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Alt genug für Reformen

Die demografische Wende ist in vollem Gange. Patienten werden älter, leiden an mehreren Krankheiten und benötigen intensivere Betreuung. Die Kosten steigen schneller als die Versicherungsbeiträge. Die Broschüre „Alt genug für die Zukunft?“ vereint Beiträge aus Wissenschaft, Ökonomie, Sozialversicherung und Politik. Das Fazit: Die Lage ist ernst und erfordert entschlossenes Handeln.

Bevölkerungsstruktur nach Alterskohorten: Prognosen für 2040, 2060 und 2080 in Prozent.


Kurz und prägnant schreiben auf Einladung der Vinzenz Gruppe Expertinnen und Experten, was auf das heimische Gesundheitssystem zukommt. Ein Teil von ihnen sind Praktiker. Andere kommen aus der Wissenschaft:

- Dr. Regina Fuchs – Demografin, Leiterin der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria

- Prof. Dr. Peter Klimek – Komplexitätsforscher, MedUni Wien und Complexity Science Hub

- Prof. Dr. Christoph Badelt – Präsident des Österreichischen Fiskalrats

- MMag. Maria M. Hofmarcher-Holzhacker – Gesundheitsökonomin und Systemforscherin

- Mag. Franz Ebner – Bundesrat, Landesgeschäftsführer des OÖ Seniorenbundes

- Dr. Alexander Biach – Generaldirektor der Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS)

- Andreas Huss, MBA – Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK)

- Dr. Michael Heinisch – Vorsitzender der Geschäftsführung der Vinzenz Gruppe


Die Autorinnen und Autoren des Berichts zeichnen ein klares Bild: Der demografische Wandel ist unausweichlich, aber gestaltbar. Politik und Gesellschaft müssen langfristig planen und handeln, indem sie Prävention, integrierte Versorgung und strukturelle Reformen in den Mittelpunkt stellen.

Das Buch „Alt genug für die Zukunft?“ zeigt, dass der demografische Wandel in Österreich bereits Realität ist. Die Veränderungen sind messbar und spürbar. Dennoch handeln viele Verantwortliche, als könnten sie die Entwicklung ignorieren.

Die Gesellschaft altert – die Probleme werden größer

Regina Fuchs präsentiert eindeutige Zahlen: Heute ist jede fünfte Person in Österreich älter als 65 Jahre. Bis 2080 wird dieser Anteil auf über 29 Prozent steigen. Besonders stark wächst die Gruppe der Hochbetagten: Schon 2045 wird jede zehnte Person 80 Jahre oder älter sein. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Menschen im Erwerbsalter. In den 2040er-Jahren werden nur noch zwei Erwerbstätige auf eine Pensionistin oder einen Pensionisten kommen – heute sind es noch etwa drei. Fuchs betont: „Der demografische Wandel ist unausweichlich.“

Migration könne das Altern zwar bremsen, aber nicht aufhalten. Selbst optimistische Annahmen ändern nichts daran, dass die Gesellschaft älter wird.

Entscheidend ist daher nicht das Ob, sondern das Wie. Fuchs formuliert es so: „Die Verantwortung, Maßnahmen zu ergreifen, liegt nicht bei einer einzelnen Person oder Stelle. Es gilt, gemeinsam und koordiniert zu handeln.“

Wir wissen viel – aber setzen wenig um

Mehrere Autoren und Autorinnen kritisieren die bisher unzureichende Koordination, besonders im Gesundheitswesen. Der aus der Pandemie-Zeit bekannte Komplexitätsforscher Peter Klimek beschreibt ein System, das bereits heute unter Druck steht: Hausarztstellen fehlen, Ambulanzen sind überfüllt, OP-Termine werden verschoben. Gleichzeitig steigen die Anforderungen:

- mehr ältere Patienten und Patientinnen,

- mehr chronische Erkrankungen,

- mehr Multimorbidität.


Das Problem liegt weniger im fehlenden Wissen als in der unzureichenden Umsetzung. Daten und Prognosen existieren, doch oft reagiert man erst, wenn Wartezeiten, Personalmangel oder Qualitätsverluste sichtbar werden. Klimek spricht von einem gefährlichen Muster und fasst die strukturelle Schwäche prägnant zusammen: „Pflege, Prävention, Akutmedizin: Das alles ist ein System. Nicht viele Systeme.“ Solange diese Bereiche getrennt bleiben, ist effiziente Versorgung kaum möglich. Sein Appell ist klar: „Gesundheitspolitik darf nicht auf Sicht fahren“. Ein zentraler Grund für diese Schieflage ist die Fixierung auf Reparatur statt Vorsorge. Seniorenvertreter Franz Ebner fordert einen Paradigmenwechsel: „Weg von der Reparaturmedizin, hin zur Vorsorgemedizin.“ Altern ist keine Schwäche, sondern eine Errungenschaft. Ein selbstbestimmtes Leben im Alter erfordert, dass Menschen möglichst lange gesund bleiben. Prävention ist nicht nur günstiger, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung. Ebner betont, dass ältere Menschen nicht nur Empfänger von Leistungen sind, sondern eine tragende Rolle spielen – im Ehrenamt, in der Familie, in der Pflege von Angehörigen und im Konsum, der ein Viertel der privaten Ausgaben ausmacht.

