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Ärzte Woche

16.08.2021 | Gesundheitspolitik | Ausgabe 28-33/2021

Gesundheitswesen

Stresstest Corona: „Gewaltiger Härtefall“

Autor:
Martin Krenek-Burger

Die Pandemie hat den Blick auf das Wiener Gesundheitswesen verändert. Drei Viertel der Ärzte halten Wien nun für besser aufgestellt als den Rest Europas. Vor der Krise tat das nur die Hälfte. Nichts geändert hat sich aber an bestehenden Ineffizienzen, urteilen Ex-IHS-Chef Bernhard Felderer und Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres.

Der Titel der Veranstaltung „Zweiter Wiener Gesundheitsinfrastrukturreport 2020“ verhieß eine Menge trockenen Datenmaterials von überschaubarer Aussagekraft, doch es kam anders. Und das ist eigentlich gar keine so große Überraschung. Immerhin sind seit dem Vorjahr drei Pandemiewellen über das heimische Gesundheitswesen gerollt und das hat messbare Spuren sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten hinterlassen. So wird das medizinische Angebot der Stadt im internationalen Vergleich heute wesentlich besser eingeschätzt als vor der Krise.

Die Erhebung – qualitative Interviews mit Experten und Managern, gepaart mit einer repräsentativen Umfrage – ergab, dass 67 Prozent der Patienten – bei der ersten Umfrage 2018 waren es 57 Prozent – die Wiener Gesundheitsinfrastruktur im europäischen Vergleich als besser bewerten; bei den Ärzten sind es sogar 74 Prozent im Vergleich zu 52 Prozent vor der Pandemie.

„Gewaltiger Härtetest“


„Das zeigt uns, dass der Härtetest bestanden wurde“, sagt Prof. Dr. Bernhard Felderer, ehemaliger Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) und ehemaliger Präsident des österreichischen Fiskalrates, „denn wer könnte das besser beurteilen als die Ärzte selbst, die an der Quelle sitzen.“ Ärztekammer-Präsident Prof. Dr. Thomas Szekeres verweist auf den Beginn der Pandemie: „Das war ein gewaltiger Härtetest. Man hat aber auch gesehen, wie andere Gesundheitssysteme aufgestellt sind, zum Beispiel Italien.“

Für das gestiegene Vertrauen sei aber nicht nur die gute Spitalsinfrastruktur hierzulande entscheidend gewesen, „sondern auch die Maßnahmen der Regierung. Die Tatsache, dass wir zu Beginn der Pandemie sehr schnell reagiert haben, hat dazu geführt, dass die Maximalbelastung des Gesundheitswesens nicht erfolgt ist“, sagt Szekeres.

Bescheidener fällt die Beurteilung der Befragten aus, wenn man Ärzte und Patienten nach den erzielten Fortschritten befragt.

Die Wiener Gesundheitsinfrastruktur, intra- und extramural, hat sich für 26 Prozent der Patienten sehr gut bewährt, bei den Ärzten waren es 28 Prozent. Die Mehrzahl beider Gruppen stimmt für „eher gut“. Felderer: „Da heißt: Es gibt hier viele Vorbehalte.“

Die Übereinstimmung zwischen Ärzten und Patienten zieht sich wie ein roter Faden durch die Umfragedaten. Diese Übereinstimmung ist wohl auf das große Vertrauen zurückzuführen, das die Ärzte genießen, worauf Ärztekammer-Präsident Szekeres einmal mehr hinwies (siehe dazu auch den Kommentar von Hans-Peter Hutter zur Vorbildwirkung von Experten auf S. 2, Anm.) .

Was muss besser werden? Auf der Patientenseite ist laut Studienautor David Ungar-Klein die Pflege das Topthema. Auf der Agenda der Ärzte steht hingegen die Notinfrastruktur für Pandemiezeiten ganz oben ( siehe Abbildung ). Szekeres’ Befund: Die Spitalsambulanzen sollen intramural durch Triagemodelle – etwa durch vorgelagerte Akutordinationen oder Erstversorgungsambulanzen – entlastet werden. Da diese in Wien als Erstversorgungsambulanzen bereits beschlossen wurden, müssten sie nun rasch in allen Spitälern des Gesundheitsverbunds „ausgerollt werden. Auch telemedizinische Leistungen, wie etwa die telefonische Krankschreibung, müssen dauerhaft etabliert werden und dürfen nicht mehr von der Österreichischen Gesundheitskasse zeitlich limitiert werden“, sagt der Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer.

