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29.10.2022 | Gesundheitspolitik

 Kommen auch Sie zur Koloskopie!

verfasst von: Martin Krenek-Burger

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Die Honorierung der Darmspiegelung ist in Wien und NÖ unterschiedlich geregelt. Ärzte in NÖ klagen, dass ihr Aufwand bei Weitem nicht abgedeckt ist. Die Folge sind weniger Koloskopien in NÖ und Patientenströme in die Bundeshauptstadt.

2021 haben sich laut ÖGK-Gesundheitsbarometer 38.693 Österreicher einer Darmspiegelung unterzogen, wie sie für Personen ab 50 Jahren empfohlen wird. 3.000 Menschen sterben jedes Jahr an Darmkrebs, meist Tumoren des Dickdarms. Fast alle Todesfälle ließen sich durch frühzeitige Vorsorgeuntersuchungen vermeiden. Soweit die Theorie. In der Praxis steckt der Teufel allerdings im pekuniären Detail. Zwischen den Bundesländern gibt es oft deutliche Unterschiede bei der Honorierung der ärztlichen Leistungen. Der Wiener Chirurg Friedrich A. Weiser etwa behandelt immer mehr Patienten aus dem nahen NÖ. Wenn der Chirurg in seiner Praxis in Liesing eine Magen- oder Darmspiegelung durchführt, wird ihm von der Gesundheitskasse (ÖGK) ein höheres Honorar (97 Euro) erstattet, als wenn er dieselbe Leistung im nahen Niederösterreich erbringen würde (6 Euro). Die Folge: NÖ-Ärzte müssten die Kosten für eine Sedierung den Patienten verrechnen, die Patienten weichen nach Wien aus, im niedergelassenen Bereich in NÖ würden Magen- und Darm-Spiegelungen immer seltener angeboten, sagt Dr. Gerald Oppeck von der IG Endoskopie aus Eggenburg. Dabei sei NÖ das Bundesland mit der höchsten Inzidenz an Dickdarmkarzinomen.

Von der Ärzte Woche um eine Stellungnahme gebeten, bestätigte die ÖGK zwar, dass die Sedierung in beiden Bundesländern von der ÖGK übernommen werde, diese jedoch im Honorarkatalog anders geregelt sei. Die Vereinbarungen wurden noch zwischen den Landesärztekammern und den früheren Gebietskrankenkassen vereinbart. „In Wien gibt es neben dem Tarif für die Endoskopie einen eigenen Tarif für die Sedierung im Honorarkatalog der niedergelassenen Ärzte (Chirurgie und Innere Medizin).“

Landesgrenze entscheidet über kostenfreie Sedierung

„Diesseits der Landesgrenze müssen vorsorgebewusste Versicherte der NÖ Gesundheitskasse nach wie vor selbst für die Sedierung während der Darmuntersuchung zahlen. Das bedeutet im Klartext: Wer gerade mal eben einen oder zwei Straßenzüge von der Wiener Stadtgrenze entfernt wohnt, muss für den angenehmen Dämmerschlaf während der Koloskopie zwischen 80 und 140 Euro berappen. Denn Niederösterreichs Vorsorge-Medizinern werden von der Kasse pro Patient nur 6 Euro rückerstattet. Das reicht vielleicht gerade mal für eine Beruhigungstablette, aber nicht für den Einsatz diplomierter Schwestern und Pfleger für die Nachbetreuung des Patienten sowie für den Technik- und Hygieneaufwand.

Das Paradoxe daran: Lässt man die Darmspiegelung von einem Wiener Arzt durchführen, erhält dieser auch für seine niederösterreichischen Patienten die Kosten der Sedierung rückerstattet. Die Gesundheitskasse Wien holt es sich dann ihrerseits von der niederösterreichischen Landeskasse zurück. Warum erstattet die niederösterreichische Gesundheitskasse die Kosten der Sedierung nicht direkt dem behandelnden Arzt?

Warum dieser komplizierte Umweg? Auf der Strecke bleiben damit nicht nur wir als Vorsorgemediziner, sondern auch Patienten, die weiter entfernt von Wien wohnen und für die der finanzielle Mehraufwand schwer zu stemmen ist.

Die Folge des paradoxen Finanzierungsweges ist, dass vorsorgliche Magen- und Darmspiegelungen in niederösterreichischen Arztpraxen immer seltener angeboten werden.

All das geschieht zum Nachteil der Patienten – gerade in jenem Bundesland, das vergleichsweise die wenigsten Vorsorgeuntersuchungen, dafür aber die höchste Inzidenz an Darmkrebsfällen aufweist.