Vorsorge statt Reparaturmedizin

Das Missverhältnis zwischen Vorsorge und Behandlung zeigt der Beitrag von SVS-Generaldirektor Alexander Biach: Österreich gibt pro Kopf jährlich über 5.100 Euro für medizinische Versorgung aus, aber nur rund 98 Euro für Prävention. Die Lebenserwartung steigt, doch die gesunden Lebensjahre wachsen kaum mit. Ab 65 benötigt etwa ein Fünftel der Bevölkerung Unterstützung oder Pflege. Viele Erkrankungen sind lebensstilbedingt. Die SVS setzt deshalb auf gezielte Präventionsprogramme und Anreizsysteme. Eine Bonusaktion für Vorsorgeuntersuchungen führte 2023 zu einem Anstieg von 41,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr – besonders bei Menschen, die zuvor keine Präventionsangebote genutzt hatten.

Steuererhöhungenlösen Probleme nicht

Fiskalisch ist die Lage ernst. Die öffentlichen Haushalte stehen unter Druck, die Spielräume werden enger. Christoph Badelt, Präsident des Fiskalrats, beschreibt die Alterung der Gesellschaft als den Treiber der langfristigen Budgetentwicklung – neben der Klimakrise. Ohne substanzielle Reformen wachsen die Staatsausgaben schneller als die Einnahmen, vor allem in Gesundheit und Pflege. Die Abgabenquote liegt bei über 52 Prozent des BIP, der Budgetsaldo bei minus 4,3 Prozent. Badelt warnt vor einfachen Lösungen: „Steuererhöhungen lösen das strukturelle Problem nicht.“ Notwendig sind Effizienz, Koordination und Investitionen mit langfristiger Wirkung.

Gesundheit machtGesellschaft robust

Maria M. Hofmarcher-Holzhacker kritisiert, dass Gesundheit oft nur als Kostenblock gesehen wird. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz. „Gesundheit ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern ein Zukunftssektor“, schreibt sie. Fünf Prozent der Bevölkerung verursachen rund 30 Prozent der Gesundheitsausgaben – meist alte Menschen mit chronischen Erkrankungen. Hier liegt großes Potenzial für Prävention, strukturierte Betreuung und bessere Steuerung entlang des gesamten Versorgungspfads. Produktivitätsgewinne durch Ambulantisierung, Digitalisierung und Automatisierung sind möglich – und notwendig. Besonders deutlich wird sie bei der Trennung von Gesundheits- und Pflegesystem, die sie für ineffizient und menschenfern hält. Nur wenn beide Bereiche „frühzeitig und abgestimmt zusammenarbeiten“, bleibt Versorgung „sowohl effizient als auch menschlich“.

Am Ende laufen all diese Perspektiven auf eine gemeinsame Einsicht hinaus: Der demografische Wandel betrifft das Gefüge von Politik, Sozialversicherung, Gesundheitsanbietern und Gesellschaft. Michael Heinisch, CEO der Vinzenz Gruppe, bringt diesen Grundton auf eine einfache Formel: „Lösungen entstehen nicht im Alleingang, sondern im Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik, Praxis und Gesellschaft.“ Was nach der Lektüre bleibt, ist kein Gefühl von Panik, aber auch keine Entwarnung. Die Zahlen sind klar, die Trends bekannt, die Handlungsspielräume noch vorhanden –, aber sie werden kleiner.

Vinzenz Gruppe (Hrsg.): Alt genug für die Zukunft, 2025, 20 S., Softcover

Das vollständige Impulspapier steht online unter
www.vinzenzgruppe.at/demografie zum Download bereit oder kann als Printversion bestellt werden.

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Titel
Alt genug für Reformen
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
22.01.2026

www.gesundheitswirtschaft.at (Link öffnet in neuem Fenster)

Mit den beiden Medien ÖKZ und QUALITAS unterstützt Gesundheitswirtschaft.at das Gesundheitssystem durch kritische Analysen und Information, schafft Interesse für notwendige Veränderungen und fördert Initiative. Die ÖKZ ist seit 1960 das bekannteste Printmedium für Führungskräfte und Entscheidungsträger im österreichischen Gesundheitssystem. Die QUALITAS verbindet seit 2002 die deutschsprachigen Experten und Praktiker im Thema Qualität in Gesundheitseinrichtungen.

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Bildnachweise
Bild/© pict rider / stock.adobe.com, Grafik/© Josef Broukal/Quelle: Statistik Austria, Bild, gesundheitswirtschaft, pains logo