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02.06.2022 | Geschichte der Medizin

Kühe, Pocken, Blut und Impfung

verfasst von: Annabella Khom

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Quarantäne, Lockdown, Grenzen zu – diese Instrumente und Maßnahmen zur Bekämpfung tödlicher Pandemien sind 700 Jahre alt. Wer sich bewegen will, wenn die Welt dichtmacht, benötigt seit jeher einen Pass, der die Gesundheit bestätigt.

Als der Weltenbummler Marcantonio Zezza im Jahr 1611 Venedig verließ, mag ein Stückchen Papier in seiner Tasche zu seinen wertvollsten Besitztümern gezählt haben. Der kleine Druck, handschriftlich um seinen Namen und diverse Angaben ergänzt und von einem Arzt unterschrieben, bescheinigte, er habe „mit Gottes Gnade“ die Stadt „befreit von allem ansteckenden Übel“ verlassen. Ohne diesen Wisch hätte man ihm die Einreise oder eine Durchreise verweigert – aus Angst, er könnte den Tod im Gepäck haben. Was dieser Zettel bescheinigte, würde man heute knapp so formulieren: Dieser Mann hat keine Pest.

Isolation und Syphilis-Poesie

Impfungen waren noch unbekannt, Genesene und Getestete irgendwie schon, denn Männer wie Zezza, die frei von Symptomen waren, mimten „die „Getesteten“ ihrer Zeit. Die italienischen Stadtstaaten Mailand und Venedig hatten bereits 1347 damit begonnen, sich Maßnahmen auszudenken, um den grassierenden „schwarzen Tod“ durch Unterbrechung der Kontaktketten einzudämmen. Mailand und Venedig bewiesen, dass Maßnahmen wie Isolation und Quarantäne eine Eindämmung der Pest bewirkten. Die Isolation der Kranken, die Quarantäne für krankheitsverdächtige Personen, die Reinigung (Purga) verdächtiger Waren und die Passagesperre (Bando) für Kaufleute aus infizierten Orten wurden in Oberitalien während des 15. Jahrhunderts entwickelt.

1546 erdachte Girolamo Fracastoro, ein Arzt, Dichter, Philosoph und Universalgelehrter aus Verona, erstmals eine wissenschaftliche These, wie sich die Verbreitung solcher Krankheiten physisch erklären ließ: Neben Gedichten über die Syphilis schrieb er auch ein Traktat über die „Pestsamen“, die, auch ohne unmittelbaren Kontakt zu Erkrankten, die Seuche verbreiten. „Miasma“, der Pesthauch aus Luft und Boden, war damals auch eine besagte Ursache der Verseuchung. Ärzte und Seuchenbeauftragte der Städte lieferte Fracastoro nun eine konkretere Vorstellung, wie und wogegen man vorgehen könnte, um die Krankheitsverbreitung einzudämmen: Kranke isolieren, den Verkehr einschränken, das öffentliche Leben einer betroffenen Region per „Lockdown“ unterbinden, Leichen verbrennen und alles vernichten, was mit ihnen in Berührung kam. Heute wissen wir, dass der Kampf gegen die Seuche Jahrhunderte gedauert hat und unzählige Menschen starben. Wir wissen nicht, wie viel schlimmer alles noch hätte verlaufen können. Denn der Ansatz stimmte.

Frei von Krankheit, frei zu reisen

In ganz Europa verbreiteten sich ab dem 18. Jahrhundert Genesenen- und Gesundheitsatteste, die Reisenden, auch in Zeiten epidemischer Krankheiten, Reisefreiheit garantierten. Aus dem 18. Jahrhundert stammen die frühesten Berichte über Impfungen gegen Pocken: Man blies gemahlenen Blutschorf mit lebenden Viren in eine offene Wunde. Überlebte der Geimpfte, war er danach immun – dies gelang etwa 90 Prozent der Patienten. Der englische Landarzt Edward Jenner legte 1796 das Fundament für unsere heutigen Impfungen:

Er infizierte Menschen mit Kuhpocken-Erregern. Diese Pocken töteten Kühe, verursachten bei Menschen aber nur harmlose Nebenwirkungen und gaben dem Immunsystem dabei das Signal, sich gegen alles zu wehren, was den injizierten Krankheitserreger ähnelte. Als der deutsche Arzt Johann Wetzler 1802 seine „Belehrung des Landvolkes über die Schutzblattern“ veröffentlichte, tat er dies in Form einer Beratungsbroschüre für leidgeprüfte Eltern: „Wie oft werdet Ihr nicht, liebe Eltern, in Euren Hoffnungen und Freuden an Euren Kindern durch die Blattern betrogen?“ Die Furcht war groß, denn die Blattern resp. Pocken rafften Kinder zu Tausenden dahin. Entsprechend schnell verbreitete sich die Impfung. In den 1820er-Jahren fertigten Behörden bereits „Vakzinations-Atteste“ – damit war der überregional gültige „Impfpass“ erfunden.

