Skip to main content
main-content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

Ärzte Woche

21.02.2022 | Geschichte der Medizin

Todeszüge nach Hartheim

verfasst von: Mit Peter Eigelsberger hat Martin Krenek-Burger gesprochen

share
TEILEN
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

80 Jahre Wannseekonferenz, 77 Jahre Befreiung von Auschwitz, die mediale Aufmerksamkeit gilt dieser Tage den Gräueln des NS-Regimes. Im Zweiten Weltkrieg lief auch die „Aktion T4“ auf Schloss Hartheim bei Linz, wo unter ärztlicher Aufsicht 30.000 behinderte und psychisch kranke Menschen vergast wurden. Das sagt der Leiter der Dokumentationsstelle im Ort, Peter Eigelsberger.

Österreichweit ist der Lern- und Gedenkort auf Schloss Hartheim nur wenig bekannt. Woran liegt das?

Eigelsberger: Da gebe ich Ihnen recht, sonderlich bekannt ist der Ort nicht, obwohl wird – übers Jahr gerechnet – bis zu 12.000 Schülerinnen und Schüler bei uns begrüßen. Uns gibt es als Gedenkstätte immerhin seit 2003. Also könnten schon mehr Menschen wissen, was an diesen T4-Tötungsorten passiert ist. Aber das ist noch nicht so.

1940 wurde Hartheim von den Nationalsozialisten als Ort zur Durchführung der Aktion T4 ausgewählt (Anm.: T4 steht für die Adresse der Villa in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, dem Sitz der zuständigen NS-Organisation). Als nicht Ortskundiger: Warum gerade hier?

Eigelsberger: Es gibt nicht das eine Schlüsseldokument, das belegt, warum die Wahl auf Hartheim fiel. Man kann allerdings spekulieren, dass die Lage und die Verkehrsanbindung ausschlaggebend waren. Es genügt aber schon, sich die zentrale Lage in Österreich vor Augen zu halten. Nicht ganz zufällig liegen die Lager und Außenlager des KZ Mauthausen auch in Oberösterreich. Zu Ihrer konkreten Frage: Hartheim liegt direkt an der Westbahn und in der Nähe einer Großstadt, Linz mit seiner psychiatrischen Anstalt Niedernhart. Das Einzugsgebiet dieser Tötungsanstalt war auf die Ostmark und den süddeutschen Raum beschränkt. Viele Opfertransporte kamen mit dem Zug nach Linz und von dort fuhr man das letzte Stück des Weges mit dem Bus nach Hartheim. Der Ort lag günstig für das, was die Nationalsozialisten hier vorhatten. Trotzdem ist Hartheim nur eine kleine Ortschaft mit 150 bis 300 Einwohnern ( inklusive der hier bis März 1940 untergebrachten Pfleglinge, Anm.) . Und die Immobilie war zu haben, weil sie als konfessionelle Einrichtung von den Nationalsozialisten enteignet und dem Gau Oberdonau überschrieben wurde.

Wie wurden die Morde hier organisiert und wo wurden die Opfer für Hartheim ausgewählt?

Eigelsberger: Hartheim wurde mit dem Ziel der Menschenvernichtung errichtet. 1940, als die Aktion T4 in Hartheim begann, war hier die einzige Gaskammer der Ostmark in Betrieb. ( Anm.: In Mauthausen ging die Gaskammer erst 1942 in den Regelbetrieb. ) In einer ersten Phase wurden ab Herbst 1939 Meldebögen ausgeschickt an alle größeren und kleineren psychiatrischen Betreuungseinrichtungen, mit der Bitte, diese Meldebögen auszufüllen für jeden meldepflichtigen Patienten und Pflegling. Es wurden auch Armenhäuser und kleine kirchliche Einrichtungen, wo Menschen betreut wurden, angeschrieben. Meldepflichtig waren gewisse Diagnosen wie Schizophrenie, Epilepsie, Chorea Huntington usw., sowie Anstaltsaufenthalte, die über 5 Jahre hinausgingen. Solche langen Aufenthaltsdauern sind heute eher die Ausnahme, damals – ohne Tagesstruktur – waren solche langen Aufenthaltszeiten gar nicht so selten. Gerade in der Psychiatrie waren zehnjährige Aufenthalte durchaus üblich. Die Fragen auf den Meldebögen waren immer mit einem „oder“ verknüpft: eine bestimmte Diagnose oder mehr als 5 Jahre Aufenthalt. Die Konfession spielte eine Rolle: Jüdinnen und Juden waren meldepflichtig oder auch forensische Häftlinge, die aufgrund einer Straftat in die Psychiatrie eingewiesen worden waren.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Großteil der handelnden Personen in den Einrichtungen zunächst nicht wusste, warum die neuen Machthaber diese Informationen haben wollten. Denen dauerte die Rücksendung der Meldebögen zu lange. Daher wurden Ärztekommissionen gegründet, die eine Einrichtung nach der anderen aufgesucht haben, um die Krankenakten selbst zu bearbeiten. Die Meldebögen gingen nach Berlin und wurden an drei unterschiedliche Ärzte verschickt, welche die Akten mit Plus- oder Minus-Zeichen zu versehen und zu entscheiden hatten, ob diese Person in einen Transport gesetzt werden soll. Es gab in Berlin einen Obergutachter, der die endgültigen Listen zusammengestellt hat.

Gab es Widerstand?

Eigelsberger: Die Aktion T4 konnte erst nach Kriegsausbruch starten, denn unter dem Deckmantel des Krieges konnte das Deutsche Reich Personen verschieben, beispielsweise weil man den Platz der Psychiatrie für ein Lazarett brauchte. Wegen dieser als kriegswichtig deklarierten Verlegungen, die auf Veranlassung des Kommissärs für Reichsverteidigung durchgeführt wurden, rechneten die Verantwortlichen nicht mit Protesten. Es war auch nie die Rede von einer Tötungsanstalt, nur von einem anderen Ort.

Die Ärzte wussten, dass sie Todesurteile unterschrieben?

Eigelsberger: Ja. Es gab die Möglichkeit des Widerspruchs, etwa wenn der Insasse der Einrichtung arbeitsfähig war. Die Schwierigkeit für den ärztlichen Direktor einer Anstalt, der sich für so einen Patienten stark machte, war aber, dass die Verantwortlichen in Berlin trotzdem eine Quote von 100 Personen vorgaben. Indem der Arzt einen Patienten schützte, schickte er einen anderen in den Tod.

Waren unter den Opfern KZ-Häftlinge?

Eigelsberger: Die kamen erst in einer zweiten Phase. In der ersten Phase, der Aktion T4, werden zwischen Mai 1940 und August 1941 18.000 psychisch kranke und beeinträchtigte Menschen ermordet. In einer zweiten Phase werden die ersten Lagerhäftlinge aus Mauthausen überstellt und ermordet. Diese Mordaktion, die Sonderbehandlung 14f13 ( Anm: das Kürzel 14f meint den Tod des Häftlings, 13 bedeutet Sonderbehandlung ), dauert bis in den Winter 1944 an. Diese Aktion begann, als absehbar war, dass T4 enden würde, weil die Todestransporte immer bekannter wurden und der Widerstand in der Bevölkerung und in der Kirche wuchs. Die NS-Verantwortlichen haben sich verkalkuliert. Sie sind davon ausgegangen, dass sie Applaus bekommen werden, weil sie für die Angehörigen ein Problem lösen, aber der gegenteilige Effekt trat ein.




share
TEILEN
print
DRUCKEN
Metadaten
Titel
Todeszüge nach Hartheim
Publikationsdatum
21.02.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 8/2022