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Ärzte Woche

13.01.2020 | Gesundheitspolitik | Ausgabe 1-3/2020

Work-Life-Balance

Früher Schluss machen

Autor:
Nicole Thurn

Kassenärzte werden teils händeringend gesucht, während so mancher Spitalsarzt überfordert ist. Jobsharing und neue Arbeitsmodelle sollen den Arztberuf wieder attraktiv machen. In der steirischen Kleinstadt Hartberg stimmen die fünf Allgemeinmediziner ihre Ordinationszeiten exakt aufeinander ab, sodass die lückenlose Versorgung aufrecht bleibt.

Immer, wenn Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied die Tür in den Warteraum ihrer Ordination öffnete, bekam sie Herzrasen. Rund 50 Augenpaare starrten sie erwartungsvoll, manche vorwurfsvoll, an. Vor zehn Jahren hatte die Allgemeinmedizinerin eine Ordination in Wien-Floridsdorf übernommen. Nach und nach gingen andere Kassenärzte der Umgebung in Pension oder wechselten in den Wahlarztmodus. Ihr Wartezimmer füllte sich täglich mehr – für die zweifache Mutter eine belastende Situation.

„Ich kam nie vor acht Uhr abends nach Hause“, sagt sie. Während der Arbeit trank sie wenig, um sich den Gang zur Toilette zu ersparen. Hinzu kam das schlechte Gewissen: „Ich wollte gute Medizin machen und nicht nur Rezepte ausstellen. Doch die Patienten warteten in Grippezeiten bis zu drei Stunden“, sagt sie.

Irgendwann meldete ihr Körper Alarmstufe rot. Seit Anfang Jänner arbeitet Kamaleyan-Schmied mit einem Kollegen im Jobsharing. Zwei Tage in der Woche ordinieren beide parallel in ihrer Praxis und teilen sich die Arbeit mit den Patienten.

Geteilte Arbeit – halbes Leid

Das Jobsharing-Modell soll überlasteten Ärzten Luft verschaffen und eine bessere Versorgung für Patienten bieten. Und es soll Jungärzte zur Niederlassung motivieren. Laut der Ärztekammer Österreich steigt die Nachfrage unter den niedergelassenen Ärzten nach Jobsharing und Teilzeitmodellen – auch wegen des steigenden Frauenanteils. 2015 arbeitete bereits jeder dritte niedergelassene Arzt in Teilzeit. Ab Frühjahr 2020 wird auch die Anstellung Arzt bei Arzt in den Bundesländern möglich sein. Verrechnet wird mit der Kasse über den Ordinationsarzt, somit ist die Reduktion der Arbeitsstunden für beide möglich.

Mehr Work-Life-Balance soll den Arztberuf wieder attraktiv machen, denn: Kassenärzte werden dringend gesucht. Viele junge Ärzte scheuen eine Niederlassung wegen der abschreckenden Arbeitszeiten. 153 Kassenstellen waren mit Juni 2019 österreichweit unbesetzt. Während die Kassenstellen österreichweit seit zehn Jahren bei rund 7.000 stagnieren, ist die Zahl der Wahl- und Privatärzte von 7.182 im Jahr 2008 auf 10.099 Ende 2018 gestiegen.

In zehn Jahren wird jeder dritte Arzt im pensionsfähigen Alter sein – bei den niedergelassenen Ärzten fast jeder zweite gehen. Jährlich müssten sich in den nächsten Jahren mindestens 1.450 Jungärzte niederlassen, es gibt aber mit 840 Absolventen pro Jahr zuwenig Nachwuchs, wie die Ärztekammer Wien im vergangenen Oktober mit Blick auf eine Studie des IGES-Instituts warnte.

Dass sich bei den Arbeitsbedingungen einiges ändert, begrüßt die junge Allgemeinmedizinerin Reingard Glehr, die im Herbst 2018 im oststeirischen Hartberg die Kassenordination ihres Vaters übernommen hat. „Vor allem die junge Generation möchte nicht 24 Stunden am Tag verfügbar sein müssen, sondern ein Leben mit Familie, Freunden und Freizeit haben“, sagt Glehr, Vorstandsmitglied der Jungen Allgemeinmediziner Österreichs (JAMÖ). Ihre 60-Stunden-Woche hat nur zum Teil mit der Ordination zu tun, 14 Stunden davon lehrt sie an der Medizinischen Universität Graz. Entlastung bietet ihr das Hartberger Hausärztenetzwerk: Die fünf Allgemeinmediziner der Stadt haben ihre Ordinations- und Urlaubszeiten samt gemeinsamer elektronischer Patientenakte aufeinander abgestimmt. Montags bis samstags können Patienten lückenlos betreut werden. Glehr erkennt in solchen Zusammenarbeitsformen, Jobsharing sowie der Anstellung „Arzt bei Arzt“ große Verbesserungen für die niedergelassenen Ärzte. Sie kann sich gut vorstellen, in ein paar Jahren einen Arzt einzustellen: „Wenn es um die Familienplanung geht, ist das eine sehr gute Option.“