Rush Hour am Wochenende


Ein wichtiges Thema in Wien ist und bleibt die partielle Ineffizienz. Sowohl bei der ersten Umfrage 2018 als auch bei der Neuauflage 2020 wurden jeweils von einem Drittel der Ärzteschaft sowie der Patienten mangelnde Abstimmung bemängelt. „Ineffizienzen im Wiener Gesundheitswesen schaden dem Gesundheitsstandort Wien und binden Mittel, die besser in die Versorgung der Patienten investiert werden sollten“, sagt Ungar-Klein. Ineffizienz hat laut den befragten Ärzten massive Folgen: 56 Prozent nennen überfüllte Spitalsambulanzen mit Patienten, die eigentlich im niedergelassenen Bereich zu behandeln sind, 54 Prozent geben zu wenig Zeit für die Patienten an und 44 Prozent warnen vor einem Ärztemangel. Die Abwanderung von Ärzten (39 Prozent) und zu wenig Mittel für die Ausbildung (37 Prozent) werden als weitere negative Folgen von Ineffizienz gesehen.

Am ehesten sichtbar werden die Folgen an den Wochenenden in vollen Spitalsambulanzen, sagt Felderer. „Die Spitalsambulanzen gehören dringend reformiert. Jeder, der am Wochenende dort hin muss, weiß, wovon ich rede: totale Überfüllung, Überforderung der Ärzte, hier muss möglichst bald etwas gemacht werden.“ Was sich da abspiele, sei schon ein „kleiner Skandal“. Der Ökonom attestiert in seiner volkswirtschaftlichen Analyse, in der er Demografie, Organisation und Effizienz des Wiener Gesundheitssektors untersuchte, dass Wien „zwar im Prinzip ein gutes Gesundheitssystem hat, dennoch Mängel bestehen“.

Infrastruktur-Ranking


Szekeres wird nicht müde, die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Gesundheitsbereichs herauszustreichen: „Neben mehr Investitionen in die Gesundheitsinfrastruktur benötigt Wien mehr niedergelassene Kassenärztinnen und -ärzte sowie eine Aufstockung des Personalstands in den Wiener Spitälern.“

Die für den Report befragten Entscheidungsträger bestätigen Szekeres indirekt. Die Manager reihen nämlich den Gesundheitssektor relativ weit vorn ein, wenn es um standortrelevante Infrastuktur geht, gleich hinter IT, Energie, Telekommunikation und Straßen. Felderer: „Die Wirtschaft sieht in einem Gesundheitsbereich, der sich in der Pandemie bewährt hat, ein wesentliches Asset für den Standort Österreich.“

3G-Regel nicht ernst genommen


Nach der dritten ist vor der vierten Welle. Die steigende Corona-Inzidenz in Osttirol bereitet Szekeres Sorgen. „Was wir immer wieder sehen, ist, dass die 3 G-Regel zwar auf dem Papier steht, aber oft nicht überprüft wird“, moniert der Ärztekammer-Präsident, „glücklicherweise sieht man den Anstieg der Fallzahlen noch nicht, und hoffentlich auch in Zukunft nicht, auf den Intensivstationen. Der Hintergrund dafür: Es stecken sich derzeit primär ungeimpfte Personen an, und das sind die Jüngeren.“ In Israel erkranken hingegen derzeit vor allem ältere Menschen, bei denen die Impfung in ihrer Wirkung nachgelassen hat. „Daraus können wir unsere Lehren ziehen“, meint Szekeres, weil auch hierzulande die Wirkung der Schutzimpfung zuerst bei den Alten und Immungeschwächten nachlassen wird. Wann? „Wir haben noch einige wenige Wochen Zeit, Mitte Oktober sollten wir beginnen, die dritte Impfung zu verabreichen.“

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