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Wahrheit aus Wachs

Das Josephinum zeigt die Schönheit der Anatomie – und entlarvt dabei ein verstörend aktuelles Verhältnis zum Körper.

Christiane Druml


Der Bericht beginnt mit einem Versprechen, das ebenso kühn wie alt ist: den menschlichen Körper vollständig sichtbar zu machen, ohne ihn zu verletzen. Schon Johann Wolfgang von Goethe war davon fasziniert, als er im 18. Jahrhundert die anatomischen Wachsmodelle in Florenz sah. Kein Gestank, kein Skalpell, keine Gewalt – und doch die ganze Wahrheit unter der Haut.

Der Band „Die Schönheit der Anatomie“ über das Wiener Josephinum knüpft genau an diese Verheißung an. Er ist Bildband, kunsthistorische Abhandlung und kulturgeschichtliches Statement zugleich. Vor allem aber schult er den Blick – und irritiert.

Die Wachsmodelle, die in opulenten Fotografien präsentiert werden, sind von einer unerwarteten Schönheit. Muskeln glänzen wie poliertes Holz, Organe schimmern in warmen Farben, selbst geöffnete Körper wirken seltsam ruhig, fast erhaben. Die Modelle wurden im 18. Jahrhundert als Lehrmittel gefertigt, doch sie sind zugleich Kunstwerke von „höchster handwerklicher Qualität“ – und genau darin liegt ihr bis heute anhaltender Reiz.

Das Josephinum, 1785 als medizinisch-chirurgische Akademie gegründet, war von Anfang an mehr als nur ein Ausbildungsort. Es sollte ein Zentrum der Aufklärung sein, ein Ort, an dem Wissen sichtbar und kontrollierbar wird. Die Wachsmodelle spielten dabei eine Schlüsselrolle: Sie ersetzten den Leichnam, machten ihn reproduzierbar, transportabel – und, entscheidend, ästhetisch.

Die Herausgeberin Christiane Druml und ihre Mitautoren zeichnen diese Geschichte detailreich nach. Sie zeigen, wie die Modelle aus Florenz nach Wien gelangten, auf Maultieren über die Alpen transportiert, und schließlich in eigens gefertigten Vitrinen aus Rosenholz und Glas ausgestellt wurden. Schon diese Logistik wirkt wie ein Symbol: Der Körper wird zur Ware, zur Sammlung, zur Schau.

Druml belässt es nicht bei Historie

Der Band insistiert auf der Gegenwart. Immer wieder wird das Josephinum als „lebendiger Ausstellungsort“ beschrieben, als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. Zeitgenössische Interventionen, Fotoprojekte, künstlerische Dialoge – all das soll die alte Anatomie in die Gegenwart holen.

Das gelingt – und scheitert zugleich. Denn so sehr die modernen Ergänzungen bemüht sind, Aktualität herzustellen, so sehr dominieren doch die historischen Objekte. Sie ziehen den Blick an, nicht die erklärenden Texte. Und sie wirken, bei aller musealen Einbettung, erstaunlich gegenwärtig. In einer Zeit, in der Körper optimiert, vermessen und digitalisiert werden, erscheinen die Wachsfiguren plötzlich weniger wie Relikte als wie Vorboten.

Hier liegt die eigentliche Stärke des Buches: Es macht sichtbar, dass Anatomie nie neutral war. Der Blick in den Körper ist immer auch ein Zugriff. Die Modelle zeigen nicht nur, wie der Mensch aufgebaut ist, sondern auch, wie er gesehen werden soll. Perfekt proportioniert, sauber präpariert, ohne Schmerz, ohne Verfall.

Das Hässliche, das Zufällige, das Individuelle – es fehlt. Gerade darin liegt eine subtile Gewalt. Was als Fortschritt der Aufklärung begann, als Befreiung von Aberglauben und Unwissen, kippt hier ins Normative. Der ideale Körper wird zum Maßstab, der reale zum Problem. Eine Linie, die sich bis in die Gegenwart ziehen lässt – von Fitness-Apps bis Schönheitschirurgie. Der Band deutet das an, ohne es konsequent auszubuchstabieren. Vielleicht ist das seine einzige Schwäche. Er bleibt oft im Bewundernden, wo eine kritischere Perspektive nötig wäre. Die Schönheit der Anatomie wird gefeiert, ihre Ambivalenz nur gestreift.

Und doch: Gerade diese Spannung macht die Lektüre reizvoll. Man blättert durch die Seiten, betrachtet die detailreichen Fotografien, liest über Restaurierungstechniken, Ausstellungsgeschichte, medizinische Innovationen – und merkt, wie sich der eigene Blick verändert. Was zunächst wie ein kunsthistorischer Bildband wirkt, wird allmählich zu einer Reflexion über den eigenen Körper. Wie sehen wir uns selbst? Als funktionierende Maschine? Als ästhetisches Objekt? Als etwas, das optimiert werden muss? Das Josephinum gibt darauf keine Antworten. Aber es stellt die richtigen Fragen.

Am Ende bleibt leichtes Unbehagen

Die Wachsmodelle, so perfekt sie sind, wirken leblos. Sie zeigen alles – und verbergen doch das Entscheidende: das Leben selbst. Vielleicht ist das die eigentliche „nackte Wahrheit“, die dieses Buch freilegt.

Schönheit, so scheint es, ist hier nicht das Gegenteil von Tod. Sondern seine eleganteste Form.

Christiane Druml (Hrsg.)
Die Schönheit der Anatomie. 
Das Josephinum und seine einzigartige Wachsmodell-Sammlung aus dem 18. Jahrhundert. 
Brandstätter 2026,208 S., Hardcover 51,00 Euro
ISBN 978-3-7106-0933-6


Titel
Wahrheit aus Wachs
Publikationsdatum
18.03.2026
Bildnachweise
C. Druml/© Patricia weisskirchner, 11357518