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Ärzte Woche

07.10.2019 | Geschichte der Medizin | Ausgabe 41/2019

„Der schlechteste Patient der Welt“ – Winston Churchill

Autor:
Thomas Meißner

Der ruhelose Winston Churchill hatte einen Ruf als „the world’s worst patient.“ Sein Leben ist politisch wie gesundheitlich ein Abenteuer gewesen. Trotzdem wurde er 90 Jahre alt.

Winston Churchill (1874–1965) war im Jahr 1941 erstmals Premierminister Großbritanniens und unermüdlich dabei, eine Allianz gegen Nazideutschland zu schmieden.

Narbe verkörpert seinen Charakter

Auf der Stirn Churchills ist eine deutliche Narbe zu erkennen, die Folge eines schweren Verkehrsunfalls. Diese Narbe symbolisiert in vieler Hinsicht Churchills Charakter und seinen (Über-) Lebenswillen.

„Wäre Churchill eine Katze gewesen, er hätte seine neun Leben während seiner neun Lebensdekaden aufgebraucht – oder auch deutlich früher“, schreibt der britische Arzt Wyn Beasly in seinem Buch „The Supreme Survivor“ – ein Titel, der sich sowohl auf die lebenslange gesundheitliche Odyssee des Staatsmannes münzen lässt als auch auf sein politisches Leben.

Weder scheute Churchill sich, mit 77 noch einmal in den Ring zu steigen, um ein zweites Mal Premierminister zu werden (1951–1955), noch hielten den Literaturnobelpreisträger mit über 80 Jahren Schlaganfälle, Wirbelkörper- oder Schenkelhalsfrakturen davon ab, durch die Welt zu reisen, interessante Menschen zu treffen, schriftstellerisch und künstlerisch (auch die Malerei war sein Hobby) tätig zu sein. Oder zum 90. Geburtstag der jubelnden Menge mit typisch verschmitztem Lächeln sein markantes Victory- Zeichen zu zeigen.

Keine Scheu vor Gefahren

Churchill, der sich selbst als Draufgänger (risk taker) beschrieben hat, scheute keine Gefahren für Leib und Leben. Von Kindheit an überstand er unzählige Male potenziell fatale Ereignisse, Unfälle oder Unglücke, beginnend mit seiner Geburt sechs Wochen vor dem Termin. Damals überlebten nur die Hälfte der Frühgeborenen mit einem Mindestgewicht von 2.200 g, Churchills Geburtsgewicht ist leider nicht überliefert.

Im Alter von etwa zehn Jahren trug er bei einer Auseinandersetzung mit einem anderen Jungen eine Messerstichverletzung davon. Wenig später erkrankte er lebensbedrohlich an einer Pneumonie. Antibiotika gab es noch nicht. Mit 18 fiel er von einem Baum neun Meter auf harten Grund, blieb drei Tage lang bewusstlos und musste danach zwei Monate lang Bettruhe halten. Da das Röntgen noch nicht erfunden worden war, wurde die Femurfraktur erst 70 Jahre später im Zusammenhang mit seiner Hüftfraktur diagnostiziert.

Freiwillig bei der Armee

Im Jahre 1909 griff ihn auf dem Bahnhof in Bristol eine Frauenrechtlerin mit einer Peitsche an und versuchte, ihn auf die Gleise zu schubsen – Churchills Frau Clementine konnte ihren Mann gerade noch am Mantel packen und zurück auf den Bahnsteig ziehen.

Während des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zur Armee, nachdem er als Marineminister hatte zurücktreten müssen, vor allem wegen der verlorenen Schlacht von Gallipoli mit hunderttausenden Toten und Verletzten.

Er diente zunächst in Flandern und kommandierte später in Frankreich für einige Zeit das 6. Bataillon der Royal Scots Fusiliers. „Er flirtete mit dem Tod wie jedermann, der an vorderster Front diente“, schreibt Beasley. Später kehrte Churchill ins Kriegsministerium zurück.

Der Versuch, selbst ein Flugzeug zu fliegen endete am 18. Juli 1919 mit einer Crash-Landung – sein Fluglehrer war kurz bewusstlos, Churchill selbst trug nur Prellungen und blaue Flecken davon. Und auch, wenn er einen Krieg später auf seiner Unform die Zeichen eines Ehren-Air Commodore der Royal Air Force trug – er hatte seine Lektion gelernt und sollte nie die Fluglizenz erwerben.