Spital: Opt-out oder nicht

Komplex ist die Lage in den Spitälern. Seit der Novelle des Ärzte-Arbeitszeitgesetzes 2015 gilt die 48-Stundenwoche samt Überstunden. Ausgenommen sind Ärzte, die ein freiwilliges Opt-out beantragt haben. 2015 wurden dafür maximal 60 Wochenstunden festgesetzt, seit 2018 sind es 55. Ab Mitte 2021 soll das Opt-out abgeschafft werden. An Universitätskliniken darf derzeit per Opt-out 60 Stunden pro Woche gearbeitet werden. Dr. Stefan Konrad ist Oberarzt an der Radioonkologie des AKH Wien und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender für das medizinische Personal an der Universitätsklinik. Anfangs unterzeichnete er die Opt-out-Regelung nicht, inzwischen hat er sie unterschrieben: „Ich habe das Glück, trotz Opt-out im Schnitt nicht mehr als 50 Stunden pro Woche arbeiten zu müssen.“

Die Arbeitsbedingungen hätten sich seit 2015 teilweise verbessert: Das Grundgehalt wurde im AKH seit 2015 um 32 Prozent erhöht. Auch die Pflege übernehme im AKH inzwischen mehr Tätigkeiten, wie es internationalen Standards entspreche. Gehe es um Vereinbarkeit von Beruf und Familie, würden viele Mitarbeiter ihren gesetzlichen Teilzeitanspruch geltend machen. Das Thema Work-Life-Balance werde am AKH Wien nicht so prominent diskutiert wie andernorts: „Wir ziehen eher Idealisten an, die viel arbeiten wollen – gerade bei den Jungen.“ Die Arbeitsbelastung sei je nach Abteilungen unterschiedlich, wegen Personalknappheit und steigender Patientenzahlen jedoch häufig hoch. „Die Ärzte arbeiten teilweise am absoluten Limit. An manchen Abteilungen ist es nicht einmal möglich, im Achtstundendienst eine kurze Essenspause zu machen“, sagt Dr. Stefan Konrad.

Ein gängiges Problem seien undokumentierte Überstunden in der Freizeit – meist für wissenschaftliche Forschung. Besonders junge Kollegen müssten für ihre weitere Karriere am AKH auch einen wissenschaftlichen Output erreichen, sagt Konrad. Die Vielarbeit habe zudem Schattenseiten, die nach wie vor tabuisiert würden: Alkohol- und Medikamentenmissbrauch über Depression bis hin zu Suizid kämen immer wieder unter Spitalsärzten vor. „Wir Ärzte verdienen über die Mehrstunden zwar relativ gut, bezahlen aber einen hohen Preis dafür“, sagt Konrad.

Das Herz-Jesu Krankenhaus in Wien-Landstraße scheint die Antithese zum AKH zu sein. Hier arbeiten sehr viele Ärzte in Teilzeit – auch Oberärzte. „Wir bieten alles, von 10 bis 35 Stunden, denn die Gründe für Teilzeitarbeit sind vielfältig“, sagt die Personalmanagerin des Hauses Mag. Barbara Krammer-Grandits.

Das Herz-Jesu-Krankenhaus unterstütze die Ärzte etwa bei der Gründung einer Ordination, „wir profitieren von diesen Kooperationen, wenn dadurch verstärkt Patienten zu uns kommen“.

Zum zweiten Mal wurde das orthopädische Ordensspital im vergangenen Herbst von der Organisation „Taten statt Worte“ als familienfreundlichster Betrieb Wiens im Bereich Non-Governmental Organisations ausgezeichnet. Grund dafür: Neben Karenzmodellen und Altersteilzeit gibt es in Wien 3 einen Kindergarten, einen Babybrunch für Karenzierte, Sportangebote am Arbeitsplatz und kostenloses Coaching bei Bedarf.

Das nutzt auch Oberärztin Dr. Katrin Sekyra, MSc. Die Fachärztin für Orthopädie und Traumatologie arbeitet derzeit vier Tage die Woche im Herz-Jesu Krankenhaus, den fünften Arbeitstag absolviert sie in ihrer Ordination. Davor hat sie an der Universitätsklinik Innsbruck im Schnitt 60 Stunden die Woche gearbeitet. Als sie nach Wien ins Herz-Jesu Krankenhaus wechselte, erhielt sie spontan einen Platz im Betriebskindergarten für ihre Tochter. „Das hat sehr gut funktioniert“, sagt sie, „meine Work-Life-Balance hat sich sehr zum Positiven verändert.“

Auch Sekyra sieht hier einen Veränderungsdruck durch die junge Generation: „Die junge Ärztegeneration ist deutlich mehr auf Work-Life-Balance bedacht als meine Generation es war“, sagt sie. Bleibt zu hoffen, dass der Arztberuf mit Jobsharing und Co. attraktiver für Junge wird.

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