Österreich zählt europaweit zu den Darmvorsorge-Muffeln. Im Bundesdurchschnitt nehmen gerade einmal 17 Prozent aller über 50-Jährigen das Angebot, das neun von zehn Darmkrebsfällen verhindert, in Anspruch. Die Sedierung als Patient in Zeiten wie diesen selbst vorauszahlen zu müssen, ist also ein geradezu Stolperstein auf dem Weg zur Krebsvorsorge.“

MR Dr. Gerald Oppeck, 1. Präsident der IG Endoskopie, Internist in Eggenburg, NÖ

Wir mussten die Praxis um 300.000 Euro umbauen

„Die Vorsorge-Koloskopie ist immer noch die sicherste Möglichkeit, Darmpolypen rechtzeitig zu erkennen und gleich zu entfernen. Die 20-minütige Untersuchung zählt nicht zu den angenehmsten, kann aber dank Sedierung längst schmerzfrei ablaufen. Der Vorteil: Der Patient und somit auch sein Darm sind dadurch entspannter, wodurch wir den Darm heute viel gründlicher als früher absuchen können.

Der Komfort, die Untersuchung völlig schmerzfrei zu ,verschlafen’, ist kostenfrei. Dies ist allerdings den Bewohnern der Bundeshauptstadt vorbehalten: Seit Jänner 2021 übernehmen dafür alle Kassen die Kosten.

Wer vor den Toren Wiens lebt, weicht eben dorthin aus. Extrembeispiel ist die Ketzergasse in meinem Bezirk, dem 23., von der ein Teil zu Wien, der andere zu Niederösterreich gehört. Unser Zentrum in Wien-Liesing wird in letzter Zeit geradezu von niederösterreichischen Patienten überrannt. Wir können das generell nur schaffen, da wir seit jeher auch am Wochenende geöffnet haben und daher zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung stellen können.

Meine Gruppen-Praxis in Alt-Erlaa zählt zu den größten Darmvorsorgezentren des Landes ( Anm.: 9.000 Endoskopien pro Jahr ). Eben erst mussten wir aufgrund des Patienten-Zustroms aus Niederösterreich in sehr teure, da leistungsfähigere Desinfektionswaschanlagen für Endoskope investieren und dafür die Praxis um insgesamt 300.000 Euro umbauen lassen.

Mein aufrichtiger Dank geht an die WGKK, die anerkannt hat, dass die Leistung der Sedierung – mit voller ärztlicher Haftung – nicht so wie in Niederösterreich mit lediglich 6 Euro abgespeist werden kann. So geht Partnerschaft auf Augenhöhe!“

Dr. Friedrich A. Weiser, Obmann der Fachgruppe Chirurgie der Ärztekammer für Wien, 2. Präsident der IG Endoskopie

Zahl der Neuerkrankungen bei den Jungen nimmt zu

„Darmkrebs galt lange als typische Alterskrankheit. Erst ab dem 50. Lebensjahr steigen die Erkrankungsraten spürbar an. Doch etwa seit der Jahrtausendwende beobachten Wissenschaftler in vielen Ländern einen beunruhigenden Trend: Die Zahl der Darmkrebsneuerkrankungen bei jüngeren Erwachsenen nimmt kontinuierlich zu.

Besonders ausgeprägt fällt der Anstieg bei den 20- bis 29-Jährigen aus mit einer jährlichen Steigerungsrate von fast acht Prozent. Wir sorgen uns vor allem, dass ein bereits in jüngeren Jahren erhöhtes Darmkrebsrisiko das Erkrankungsrisiko in den späteren Lebensjahren noch weiter in die Höhe treibt.

Verschiedene Lebensstilfaktoren werden zwar als Ursache diskutiert, doch tatsächlich liegen die Gründe für diesen Anstieg weitestgehend im Dunkeln.

Wir müssen dringend herausfinden, welche Faktoren die Erkrankung in den jüngeren Generationen begünstigen – und wie man diese Erkrankungen weitestmöglich verhüten kann.

Trotz der steigenden Inzidenzen ist Darmkrebs bei jungen Erwachsenen eine seltene Erkrankung. Nur etwa fünf Prozent aller Fälle treten vor dem 50. Lebensjahr auf.

Daher sind selbst Studien mit circa 8.000 Darmkrebspatienten und 8.000 Kontrollen wie etwa unsere DACHS-Studie ( tinyurl.com/2y23erfp ) nicht ausreichend, um gezielt Risikofaktoren oder die molekulare Heterogenität von Darmkrebs bei jungen Erwachsenen zu erforschen.

Mit dem Ziel, diese Fragen zu klären, tritt der neue interdisziplinäre Forschungsverbund PEARL an ( pearlstudie.de ). PEARL wird mit noch größeren Kohorten kooperieren, beispielsweise der NaKo ( nako.de ) oder auch dem Schwedischen Familienkebsregister, und eine neue, weltweit einzigartige Studie ganz speziell zu Darmkrebs bei jungen Erwachsenen durchführen.

Am Ende ist unser aller Ziel, Möglichkeiten der personalisierten Prävention zu identifizieren und damit zu verhindern, dass Menschen im jungen Alter mit der furchtbaren Diagnose Darmkrebs konfrontiert werden.“

Dr. Hermann Brenner, Epidemiologe am DKFZ, dem Deutschen Krebsforschungszentrum




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Publikationsdatum
29.10.2022

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