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27.05.2022 | Gesundheitspolitik | Standpunkte | Online-Artikel

Junk Food im Kau TV

verfasst von: Michael Krassnitzer

Auf YouTube, Instagram & Co. sind Jugendliche mit – meist nicht gekennzeichneter – Werbung für ungesunde Lebensmittel konfrontiert. Angesichts der Adipositas-Verbreitung ist strenges Durchgreifen gefragt.

Sechs der beliebtesten deutschsprachigen Influencer erreichen auf TikTok, YouTube und Instagram insgesamt mehr als 35 Millionen Jugendliche in der Altersgruppe 13 bis 17. Die Teenager, die diese Accounts abonniert haben bzw. diesen Auftritten folgen, werden dort im Durchschnitt pro Stunde mit Werbung für 18 Produkte konfrontiert, meist ohne es zu merken. Eine Studie des Zentrums für Public Health der MedUni Wien ist zu dem Ergebnis gekommen, dass drei Viertel der beworbenen Produkte so ungesund sind, dass sie gegen die Werbestandards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Kinder verstoßen. 75 Prozent der Lebensmittel und Getränke, die in Posts und Videos der Influencer auftauchen, weisen einen so hohen Salz-, Fett- oder Zuckergehalt auf, dass sie gemäß WHO-Richtlinien nicht an Kinder vermarktet werden dürften. Außerdem waren die meisten Posts und Videos nicht eindeutig als Werbung gekennzeichnet. „Das unterstreicht die Notwendigkeit von Richtlinien und einer wirksamen Regulierung des Influencer-Marketings für Kinder“, sagt Studienleiterin Dr. Eva Winzer, MSc. Die Bewerbung ungesunder Produkte sei ein wichtiger Faktor für Übergewicht im Kindesalter und beeinflusse Ernährungspräferenzen sowie Essverhalten nachhaltig, heißt es in der Studie. „Wie können wir von unseren Kindern erwarten, dass sie sich gesund ernähren, wenn die Inhalte in den sozialen Medien auf fett-, salz- und zuckerreiche Lebensmittel ausgerichtet sind?“, fragt Winzer und fordert, dass die Politik hier verstärkt gegen soziale Medien vorgehen müsse: „Regierungen müssen Maßnahmen setzen, die sicherstellen, dass Kinder zu einer gesunden Lebensweise ermutigt werden.“ Weltweit sind 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig oder adipös.

Untätigkeit der Behörden muss ein Ende finden

„Der Impact von Werbung im Internet ist schwer zu erfassen und möglicherweise unterbewertet. Die Nationale Ernährungskommission hat jedenfalls im Mai des Vorjahres konsensual abgestimmte Nährwertprofile veröffentlicht und diese als Maßstab für die Lenkung von Lebensmittelwerbung an Kinder empfohlen.

Man muss in den sozialen Medien unterscheiden zwischen Ernährungstipps und Lebensmittelempfehlungen. Bei Lebensmittelempfehlungen ist oft nicht erkennbar, ob diese von Lebensmittelunternehmen veranlasst wurden, um den Absatz zu fördern. Kommerzielle Mitteilungen werden oft als gut gemeinter Ratschlag von idolisierten Personen wahrgenommen. In Deutschland ist die Judikatur dazu eindeutig: Mitteilungen von Influencern, die kommerziell motiviert sind, müssen auch als Werbung gekennzeichnet werden. Hier besteht in Österreich vielleicht noch Nachholbedarf. Ernährungstipps, also Empfehlungen zur Zusammenstellung der persönlichen Kost, um eine gesundheitsorientierte Ernährungsmodifikation anzuregen und diese anzuleiten, sind ganz klar als Ernährungsberatung zu betrachten, die entsprechend der Gewerbeordnung eine Befähigung und einen Kompetenznachweis benötigt. Obwohl es hier in Österreich dazu bereits ein klares Regulativ gibt, werden Verstöße in der Praxis nicht verfolgt. Diese Untätigkeit der Behörden muss ein Ende finden.

Der Schlüssel zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit ist die Ernährungskompetenz. Die klassischen Ernährungsempfehlungen sind für Jugendliche jedoch nicht sehr sexy. Wenn man Jugendliche direkt ansprechen will, ist der erhobene Zeigefinger kein zielführendes Mittel. Das Thema Ernährung ist emotional stark aufgeladen und lässt sich letztlich nicht über Ge- und Verbote, schon gar nicht gesetzlich, regeln. Man kann das nur über individuelle Ernährungskompetenz lösen. Der Zugang über die physiologische Seite der Ernährung ist zwar wissenschaftlich wahnsinnig spannend, regt aber nur in den seltensten Fällen dazu an, die Ernährungsweise umzustellen. Ich bin der Meinung, dass Kulinarik, also der sinnliche Umgang mit Lebensmitteln, der beste Weg ist, um Ernährungskompetenz zu vermitteln und auch zu bekommen. Kochrezepte, die in den sozialen Medien verbreitet werden, sind ein guter Ansatz. Allerdings gelangt man da wieder zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurück: Wenn in den Kochrezepten bestimmte Lebensmittel aus kommerziellen Motiven bevorzugt werden, sollten diese auch als Werbung gekennzeichnet sein.“

Mag. Andreas Schmölzer, Vorstand des Verbandes der Ernährungswissenschafter Österreichs


