„Sie schießen auf alles“
- 02.02.2026
- Gesundheitsministerium
- Zeitungsartikel
Russlands Krieg gegen die Ukraine trifft die Gesundheitsversorgung des Landes ins Mark. 2025 war das blutigste Jahr für ukrainische Zivilisten seit Februar 2022. Die medizinische Versorgung Verwundeter ist mit den Veränderungen in der Kriegsführung zu einer schwerwiegenden Herausforderung geworden.
Die Haube eines Rettungssanitäters, der nach dem Eintreffen am Ort eines russischen Drohnenangriffs auf ein mehrgeschossiges Wohnhaus im Bezirk Darnyzkyj bei einem Zweitangriff getötet wurde, liegt im Schnee, Kyjiw, Ukraine, 9. Jänner 2026.
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Vier Jahre dauert der offene Krieg Russlands gegen die Ukraine bereits. Vier Jahre Krieg haben Landstriche verwüstet. Vor allem aber: Die Ukraine hat 40 Millionen Einwohner. Das sind 40 Millionen Schicksale. Und in den vier Jahren, die dieser Krieg dauert, hat sich auch der Krieg selbst verändert. Was als russische Artillerie- und Panzerwalze begonnen hat, ist heute ein Hightech-Stellungskrieg, in dem es kaum mehr eine Front gibt, sondern viel eher eine rund 30 Kilometer tiefe Kampfzone, von beiden Kriegsparteien überwacht mit Drohnen, ausgestattet mit Wärmebildkameras, in der alles, was sich bewegt, binnen Sekunden zum Ziel wird. Und damit hat sich auch die Arbeit von Sanitätern in diesem Krieg von Grund auf verändert.
Max Pollak bildet in Kramatorsk Soldaten in taktischer Medizin aus. Also: in Erster Hilfe unter Kriegsbedingungen, zugeschnitten auf kriegstypische Verletzungen. Er hat selbst Evakuierungstransporte durchgeführt, später seine eigene Organisation ( Selenij Chrest Mediki ) gegründet. Er kennt das Chaos aus der Anfangszeit der großen Invasion Russlands. Er kennt die Veränderungen, die dieser Krieg durchgemacht hat. Er kennt den Umgang mit Mangel – an Material, an Personal, an Fahrzeugen. Und er kennt auch diese eine Konstante in all diesem Wahnsinn: „Sie schießen auf alles“.
Ersthelfer in Lebensgefahr
Der Krieg hat sich verändert. Der Transport Verwundeter kann viele Wochen dauern.
M.Pollak
Aufgemalte Kreuze an den Seiten eines Fahrzeuges, auf dem Dach eine Fahrzeuges wirken auf russische Soldaten anscheinend wie eine Aufforderung zu schießen. Aber so nahe an die Front, dass das etwa ein Scharfschütze sehen könnte, kommt man heute ohnehin nicht mehr. Vor der Entdeckung durch Überwachungs- und auch Angriffsdrohnen ist dagegen niemand gefeit.
Und Russland ist erfinderisch im Töten. Doppel-Angriffe auf ein und dasselbe Ziel im Abstand von 30 bis 45 Minuten gehören zum Standardprogramm. Der einzige Zweck solcher Attacken ist es, da bereits eingetroffene Ersthelfer zu treffen.
An der Front hat der Einsatz neuer Waffen und Überwachungstechnologie ganz andere Probleme mit sich gebracht. „Wenn es schnell geht, dann dauert es eine Dreiviertelstunde bis ein verwundeter Soldat in ein Krankenhaus kommt“, sagt Pollak. Aber das ist eher eine Seltenheit geworden – oder ein Relikt aus den Anfangstagen dieses Krieges. 63 Tage – das sei der längste Zeitraum von dem er wisse, den ein verwundeter Soldat an der Front in seiner Position durchhalten habe müssen, ehe eine Evakuierung möglich wurde.
Das hat vor allem mit dem Umstand zu tun, dass die Front heute einem rund 30 Kilometer breiten grauen Band gleicht, das sich über 1.200 Kilometer durch die Ost- und Südukraine schlängelt, in dem unklar ist, wer wo genau die Kontrolle hat. Das liegt an den eingesetzten Waffen, vor allem aber auch an der Überwachung mit Drohnen, die mit allerlei Sensoren wie Wärmebildkameras ausgestattet sind. Die Folge sind große Distanzen zwischen einigermaßen sicherem Gebiet und Stellungen. Und das, so sagt Max Pollak, sei „ein riesen Faktor“, wenn es um die Versorgung von Verwundeten geht. Denn mit Fahrzeugen komme man heute kaum auch nur nahe an Positionen heran – maximal fünf, aber eher sieben bis 10 Kilometer. Aber auch da gelte dann noch, wie Pollak sagt: Da komme es nicht darauf an, ob ein Fahrzeug einen Treffer aushalte, sondern wie viele Treffer es aushalte.
