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10.05.2024 | Gesundheitspolitik

„Ein sukzessiver Abstieg“

verfasst von: Josef Broukal

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Hätten Sie geglaubt, dass an die 300.000 Menschen hierzulande an manchen Tagen nichts zu essen haben, das den Namen „Essen“ verdient? „Ernährungsarmut“ nennen das die Fachleute der Gesundheit Österreich. Sie präsentieren erstaunliche Zahlen – und Lösungen.

Wenn wir über Armut in unserem so wohlhabenden Land sprechen, dann werden oft auf den ersten Blick unglaubliche Zahlen genannt:

  • „Armutsgefährdet“ sind mehr als 1,5 Millionen Menschen. Unerwartete Ausgaben, etwa eine neue Waschmaschine, stellen sie vor große Probleme. Urlaub gibt es selten bis gar nicht. Vorübergehende Arbeitslosigkeit macht das tägliche Leben schwer. Aber wenn man einen Job hat und nichts an großen Ausgaben anfällt, reicht es für ein einfaches Leben…
  • „Manifeste Armut“. Rund 200 000 Menschen in unserem Land haben so wenig Geld zur Verfügung, dass sie sich wesentliche Güter oder Lebensbereiche nicht leisten können. Das beginnt schon beim täglichen Essen…
  • „Ernährungsarmut“. Die Fachleute der Gesundheit Österreich sprechen von zwei Ausprägungen: Man hat zu wenig Geld, um gesundes Essen kaufen zu können und an manchen Tagen auch zu wenig für billiges Junk Food. Es ist schon gar kein Geld vorhanden, um sich ab und zu im Gasthaus zu treffen oder Menschen zum Essen nach Hause einzuladen. Ernährungsarmut hat eine soziale Komponente.

Aber wie viele Menschen in Österreich können sich das tägliche Essen tatsächlich nicht leisten? Das Forschungsteam der Gesundheit Österreich (GÖG) hält fest: „Von den in Österreich lebenden Menschen sind rund zwölf Prozent von mittlerer und/oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Das bedeutet, dass diese Menschen aufgrund von finanziellen Engpässen nur unzureichende Mengen und Qualitäten an Lebensmitteln kaufen können. Etwas mehr als vier Prozent sind von schwerer Ernährungsarmut betroffen, was bedeutet, dass einige von ihnen Mahlzeiten ausfallen lassen mussten oder in manchen Fällen einen ganzen Tag lang nichts zu essen hatten.“ In Zahlen ausgedrückt:

  • Mehr als eine Million Menschen kann sich nicht oder nicht immer leisten, was zu gutem Essen dazugehört.
  • An die 400 000 Menschen können sich an manchen Tagen gar kein Essen leisten. Unter ihnen viele Kinder – denen der Hunger viel an Entwicklungsmöglichkeiten nimmt.

Betroffen sind Alleinerziehende, Arbeitslose und chronisch kranke Personen. Vielen von Ihnen bleibt nach der Zahlung von Miete, Energie etc. nicht genug Geld für Lebensmittel. Dazu kommt: Die starke Teuerung der vergangenen Jahre hat früher Selbstverständliches unerreichbar gemacht. In den Worten einer vom GÖG-Team Interviewten: „Bei mir ist das ein sukzessiver Abstieg gewesen. Ich bin seit zehn Jahren in Pension und war immer Mindestpensionistin. Am Anfang habe ich im Supermarkt eingekauft, dann beim Discounter und jetzt kauf‘ ich beim Sozialmarkt ein.“

Was tun? Die Experten der Gesundheit Österreich schlagen mehrere Maßnahmen vor:

  • kostenlose Verpflegung in den Schulen;
  • Senkung der Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte;
  • Ausbau von „demokratischen Supermärkten“ – Läden, in denen Freiwillige dafür sorgen, dass regionale Lebensmittel sehr günstig angeboten werden können;
  • soziale Cafés und Restaurants, in denen arme Menschen Gesellschaft finden, ohne dafür viel bezahlen zu müssen;
  • Aufklärung darüber, welche leistbaren gesunden Lebensmittel es gibt.

In den Zeitungen und im ORF wurde über die Studie ausführlich berichtet: „Können wir uns das Essen nicht mehr leisten?“ ( Kleine Zeitung ); „420.000 Österreicher von schwerer Ernährungarmut betroffen“ (Kurier); „16.000 müssen in Vorarlberg am Essen sparen“ (ORF Vorarlberg).

Und was macht die Politik?

Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) meldete sich auf Facebook mit einem Foto und zwei kurzen Sätzen: „Das ist inakzeptabel. Ich sage das in aller Deutlichkeit, dass Menschen sich nicht ausreichend gesund ernähren können.“ Wer sich nach der Präsentation der Studie Konkreteres erhofft hatte, wurde enttäuscht. Man hätte erwarten können, dass ganz rasch dort geholfen wird, wo es am einfachsten möglich ist: in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Mit einer gesunden Jause und einem wertvollen Mittagessen. In den Caritas-Lerncafés gibt es vor der Nachhilfe zunächst etwas zu essen, „weil die Kinder hungrig kommen. Und wir wissen: mit knurrendem Magen lernte sich nicht gut“, sagt der Wiener Caritasdirektor Klaus Schwertner.

Nachsatz: Wenn Lebensmittelketten abgelaufene Lebensmittel an Sozialmärkte spenden, müssen sie für diese Mehrwertsteuer zahlen – obwohl sie an ihnen nichts verdient haben. Das soll ab Januar 2025 anders werden. Das Finanzministerium erklärt nicht, wieso diese Änderung nicht in ein, zwei Monaten zu schaffen ist.

Wir brauchen eine Kindergrundsicherung

Die Volkshilfe weist seit Langem auf die prekäre Lage der Kinder in armen Familien hin und verlangt Abhilfe. Josef Broukal hat mit Direktor Erich Fenninger über die Zahlen aus der GÖG-Studie und die überschaubaren Reaktionen gesprochen.

Ärzte Woche: 400.000 Menschen in Österreich haben zu wenig Geld, um sich und Ihre Familien gut ernähren zu können. An manchen Tagen gibt es bloß Junk Food – an anderen fallen ganze Mahlzeiten aus. Überrascht?

Erich Fenninger: Wir in der Volkshilfe wissen seit Jahren, dass es Ernährungsarmut gibt. Wir haben in vielen Interviews mit Kindern und Jugendlichen festgestellt, dass diese Kinder von den letzten Tagen des Monats als „Toastbrotzeit“ sprechen. Also von Tagen, in denen sie wenig zu essen haben und vor allem unter Mangelernährung leiden. Insofern hat mich leider diese Studie der Gesundheit Österreich nicht überrascht. Überraschend ist eher, dass die Politik dieses Thema und diese Veröffentlichung einfach ignoriert.

Ärzte Woche: Die Politik hat die Zahlen über Ernährungsarmut überraschend ruhig zur Kenntnis genommen. Ist Abhilfe in Sicht? Welche politischen Parteien sind bereit, sich auf dieses Thema einzulassen – und wo herrscht eher wenig Interesse?

Fenninger: Wir von der Volkshilfe sind über dieses Thema laufend in Gesprächen – insbesondere mit den Parteien in Regierungsverantwortung. Und da sehen wir, dass Grün und Türkis dieses Thema unterschiedlich bewerten. Sozialminister Johannes Rauch hat von einem inakzeptablen Zustand gesprochen. Bei der ÖVP gibt es immer noch Stimmen, die versuchen, diese Zustände zu vernebeln und zu verschleiern, als gäbe es sie nicht – weil es ideologisch nicht in den Sinn passt. Wir arbeiten konsequent auf die nächsten Regierungsverhandlungen hin – nach der Wahl im Herbst. Wir wollen versuchen, das Projekt einer Kindergrundsicherung in die neue Regierung hinein zu heben.

Ärzte Woche: Die Studie der Gesundheit Österreich schlägt einige Maßnahmen vor, um armen Menschen gesundes, ausreichendes Essen zu ermöglichen. Was davon ließe sich rasch umsetzen?

Fenninger: Am schnellsten lässt sich gesundes, ausreichendes Essen für Kinder in den Kindergärten und Schulen umsetzen. Und hier in erster Linie mit einem Frühstück. Dafür braucht man weniger Platz und auch sonst weniger Vorbereitung als für ein warmes Mittagessen. Das wäre schwerer einzuführen. Aber schon das Frühstück würde ein Weg sein, die Fehlernährung zu minimieren. Es kann ja nicht unser Ziel sein, dass wir in einem Wohlstandsland wie Österreich die Kinderarmut einfach hinnehmen. Deswegen unser Kampf für eine Kindergrundsicherung.

Aber: Die Kinder leben ja nicht im Kindergarten oder in der Schule. Sie leben zu Hause. Und das ist der Ort, wo sie unter dem finanziellen Druck stehen, unter psychischem Druck leiden aufgrund der Unterversorgung. Und das muss man mit Geld bekämpfen.

Wir haben mit der Österreichischen Ärztekammer viele Untersuchungen gemacht. Dabei hat sich gezeigt: Ökonomisch schlecht gestellte Menschen sind extrem früh chronisch krank. Frühstück und Mittagessen in der Schule sind wichtig, aber die wirkliche Veränderung, die nicht nur den Ernährungsmangel betrifft, sondern auch die Gesundheit, die muss über die Kindergrundsicherung erfolgen.

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Metadaten
Titel
„Ein sukzessiver Abstieg“
Publikationsdatum
10.05.2024

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