Zum Inhalt

Schlüssel-Technologie

print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Bald tritt die Verpflichtung zur Diagnosecodierung in Kraft. Im Vorfeld haben wir mit zwei Experten gesprochen und Probleme und Möglichkeiten ausgelotet. Was funktioniert schon, was könnte besser laufen?

Es ist evident und unbestreitbar: Die Erfassung und Weiterleitungen von ärztlichen Diagnosen und das auch noch auf eine strukturierte Art und Weise ist eine gute Sache. Nach langem politischen Hin und Her ist es nun so weit: Ab 1. Jänner 2026 müssen alle niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ICD-10-codierte Diagnosen an die Sozialversicherung übermitteln.

Dennoch rumort es unter anderem im Umfeld der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Dabei wird vor allem die Umsetzung kritisiert. Der Zweck sei löblich. Konkret ist damit das Ziel der Reform gemeint, ärztliche Diagnosen für wissenschaftlich-medizinische Zwecke zu verwenden. Problematisch sei die Art und Weise, wie das erreicht werden soll, die Umsetzung sei suboptimal, hieß es aus Funktionärskreisen.

Man kann es auch so ausdrücken: Standesvertreter, Techniker und einige ausgewählte Test-Ordinationen schlagen sich mit den Mühen der Ebene herum, ehe es wirklich losgeht. Eine dieser Mühen betrifft den Instanzenzug: Zuerst ginge alles an die Sozialversicherung, welche die von Kassenärzten erbrachten Leistungen in unterschiedlichen Zeitintervallen abrechnet. Erst dann gelangten die Daten zum Dachverband und ans zuständige Bundesministerium. Somit würde es zwischen drei und sechs Monaten dauern, bis die Diagnosedaten in der Gesundheitspolitik ankämen. Zu lange etwa, um beispielsweise auf ein beginnendes Infektionsgeschehen zu reagieren. Dr. Edgar Wutscher, Vizepräsident der ÖÄK und Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte hat dazu eine ganz klare Meinung. Christoph Powondra, der ein alternatives Codierungssystem entwickelt, hält mit seiner Sicht der Dinge auch nicht hinterm Berg.

Markus Stegmayr

Unsere Idee: Ärzte dokumentieren wie gewohnt – das System codiert im Hintergrund


Dr. Christoph Powondra, Allgemeinmediziner (PVE Böheimkirchen) und Entwickler eines automatischen Diagnose-Systems


„Um meinen Standpunkt darzulegen, muss ich die Geschichte des ELGA E-Health Codierservice und des KL-ÖGAM-PrimaryCareCode Searchtools erläutern. Ich möchte nämlich nicht auf die Unterschiede zum aktuell kommenden System eingehen, sondern die Vorteile, die Genese und die Eigenschaften unseres Codiersystems herausstreichen.

Dieses beginnt nicht in einem Entwicklungsbüro eines IT-Konzerns, sondern in den Ordinationen der Allgemeinmediziner. Noch während der Pandemie, Mitte 2021, wurde für uns immer deutlicher: Ohne strukturierte Diagnose-Daten ist eine Beurteilung der Effizienz von hausärztlichen Versorgungsstrukturen nicht möglich. Außerdem führt die Verwendung von Freitext immer wieder zu Transkriptionsfehlern und damit zu einer manchmal fatalen Gefährdung von Patientinnen und Patienten. Die Idee war damit geboren: Warum nicht ein Tool schaffen, das Diagnosen automatisch codiert – im Hintergrund, ohne dass Ärztinnen und Ärzte sich durch ICD-10-Listen quälen müssen?

Diese Vision wurde dann eben von einem engagierten Team der ÖGAM rund um Dr. Helmut Dultinger und von mir aufgegriffen. Gemeinsam mit der Karl Landsteiner (KL) Privatuniversität Krems unter der Leitung von Dr. Susanne Rabady ( Department für Allgemeinmedizin ) und der Medizinischen Universität Graz, an der Dr. Stefan Schulz seit über 10 Jahren an der SNO-GIT arbeitet, entstand ein Projekt, das die Codierung in der Primärversorgung deutlich verbessern sollte. Die technische Seele: SNOMED CT , SNO_ART und die SNOMED CT -Interface-Terminologie. ( Anm.: SNOMED CT umfasst die Terminologie des Gesundheitswesens und ist das Kernelement einer Plattform für den genauen Austausch von klinischen Informationen; die Ärzte Woche berichtete ausführlich, zuletzt in Ausgabe 48/2025.)

Das Herzstück des Tools ist SNO_ART– eine Referenzterminologie auf Basis von SNOMED CT. Sie wurde entwickelt, um Begriffe aus der Fachsprache automatisch mit passenden Codes aus mehreren Codierungssystemen zu verknüpfen. Die Idee: Ärzte dokumentieren wie gewohnt – das System codiert im Hintergrund.

Die Suche nach den medizinischen Begriffen wird durch die Grazer InterfaceTerminologie unterstützt. Die technische Umsetzung erfolgte durch Simon Pirker in Zusammenarbeit mit der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems, der Med Uni Graz und der ÖGAM. Dr. Harald Kornfeil und Michael Moser waren maßgeblich an der Entwicklung beteiligt ( primarycarecodes.kl.ac.at ).

