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Präsident und Promiarzt

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Der praktische Arzt Johann Malfatti, erster Präsident der 1837 hart erstrittenen k.k. Gesellschaft der Ärzte in Wien, unterhielt eine beliebte Privatpraxis und war Leibarzt einiger Promis. Mitte des 19. Jahrhunderts geriet er mit seinem Festhalten an naturphilosophischen Lehren fachlich ins Hintertreffen, wurde jedoch geadelt und geehrt.

Auf der Mölker-Bastei wohnte Malfattis prominentester Patient van Beethoven. 


Als erster Präsident an der Spitze der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien stand bei der Gründung im Dezember 1837 ein konservativer Vertreter der naturphilosophischen Schule der Medizin, die bald verdrängt wurde: Johann Baptist Malfatti, Edler von Monteregio (1775 bis 1859). Bereits 1841 legte Malfatti aufgrund inhaltlicher Differenzen nicht nur die Präsidentschaft in der Gesellschaft zurück, sondern trat auch aus. Er dürfte gesellig gewesen sein, vielleicht großzügig und ein guter Gastgeber, und in der besseren Gesellschaft vernetzt. Er war ein beliebter Lehrer, ein „gefragter Praktiker“, eine Art Promiarzt in Wien und Ehrenbürger von Bad Ischl.

„Die k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien ist mitverantwortlich dafür, dass sich die Wiener Medizin ab den 1840er-Jahren ganz stark in Richtung Naturwissenschaften entwickelt hat – erwähnt seien stellvertretend die Namen Rokitansky, Skoda und Hebra. Signum des Aufstiegs der zweiten Wiener Medizinischen Schule war ihre systematische Herangehensweise, wonach jede Krankheit pathologisch-anatomisch begründet werden muss“, erklärt Hermann Zeitlhofer, Haushistoriker der Gesellschaft mit Sitz im Billrothhaus. Malfatti hingegen war Anhänger des Brownianismus und blieb der romantischen Medizin zeitlebens verbunden. Sie sieht eine Einheit von Natur und Geist und eine allgemeine Lebenskraft am Wirken –, will den ganzen Körper und nicht nur Symptome heilen.

Der bestens vernetzte Johann Baptist Malfatti hing der Naturphilosophie an.


Medizinhistorikerin Erna Lesky berichtet im Buch „Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert“, dass sich Anhänger des Brownianismus, Spitalsärzte des AKH unter Führung von Joseph Frank und andere Stadtärzte in der Wohnung von Johann Malfatti (Himmelpfortgasse Nro. 1014) organisierten. Der Arzt war bereits in einem Vorläuferverein vernetzt, der 1802 von Johann Anton Heidmann gegründeten Ärztevereinigung. Sie traf sich in einer Art Lesekreis, um die Fachliteratur der damaligen Zeit zu besprechen. Die Vereinigung wandte sich zudem mit einer jährlichen Gesundheitszeitung an die breite Bevölkerung.

Vermutlich sprang Malfatti in seiner Funktion als Präsident für seinen Freund Franz Wirer ein, damals Rektor der Uni Wien. Der Militärarzt wollte 1837 lieber „nur“ Vizepräsident werden. Wirer hatte sich unter Metternich seit der Choleraepidemie 1831 intensiv um die offizielle Erlaubnis zur Vereinsgründung eingesetzt, damit in einer Fachgesellschaft aktuelle medizinische Probleme diskutiert und Wissen gebündelt werden konnten. 1838 trat mit Carl Rokitansky, dem Begründer der wissenschaftlich fundierten Diagnostik, ein fachlicher Gegenspieler der Gesellschaft der Ärzte bei. Und schon Malfattis Eröffnungsrede im März 1838, ein Lob auf die Naturphilosophie, stieß im Kollegium nicht uneingeschränkt auf Zustimmung. 1845 wird er dennoch zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Ärzte gewählt.

Öffentliche Hygiene

Geboren 1775 in Lucca studierte der Kaufmannssohn Anatomie in Bologna und Medizin in Pavia, ehe er 1795 nach Wien kam, um eine Stelle als Sekundararzt im Wiener Allgemeinen Krankenhaus anzutreten. Es wird berichtet, dass er in seinen Lehrveranstaltungen 50-60 Studenten in zwei großen Krankenzimmern unterrichtete. Seine Lehrer waren Luigi Aloisio Galvani (der mit den Froschschenkeln) und für klinische Medizin Johann Peter Frank. Der Deutsche lehrte das 1780 veröffentlichte Körper- und Krankheitskonzept des schottischen Arztes John Brown, das Ende des 18. Jahrhunderts vor allem in Deutschland unter praktischen Ärzten populär wurde. Es besagt, dass Leben nichts anderes sei, als ein durch Reize erzwungener und erhaltener Zustand. Von außen und innen her wirken Reize wie z. B. Wärme, Luft, Nahrung, Muskelbewegungen, Gemütsaffekte etc. auf eine Kraft des belebten Körpers. Gesundheit bestand Brown zufolge nicht in der richtigen Mischung der Körpersäfte (nach Galen), sondern einem mittleren Grad der Erregbarkeit und unterschied sich von Krankheit durch die Quantität der Reizstärke (Sthenie/Asthenie). Jede Krankheit wurde entweder durch Stimulierung oder Sedierung therapiert.