Die Situation ist schlechter als vor der Pandemie

„Für Kinder und Jugendliche sind Influencer manchmal so etwas wie beste Freunde, an deren Leben sie teilhaben. Sie identifizieren sich mit den Produkten, die in den Videos der Influencer zu sehen sind, beiläufig konsumiert oder auch direkt beworben werden. Das ist ein großes Problem, denn Jugendliche und vor allem Kinder können oft nicht einschätzen, ob sie es mit Werbung oder Product Placement zu tun haben und in welchem Verhältnis die Influencer zu den Herstellern der Produkte stehen. Wenn es um Ernährung oder Sport geht, kann dies negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Es geht dabei nicht nur um ungesunde Lebensmittel, sondern auch um Proteinprodukte zum Muskelaufbau oder um Abnehm- oder Fitnessvideos, in denen irreführende Informationen und Fake News verbreitet werden. Es gibt auch Mikroinfluencer, die online über ihre eigenen psychischen Erkrankungen berichten und dabei wenig brauchbare Hilfestellung bieten.

Es gibt zwar eine Kennzeichnungspflicht für Werbung und eine Selbstverpflichtung der Werbeindustrie, sich bei Werbung für Lebensmittel nicht direkt an Kinder zu richten, aber das ist, wie man sieht, nicht sehr effektiv. Selbst wenn Werbung gekennzeichnet ist, nehmen die Kinder und Jugendlichen diese zum Beispiel auf TikTok aufgrund der sehr schnellen Abfolge der Videos gar nicht wahr. Es müsste schlichtweg verboten sein, Kinder auf sozialen Netzwerken mit gesundheitsgefährdender Werbung anzusprechen. Die sozialen Medien verdienen viel Geld mit Werbung – aber das darf nicht auf Kosten von Kindern und Jugendlichen gehen.

Auf jeden Fall muss die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen, aber auch der Eltern gesteigert werden. An den Schulen gibt es zwar entsprechende Workshops, die sind aber in den vergangenen zwei Jahren größtenteils ausgefallen, weil aufgrund von COVID-19 externe Personen nicht in den Schulen mit den Jugendlichen arbeiten durften. Die Situation ist jetzt also schlechter als vor der Pandemie. Auch Schulärzte sollten über Grundkenntnisse betreffend soziale Medien verfügen. In jedem Beruf, der mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, sollte man einigermaßen auf dem Laufenden sein, was gerade auf den sozialen Medien passiert – einfach, weil das im Leben der Kinder und Jugendlichen eine so große Rolle spielt.“

DI Barbara Buchegger, M.Ed., Pädagogische Leiterin von saferinternet.at, der nationalen Informations- und Koordinierungsstelle im Safer Internet Programm der EU

Weitere Informationen:

saferinternet.at


Offen, ob Botschaften im Netz das Verhalten beeinflussen

Das Problem des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen ist dramatisch: Bei der Stellungsuntersuchung des Bundesheeres wurden vor zwölf Jahren 23 Prozent aller jungen Männer wegen Übergewicht für untauglich erklärt, mittlerweile sind es 30 Prozent. Da müssten eigentlich alle Alarmglocken schrillen. Es gibt aber keine wissenschaftlichen Belege, dass Botschaften im Internet das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen maßgeblich beeinflussen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist ebenso offen, ob Maßnahmen betreffend Werbung einen positiven Einfluss darauf haben. Wenn man die steigende Prävalenz der Übergewichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen einbremsen möchte, dann sind Werbebeschränkungen allenfalls eine unter vielen möglichen Maßnahmen. Was wir brauchen, sind Maßnahmen, die nachweislich wirken.

Messbare Erfolge haben nur Präventionsmaßnahmen zu einem frühzeitigen Zeitpunkt, also schon in der Volksschule und schon bei leichtem Übergewicht, und nicht erst bei Adipositas. Außer dem Präventionsprogramm EDDY-young 1 an einer Schule in Wien gibt es in ganz Österreich keine einzige Maßnahme, deren positive Effekte wissenschaftlich belegt sind. Dieses Programm basiert auf kontinuierlicher Gesundheits- und Ernährungserziehung durch Mediziner, Sportwissenschaftler und psychologisch geschulte Fachkräfte sowie auf Erhöhung der körperlichen Aktivität. Die Studie, die das Programm begleitet und in der die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe verglichen werden, hat gezeigt, dass die genannten Ernährungs- und Bewegungsinterventionen geeignet sind, die Körperzusammensetzung und die sportmotorischen Fähigkeiten der Schüler zu verbessern. Kinderärzte, Schulärzte und alle Einrichtungen des Gesundheitssystems sind also aufgerufen, etwas zu tun. Passiert ist aber bislang nichts in diese Richtung. Es gibt auch kaum belastbare statistische Grundlagen, die aus epidemiologischer Sicht sehr wichtig wären: Die von den Schulärzten erhobenen Daten werden nicht ausgewertet.

Ernährungsinformation und -programme können auch unerwünschte Nebeneffekte haben: Drei Prozent der Kinder und Jugendlichen sind untergewichtig. Wenn die den ganzen Tag lang hören, dass sie nur kalorienarme Produkte essen sollen, können sie in die Anorexie rutschen. Bei allen Maßnahmen ist also Vorsicht geboten.“

Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des ÖsterreichischenAkademischen Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE)


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