Mit der Entscheidung, ab 2026 Diagnosen im niedergelassenen Bereich verpflichtend zu codieren, rückte diese Entwicklung in den Fokus der Gesundheitspolitik. SNOMED CT bietet die Möglichkeit, präzise medizinische Sprache direkt in Codes umzuwandeln. SNO_ART referenziert jeden SNOMED CT Code auf einen oder mehrere ICD-10-Codes. Damit ist die gesetzlich geforderte Diagnosecodierung erfüllt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Mediziner können damit in einem Arbeitsschritt die Diagnosedokumentation im medizinischen Alltag präzise durchführen.

Das Searchtool wird bei der ELGA GmbH weiterentwickelt, mit dem Ziel, nicht nur die Primärversorgung zu entlasten, sondern auch den Anforderungen des EU Health Data Space gerecht zu werden. Die Integration von ORPHANET-Codes und die Anbindung an medizinische Nachschlagewerke wie EBM-Guidelines und DocCheck zeigen, wie zukunftsorientiert das Projekt gedacht ist.

Dr. Christoph Powondra, Allgemeinmediziner (PVE Böheimkirchen) und Entwickler eines automatischen Diagnose-Systems

Weitere Informationen:

primarycarecodes.kl.ac.at

Die Ansätze sind gut, bei der Umsetzung hätte man nachschärfen und nachbessern können

Dr. Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte


„Die Erfassung strukturierter Diagnosen per se ist selbstverständlich wichtig und sinnvoll. Wie so oft hapert es aber ganz gewaltig bei der Umsetzung. Aus meiner Sicht müsste man hier noch einmal ordentlich nachschärfen und nachbessern.

Das fängt schon damit an, dass nicht geplant ist, die Abrechnungs- von den Diagnosedaten zu trennen. Das sind Dinge, die aus meiner Sicht unbedingt ordentlich und gewissenhaft erledigt hätten werden müssen. Die codierten Diagnosen gelangen über mehrere Stationen mit einer bis zu sechsmonatigen Verspätung zum Gesundheitsministerium. Das sind einfach deutlich zu viele Ebene. Das müsste deutlich gestrafft und verändert werden.

Ein aufkommendes Infektionsgeschehen ist bis zur Analyse der Gesundheitsdaten damit schon längst passé. Sinnvoll wäre daher eine Trennung der Diagnose- von den Abrechnungsdaten. Dann nämlich gibt es annähernd tagesaktuelle Krankheitsdaten, die gerade bei epidemiologischen Ereignissen sinnvoll sind. Das sind Daten, die wir tatsächlich benötigen würden. Ansonsten ist es fast schon so, dass wir Datenmüll produzieren, der nicht das gewünschte Ergebnis hervorbringt. Das ist dann umso bedauerlicher, als die geplante Diagnosecodierung der Sache nach wichtig und richtig ist.

Zweitens bedeutet die Umsetzung der ambulanten Leistungs- und Diagnosedokumentation (AMBCO) unnötige Doppelarbeit. Denn 2029 muss Österreich die Patienten-Kurzakte für den Europäischen Raum für Gesundheitsdaten (EHDS) umgesetzt haben. Diese muss Informationen zu Vorerkrankungen, Medikamenten und Allergien enthalten. Die ICD-10-basierte Datenerfassung durch AMBCO liefert diese Information aber nicht, weil sie sich an statistische und abrechnungsrelevante Vorgaben hält und keine qualitativen, patientenzentrierten und medizinisch relevanten Daten liefert. Letztendlich bedeutet das, dass in Österreich zwei Systeme parallel laufen werden.

Und das führt mich auch schon zum dritten Punkt: die Finanzierung. Nicht nur, dass zwei parallele Systeme grundsätzlich mehr Kosten verursachen – für die notwendigen Anschaffungen bzw. Änderungen in den Arztsoftware-Systemen müssen zudem die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte aufkommen. Sie müssen also ein System finanzieren, das gesetzlich verpflichtend umzusetzen ist und für niemanden einen Mehrwert bietet. Das erhöht nur den Frust bei den Ärztinnen und Ärzten.

Die Lösung für das Dilemma ist eine ELGA-Anwendung, die e-Diagnose . Sie minimiert den Datenaufwand und liefert aussagekräftige Registerdaten durch eine Trennung der Diagnose- und Abrechnungsdaten – damit wäre sie EHDS-konform. Das Konzept wurde in enger Kooperation mit Experten aus der Softwareindustrie und der Gesundheitspolitik entwickelt und das entsprechende Positionspapier dem Gesundheitsministerium präsentiert. Leider wurde der Alternativvorschlag nicht in Betracht gezogen.

Alles in allem kann man sagen: Die Ansätze sind gut, bei der Umsetzung hätte man noch nachschärfen und nachbessern können. Ich will aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Wichtig ist mir, fair damit umzugehen und zu schauen, wie sich alles entwickelt. Womöglich ließe sich mit dem Drehen an ein paar Stellschrauben auch noch einiges verbessern. Wir müssen und werden jedenfalls damit arbeiten und natürlich auch unsere Erfahrungen damit weitergeben.“

Dr. Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte



 


print
DRUCKEN
Titel
Schlüssel-Technologie
Publikationsdatum
24.11.2025
Bildnachweise
Schlüssel/© Joyce / Generated with AI / Stock.adobe.com, 11204081/© PVE Boeheimkichen, 11204086/© Wolfgang Lackner