Das färbt auf die Rettungskette ab, aber auch auf die Ausbildung von Soldaten in Erster Hilfe: Sanitätstrupps an sich gibt es in vorgelagerten Positionen nicht. Die Erstversorgung eines Verwundeten obliegt den Kameraden. Ziel ist es dabei, einen Verwundeten soweit zu stabilisieren, dass er sich selber fortbewegen kann oder zumindest transportfähig ist. Oft müssten sich Verwundete selber bis zu zehn Kilometer durch das Gelände schleppen, oder von einem Kameraden bis zu einem vorbestimmten Treffpunkt getragen werden – von einem Kameraden wohlgemerkt, denn je größer eine Menschenansammlung, desto leichter ist sie von Drohnen aus als Ziel auszumachen.
Im Fall des Soldaten, der 63 Tage verwundet in seiner Position durchhalten hatte müssen, sei letztlich ein Roboter beim Transport von der Stellung bis zum Treffpunkt zum Einsatz gekommen. Aber diese Geräte seien langsam, noch nicht so geländegängig und vor allem noch selten, sagt Pollak.
Am Treffpunkt angelangt, komme schließlich ein gepanzerter Transporter, um den Verletzten zu einem ersten weiter nach hinten gereihten Stabilisierungspunkt zu bringen. Wohlgemerkt: Hier sind alle Beteiligten nach wie vor in aktivem Kampfgebiet, Verladung und Transport passieren meist unter direktem Beschuss. Entsprechend muss gehandelt werden. Pollak sagt: „Wenn sich ein Medic auf einen Verwundeten setzen muss, damit der ( bei der Fahrt, Anm .) nicht von der Pritsche katapultiert wird, dann wird das zu einem Problem. Das wissen wir.“ Denn diese Schreie bekomme man nicht mehr aus dem Kopf. In diesem Transport trifft der Verwundete im Idealfall aber erstmals auf einen Combat-Medic.
Und wenn der Verletzte Glück hat, dann trifft er im Stabilisierungspunkt erstmals auf einen ausgebildeten Mediziner –, aber eher nicht. Vom Stabilisierungspunkt gehe es jedenfalls weiter in das erste Spital, wo sofort durch ausgebildete Mediziner erstversorgt, operiert und auch amputiert werde. Max Pollak sagt: „Da sind die Soldaten aber noch nicht einmal gewaschen.“ Und man könne sich vorstellen, in welchem hygienischen Zustand diese Soldaten seien nach zum Teil vielen Wochen in einer Stellung.
Und dann: Dann werden die Soldaten frisch operiert und nach wie vor nicht gewaschen in Krankenwägen verfrachtet und in Spitäler weiter hinter der Front gebracht, nach Dnipro oder Kharkiv. Pollak sagt: „Das sind dann vier Stunden Fahrt über Holperpisten – und nach zwei Stunden hören die Schmerzmittel auf zu wirken.“ In den Krankenwägen seien dann zum Teil bis zu sieben Personen – mit amputierten Gliedmaßen, mit Drainage-Schläuchen im Brustkorb und so weiter.
Das „Pill Pack“ ist immer dabei
Max Pollak (li.)beim Training mit Soldaten. Sanitätstrupps gibt es s kaum noch. Die Erstbetreuung Verwundeter obliegt denn Kameraden.
M.Pollak
Nur in geringem Maße verändert haben sich bei all dem die Verletzungsmuster: Splitterwunden an den Beinen, abgerissene oder in Folge von Abbinden zu amputierende Gliedmaßen, Verletzungen an der Lunge, wenn ein Schrapnell an den Schutzplatten der Weste vorbei in den Oberkörper gelangt. Schusswunden seien dagegen selten, sagt Max Pollak. „Mann gegen Mann ist nicht mehr die Regel, Verwundung passiert meistens auf den Wegen zu den Stellungssystemen und von diesen Stellungssystemen zurück.“
Da ist vor allem aber noch ein Problem: Die großen Distanzen, die Schwierigkeiten bei der Evakuierung, die damit verbunden längeren Zeitabschnitte, die Verwundete überdauern müssen, all das führt zu Infektionen. Paracetamol, Moxifloxacin, Meloxicam – zusammen ist das das „PillPack“. Im Idealfall hat das jeder Soldat dabei – und nimmt das alles im Fall einer Verwundung, um Infektionen aller Art gleich im Ansatz zu unterdrücken. Aber auch HIV, Tuberkulose, Hepatitis sind ein Thema. Für Sanitäter gibt es da nur ein Mittel, sagt Pollak: Handschuhe.