Globale Pandemien

Die Pocken waren die erste tödliche Krankheit, gegen die man impfen konnte. Die Vakzination von Jung bis Alt war ab Mitte des 19. Jahrhunderts Standard. Auf eine internationale Standardisierung gesundheits- sichernder Maßnahmen wartete die Welt allerdings noch. Während die Pocken in Europa durch Impfkampagnen zusehends an Macht verloren, wütete an immer mehr Orten die Cholera – eine Folge der Urbanisierung im Kielwasser der Industriellen Revolution. Katastrophale hygienische Bedingungen waren in den Arbeitervierteln der Normalzustand, und dass sich die Krankheiten dort am schnellsten verbreiteten, trug zum Verständnis der Ursachen und Verbreitungswege bei.

1826 kam es in Indien zu einem Choleraausbruch, die Krankheit verbreitete sich bis 1837 über China nach Japan, über die Weiten Russlands durch Mitteleuropa und von Großbritannien aus nach Nordamerika. Diese erste als global empfundene Pandemie tötete mindestens Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen – über die Opferzahlen gibt es keine seriösen Schätzungen. Allein Russland bezifferte die Zahl seiner Opfer auf mindestens 1,1 Millionen. Das schockierte die Welt und fast überall entstanden Behörden und Ministerien, deren Auftrag die Bewahrung der Gesundheit ganzer Nationen war.

Die Geburt der Sanitätskonferenzen

Zeitgleich zur ersten industriellen Weltausstellung in London, bei der sich eine globalisierte Wirtschaft feierte, tagten in Paris 1851 die Delegierten der „Ersten internationalen Sanitätskonferenz“ gegen die Globalisierung der Krankheit. Ihr Ziel war eine internationale Koordination von Quarantäne- und Eindämmungsmaßnahmen, um „die Verbreitung ansteckender und exotischer Krankheiten“ einzudämmen. Frankreich nannte die Beschleunigung des Reisens durch die Eisenbahn als größte Pandemiegefahr. Zwölf Länder folgten der Einladung und entsandten Diplomaten und Mediziner. Schon die erste Konferenz endete mit einem gemeinsamen Maßnahmenkatalog, der 137 Artikel umfasste. Die Sanitätskonferenzen erwiesen sich als effektiv, obwohl aus ihnen zunächst keine formelle internationale Organisation entsprang. 14-mal konferierte eine wachsende Zahl von Ländern nun bis 1938 und reagierte mit neuen Maßnahmen auf neue Bedrohungen – 1866 beispielsweise wieder auf eine Choleraepidemie, 1933 auf die erneute Beschleunigung des weltweiten Reisens durch die Passagierluftfahrt.

Diese Konferenz führte auch zur Einführung des ersten weltweit gültigen, einheitlich designten Impfpasses, der 1944 durch ein Gesundheitsabkommen über Seereisen erweitert wurde. Den Ausweis übernahm dann auch die 1948 gegründete Weltgesundheitsorganisation WHO, die in der Nachfolge der internationalen Sanitätskonferenzen steht. 1611 garantierte der venezianische Pest-Freibrief Signor Marcantonio Zezza freies Reisen in Norditalien und dem Gebiet der heutigen Schweiz – das war viel in Zeiten, als man meist von A nach B noch laufen musste. Unser aktueller Impfpass aber, der uns in Zeiten von COVID-19 weiterhin weltweites Reisen ermöglichen soll, ist kein Dokument eines kleinen Regionalstaates mehr, sondern eines der WHO. Zumindest in Sachen Krankheit und Gesundheit sind wir heute Weltbürger.

Metadaten
Titel
Kühe, Pocken, Blut und Impfung
Publikationsdatum
02.06.2022