erhalten. Woran liegt das ihrer Meinung nach?

Cotelea-Nicolaescu: Wir haben gute bilaterale Beziehungen in der Region. Wir haben den Geist der Solidarität in der Region. Und die meisten Spenden kamen aus bilateralen Partnerschaften – aus Rumänien, aber nicht ausschließlich. Wir sind uns kulturell und national nahe. Rumänien hat der Republik Moldau große Unterstützung angeboten und wird dies auch weiterhin tun. Zudem hat COVAX einige Bedingungen für die Lieferung von Impfstoffen festgelegt und wir erwarten, dass wir die nächste Tranche erhalten werden.

Aber über COVAX ist Impfstoff nicht immer zu dem Zeitpunkt verfügbar, zu dem das Land ihn auch braucht. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Zeitpunkt, an dem das Land den Bedarf bestätigt und der Lieferung.

Moldawien hat große lokale Unterschiede in der Impfabdeckung wie auch in der Impfstoffpräferenz. Ist das eine Frage des Vertrauens in die Behörden. Gibt es da einen Zusammenhang?

Cotelea-Nicolaescu: Wenn wir die Abdeckung nach Regionen betrachten, gibt es Unterschiede. Am höchsten ist die Abdeckung in Chisinau mit über 30 Prozent, aber es gibt auch Regionen im Süden, wo die Impfquote bei etwa 10 Prozent liegt. Wissen Sie, wir hatten einige politische Führer, die gleich zu Beginn der Kampagne Erklärungen abgegeben haben und den Impfprozess damit in nicht eben positiver Weise beeinflusst haben. Das ist eines der Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Das andere Problem ist, dass in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedliche Medien konsumiert werden. Ein Aspekt ist die unterschiedliche Sprache. In Gagausien werden fast nur russische Medien konsumiert. Aber das ist nicht ausschließlich ein gagausisches Problem. Auch die moldawischen Lokalmedien sind eine Herausforderung. Das gilt auch für die sozialen Medien.

Die Rede war von einem Impfstoff-Krieg. Von ausländischen Mächten, die in Moldawien mit Impfstoff ihre Interessen verfolgen.

Cotelea-Nicolaescu: Diese Regierung hat keine politischen Einflüsse präferiert – und wir haben Spenden aus einer Reihe von Ländern aus West und Ost. Wir hatten Spenden aus europäischen Ländern und aus Russland. Wir haben versucht, so weit wie möglich zu vermeiden, dass diese Frage zu einer politischen Frage wird. Doch gleich zu Beginn, als die Impfkampagne begonnen hat, haben politische Führer leider versucht, die Impfstoff-Frage zu einem politischen Thema zu machen. Sie haben versucht, eine politische Dividende zu erzielen, indem sie thematisiert haben, woher der Impfstoff kommt. Die derzeitige Regierung ist in dieser Frage neutral und baut auf Solidarität und Beziehungen.

Also war das ein Thema?

Cotelea-Nicolaescu: Das politische Umfeld in Moldawien ist nicht sehr stabil. Seit die Pandemie begonnen hat, hatten wir mehrere Regierungswechsel. Ich kann und will aber nichts über frühere Regierungen sagen.

Ist diese politisch turbulente Situation alleinig eine Bedrohung oder vielleicht auch eine Chance?

Cotelea-Nicolaescu: Wie immer gibt es Gefahren und Chancen. Es ist nicht schwarz oder weiß. Es gibt eine Reihe von Problemen, die eine Bedrohung darstellen, die politische Instabilität in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Auf und Ab sowie der soziale Kontext. Man muss sicherstellen, dass man Unterstützung bietet. Man braucht eine starke Regierung, und das ist eine große Herausforderung. Auf der anderen Seite versuchen wir, in dieser Krise auch Chancen zu erkennen. Was wir sehen, ist die Stärkung der Sektoren-übergreifenden Zusammenarbeit, der internen Kommunikation und der Kommunikation mit unseren externen Partnern.

Welche Schlussfolgerungen muss ein Land wie Moldawien aus einer Krise wie dieser ziehen?

Cotelea-Nicolaescu: Man braucht eine gute, offene und vernünftige Kommunikation mit der Öffentlichkeit, und die Botschaften der Regierung müssen konsequent sein. Die Bevölkerung will vorhersehbar wissen, was passieren wird. Gleichzeitig brauchen wir klare Entscheidungen, und manchmal müssen wir Entscheidungen treffen, die nicht populär sind. Gleichzeitig muss man sicherstellen, dass es Unterstützung gibt. Wir sind aber nicht in der Lage, alle Sektoren zu unterstützen und können nur auf Verständnis hoffen.

Anhand der bisherigen Erfahrungen: Würden Sie sagen, dass COVAX ein wirksamer Mechanismus ist?

Cotelea-Nicolaescu: Bisher haben wir nur Erfahrungen mit dem GAVI-Mechanismus gemacht. COVAX bietet vielleicht eine gewisse Stabilität und Vorhersehbarkeit, aber Moldawien hat vor allem von den bilateralen Beziehungen profitiert. Das liegt aber auch an den ständigen Bemühungen der Behörden. COVAX ist ein stabilerer Mechanismus, aber durch internationale Beziehungen können wir diversifizieren und sicherstellen, dass es keine Unterbrechungen gibt. COVAX ist eine Grundvoraussetzung für eine konstante Versorgung.

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