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Open Access 11.01.2023 | Gesundheitspolitik

Ein Korsett lockert sich

verfasst von: Mit Edgar Wutscher hatMartin Kenek-Burger gesprochen

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Zum Jahreswechsel fällt auf, dass sich hochrangige Ärztevertreter wie Edgar Wutscher erstmals seit Jahren auch mit anderen Themen befassen können, als mit COVID-19. Mit Änderungen beim Mutter-Kind-Pass oder den Impfungen, die künftig in Ordinationen vorrätig sein werden.

Herr Dr. Wutscher, welche guten und welche womöglich weniger guten Nachrichten haben Sie für die niedergelassenen Ärzte zwischen Boden- und Neusiedler See? 

Wutscher : Die gute Nachricht zuerst: Beim Mutter-Kind-Pass wird es – nach fast 30 Jahren – endlich zu einer Valorisierung der Leistungen der Ärztinnen und Ärzte kommen. Außerdem soll er weiter ausgebaut werden. Über diese Adaptierung von Leistungen und über zusätzliche Leistungen werden wir auch noch verhandeln. Zudem gibt es Bewegung bei den Impfungen: Die HPV-Impfung ist bis zum 21. Lebensjahr kostenfrei, das ist ein weiterer Schritt zu einer besseren Durchimpfungsquote. Die HPV-Impfung ist eine Erfolgsgeschichte, weil sie verschiedene Krebserkrankungen verhindert. Zudem verhandeln wir derzeit, dass die Influenza-Impfung in das Impfprogramm für ganz Österreich aufgenommen wird. Aus unserer Sicht wäre es hier erstrebenswert, wenn die Influenza-Impfung genauso wie die COVID-19-Impfung in der Ordination bereits gelagert ist und der Patient damit direkt geimpft werden kann.

Was die weniger guten Nachrichten betrifft: Die Herausforderungen im Kassensystem werden zunehmen. Wir brauchen hier dringend mehr Flexibilität, damit mehr auf die individuellen Bedürfnisse von Ärztinnen und Ärzten eingegangen werden kann. Die Rahmenbedingungen durch die Kassenverträge mit Deckelungen und der „Fünf-Minuten-Medizin“ sind nämlich unter anderen Gründe, warum wir mit einem Kassenärztemangel zu kämpfen haben. Es ist das sehr starre System, das dazu führt, dass viele lieber Wahlärzte als Kassenärzte sind.

Erfreulich für die Ärzte ist die Anpassung der Honorare beim Mutter-Kind-Pass. Wie schwierig waren die Verhandlungen mit der Sozialversicherung?

Wutscher : Die Leistungen im Mutter-Kind-Pass sind 28 Jahre lang nicht einmal der Inflation angepasst worden, gleichzeitig ist der Mutter-Kind-Pass aber auch ausgebaut worden. Das ist natürlich frustrierend für die Ärztinnen und Ärzte, die über die Jahre konstant die Leistungen erbracht haben, weil sie hinter dem Erfolgsmodell Mutter-Kind-Pass stehen. Die Mütter- und Säuglingssterblichkeit ist ja seitdem deutlich gesunken, die allgemeine Gesundheit gestiegen. Es ist schade, dass offenbar erst unsere Drohung, aus dem Vertrag auszusteigen, politisch etwas bewirkt hat. Die Valorisierung des Mutter-Kind-Passes speist sich zu zwei Drittel aus dem Familienlastenausgleichsfond und zu einem Drittel aus der Sozialversicherung. Das Familienministerium wollte aber offenbar keine Verhandlungen führen und hat daher die Sozialversicherung damit beauftragt. Es hieß: Verhandelt, bitte! Aber der Dachverband der Sozialversicherung wusste lange Zeit gar nicht, welche Summe verfügbar ist, die Basis der Verhandlungen ist. Das hat sich erst kurz vor Weihnachten aufgelöst und wir sind dabei, mit dem Dachverband die Details zu klären.

Wie stark wird die Erhöhung ausfallen und welchen Effekt erhoffen Sie sich davon?

Wutscher : Das ist noch Gegenstand der Verhandlungen, vom Budget her könnte eine Einigung wie gesagt möglich sein. Der Effekt ist ganz klar: Gynäkologen, Kinderfachärzte, Allgemeinmediziner und weitere Sonderfächer erhalten für ihre Leistungen endlich die Wertschätzung, die sie jahrelang vermisst haben.

Ist eine Erweiterung des MuKi-Passes in Vorbereitung, sowohl was die Leistungen als auch was das Alter angeht?