Promiarzt und Kurortbegründer

Johann Malfatti folgte 1795 Professor Frank nach Wien und arbeitete mehrere Jahre unentgeltlich bei ihm und dem Sohn Joseph Frank. Der Italiener beendete sein Medizinstudium im August 1797. Als Professor Frank Wien wieder verlässt, sperrt Malfatti 1804 eine Privatpraxis auf, die rasch einen guten Ruf genießt. Die Ordination wird in den 1820er-Jahren auch auf der Ärzteliste des Reiseführers „Johann Pezzl’s Beschreibung von Wien“ angeführt. Als praktischer Arzt dürfte er über eine gute klinische Beobachtungsgabe verfügt haben, wie Studien über Tuberkulose zeigen.

Malfatti genoss hohes Ansehen als praktischer Arzt und freundete sich u.a. mit Ludwig van Beethoven an, den er 1811 bis 1817 betreute. Am Totenbett soll der Komponist 1827 ausgerufen haben „Malfatti darf kommen“. Verbürgt ist, dass Malfatti ebenso wie Franz Wirer prominente Patienten gerne auf Kur schickte. Die beiden waren intensiv beteiligt an der Gründung von Bad Vöslau und Bad Ischl. Malfatti behandelte während des Wiener Kongresses 1815 diverse Fürsten und Diplomaten, war Arzt von Beatrix D’Este, dem Herzog von Reichstadt, Erzherzog Franz Karl (Bruder von Ferdinand I) und dessen Frau Sophie. Diese hatte bereits einige Fehlgeburten erlitten, als er ihr einen Aufenthalt in Bad Ischl empfahl. Prompt kam 1830 der „Salzprinz“ Franz Joseph zur Welt, der spätere Kaiser von Österreich.

Malfatti und seine Kollegen genossen hohes Ansehen, standen bei immer wiederkehrenden Cholera-Ausbrüchen aber auch unter Druck der Obrigkeit.


Seltsame Kontinuitäten

Malfatti, ab 1821 verheiratet mit Gräfin Helena Ostrowska, war jedenfalls vermögend. Er besaß ein Landhaus in Weinhaus (heute Währing). Für ein Fest in diesem Haus komponierte Ludwig van Beethoven die kleine Kantate „Un lieto Brindisi“. Tochter Hedwig wurde am 17. Jänner 1825 geboren, wahrscheinlich gab es noch weitere Kinder. 1837 wurde der Italiener in den Adelsstand erhoben, wobei er sich für den Namen „Edler von Monteregio“ wohl von seinem Wohnsitz auf dem Küniglberg inspirieren ließ. Malfatti errichtete dort um 1830 eine klassizistische Villa, in der Frédéric Chopin seinem Förderer Privatkonzerte gab. Im Alter beschäftigte sich der Arzt mit Agrikultur und führte in seinem Garten Experimente zur Bekämpfung der Kartoffelkrankheit durch, die er 1853 bei C. Gerold publiziert. Die „Villa Malfatti“, damals der größte Privatbesitz in Hietzing, wurde an Theodor Ritter von Taussig verkauft, der den Bau 1892 abreißen ließ.

Malfatti verfasste 1809 den „Entwurf einer Pathogenie aus der Evolution und Revolution des Lebens“, den er „Seiner Wohlgebohren dem Herrn Johann Adam Schmidt“ widmete. Schmidt war ebenfalls Brownianer, ausgebildeter Okulist, Doctor der Medizin und Chirurgie, Professor der allgemeinen Pathologie, Therapie und Materia medica an der k. k. medizinisch-chirurgischen Militärakademie (heute Josephinum) und von 1801 bis 1809 der bevorzugte Arzt Beethovens. Malfatti untersucht in dieser wichtigen Publikation für die Wiener naturphilosophische Schule Krankheiten in ihrem Verhältnis zu den Altersstufen. Die richtige Beobachtung, dass bestimmte Krankheiten z. B. zu Foetusleben, Kindheit, Jugend etc. gehören, wird spekulativ gedeutet. Die Rachitis etwa entsteht aus der „abnorm anhaltenden Richtung der zwei Polaritäten des Kopfes und des Bauches, des Gehirns und der Leber“. 1845 verfasste er das naturphilosophische Werk: „Studien über Anarchie und Hierarchie des Wissens. Mit besonderer Beziehung auf die Medizin“, gespickt mit Zahlenmystik und Mystizismus. Er widmete es Clemens von Metternich-Winneburg, der als junger Mann ebenfalls gelehriger Schüler Johann Peter Franks in Pavia gewesen war.

1847 erscheinen noch „Malfatti’s neue Heilversuche zum grauen und schwarzen Staar, so wie anderer (eben so oft verkannter) Krankheiten der Schedel-Suturen“ im Verlag der Mechitharisten-Congregations-Buchhandlung. 1859 stirbt Malfatti in seiner Hietzinger Villa. Für jemanden, dessen Nachname übersetzt „schlecht gemacht“ bedeutet, hat er sich in Wien ganz gut gemacht.


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Titel
Präsident und Promiarzt
Publikationsdatum
21.11.2025
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 49-50/2025
Bildnachweise
Historisches Gebäude/© Digitalpress/Shotshop / picture alliance, 11200205/© Hofenberg, 11200214/© Astrid Kuffner, 11200223/© Astrid Kuffner, 11200224/© Astrid Kuffner