„Ich habe nicht nur meinen Appendix verloren, sondern auch mein Büro als Staatssekretär“, ist einer der legendären Aussprüche Churchills. Er geht zurück auf den Oktober 1922, als der Politiker sich wegen einer vermeintlichen Gastroenteritis zunehmend unwohl fühlte, dann aber einer Appendektomie unterziehen musste. Die Mortalitätsrate lag damals, je nach Zeitpunkt des operativen Eingriffs, bei bis zu 33 Prozent. Intraoperativ erwies sich sein bereits perforierter Appendix als vollständig gangränös.

Die Resektion beschrieb der Chirurg Sir Crisp English als schwierig. Antibiotika gab es noch immer nicht, die Wundinfektionsrate nach perforierten Appendizitiden war hoch. Und so bestand die übliche postoperative Therapie, abgesehen von der Drainage, in einer mehrwöchigen Bettruhe und mehrmonatigen Erholungsphase. Nicht so bei Churchill. Schließlich war Wahlkampf.

Pure Willenskraft

Er wollte unbedingt um seinen Parlamentssitz kämpfen. Trotz noch frischer, 18 cm langer Narbe am rechten Unterbauch hielt Churchill nur drei Wochen postoperativ, am 11. November 1922, eine Wahlkampfrede in Dundee vor tausenden, ihm mehrheitlich feindlich gesinnten Zuhörern. „Ich war nicht imstande zu stehen, meine Wunde war noch nicht ganz verheilt“, berichtete er selbst in seinen Memoiren. „Ich fühlte mich hoffnungslos schwach und krank.“

Daher sprach er im Sitzen. Ein Verhaltensmuster, wie es sich später regelmäßig wiederholen sollte: Mit purer Willenskraft zwang Churchill seinem Körper auch in hohem Alter immer wieder Höchstleistungen ab. Diesmal ohne Erfolg – nach 22 Jahren im Parlament schaffte er es 1922 nicht, seinen Sitz zu behalten.

Entgegen aller Erwartungen war seine politische Karriere damit nicht zu Ende. Während seiner ersten Amtsperiode als Premierminister im Zweiten Weltkrieg hatte er immer wieder mit teils schweren Pneumonien zu kämpfen, die nun inzwischen mit Sulfonamiden behandelt werden konnten.

Im Jahr 1941, zu Gast im Weißen Haus in Washington, hatte Churchill offenbar einen pektanginösen Anfall, der zunächst als Myokardinfarkt gedeutet wurde. Und auch das war typisch für diese Zeit: Sein Arzt Charles McMoran Wilson verheimlichte die mögliche, allerdings nicht gesicherte Diagnose seinem Patienten, wahrscheinlich, um ihn nicht weiter zu beunruhigen. Churchill reiste weiter nach Kanada, Florida und schließlich Bermuda, bevor er nach Großbritannien zurückkehrte.

Mit großer Wucht erfasst

Und die Narbe auf seiner Stirn? Zehn Jahre zuvor, im Dezember 1931, befand sich Churchill auf einer Reise in den USA. Als er in New York ein Taxi verließ und beim Überqueren der Straße – in Verkennung des Rechtsverkehrs – zunächst nach rechts statt nach links sah, erfasste ihn ein herannahendes Auto mit großer Wucht.

Die Kopf- und Schenkelprellungen waren schwer genug, um ihn für eine Woche stationär zu behandeln. Kurzzeitig bestand eine Tetraplegie, außerdem entwickelte er eine Pleuritis. „Ich frage mich, warum ich nicht wie eine Eierschale zerbrochen oder wie eine Stachelbeere zerquetscht worden bin“, erinnerte sich Churchill später. Einmal mehr war alles glimpflich abgegangen – nur die Narbe, die blieb.

Der ungekürzte Originalartikel „Winston Churchill: Blut, Schweiß und Tränen“ inklusive Literaturangaben ist erschienen in „CME“ 9/2019, DOI https://doi.org/10.1007/ s11298-019-7278-4, © Springer Verlag

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