Wutscher : Das Gesundheitsministerium hat angekündigt, dass Leistungserweiterungen kommen sollen. Es benennt hierbei drei geplante Erweiterungen: ein zusätzlicher Ultraschall in der Schwangerschaft, eine ergänzende Laboruntersuchung und ein Hörscreening. Weiters soll der Mutter-Kind-Pass bis 2024 digitalisiert werden. Auch das ist grundsätzlich eine gute Idee, die einer gründlich durchdachten Umsetzung bedarf. Eine Erweiterung über die nächsten Jahre hinaus wurde vom Gesundheitsministerium noch nicht kommuniziert. Wir haben allerdings bereits vor ein paar Jahren einen „Jugendpass“ mit wichtigen Vorsorgeuntersuchungen entwickelt. Es ist natürlich sinnvoll, den Mutter-Kind-Pass auf Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr auszuweiten, denn Vorsorge ist eine der wichtigsten Säulen in der Gesundheitsversorgung. Bewegung, Ernährung, Lebensstil – all das spielt eine wesentliche Rolle. Auch was Suchtprobleme bei Jugendlichen angeht, ob es sich um Alkohol, Nikotin oder andere Drogen handelt – dieses Thema sollte ärztlich begleitet werden.

Noch einmal zurück zu den Impfungen in der Ordination. Hiermit soll die Durchimpfungsrate etwa bei der Influenza angehoben werden. Gibt es weitere Impfungen, die künftig in der Praxis angeboten werden?

Wutscher : Es ist im Sinne des Patienten, wenn er nur einen Weg hat, nämlich den zum Arzt. Wenn dieser alle Basis-Impfstoffe lagernd hat, dann ist das eine Win-win-Situation: Der Patient muss nicht dazwischen noch in die Apotheke und wieder zum Arzt zurück, der Arzt kann nach dem durchgeführten Check des Impfpasses und einem Beratungs- und Aufklärungsgespräch sofort die für den Patienten individuell sinnvollen und notwendigen Impfungen verabreichen.

Erwarten Sie beim Thema Hausapotheke im neuen Jahr Bewegung hin zu mehr Flexibilität? Sie haben bei einem Hintergrundgespräch (am 14. Dezember 2022, Anm.) das Beispiel der Tiroler Gemeinde Oberperfuss angeführt. Dort musste der Arzt, weil die neue Apotheke im Ort zu nah an seiner Ordination lag, einige hundert Meter weiter weg übersiedeln, um seine Hausapotheke nicht zu velieren.

Wutscher : Ja, das ist ein Paradebeispiel dafür, wie absurd die derzeitige Regelung bei Hausapotheken ist. In diesem Fall war es Glückssache, dass ein paar Meter weiter Fläche für eine Ordination verfügbar war und der Arzt einfach übersiedeln konnte. So konnte er seine Hausapotheke behalten und weiter seine Praxis betreiben. In anderen Fällen läuft es leider nicht so gut, da ziehen öffentliche Apotheken plötzlich vom Hauptplatz in einen Container am Ortsrand, um schon genehmigte Hausapotheken zu verhindern. Es wirkt so, als ob Flexibilität bei den Verhandlungspartnern und in der Gesundheitspolitik allgemein eher ein Fremdwort ist. Man möchte alles in ein starres Korsett stecken, zu- und nie wieder aufschnüren, und wundert sich dann, wenn der Plan nicht aufgeht. Ich würde mich bei meinen Einschätzungen, wie in diesem Fall, sehr gerne irren, aber ich fürchte, auch 2023 wird sich nichts Wesentliches bei den Hausapotheken verändern. Und das verhindert, dass wir Ärztinnen und Ärzte unsere Patienten noch besser betreuen können. Wir werden uns vermutlich weiterhin mit diesen absurden Fällen herumschlagen müssen. Wir werden weiterhin Patienten ein Rezept auf den Nachttisch legen können, damit sie dann krank zig Kilometer zur nächsten Apotheke fahren dürfen und letztlich vielleicht draufkommen, dass das Medikament dort gar nicht lagernd oder derzeit nicht verfügbar ist. Wenn wir als Allgemeinmediziner zumindest so etwas wie eine Notfallapotheke mit einem Grundkontingent an Basismedikamenten wie bei grippalen Infekten hätten, ist es ein enormer Gewinn für die Patienten. An Hand dieser Beispiele erklärt sich auch unsere Forderung nach dem Dispensierrecht.

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Metadaten
Titel
Ein Korsett lockert sich
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
11.01.2023

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