Mangel, das ist ein Wort, das er sehr oft verwendet. Bereits vor der Invasion hatte das ukrainische Gesundheitssystem mit massivem Personalmangel zu kämpfen. Die Ausbildung ist zwar gut, die Löhne im Gesundheitsbereich sind aber niedrig. Hinzu kommt, dass das Land mitten in einer nicht abgeschlossenen Gesundheitsreform steckt. „Es gab für einen Friedensbetrieb schon zu wenig Leute“, sagt er. „Jetzt haben wir aber Krieg.“ Und die offene russische Invasion 2022 hat zusätzlich mit sich gebracht: Abwanderung und Braindrain. All das zusammengenommen steht das ukrainische Gesundheitssystem am Rande des Kollaps.
Hinzu kommt, dass Russland zunehmend auf die Maximierung ziviler Opfer abzielt: Das Jahr 2025 war das blutigste für ukrainische Zivilisten. Laut UNO wurden bei russischen Angriffen 2500 Zivilisten getötet und 12.000 Zivilisten verwundet. Max Pollak dazu: „Das sind 1000 Patienten pro Monat, die zusätzlich dazu kommen in ein System, das schon davor kaum fertig geworden ist mit dem Bedarf. Und da sind Soldaten noch nicht mitgezählt.“ Die Folge: „sehr großer Mangel. Der Bedarf ist hoch. Der Mangel an Personal ist gewaltig. Und der Staat an sich ist arm. Alles was am Staat hängt, nagt am Hungertuch. Da sind keine Reserven vorhanden.“
Das schlägt sich auch nieder in der Ausrüstung von Sanitätsteams. Sauerstoffflaschen gibt es an Bord von Rettungsfahrzeugen in unmittelbarer Nähe der Front aus guten Gründen nicht, ist doch bekannt, dass solche Fahrzeuge für Russland präferierte Ziele sind. Für Alternativen wie mobile Sauerstoffkonzentratoren oder auch geeignete mobile Monitor-Geräte, die jeweils mehrere zehntausend Euro kosten, fehlt aber das Geld.
Angriffe auf Medikamentenlager
Hinzu kommt die gezielte Zerstörung medizinischer Infrastruktur durch Russland, was sich auf die Versorgung der Zivilbevölkerung in der gesamten Ukraine, aber vor allem in den unmittelbar betroffenen Gebieten auswirkt. Laut ukrainischen Angaben hat Russland in der Ukraine im Laufe der offenen Invasion seit Februar 2022 mindestens 2.500 Spitäler und medizinische Einrichtungen gezielt zerstört. In Nähe der Front gibt es so gut wie kein einziges Spital, das nicht zum Ziel direkter russischer Angriffe geworden ist – das sind Krebskliniken, Kinderkrankenhäuser, geriatrische Kliniken, Polikliniken, Geburtenstationen ohne jegliche militärische Verwendung, deren Kapazitäten für die Versorgung der Zivilbevölkerung in diesen Gebieten aber benötigt werden. Hinzu kommen gezielte Angriffe auf Medikamentendepots im Hinterland, die nur einen Zweck haben können: die allgemeine medizinische Versorgung zu treffen.
In diesem Versorgungsvakuum ist ein Mix aus staatlichen Stellen, großen Nicht-Regierungs-Organisationen und kleinen Initiativen wie jene von Pollak aktiv, die den Alltag stemmen und versuchen, die allergrößten Mängel abzudecken – von der Ausbildung in Erster Hilfe bis zur Lieferung von Medikamenten. Denn gerade in den direkt betroffenen Gebieten sehr nahe an der Front sind es überwiegend alte und chronisch kranke Menschen, die zurückbleiben – mit entsprechendem Versorgungsbedarf.
All das findet in einem rechtlichen Graubereich statt, erläutert Pollak. So widersprechen sehr viele Aktivitäten etwa den Vorgaben des Gesundheitsministeriums, wenn es darum gehe, wer in einem Krankenwagen sitze, wann dieser mit Blaulicht fahren könne und wie das Fahrzeug ausgestattet sein müsse. Dann sage das Verteidigungsministerium aber: „Wir brauchen das.“ In der Folge werde eben viel ganz einfach geduldet. „Das ist ein Wildwuchs, man braucht aber die Leute und die Transporte. Es fehlt aber an Fahrzeugen und Personal.“ Hinzu kämen Probleme bei der Koordination.
Aber es fügt sich nach und nach. Am Anfang, da habe komplettes Chaos geherrscht, erzählt Max Pollak. Schließlich hätten Organisationen nach und nach Memoranden mit einzelnen Einheiten aufgesetzt, mit denen sie kooperieren. Auf dieser Basis würden durchaus auch die großen Organisationen agieren. Heute würde dieser Bereich aber immer regulierter: „Man sieht, dass es Verbesserungen gibt“, fügt Pollak hinzu. Es könne heute nicht einfach mehr jeder ohne Ausbildung daher kommen und sagen: „Ich will helfen“, und werde dann auch tatsächlich eingesetzt.