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Kritisches Vertrauen

Menschen vertrauen grundsätzlich auf Wissenschaft und Medikamente, hinterfragen jedoch zunehmend deren alltägliche Anwendung. Im Interview erläutert Marco Pucci von Sandoz die Bedeutung von Gesundheitskompetenz, den Einfluss digitaler Informationsquellen, die Gefahr von Desinformation und die Sicherstellung der Versorgung.

Austrian Health Report. Wie gesund ist Österreich und wie steht es um die Medikamentenversorgung?


Ärzte Woche: Ihre Studie zeigt ein relativ hohes Vertrauen in Wissenschaft und Medikamente, gleichzeitig findet fast die Hälfte der Befragten, dass Medikamente zu schnell verschrieben werden. Ist das aus Ihrer Sicht ein Zeichen von Skepsis – oder eher von einem kritisch-reflektierten Vertrauen?

Marco Pucci: Die Zahlen des Austrian Health Reports¹ zeigen uns, dass die österreichische Bevölkerung darauf vertraut, dass, wenn man ein Medikament einnimmt, dieses auch wirkt. Gleichzeitig vertraut man auf den umfassenden Forschungs- und Entwicklungsprozess, der hier vorangeht.

Doch: Teilweise wird die Verschreibung an sich seitens Patientinnen und Patienten infrage gestellt. Denn der Austrian Health Report zeigt uns auch, dass etwa ein Drittel ( 35 % ) der Befragten ihren Einnahmeplan entweder ohne ärztlichen Rat angepasst oder zumindest einmal Medikamente bewusst nicht eingenommen hat ( 31 % ). Der Hauptgrund für diese Abweichungen sind Bedenken bezüglich Nebenwirkungen ( 32 % ) bzw. die Selbsteinschätzung, dass man die jeweiligen Medikamente eigentlich gar nicht braucht und ohne auskommt.

Ärzte Woche: Auffällig ist, dass das Vertrauen stark mit der Bildung und dem Alter zusammenhängt. Was bedeutet das für Wissenschaft, Politik und Pharmaindustrie: Wie kann man gerade jüngere oder weniger formal gebildete Gruppen besser erreichen?

Pucci: Diese Diskrepanzen bei jüngeren Bevölkerungsschichten und Personen ohne Matura sind natürlich vorhanden. Dennoch ist auch hier das allgemeine Niveau recht hoch. Am Ende des Tages ist Vertrauen in Wissenschaft und Medizin natürlich auch eine Frage der Gesundheitskompetenz. Das gilt im Übrigen auch für die Medikamenteneinnahme. Auch wenn sich die Situation in den vergangenen Jahren etwas verbessert hat, besteht in Österreich noch ein klarer Aufholbedarf. Hier sind von der Bildung über die Wissenschaft und Politik alle gefragt.

Die letzte Erhebung zur Gesundheitskompetenz aus dem Jahr 2020 zeigt, dass die Bevölkerung Informationen zu medizinischen und gesundheitlichen Themen vorrangig aus dem digitalen Raum bezieht. Gerade in Zeiten der künstlichen Intelligenz ist es daher umso wichtiger, dass verlässliche und verständliche Gesundheitsinformationen dort verfügbar sind, wo die Menschen sie auch abrufen.

Ärzte Woche: Ein Drittel der Befragten sagt, dass es generell nicht viel von Wissenschaft versteht. Ist mangelndes Verständnis aus Ihrer Sicht ein Risiko für das Vertrauen – und welche Rolle können Unternehmen wie Sandoz bei der Wissenschaftskommunikation spielen?

Pucci: Es birgt natürlich ein gewisses Risiko. Ich halte es daher für unverzichtbar, dass Menschen die Möglichkeit haben, informierte Entscheidungen über ihre Gesundheit zu treffen. Gerade weil in öffentlichen Debatten gewisse Sachverhalte verkürzt dargestellt werden können. Am Ende des Tages geht es um hochkomplexe Themen. Wir legen großen Wert darauf, Gesundheitsinformationen zugänglich zu machen und die Bevölkerung über die Sicherheit von Generika und Biosimilars aufzuklären.

Ärzte Woche: Nach den Erfahrungen der Pandemie und angesichts von Desinformation im Netz: Haben sich Vertrauen und Skepsis gegenüber Wissenschaft in Österreich aus Ihrer Sicht nachhaltig verändert?

Pucci: Die Debatten waren hier zumindest kurzfristig etwas polarisierter. Desinformationskampagnen sind auch jenseits des Gesundheitsbereichs nach wie vor reale Bedrohungen für die Gesellschaft. Aber der Austrian Health Report zeigt uns genau, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor in Wissenschaft und Forschung vertraut.

Viel mehr hat uns die Pandemie allerdings sehr stark vor Augen geführt, dass wir in Österreich und Europa bei der Medikamentenproduktion klaren Handlungsbedarf haben. Zwei Drittel der Bevölkerung haben nach wie vor große Sorge vor Engpässen bei Medikamenten. Wir brauchen hier faire Rahmenbedingungen und einen europäischen Schulterschluss, um die Versorgungssicherheit der Patientinnen und Patienten nachhaltig abzusichern.

Info

¹ Der „Austrian Health Report“ ist eine repräsentative Studie unter 1.004 Österreichern durchgeführt im Sommer 2025 vom Institut für empirische Sozialforschung IFES im Auftrag von Sandoz.

Marco Pucci, Country President Austria Sandoz


Titel
Kritisches Vertrauen
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
17.03.2026

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